James McNeill Whistler (1834-1903) malt repräsentative, elegante Ganzfigurenportraits, vom Licht hervorgehoben sind die hellen Gesichter. Zudem sind so manche Zitate anderer Maler in seinen Bildern erkennbar. Auffällig ist jedoch, dass der Hintergrund häufig dem gemalten Menschen angepasst wird. Ist er schwarz gekleidet, ist der Hintergrund dunkel. Besonders schön fällt es an dem rothaarigen Mädchen mit roter Kleidung auf, die vor einem Rot-Ton-Hintergrund sitzt. Es scheint ihm häufig auf das Zusammenspiel der Farben anzukommen, die einander nahestehen. Scheinbar „Unwichtiges“ wird weggelassen – häufig die Füße. Manchmal ist, wenn etwas weggelassen wird, das besonders auffällig und somit hervorzuheben. Aber ich denke, das ist bei den Füßen nicht der Fall.
Er hat auch sonst seinen eigenen Stil. Sehr verschwommen – manches hervorgehoben – manches nicht erkennbar, manches bleibt sogar mitten im Gemälde Skizze. Manche Bilder erinnern an ostasiatische Kunst. Dass er chinesische Vasen malt, allerdings in einem Kontext, der weniger an ostasiatische Kunst erinnert, vertieft diese Beobachtung, dass er ein Faible für ostasiatische Traditionen (auch Schirme, Fächer) hatte.
So manches Bild lässt sein Motto erkennen: Die Kunst für die Kunst. Und so sollen auch nur die Zusammenstellung der Farben wirken, die Pinselstriche – aber es handelt sich nicht um rein abstrakte Kunst, sondern es ist immer noch erkennbar, was er malt.
Er malt viele Frauen, die in ihren Zimmern auf Betten oder der Chaiselongue hingefläzt in voller Montur ein wenig verdreht, gelangweilt liegen. Langeweile in schöner, üppiger Umgebung. Ich hatte das Thema schon einmal, dass Frauen mit Büchern dargestellt werden, nicht Männer. Und das finden wir bei diesem Maler auch: Viele Frauen haben Bücher oder Zettel in der Hand, die sie lesen. Manche der gemalten Frauen haben anderes in der Hand, sei es eine Blume, ein Musikinstrument. Eine weiß gekleidete Frau steht auf einem Raubtierfell. Die Unschuld hat das Raubtier erlegt? Wie auch immer, das Bild (Symphonie in White, No 1: The White Girl) sorgte für einen Skandal. Auch ein anderes Bild macht nachdenklich, auf dem eine Frau zu sehen ist (11:53). Das Bild ist in grün-ocker-braun-Tönen gemalt. Die Frau ist nur erkennbar, weil die Braun-Töne unterschiedlich schattiert gemalt sind. Das ist freilich immer so, bei allen Gemälden, aber – wie soll ich es beschreiben – hier ist das eher wie eine Tarnung in Farbe. Die Frau ist nur ein Element in den Farbtönen. Hierzu passt aus meiner Sicht ein Zitat: „Dem Maler zu sagen, er möge die Natur nehmen wie sie ist, ist dem Musiker zu sagen, er möge auf dem Klavier sitzen“. (1)
Es gibt viele Bilder von Menschen am Meer oder nur das Meer in seiner dem Maler eigenen Art dargestellt und das Meer mit Booten wie Segelschiffen. Überwiegend viel Landschaft, Himmel, Meer, Menschen, Häuser sind klein, verschwinden fast in der Landschaft. Es ist nicht, wie bei anderen Malern alles ausgemalt, sondern die Bilder enthalten viel Leerraum. Himmel, Wasser – sie bestehen manchmal zu einem großen Teil aus nicht bemalter Malfläche.
Interessant finde ich die Häuser, die er malt. Es sind ganz normale Häuser, zum großen Teil lassen sie erkennen, dass sie schon einmal bessere Zeiten erlebt haben. Es dürften Häuser sein, deren Renovierung sich die Menschen nicht leisten können. Es sind verhuschte Ansichten der Häuser – anders kann ich es nicht formulieren. Reizvolles im Vergänglichen? Oder auch hier: Nur Farbkompositionen? Reich verzierte schmucke Häuser hätten von der Farbe abgelenkt?
Wie die beiden in meiner Reihe vorher genannten Maler (Petrus van Schendel und Grimshaw) malt er auch Stadt in der Nacht bzw. im Nebel (Nocturne). Große bewegte Farbflächen, unterbrochen von kleinen Lichtern, in der Ferne die dunkle Stadt am Horizont. Oder durch seinen manchmal groben Malstil lässt er ein Haus (21:00) faszinierend leuchten und ein kleines Mädchen ist an der Tür erkennbar. Die Nacht lässt auf vielen Bildern die klaren Konturen verschwimmen. Die Gegenstände sind nicht mehr so fest wie am Tag, sie verlieren ihre Substanz, gehen über in Schatten, vermitteln Atmosphäre.
Eines seiner Bilder machte Furore. Er hatte ein Feuerwerk gemalt und ein Kritiker nannte es: Farbe ins Gesicht der Betrachter schütten, was sein Geld nicht Wert wäre. Der Maler klagte wegen Beleidigung. Er gewann, verlor aber durch den Prozess viel Geld – und zog sich für ein paar Jahre nach Venedig zurück.
Im Wikipedia Artikel über den Maler heißt es, dass seine Mutter eine sehr fromme Frau war. Als eine solche malte er sie auch – zumindest habe ich als Betrachter sofort einen etwas herben frommen Menschen im Blick. Der Maler hingegen war dem lockeren Leben nicht abgeneigt, hatte uneheliche Kinder. Spannend finde ich nun, dass er das Bild nicht „meine Mutter“ oder so nennt, sondern „Arrangement in Grau und Schwarz“. Das Gegenständliche Bild wird in „Farben“ überführt. Seine religiöse Mutter wird in die Ästhetik der Kunst eingebunden. Sein Motto war, wie eingangs beschrieben: Die Kunst für die Kunst. Die Kunst wurde „vergöttlicht“, Zentrum seines Wirkens war die Farb-Ästhetik, nicht Gott war es. Von daher ist auch denkbar, dass er seine Kunst sehr massiv – missionarisch? – verteidigte. Freilich: Er hatte nicht unbedingt Erfolg, sondern eher Ablehnung und Kritik erfahren, was auch eine gewisse Aggressivität gegen Kritiker erkennen lassen kann, denn das hat ja auch Folgen für die Existenz. Manche seiner Bilder strahlen eine große Ruhe aus – die eher die emotionale Grundlage seiner Mutter wiedergeben. So auch das Bild, auf dem er seine Mutter malt. Manche Bilder in ihrer Wildheit geben wohl eher seinen Lebensstil wieder.
Spätere Maler haben versucht, Farben so zusammenzuführen – in abstrakter Kunst – dass sie auf den Betrachter wirken. Ich denke, dieser Maler war ein Zwischenschritt zur vollkommenen abstrakten Kunst, indem er die Bilder noch gegenständlich malte, sie aber als Farbkompositionen interpretierte. Bilder sind noch Abbild – aber schon eigenständig, ohne Abbild sein zu wollen. Seine Bilder sollen eine Art Farbmusik (Symphony; Nocturne) sein.
(1): https://de.wikipedia.org/wiki/Die_artige_Kunst_sich_Feinde_zu_machen
in diesem Buch setzt er sich mit zahlreichen Kritikern auseinander; weitere Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Nocturne_in_Schwarz_und_Gold:_Die_fallende_Rakete und: https://de.wikipedia.org/wiki/James_McNeill_Whistler
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