In meiner Reihe: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/ möchte ich heute Perpetua vorstellen.
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Vibia Perpetua wurde 203 in Karthago hingerichtet, weil sie Christin war. Christen galten als Staatsfeinde – und die Hinrichtung von Christen sollte zeigen, dass der Römische Staat mächtiger war als die Christen und die Herrscher von Karthago wollten dem Kaiserhaus gegenüber zeigen, wie sehr sie ihm ergeben waren.
Es gab zwei Römerinnen, von denen etwas Schriftliches der Nachwelt vorliegt: Von Sulpicia aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen wohl sechs Gedichte und von Claudia Severa (um 100n) haben wir eine Grußformel mit Unterschrift. Aber von Perpetua haben wir einen Tagebuchbericht, der in der Haft geschrieben wurde: Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis. Er ist ein äußerst wichtiger Text, nicht allein darum, weil er in die Gedankenwelt einer inhaftierten Christin Einblick gibt, sondern auch überhaupt Einblick gibt in das Denken einer Frau der römischen Antike. Sie schreibt als „Ich“.
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Wer war Perpetua? Sie war eine gebildete junge Frau aus reichem Haus. Sie und die Dienerin Felicitas wurden mit anderen Christen verhaftet, wurden erst in Untersuchungshaft, dann ins Gefängnis gebracht – sie wollten dem Glauben nicht abschwören. Als sie verhaftet wurde, war sie 22 Jahre alt und war Mutter eines Säuglings. Sie konnte ihren Sohn im Gefängnis nur wenige Tage sehen und ihn ernähren, weil die Wachen bestochen worden waren. Danach scheint er, zu ihrer Beruhigung, ihre Milch nicht mehr zu benötigen: „Und nach Gottes Willen hat es weiter die Brust nicht begehrt und diese hat mir auch keinen Schmerz gemacht, damit ich nicht durch die Sorge um das Kind und den Schmerz der Brüste zugleich gequält würde.“ Der verzweifelte Vater versuchte sie dazu zu überreden, vom Glauben abzuschwören. Vergeblich. Sie hatte großes Mitleid mit dem Vater – die anderen Familienmitglieder scheinen auch Christen gewesen zu sein, die das Leiden der Schwester (von der Mutter habe ich nichts gelesen, außer dass sie sich um ihre Enkelin sorgte) anders einordnen konnten. Felicitas war zu der Zeit schwanger und gebar im Gefängnis ihr Kind, das sie ihrer Schwester übergab. Einer von den inhaftierten Mitchristen ist wohl im Gefängnis getötet worden.
Die beiden Frauen wurden im Amphitheater mit den anderen Christen den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen anlässlich der Geburtstagsfeier zu Ehren des Gaetas / Geta – oder zu der Erhebung des 14 jährigen zum Caesar. Gaetas war Sohn des Kaisers Septimius Severus, wurde kurz nach dessen Tod mit seinem Bruder Caracalla Kaiser, wurde von diesem 211, 22 jährig (! wie Perpetua), ermordet – seine Anhänger fielen einem Massaker zum Opfer. Septimius Severus war in Nordafrika/Libyen geboren worden, was die Stadt Karthago stärker in den Mittelpunkt rückte. Caracalla hat nach der Ermordung seines Bruders die Damnatio memoriae verfügt, das heißt, dass Geta nicht mehr erwähnt werden durfte.
In dem Werk selbst werden zwei weitere Autoren erkennbar, der Herausgeber (1 und 14f.) und Saturus, einer der Inhaftierten, hat wohl seine Vision selbst hinzugefügt (11ff.). Es sei noch angemerkt, dass es natürlich in der Gegenwart eine Stimme gibt – das muss so sein – die das ganze in Frage stellt und meint, dass das ein christlicher Mythos sei.
(Was ich – als Nichtkenner der Zeit – für sonderbar halte, weil der Herausgeber Probleme damit hat, dass Perpetua anders gestorben ist, als erwartet. Er versucht das ein wenig zu verschleiern. Wenn er alles erfunden hätte, hätte er alles stärker abgerundet. Nur meine unmaßgebliche Sicht.)
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Der übersetzte Text: https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-32/versions/die-akten-der-hl-perpetua-und-felizitas-bkv/divisions/2
Perpetua schreibt: „Nach einigen Tagen wurden wir in den Kerker gesteckt und ich entsetzte mich, da ich noch nie eine solche Finsternis erfahren hatte. O schrecklicher Tag! Eine gewaltige Hitze; denn in ganzen Haufen wurden die Leute von den Soldaten hineingeworfen, und zuletzt quälte mich auch noch die Sorge um mein Kind daselbst.“ Das Kind wurde ihr, wie oben geschrieben, wenige Tage gebracht und sie bat Gott um eine Vision, wie es mit ihr weitergehen würde. Sie bekam eine. Sie träumte von einer Folter-Leiter an deren Fuß ein Drache war. Sie nahm den Drachenkopf als Stufe, um auf die Leiter zu kommen. Sie stieg die Leiter hinauf und kam in eine Art Paradiesgarten. Da wussten sie: Sie würden nicht befreit werden, sondern sterben. Und sie bekannte stolz, dass sie Christin sei vor dem Prokurator, also dem Richter. Vor dem Tag der „Festspiele“ hatte sie eine weitere Vision, dass sie nicht nur gegen Tiere kämpfen müsse, sondern gegen den Teufel selbst. Sie hat ihn besiegt und der Kampfrichter (Jesus?) sagte ihr: Tochter, der Friede sei mit dir! – sie hat durch ihr Leiden und ihr Sterben den Teufel besiegt.
Was ich an dieser Aussage spannend finde: Der Drachenkopf, das Böse, wird also benutzt, um Gott näher zu kommen. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen. Und das bis zum Schluss. Die Versuchungen waren groß – aber sie ist diesen nicht erlegen, wie sie schreibt: sie fing an, ihre Hoffnung nicht mehr auf die Welt zu setzen. Auch wenn der Teufel zu siegen scheint, er wird dadurch überwunden, dass sie sich von ihm nicht einschüchtern lässt. In der Niederlage bekommen Christen den Sieg, weil Christus der Herr ist.
Es sei noch einmal auf Felicitas eingegangen – das war auch eine ganz großartige Frau. Der Herausgeber schreibt, dass sie bei der Geburt ihres Kindes viel litt. Da habe einer der Wachhabenden gesagt: „Wenn du jetzt so jammerst, was wirst du erst tun, wenn du den Tieren vorgeworfen bist, die du, als du nicht opfern wolltest, verachtetest? Sie aber antwortete: Jetzt leide ich selbst, was ich leide; dort aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leidet, weil auch ich für ihn leiden werde.“ Erst verlor sie Blut, um menschliches Leben zu schenken, dann verlor sie Blut, um ihren Glauben zu bezeugen, ihr Leben bei Gott zu bekommen (vgl. 18).
Der Herausgeber weist auch darauf hin, dass der Tribun die inhaftierten Christen nicht mehr richtig ernähren wollte. Das fand Perpetua gar nicht gut und wandte ein, dass es doch eher zu seinem Ruhm gereiche, wenn sie stark und fett in der Arena auftreten würden. Und so bekamen sie mehr zu essen. In diesem Zusammenhang wird auch geschrieben, dass der Gefängnisaufseher und auch andere Christ wurden. Bevor sie in die Arena geführt wurden, sollten sie die Kleidung heidnischer Priester anziehen. Das lehnten sie ab und durften so in die Arena geführt werden. Sie bekannten in der Arena den Glauben, wiesen darauf hin: „Du richtest uns, Gott wird dich richten“, woraufhin sie ausgepeitscht wurden. Die Männer wurden Leoparden und Bären vorgeworfen, die beiden Frauen wurden leicht bekleidet einer wilden Kuh ausgeliefert, überlebten und wurden dann mit dem Schwert getötet. Von Felizitas ist nicht mehr die Rede.
Interessant finde ich auch etwas anderes. Der Herausgeber schreibt, dass Perpetua bei dem Einzug ins Amphitheater „durch den hellen Blick ihrer Augen die Blicke aller niederschlug“. (18) In der Vision des Saturus steht, dass Perpetua zu ihm gesagt habe: wie ich im Fleische fröhlich war, will ich es jetzt (im Himmel) noch mehr sein. Für mich zeigt das, dass sie als ein besonders starker, fröhlicher Mensch angesehen wurde. Sie war wach und aufmerksam – wodurch wir eben auch diese ihre Aufzeichnungen überliefert bekommen haben.
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