Bonaventura (1221?-1274)

Bonaventura, Giovanni (di) Fidanza, soll diesen seinen besonderen Namen von Franz von Assisi bekommen haben. Als seine Mutter 1226 mit ihm den sterbenden Franz von Assisi besuchte, soll dieser ausgerufen haben: O buena ventura. Er gilt als einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit und war sehr stark mystisch orientiert.

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Die Seele spiegelt den Dreieinigen Gott in ihrer Dreiheit: Gedächtnis/Ursprung (Gott ist im innersten des Menschen anwesend), Verstand / Erkenntnis (auf Gott hin ausgerichtet), Wille/liebendes Streben. Diese Ansätze hat er von Augustinus übernommen.

Die Seele sehnt sich nach dem Dreieinigen Gott – und dieses Sehnen nach Gott führt dazu, dass der Mensch auf dem Weg ist, er ist ein Pilger. Auf dem aufsteigenden Weg der liebenden Hingabe zu Gott findet der Mensch zu sich selbst.

Bonaventura betont das Gefühl, das versteht, was der Verstand nicht begreift. Ohne das göttliche Licht (Illumination) kann der Geist nicht die Wahrheit erkennen. Nicht Erkenntnis/Wissen ist das Ziel, sondern Liebe.

Bonaventura ist der Theologe, der aus meiner Sicht viel mit der Gotik zu tun hat: Ästhetik des Lichts – filigrane Bauweise – Materie auflösende, hinaufweisender Weg und hinaufstrebender Mensch. (Aber die Gotik wird mit dem Abt Suger von Saint-Denis ca. 100 Jahre vor Bonaventura verbunden. Bonaventura prägte mit das Lebensgefühl der Zeit der Gotik. [1])

Bonaventura war Franziskaner, darum hat für ihn auch die Natur, die Schöpfung große Bedeutung. In der Schöpfung hinterlässt Gott eine seiner Spuren (die anderen Spuren: wie oben geschrieben: die Seele; die dritte Spur: die Gottessschau/Gnade).

Und auch die Schöpfung kommt in der Gotik zu ihrem Recht, so mit den Säulen die Naturornamentik. Stein hat Teil an der Lebendigkeit der Natur.

Der Mensch ist Teil der Natur. Wie alles Geschöpf lebt er aus dem Licht Gottes – im Menschen sammelt sich das Licht der Geschöpfe und er kann sozusagen im Namen der Geschöpfe Gott erkennen und Gott loben. Anders gesagt: das göttliche Licht (Lux) bricht sich in den Farben (Lumen). Der Mensch greift die Farben auf – und bündelt sie wieder. (Hat das nicht Isaac Newton im 17. Jahrhundert wissenschaftlich bewiesen?)

Das heißt auch, dass Gotteserkenntnis auf dem Weg über die Geschöpflichkeit läuft. Die Schöpfung wird nicht negiert, sie wird erhoben, sie wird erhaben, auch durchleuchtet von Gottes Licht.

Und das Licht ist Jesus Christus. Er wirkt durch die Kirche, durch die Sakramente, die an dem Licht Christi teilhaben hinein in die Welt. Diese lassen aber auch erst erkennen, was er mit der Schöpfung, der Seele auf sich hat. Ohne das Licht Christi ist Erkenntnis der Schöpfung nicht möglich, denn der Mensch ist durch die Sünde in sich selbst verkrümmt, auf sich selbst fixiert.

Wer durch den Glanz und die Herrlichkeit alles Geschaffene nicht erleuchtet wird, ist blind, schreibt Bonaventura. Derjenige der uns blinde Menschen heilt, ist Christus, das Licht.

Bonaventura hat allerdings schon weitergedacht – und als Franziskaner eben auch die geringen Menschen beachtet – dementsprechend auch das Leiden Christi. Die Ästhetik des Lichts ist auch damit verbunden. Licht wird in seinen Farben erkannt, wenn es auf Gegenstände trifft. Trifft das Licht Gottes auf die dunkelste Stunde – das Kreuz -, dann strahlt Gottes Liebe, Barmherzigkeit, Selbsthingabe auf. Der geschundene Leib Christi war nicht schön – aber dadurch, dass das Licht Gottes auf ihn traf, wurde er der Schönste. Ebenso waren diejenigen, die von der Gesellschaft als die Geringen angesehen wurden, damit zu verbinden. Die Stolzen und Besitzenden sind geblendet vom eigenen Licht. Diejenigen, die durch Gott demütig geworden sind, sehen in den Geringen Gottes Licht gespiegelt. Das für Menschen Dunkle, das Leiden, die Erniedrigung wird verwandelt. Franziskaner lebten in Armut.

Die Ästhetik des Lichts wird durch Bonaventura mit der Ästhetik der Armut verbunden.

[1] Der Abt Sugar von Saint-Denis war sehr stark von der Schrift des Dionysios Areopagita beeinflusst. In der damaligen Zeit hielt man sie für das Werk eines Schülers des Apostels Paulus, es wurde aber wahrscheinlich erst im 5./6. Jahrhundert geschrieben. In diesem spielt das Licht Gottes eine große Rolle.