Die Bilder von Kandinsky (1866-1944) geben den Augen viel zu sehen. Es irrt auf der Leinwand herum, fragt sich, woran kann ich anheften? Notenstriche? Menschen? Häuser? Wippe? Augen? Pinzetten? Zirkel? Räderwerk? Halbmond? Bahnsignale? Werkzeugkasten? Nematoden? Und findet häufig nichts. Und findet dabei doch sehr, sehr viel. Farben, Striche, manchmal vermutet es irgendwas – wie bei den ziehenden Wolken am Himmel. Aber dann ist es weggezogen, es ist nicht mehr sichtbar. Sind es vielleicht Noten in unbekannten Formen? Und so bleiben zurück: Emotionen von bunten Farben angeregt, harmonisch und spannungsreich. Haben gar die jeweiligen Farben Bedeutung?
Dann findet der Betrachter Bilder, die dem Auge Ruhe geben: Das kenne ich!: Häuser, Bäume, Menschen – aber Menschen nur als Farbklekse? Pferde als rennende Farbklekse? Und auch hier bleiben: Emotionen, von bunten Farben angeregt. Und die Frage bleibt: Emotionen von bunten Farben angeregt, harmonisch und spannungsreich. Haben gar die jeweiligen Farben Bedeutung?
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Wie aus dem Artikel aus Wikipedia (1) über Kandinsky hervorgeht, empfand er Farben nicht nur als Farben, sondern sie hatten für ihn jeweils auch Klänge, Gerüche, Formen. Es ging ihm nicht nur um Farbe und Form, sondern hinter Kunst steckt mehr. Und daraus folgt dann die Komposition des Bildes. Wie Töne in der Musik und Akkorde den Menschen beeinflussen, so auch die Farben, die im Bild komponierten Farben. Er konnte die Farben auch Musikinstrumenten zuordnen, so dem Gelb die Trompete: aggressive Wärme, Blau: Orgel / Cello – Ruhe, Himmel, Friede; rot: Trommel usw. Wenn man dann diese Zuordnungen kennt, hört der Betrachter die Bilder nicht allein als Farbexplosion und Farbmischung, sondern als Orchester.
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Kandinsky hatte ein sehr bewegtes Leben, gemeinsam mit unterschiedlichsten Künstlerinnen und Künstlern, hatte Anerkennungen und Zurückweisungen. Er war in Russland geboren worden, kam nach Deutschland, ging im Kontext des Ersten Weltkrieges als gebürtiger Russe über die Schweiz zurück nach Moskau und war nach der Oktoberevolution am Aufbau sowjetischer Kulturverwaltung beteiligt. Da ihm die Bolschewisten / Kommunisten immer enger wurden, reiste er 1921 aus und kam wieder nach Deutschland. Als die Nationalsozialisten an der Macht waren, emigrierte er nach Frankreich. In Deutschland wurden Werke von ihm beschlagnahmt und als Entartete Kunst bezeichnet.
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Dass er eine besondere Ader für Musik hatte, wird deutlich. Aber ist anhand seiner Kunst auch seine Lebenseinstellung zu den politischen Wirren seiner Zeit erkennbar? Wenn er Musik als Vorbild für seine Kunst ansieht, entflieht er im Grunde den ideologischen Kämpfen der damaligen Zeit. Und ich vermute, dass er in der kommunistischen Sowjetunion unter Lenin versuchte, wie viele andere an der guten kommunistischen Zukunft mitzuarbeiten, als Mensch der Avantgarde das Volk kulturell zu prägen. Doch in der Kunst neutral zu bleiben, verträgt sich für Kommunisten mit der Ideologie nicht. Jeder muss politisch Stellung beziehen, muss als Künstler durch Propaganda die schöne neue Welt mit herbeiführen. Und dann wurde seine Kunst verdächtig: zu bürgerlich, zu individualistisch – sie nutzt nicht dem Kollektiv, dem Aufbau der neuen kommunistischen Welt. So kann ich mir das vorstellen, wenn ich andere Künstler beachte, denen es so erging. Dann ging er zurück nach Deutschland – und als dann die Nationalsozialisten mit ihrer Ideologie an der Macht waren, dasselbe: Seine Kunst sei entartet, so der Vorwurf. Sie wurde aussortiert, geschmäht.
Im Grunde ist er nicht nur ein Fliehender, sondern indem er diese Bilder weiter beibehält, ist er aus meiner Sicht einer, der sich den Zwängen der Ideologen entzieht. Er versucht all diesen ideologischen Äußerlichkeiten das Ewige, mit dem, was er in der Kunst und Musik sieht, entgegenzusetzen.
Kandinsky war Orthodoxer Christ. Er hatte auch viele Bilder mit orthodoxen, biblischen Motiven gemalt. Spannend ist zum Beispiel seine Umsetzungen des Jüngsten Gerichtes. Später sah er, dass beide, Religion und Kunst, gegen den seelenlosen auch philosophischen Materialismus ankämpfen. Er selbst war freilich kein Priester der Religion, aber kann vielleicht als „Priester der Kunst“ (wie so manche der damaligen Zeit) bezeichnet werden, um dieses gemeinsame geistige, spirituelle Ziel zu erreichen. (2)
(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Wassily_Kandinsky (2) https://www.youtube.com/watch?v=riunLgPcpBI
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