(In loser Reihenfolge wird zum Paul-Gerhardt-Jahr immer mal wieder dieses oder jenes angesprochen.)
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Paul Gerhardt (1607-1676) lebte in einer Zeit, in der Teile Deutschlands traumatisiert waren. Das durch den 30 jährigen Krieg und dessen Folgen: Epidemien (Pest, Pocken, Ruhr), Hunger, staatliche und gesellschaftliche Strukturen sind zusammengebrochen, es gab Übergriffe von Soldaten und anderen, die sich stärker wähnten als die Angegriffenen, und vermutlich beherrschten auch moralische Verrohungen viele Menschen. (Wenn Menschen noch Kraft dazu haben: Lasst uns [egoistisch] leben, den morgen sind wir tot.) Täglich wurden die Menschen mit dem Sterben konfrontiert.
All dem versuchte Paul Gerhardt als Pfarrer etwas entgegenzusetzen: Nicht äußerliche Schauspielerei usw. waren sein Thema, sondern eine Stärkung des inneren Menschen, er wollte die Seele auf die Heimat „Gott“ hinweisen. Er wollte die Menschen in Gott – ich sage es, auch wenn es widersprüchlich klingt – in Gott erden. Das durch Gottesdienste (Predigt und Sakramente) – durch eingängige Lieder auch für den Alltag (verinnerlichte Theologie / durch Lieder verinnerlichter Glaube) – Seelsorge (Betreuung von Menschen in ihren Nöten) – heute würden wir sagen: mit dem Amt verbundenes soziales Engagement (Armenfürsorge, finanzielle Hilfen für Bedürftige usw.). Paul Gerhardt selbst hatte großes Leid erlebt (früher Tod seiner Eltern, vier seiner Kinder starben früh; seine Frau, Anna Maria, starb nach ca. 14 Jahren Ehe im Alter von 47 Jahren), was vermutlich dazu beigetragen hat, dass er anderen im Leiden authentisch, glaubwürdig helfen, beistehen konnte. Seine Lieder beschreiben den Umgang mit der Theodizee-Frage nicht einfach vom Schreibtisch aus, philosophisch, theologisch, es handelte sich um einen authentischen Umgang mit der Theodizee (**).
Es gab einen großen Konflikt zwischen Paul Gerhardt und dem Herrscher: der Landesherr wollte ein Toleranzedikt autoritär durchsetzen. Das klingt zunächst in unseren Ohren gut. Inzwischen tolerieren wir (Lutheraner und Reformierte) uns einander nicht nur, sondern arbeiten zusammen. Aber damals war es eine andere Situation:
- Die Politik hatte die Menschen (Krieg) zerrissen – das Toleranzedikt (*) sollte sie vermutlich über Gräben hinweg zusammenführen. Konfessionelle Auseinandersetzungen sollten eingedämmt werden – durch den Zwang förderte der Herrscher diese jedoch. Und: Er wollte Loyalität der Pfarrer zum Land erzwingen.
- Paul Gerhardt dachte als seinem Gewissen und Gott verpflichteter Mensch für das Individuum, nicht politisch: Die Menschen sollen erst einmal wieder stabilisiert werden und dazu ist die Verankerung in der Tradition wichtig. Das Ich, die Persönlichkeit des Menschen sollte in Gott verankert werden – sollte sich der Verankerung bewusst werden: Geh aus mein Herz und suche Freud…; Befiehl du deine Wege…; Warum sollt ich mich denn grämen… usw.
(*) Paul Gerhardt und andere lutherische Theologen lehnten es ab. bedroht wurden vom Herrscher diejenigen, die es nicht unterschrieben, sie sollten entlassen werden. Paul Gerhardt wurde auch entlassen. Die Bevölkerung startete Petitionen, Unterschriftensammlungen. So musste der Herrscher klein beigeben und hat die Entlassung widerrufen. Dann aber lehnte Paul Gerhardt aus Gewissensgründen ab, weil der Landesherr meinte, Paul Gerhardt werde sich an seine Anweisungen halten, auch ohne unterschrieben zu haben. Er war also entlassen und blieb somit eine Zeit lang ohne Einkommen – wurde aber wohl, so vermutet Pressel, von Freunden unterstützt. Pressel (394) meint auch, dass anders als seine „confessionelle(n) Starrheit“ die Lieder sich in „frommer Weitherzigkeit bewegen“.
(**) Zum Thema „authentische Theodizee“ s.: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/theodizee-sophie-scholl-weisse-rose/ )
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