Chesterton: Gegner + Kritik am Journalismus + Triage 4

Gegner macht man, wie Chesterton sagt, nicht mehr mit einem Strick mundtot, sondern mit Lärm; und Machthabern schlägt man nicht mehr den Kopf ab, sondern versucht, ihn mit Brüllen kopflos zu machen (vgl. Gisbert Kranz: Gilbert Keith Chesterton. Prophet mit spitzer Feder, Sankt Ulrich Verlag Augsburg 2005 (71)).

In manchen Ländern macht man es noch mit einem Strick, mit einer Kugel, mit Folter. In China macht man es mit Lagern bzw. indem man die Leute aus dem Verkehr zieht. In Russland macht man es mit Gerichten, in unserem Land mit medialem Furor und es kristallisiert sich immer stärker heraus: mit dem Versuch, Menschen die finanzielle Basis zu nehmen.

Kritik am Journalismus

Chesterton kritisiert als Journalist auch den Journalismus, weil er ein einseitiges Weltbild vermitteln muss! Er muss die Ausnahmen thematisieren – er thematisiert nicht die Regel. Und weil er die Ausnahmen betont, verändert er das Weltbild der Menschen. Es wird berichtet, wenn einer einen silbernen Löffel gestohlen hat – aber nicht, wenn millionenfach kein silberner Löffel gestohlen wurde.

Weiter geführt: Wenn man ständig über einzelne Silberne-Löffel-Klauer liest, denkt man: Die Welt ist schlecht, sie besteht nur aus Silberlöffel-Dieben. Menschen lassen sich von den Ausnahmeberichten der Medien beeinflussen, damit verfinstert auch ihr Denken.

Ein Fazit, das ich ziehen würde – bei Kranz, der das 87ff. thematisiert finden wir keins. Vielleicht hat Chesterton auch keine Lösung angeboten. Aber mein Ansatz:

  • Man muss beachten, wann Medien die Silberne-Löffel-Geschichte benutzen, um bestimmte Menschen/Gruppen zu erniedrigen, gegen sie einzunehmen.
  • Zudem muss man selbst sein Denken einschalten: Habe ich selbst silberne Löffel geklaut? Kenne ich jemanden, der silberne Löffel geklaut hat? Wie viel silberne Löffel gibt es – und ein Bericht darüber, dass einer geklaut hat, welchen Stellenwert hat das?
  • Und wenn nun auf einmal alle medialen Stimmen über diesen einen geklauten silbernen Löffel berichten, ein Tsunami an Silberlöffel-Klau-Geschichte, dann führen sie was im Schilde. Was?
  • Wenn eine Silberne-Löffel-Geschichte immer breiter ausgeschmückt, ausgemalt wird, wenn Experten befragt und Sondersendungen stattfinden, Kommentatoren landauf landab ihren Zahlen-Senf auf dem Silberlöffel präsentieren – wenn auf einmal die eine Geschichte den Eindruck hinterlässt, sie sei vielfach – dann sollte der werte Medienkonsument darüber nachdenken: Huch, was wollen die mir damit sagen? Wollen die mich etwa beeinflussen, in eine Richtung drängen?
  • Und wenn ich anfange, mit anderen über nichts anderes mehr zu reden als über die Silber-Löffel-Klau-Geschichte, Politik Gesetze gegen Löffelklauer erlässt, das Grundgesetz speziell auf Löffelklauer verändert wird mit einer großen parlamentarischen Mehrheit – läuft da nicht irgendwas schief im Land?
  • Wenn keiner mehr wagt, etwas anderes zu sagen, alle nur noch unisono brüllen und schreien – und jagt auf potentielle Löffelklauer machen – was dann?

Spannend ist, wenn Journalisten selbst vergessen haben, dass sie nur Ausnahmen berichten und die Ausnahmen für allgemeingültig ansehen. Was bei Faktencheckern besonders hervorzuheben ist – eigentlich kalter Kaffee: Neutralität gibt es nicht.

Triage 4

Ich hatte neulich geschrieben, dass zum Thema Triage auch unbedingt dazugehört, dass darüber nachgedacht wird, ob man alles dafür getan hat, dass genug Krankenhausbetten und Personal vorhanden ist. Wie die Tagesschau vom 28.11. zeigte, ist das auch das Anliegen der Linken.

Jede Triage ist von Übel. Es soll der am Leben erhalten werden, der die größte Chance hat zu überleben. Und da fallen automatisch viele Alte, Behinderte raus, weil sie eben aufgrund der schlechteren gesundheitlichen Situation schlechtere Überlebenschancen haben. Es kann niemandem plausibel gemacht werden, dass die Trennung innerhalb der Stabileren stattfinden muss, also Behinderungen und Alte usw. aus der Beurteilung herausgenommen werden sollen. Von daher ist das Votum des Gerichts eines, das von Hilflosigkeit nur so strotzt und auch die Politik wird vor Hilflosigkeit nur so strotzen und die Verantwortung letztlich den Ärzten zuschieben, obgleich die Politik dafür sorgen muss, dass genügend Betten und Personal vorhanden ist. Das können Ärzte nämlich nicht bewerkstelligen. Und wenn es wirklich so sein sollte, dass Pflegepersonal geht, wenn die Impfpflicht für sie kommt, dann hat einmal mehr die kuriose Politik zu der gefährlichen möglichen Triage-Situation beigetragen.

Warum habe ich das im Bereich von Chesterton eingeordnet? Weil ich soeben gelesen habe, dass auch ihm das Problem schon aufgestoßen ist, nur auf anderer Ebene:

Spannend finde ich das, was Kranz überliefert: Ärzte hatten befohlen, armen Mädchen die Haare zu scheren, damit sie keine Läuse bekommen. Und hier wird das formuliert, was für Chesterton grundlegend ist: „Mit dem roten Haar einer Göre in der Gosse will ich die ganze moderne Zivilisation in Brand stecken. Weil ein Mädchen langes Haar haben soll, soll sie sauberes Haar haben; weil sie sauberes Haar haben soll, soll sie kein unsauberes Heim haben; weil sie kein unsauberes Heim haben soll, soll sie eine freie und ausgeruhte Mutter haben; weil sie eine freie und ausgeruhte Mutter haben soll, soll sie keinen wucherischen Grundbesitzer haben; weil es keinen wucherischen Grundbesitzer geben soll, soll eine neue Verteilung des Vermögens stattfinden; weil eine neue Verteilung des Vermögens stattfinden soll, muß es eine Revolution geben.“ (64)

Die Menschen machen es sich zu einfach – einfache, schnelle Lösungen können unmenschlich sein.

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