
Mit „Chronos“ wird der Ablauf der Zeit verbunden. Die Zeit verstreicht. Mit „Kairós“ wird vor allem aus theologischer Perspektive eine ganz besondere, bestimmte Zeit verbunden, ein Wendepunkt, eine Zeit, die Gott schenkt, eine günstige Zeit.
Im Markusevangelium heißt es 1,15: „Die Zeit ist erfüllt (also: Kairós), das Reich Gottes ist nahe, tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Mit Jesus ist also der Kairós Gottes verbunden, in ihm ereignet sich der Kairós, wird Realität. Wir haben auch andere Beispiele, die nicht so zentral waren, aber als solche Momente interpretiert werden können. Zum Beispiel der Moment, als der Mensch Saulus zum Christen, später Paulus genannt, wurde (Apostelgeschichte 9); ein weiteres, wieder anders gelagerte Beispiel ist der Prophet Elia. Er hatte den Moment, in dem er erkannte, dass Gott nicht in spektakulären Naturphänomenen anwesend ist, sondern in der Stille, dem leisen Wehen (1. Könige 19). Und so haben zahlreiche Menschen im Laufe der Kirchengeschichte Erlebnisse gehabt, die als Kairós interpretiert werden können. Weltgeschichtlich (wie die Reformation oder der Mauerfall) wie Individualgeschichtlich (Luthers Turmerlebnis oder Bonhoeffers Rückkehr nach Deutschland).
Der Theologe Paul Tillich hat den Aspekt des „Kairós“ besonders betont: Es ist der Einbruch der Ewigkeit in die Zeit. So ist Jesus das Zentrum der Geschichte, der absolute Kairós, alle anderen sind Abglanz dieses zentralen Kairós, also kleine Kairoi. Entsprechend sah er den Zusammenbruch des Kaiserreiches als den Moment an, in dem man in Deutschland ganz Neues denken konnte: Die Zeit war reif für Politik, Gesellschaft, Kirche, bessere, neue Wege zu gehen. Oder anders gesagt: Eine geschichtliche Umbruchsituation ist im Licht Gottes zu gestalten.
Aber die kleinen Kairoi sind immer interpretationsbedürftig und können entsprechend unterschiedlich bewertet werden. Zudem bleibt es in der Verantwortung der Menschen, die Zeit gut zu nutzen. Wie Deutsche diese Zeit in den 20ern und 30ern genutzt haben, ist bekannt. Deutsche Christen sahen in der Hitlerzeit / den Nationalsozialismus den göttlichen „Kairós“ angebrochen, Tillich sah den „Kairós“ durch dämonische Mächte pervertiert, ins Gegenteil verkehrt. Das Dämonische ist das, was sich überhebt, sich absolut setzt, die Gefahr in sich birgt, zerstörerisch zu wirken. Politische Bewegungen beanspruchen eine Bedeutung, die ihnen nicht zukommt. Maßstab für eine richtige Einordnung der kleinen Kairoi ist der große Kairos, der in Christus in die Welt eingebrochen ist.
Martin Heidegger, der Philosoph, sah den Kairós / den Augenblick als Moment an, in dem der Mensch aus seinem Alltagstrott heraustritt und sein Leben bewusst in Verantwortung zu leben beginnt. Er denkt dabei jedoch nicht an den Einbruch Gottes, sondern säkularisiert den Gedanken: Der Augenblick ist der Moment, in dem der Mensch begreift, dass sein Leben begrenzt ist und ab dann bewusst sein Leben in die Hand nimmt.
Heute sprechen Politiker von Zeitenwende, wenn es darum geht, mehr Geld für das Militär zur Verfügung zu stellen. Es wird alles Mögliche als Zeitenwende konstatiert. Aber das hat nur rhetorische, strategische Bedeutung: die eigene Überhöhung dient dazu, andere zu manipulieren. Wer die Zeitenwende ausruft, hat nicht unbedingt den Kairós erkannt. Der Kairós ist häufig mit schmerzlichen Seiten verbunden. Paulus spricht in Römer 8,22 von Geburtswehen der Schöpfung.
Kairós ist vielfach verbunden mit Krisen, mit Scheitern, mit Verlust, mit Unsicherheiten. Gott unterbricht den gewohnten Gang. Diese Unterbrechung erfordert eine verantwortliche Entscheidung (Krisis). Auch hier muss man allerdings vorsichtig sein: nicht jede schmerzliche geschichtliche Situation ist dem Kairós zuzuordnen. Kairós kann sich in einer Krise ereignen. Gott kann im Widerstand gegen solche Ereignisse erfahren werden. Worauf es also ankommt: auf unsere verantwortliche Unterscheidung und Entscheidung. Diese haben Folgen für unsere Verhaltensweise.
