Maler 74: Ernst Ludwig Kirchner

Alles, was ich im Folgenden schildere, schildere ich aufgrund der Bilder, die in dieser Youtube-Sammlung zu finden sind. Ich selbst bin kein Kenner Kirchners und hoffe, ihm nicht Unrecht zu tun. Wie bei vielen meiner Beschreibungen versuche ich die Zeit mit einzubeziehen, in die der Künstler lebte, sie in den Bildern wiederzufinden. Das ist natürlich alles sehr subjektiv. Was mir noch wichtig ist in meinen Betrachtungen, ist das Licht.

Ich hatte Maler, die die Nacht malten. Nun auch Kirchner (1880-1938) – aber er malt die Nacht aus einem ganz anderen Interesse: Er malt das Nachtleben in einer Großstadt. Tänzerinnen, Bordelle, viel, viel nackte Frauen – aber in Bewegung. Es sind keine individuellen Porträts, sondern Ausdruck einer nervösen Zeit – er selbst ist Teil der an ihrer Zerrissenheit seiner Zeit? Oder auch Frauen, die mit ihrer Kleidung kokettieren. Skizzen von Bars mit Männern und Frauen, die ihrem Beruf nachgehen. Der Maler, der das Nachtleben malt das später Kästners in Fabian und Hesse im Steppenwolf schildern. Wenn ich von Fabian und Steppenwolf spreche, dann geht es nicht unbedingt um Beruf im Sinne der freiwilligen Tätigkeit, sondern aus Not heraus, um in der Zeit überleben zu können. Die Einsamkeit – im bunten Treiben. Ständige Reizüberflutungen – Frauen allein oder vielfach zu mehreren in Bewegung. Der Kampf gegen die wilhelminische Zeit mit ihrem engen verlogenen moralischen Korsett – und dann die Zeit nach dem ersten Weltkrieg, in der alles zerbrochen war, die Künstler wie die Wandervögel Neues erlebten – auch neue Körperlichkeit. Das in den Städten, in der Natur. Aber diese Freiheit ist im Grunde nur eine Freiheit im Rausch der Bewegungen: Sie tanzen, springen machen dies und das, aber es gibt keine Basis. Einfaches Ausleben der Zeit – aber dann doch mit einer gewissen Melancholie. Wie der traurige Clown ein Symbol dafür geworden ist. Ein ähnliches Bild malte auch Kirchner. Genuss ist eher erkennbar bei den Nackedeis in der Natur am See. Der Mensch in seiner natürlichen Körperlichkeit ist in der Natur gut aufgehoben – aber in den Städten, so scheinen mir seine Bilder darzulegen, ist alles ambivalent. Von daher ist auch – so sehe ich das – Erotik durch Unruhe, Zerrissenheit und Spannung überlagert.

Die Bilder sind getränkt von Dynamik, hingeworfene Striche und Farben prägen sie. Die angespannte Psyche projiziert ihr Bild in die Gemälde. Gehetzt, flüchtige Momente eingefangen, Moment des Tanzes, Moment des Bückens, Moment des Waschens…

Und dann die ganz anderen Bilder – zum Teil – aus der Schweiz. Berge, Städte, feste Mauern, Brücken – alles in überschwänglichen Farben, aber eben durch die grellen Farben irgendwie lebensbejahend, ruhiger. Die kranke Psyche suchte Heilung in der Natur der alten Berge. Aber nicht in den Bergen wie sie sind, sondern wie er sie gerne hätte. Chaos wird durch Farben strukturiert. Vielleicht sucht die kranke Psyche auch Zuflucht in den Mauern. Wie er in den Städten die Reizüberflutung durch Striche wiedergibt und so zu bewältigen versucht, so versucht er die Berge dadurch zu bewältigen, dass er ihnen seinen eigenen farblichen Stempel und ihre Formen aufdrückt. Im Grunde sind bei Kirchner die Farben das Licht.

Und dann kommt natürlich der Heilige vieler Künstler der Zeit in den Blick: Nietzsche. Der Visionär des neuen Menschen. Der Ästhet, der sich über alles Alltägliche und die normalen Menschen überhebt. Der dann aber – wie Nietzsche – zerbricht. Natürlich sind die Biografien und die psychischen Probleme beider unterschiedlich zu verstehen. Bei Nietzsche steht am Ende der verzweifelte Größenwahn. Bei Kirchner eher das Zerbrechen eines Menschen, der einen neuen Menschen erhoffte, aber an sich und der Welt gescheitert ist. Kirchner nahm wie vermutlich jeder Künstler sein Werk wichtig – musste aber erleben, wie Nationalsozialisten sein Werk als entartete Kunst abtaten und somit vernichteten.

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