Maler 58; Honore Daumier

Dieser bewundernswerte Maler, Honoré Daumier (1808-1879), war auch Karikaturist. Leider verstehe ich viele Karikaturen nicht so gut, da sie wohl Zeitgenossen wiedergeben, herrschende Zeitgenossen, die nicht gerade in positivem Licht gezeichnet werden. Großkopferte – möchte ich sie nennen. Die Köpfe ganz groß, der Körper klein. Oder die arrogante Justiz ist auch im „Blick“ seiner bissigen Feder. Das eine oder andere Bild weckt Erinnerungen an unsere Gegenwart. Dass er ein mutiger Karikaturist war, das hatte ich schon einmal kurz im Blog beschrieben, einzureihen in die, die wegen ihres Werkes verurteilt wurden. Mit 24 Jahren wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Das könnte so manches Bild beeinflusst haben.

Wegen Gargantua: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/16/provokation-zum-tag-taeter-rief-rassismus-opfer-verblutete-politiker-reden-nicht-mit-kritikern-banaszaks-soldaten-merz-ausgelacht-ausgebuht-fake-news-sind-nur-rechts-un-uebergriffe-f/

Ich möchte mich auf den Eindruck konzentrieren, den die Gemälde hinterlassen. Er malt zahlreiche Bilder, die den Alltag widerspiegeln in starkem Hell-Dunkel-Kontrast. Zum Teil sind die Menschen ausdrucksstark dargestellt worden: Badende, Theaterbesucher und Schauspieler, Arbeiter, Straßenmusikanten, Ringkämpfer, sich Prügelnde, Studierende, geifernde Mengen, Menschen im Waggon. Er malt nicht nur Menschen negativ, sondern auch als Menge positiv. Auffällig sind die Bilder, die Menschen auf der Flucht zeigen, vor allem Mütter mit Kind, ein Bild zeigt, wie Eltern ein totes Kind tragen. Die Eltern sind dunkel gemalt, aber die Umgebung, vor allem der Hintergrund ist hell. Die Lichtführung ist manchmal spannend. So ist zu sehen, wie Licht in das Abteil eines Zuges fällt, in dem im Vordergrund eine Familie sitzt, hell beleuchtet, aber ein schlafender Junge sitzt im Schatten seines Vaters, die Mutter hat einen schlafenden Säugling auf dem Schoß. Der Vater scheint ein einfacher Mann zu sein, er hat eine traditionelle Kopfbedeckung auf, während im Hintergrund mehrere Männer mit Zylinder sitzen. Der Zug, der Klassen zusammenführt? Indem sie nicht zusammengeführt werden? Sie sitzen in einem Abteil – aber ohne miteinander Kontakt zu haben. Übrigens sieht die Familie recht zufrieden aus. Zusammenfassend: Daumier war ein Menschenbeobachter, der viel Mitgefühl mit dem einfachen Volk zeigte. Vielfach werden eher warme Farben verwendet, was auf Sympathie mit den Menschen schließen lassen dürfte. Sie sind häufig nicht als verwaschene, groteske Gesichter dargestellt, sondern der Eindruck entsteht, dass der Maler sie ernst genommen hat. In der Youtube-Zusammenstellung finden wir auch viele Bilder, die Don Quichotte und Sancho Pansa wiedergeben. Er der Ritter, belächelt von anderen, kämpft gegen Windmühlen?

Unter diesen Bildern finden wir auch Bilder, in denen Menschen nach oben schauen, was sehen sie da? Wir sehen Menschen, die zurückschauen – auf der Flucht? Vor wem? Also auch hier: Es werden Momente dargestellt aus einem Zusammenhang gerissen, der gerne wissen lässt: Was sehen sie? Oder: Warum prügeln sich die Männer? Oder: Vor wem sind die Menschen auf der Flucht?

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Im Folgenden mache ich etwas, was ich im Zusammenhang anderer Maler nicht gemacht habe. Ich bespreche einige Gemälde intensiver.

Die Unterdrückung dürfte auch Thema seiner Bilder sein, nicht nur der Karikaturen. So auch sein Bild Ecce Homo: Jesus Christus steht in einem gleißenden Licht erhöht, mit Dornenkrone und gefesselt., ein Mann zeigt auf sein Antlitz mit spitzem Finger, die Menge steht im Dunkeln aber einzelne Gesichter sind erkennbar. Auffallend sind zwei helle Körper in der dunklen anklagenden Masse. Kinder – angestiftet von Erwachsenen zum Bösen? Jesus ist hier derjenige, der von einer aufgestachelten Masse und einer (korrupten) Justiz als Unschuldiger und Machtloser vorgeführt und vernichtet wird.

Und auch in einem Gerichtssaal der Zeit befindet sich ein Kruzifix an der Wand, ziemlich im Dunkeln. Im Grunde eine Mahnung. Christus wurde durch ein Fehlurteil hingerichtet. Unschuldig. Und im Vordergrund die Justiz – einer der beteiligten theatralisch, zeigend auf das Kruzifix? Der Gekreuzigte mit beiden ausgestreckten Armen – der Anwalt mit pathetisch erhobenem Arm. Der Gekreuzigte mit gesenktem Kopf, der Anwalt mit hoch erhobenem Kopf. Ein Kreuz hängt im Gerichtsraum, um vor Fehlurteilen zu warnen, um die Justiz daran zu erinnern, dass Recht und Gesetz unseres Kulturkreises nicht ohne die grundlegende Basis des christlichen Glaubens zu denken ist; und: Auch ihr Richter und Ankläger werdet durch Gott gerichtet werden, sie unterliegen einer höheren moralischen Verantwortung. Er geht also an gegen Hochmut und Selbstherrlichkeit. So würde ich das sagen. Ein Gericht schmückt sich also mit diesem Symbol der Gerechtigkeit, für Verantwortung. Aber die Realität: Standesdünkel, Eitelkeit, Gewinn. Hier sind, anders als in den Karikaturen, die Gesichter nicht deutlich erkennbar. Es ist also, so vermute ich, eine zeitlose Botschaft mitgegeben.

Ein anderes Bild zeigt möglicherweise Maria Magdalena – traditionell unter dem Kreuz. Die halb bekleidete Maria, die in der Tradition zum Teil als Prostituierte galt, bevor sie Christus kennenlernte. Dann hat sie ihr Leben erneuert – aber in der Kunst erscheint sie oft als Prostituierte. In diesem Gemälde ist etwas vollkommen anders. Das Kreuz ist nicht das Kreuz, an dem Jesus hängt, vor dem sie betend im hellen Licht erscheint, es ist das Kreuz als christliches Symbol, ohne Körper, also den Auferstandenen symbolisierend. Das finde ich spannend, dass hier die Maria Magdalena zur Frau wird, die alle Frauen repräsentiert, die sich Gott zuwenden – auch Prostituierte. Sie werden vom göttlichen Licht angestrahlt. Hier wird also die Tradition gebrochen und auf alle Frauen übertragen. Maria Magdalena als Symbol der Hinwendung zu Christus, und zur Befreiung. So könnte eben auch die Nacktheit symbolisch gedeutet werden: es geht nicht um den Körper, es geht um die Seele, die sich in ganzer Reinheit Gott zuwendet.

Wie die Bilder der flüchtenden Mütter mit Kind zeigt, vermute ich, dass Daumier besonders sensibel war für die Verletzlichkeit von Menschen.

Dieses Bild, das ich so deutete, dass Maria Magdalena alle Frauen symbolisiert, wird aus meiner Sicht durch das folgende Bild auch begründet. Es zeigt die Legende vom Heiligen Sebastian, wie er gefesselt an einem Baum hängt, mit Pfeilen durchbohrt. Ein Engel kommt zu ihm, im Hintergrund zwei dunkel gekleidete Frauen, wohl Trauernde. Dieses Bild wird noch einmal gezeichnet, ohne Pfeile. Das könnte bedeuten, dass diese schlimme Hinrichtung nicht nur damals geschah, sondern auch in der Gegenwart noch andere betrifft. Der Heilige Sebastian wurde, wie die Maria Magdalena zum Stellvertreter derer, die heute gefoltert werden. Stellvertreter der Freiheitskämpfer seiner Zeit? Der Engel, der vom Himmel herabkommt und zu dem Märtyrer fliegt, hat etwas in der Hand. Es sieht, anders als in der frühen Erzählung der Christenheit, die von einem Palmzweig spricht, aus, als habe er eine Schreibfeder in der Hand. Natürlich nur erschlossen aus dem Video. Kann das, so meine Spekulation, darauf hinweisen, dass er wegen einer Karikatur, mit anderen freien, kritischen Menschen inhaftiert war? Die Feder des freien Wortes, die vom Himmel dem Märtyrer als „Krönung“ gegeben wird? 1835 wurde die Zensur verschärft, politische Karikaturen wurden verboten – und, wie Ecce Homo und andere oben besprochene Bilder zeigen, waren sie als Kunstwerke Proteste gegen den willkürlichen Machtapparat.

Noch einmal, was ich zu allen dargestellten Malern sage: Ich bin Laie, habe keine Ahnung, ich deute und beobachte aus meinem „Gefühl“ heraus. Wenn jemand meint, vor allem Kenner meinen, dass mit „meinem Gefühl etwas nicht stimmt“ (frei nach Loriot), wäre ich dankbar, wenn er mir das schreiben würde.

Die anderen, die ich mit persönlichem Kommentar vorgestellt habe: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/05/17/malerinnen-und-maler/

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