Bergpredigt: Antithesen 3+4

Die dritte Antithese betrifft wieder wie die zweite das Verhältnis zur Ehefrau. Diese drei ersten Antithesen betreffen den engeren Lebensbereich. Die dritte Antithese ist sehr knapp, wird nicht – wie de anderen begründet – es wird nur konstatiert. Nichts destotrotz ist sie heute wohl mit eine, die am meisten Widerspruch hervorruft.

3. Antithese: Es wurde gesagt: Wer sich von seiner Frau scheidet, soll ihr den Scheidebrief geben. Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, macht, dass sie die Ehe bricht.

Voraussetzung dieses Satzes, von dem ich etwas unterschlagen habe, was aber gleich nachgeholt wird: Gott bindet zwei Menschen zusammen. Sie werden ein Leib sein, wie es Genesis 2 heißt. Ein Leib bedeutet: Wenn man diesen trennt, dann zerstört man den Leib. Hier soll also dem Mann verboten sein, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, sie wegzuschicken. Denn eine Frau, die weggeschickt wurde, hat keine sozialen Chancen mehr. Sie ist abgeschrieben, sie ist genötigt, sich wie auch immer ihren Lebensunterhalt zu verdienen, im besten Fall durch erneute Heirat. Der sich scheidende Mann zwingt sie also zum Ehebruch. Entsprechend ist derjenige, der eine Geschiedene heiratet, Ehebrecher, weil er eben dazu beiträgt, dass der eine Leib getrennt wird.

Einen Satz habe ich unterschlagen: … es sei denn wegen Ehebruchs… – das heißt, laut Matthäus darf sich der Mann von seiner Frau trennen, wenn sie die Ehe gebrochen hat. Aber eben: nur trennen. Sie nicht töten. Wir finden diesen Beitrag zur Ehescheidung auch im Lukasevangelium 16,18. In einem Vergleich sehen wir, dass dieser Satz durch Matthäus hinzugefügt wurde. Jesus ist rigoroser: Ein Mann darf sich nicht scheiden lassen. Es sei denn wegen Ehebruchs ist nicht in seinem Blick. Warum auch immer. Diese Kurzform bedeutet für den Mann – und das ist für die Antike in Israel äußerst provokant -: Er darf sich aus welchen Gründen auch immer nicht scheiden lassen.

Ehebruch ist Störung der Gemeinschaft, erniedrigt die Frau. Dem steht diese Forderung entgegen. Er dient dem Schutz der Frau. Die Macht des Mannes wird eingeschränkt, er soll sich beschränken. Es geht nicht an, dass er die Frau leiden lässt, nur weil er auf einmal andere Ziele hat.

Nun mag man aus heutiger Sicht die bekannten Einwände aussprechen: Aber wenn beide nicht zusammenpassen – und heute lassen sich mehr Frauen von Männern scheiden als Männer von Frauen – was ist, wenn sie sich nicht mehr lieben? usw. Paulus lockert diese rigorose Forderung schon auf: Ihm liegt die Forderung Jesu vor, dass keine Frau sich von einem Mann scheiden lassen dürfe – wenn aber, soll sie nicht wieder heiraten. Hier haben wir die griechischen Verhältnisse vor uns. Weiterführend: Wenn Mann oder Frau, die nicht an Gott glauben, sich vom glaubenden Partner trennen wollen, soll man in die Trennung einstimmen, „denn Gott will, dass ihr in Frieden lebt“. (1. Korintherbrief 7)

Liebe oder nicht Liebe ist kein Argument. Diese Begründung gab es in der Antike nicht, denn man heiratete nicht unbedingt aufgrund der Emotion, die man heute Liebe nennt. Die Heirat war ein Vertrag zwischen beiden Partnern – vor Gott geschlossen bedeutete er: Man schließt ihn, solange der Partner am Leben ist. Und man schließt nicht leichtfertig Verträge. Man muss also überlegen, was man tut, wenn man sich an einen bestimmten Partner bindet, denn vor Gott wird man eine Einheit. Diese religiöse Perspektive fällt heute in vielen Ehen weg. Es ist vielfach eine Liebesheirat, und wenn die Liebe schwindet oder wenn eine Liebe zu einem anderen Partner größer wird, dann lässt man sich scheiden. Die Liebe wird als einziges band angesehen – aber es gibt für Ehen noch andere Bändern: zum Beispiel – was früher auch sehr wichtig war – Besitz zusammenführen, was noch wichtig ist: für die gemeinsamen Kinder da sein, ihnen eine möglichst gute Lebensbasis bieten und die religiöse Voraussetzung. Ob die Letztgenannte nun fehlt oder nicht: Verantwortungsloses Verhalten eines Partners kann für den anderen äußerst schmerzhaft sein – und diese Forderung Jesu regt an, über sein Verhalten nachzudenken. Für einen Jesus-Nachfolger-Paar jedoch ist es gravierender: Die Scheidung ist nicht angemessen – und man muss lernen, miteinander aus christlicher Perspektive umzugehen, respektvoll, freundlich, vergebend – vielleicht wächst ja die Liebe wieder. Die Ehe ist der Rahmen, der durch Liebe gefüllt werden kann – aber nicht muss. Vielleicht wächst ja die Liebe wieder zu etwas ganz Neuem: eine Erfüllung des Zusammenseins auf anderer Ebene.

Eins muss man wohl festhalten: Eine feste Ehe ist Sehnsucht vieler Menschen. Wenn diese Sehnsucht zerstört wird, ist es schmerzhaft, weil man lernen muss, mit der Zurückgestoßenheit umzugehen.

4. Antithese

Mit der vierten Antithese gehen wir über den (weiteren) familiären Bereich hinaus zum Beispiel in die Welt des Handels.

Wiederum habt ihr gehört, dass den Alten gesagt wurde: Du sollst keinen Meineid schwören. Und: Du sollst halten, was du dem Herrn (Gott) geschworen hast. Ich aber sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören… – und das wird begründet: Wir können keine Mächte als Zeugen anrufen, weil wir nicht über sie herrschen; wir können ja nicht einmal über das bestimmen, was unseren Körper betrifft. Darum fordert Jesus: So seien eure Wort: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, ist von Übel.

Heute hat diese Forderung keine große Relevanz. Manchmal taucht die Frage noch auf mit Blick auf die Vereidigung im Bundestag. Aber sonst… In der Antike war es ganz anders. Man musste schwören – der Schwur war ein Teil des Vertrages, wie heute die Unterschrift. Man wusste ja nicht, ob man dem anderen vertrauen kann – und darum berief man sich auf die Götter als Zeuge. Sie würden den Vertrauensbruch ahnden. Und hier macht Jesus wieder etwas, was auch schon in der ersten und zweiten Antithese aufgefallen ist: Er „säkularisiert“ diese Sitte. Er wirft den Menschen auf den Menschen. Der Mensch soll vertrauenswürdig sein. Man soll sich auf Menschen, die ihm folgen, verlassen können. Auch hier geht es wieder um die Basis der Gemeinschaft: Sie kann nur gut sein, wenn Menschen einander vertrauen.

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Beiden Antithesen geht es um Zuverlässigkeit, darum, Gemeinschaft herzustellen. Menschen sollen einander vertrauen können, sollen einander nicht erniedrigen.

Fortsetzung kommt morgen.

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