Auch hier möchte ich wieder sagen: ich bin kein Frits Thaulow-Kenner. Ich betrachte die Bilder aus vollkommen subjektiver Perspektive.
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Frits Thaulow (1847-1906) – der Maler einer vergangenen Welt. Dörfer – ländliche Idyllen -, Städte mit ihren Mauern – vor allem Bäche. Schöne Bäche, in denen sich Häuser, Brücken, Herbstbäume, Wiesen, Segelschiffe spiegeln. Auffällig ist mir, zumindest sieht das in dieser Bilderzusammenstellung so aus, als würde sich in Bächen der blaue Himmel spiegeln, der aber auf dem restlichen Bild nicht zu sehen ist. Das heißt, wie der Fluss, der Bach: das weist über die Realität, die das Bild wiedergibt, hinaus. Die Bäche bringen durch ihre Spiegelungen und die eigenen Bewegungen ein besonders intensives Leben auch in ruhigere Bilder. Häuser stehen, wie sie stehen, Brücken überspannen das Gewässer, wie sie es eben tun, stabil, mit festen Steinen – aber das Wasser ist in Bewegung. Licht wird selten spektakulär hervorgehoben – aber es ist durch die Bäche äußerst lebhaft präsent. Angesichts der Bäche kann der Betrachter ins Grübeln kommen. Sie sind ständig im Fluss, in Bewegung – und während der Maler die Farbe wählt, ist das Licht schon wieder ein anderes. Die Bilder halten fest, was sich nicht festhalten lässt.
Auch malt er Nachthimmel – und er sieht die Sterne. Sterne – vielleicht hatten die Nachtmaler, die ich hier vorgestellt hatte, diese auch – aber sie waren mir nicht aufgefallen. Sie waren vom Mondlicht verschluckt worden. Aber dieser Maler malt die Nacht – ohne Mond, dafür aber mit Sternen. Und wenn er eine Mondhelle Nacht malt, dann ist nicht der Mond das Objekt des Gemäldes, sondern auch hier: Es sind die Sterne, der Mond steht im Rücken, die Augen bewundern die Sterne.
Besonders eindrucksvoll finde ich das Bild – weil ich ähnliches aus meiner Kindheit kenne? – das Pferd an dem Wagen angespannt, das im Regen einsam steht und auf den wartet, der es wieder weckt und vorwärts bringt. Dieses Bild erzählt eine Geschichte. Andere Bilder – die Naturbilder – halten einen Augenblick fest und strahlen eine große Ruhe aus. Aber dieses Bild erzählt eine Geschichte: Wer fuhr mit dem Wagen? Wen besucht er/sie? Der Besuch scheint schon länger zu dauern: Es hatte geregnet – aber der Wagen hat kein Dach. Der Regen läuft in Rinnsalen die Straße entlang – wartet die Person ab, bis der Regen aufhört?
Freilich: auch die Häuser erzählen eine Geschichte. Wenn die Familien, die in ihnen lebten bekannt sind. Oder die größeren Gebäude sind vielleicht Menschen der Gegend bekannt und sie wissen mit ihnen und die von ihnen erzählten Geschichten etwas anzufangen. Aber der Betrachter, der nicht in Norwegen oder Frankreich lebt, für den sind das nur Häuser mit unbekannter Geschichte. Oder sind, auf einem Bild, die Spuren im Schnee, die Richtung eines Hauses laufen – Geschichte? Schneelandschaften haben den Maler überhaupt häufig fasziniert. Mit Menschen, ohne Menschen.
Viele erzählende Bilder hat er nicht gemalt, aber die Frage ist zum Beispiel, der Mann, der rudert: Woher? Wohin an dem nebligen Tag? Im Anzug? Mit Hut?
In einem kleinen Garten, fast verschwindend in der frühlingshaften Vegetation und den dominanten Häusern, zwei Frauen: eine steht, eine sitzt. Auf dem Tisch eine Kanne und eine Flasche. Geht die eine Frau, noch ein bisschen mit der Besucherin schwätzend, ins Haus? Wer ist die Frau, die Besucherin, in schwarz gekleidet? Beide schick mit Hut?
Kirchen erzählen immer Geschichten – weltweit: Orte der Begegnung, des Hörens, des Redens, der Trauer und der Freude, Ausblicke auf die Welt der alten Zeit (Bibel), Ausblicke in die kommende Zeit. Gebäude mit vielen Geschichten von Menschen und das über Generationen hinweg. Auf einem Bild zeigt er uns eine Kirche, die erleuchtet ist – von außen können die bunten Fenster betrachtet werden. Und was geschieht in der Kirche? Hören wir den Gesang einer Abendandacht? Schallen Worte durch die dicken Mauern heraus auf die Straße? Oder ist noch Stille vor dem Beginn des Gottesdienstes? Denn eine Frau geht soeben um die Ecke – wohl Richtung Eingang.
Thaulows Bilder wirken auf mich wie Erinnerungen an eine Welt, in der die Zeit langsamer verging.
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