Gestern schrieb ich ein paar Worte über “Vater unser” – heute folgen ein paar Worte zu: der du bist im Himmel – wörtlich: in den Himmeln.
Die Menschen haben sich Gott im Himmel vorgestellt – oben, da wo das Blau ist, die Sonne und die Sterne. So denken wir uns das allgemein. Aber Gott ist für Juden und Christen nicht die Sonne, auch nicht das Blau, auch nicht Mond und Sterne – Gott ist in den Himmeln. Ich denke, es ist auch schon damals mit Himmel / Himmeln das Transzendente, das Jenseitige – eben der Bereich Gottes gemeint, der nicht Teil der Schöpfung ist.
Soweit ich sehe, ist für denkende Juden und Christen auch in der Antike nicht einfach der erschaffene Himmel Teil des Wohnortes Gottes, wie wir schon aus dem Gebet des Salomo erfahren können. Gott sprengt alle Fesseln, die wir ihm anlegen: sei es Tempel, besondere Orte (Berge…) und eben der Himmel / die Himmel. Der religiöse Himmel ist zu unterscheiden vom erschaffenen Himmel. Wo ist Gott?
Gott ist an der Stelle, an der er handelt. Gott ist an der Stelle, an der sein Wille geschieht. Und wo geschieht er in reiner Weise? Im Himmel – dem religiösen Himmel, dem Ort, an dem Gott ganz herrscht, seine Macht entfalten kann, der Ort, an dem sich Mächte und Menschen ganz allein ihm zuordnen.
Freilich fühlten Menschen an bestimmten Orten Gottes Nähe ganz besonders. Und das ist ja auch heute so. Und wenn Christen beim Gebet nach oben schauen, die Hände erheben, um von Gott Segen zu empfangen – dann hängt das damit zusammen, dass wir uns in der Welt verorten – und weil wir uns nur in der Welt verortet vorstellen können, wollen wir auch Gott in der Welt verorten.
Andere Christen schließen die Augen, falten die Hände, knien…, weil sie Gott auch verorten, und das eher in der Konzentration nach innen, in der Ruhe. Aber Gott ist weder innen noch außen zu fesseln, denn wo Gott ist, da ist der Himmel, sei es innen, sei es außen, sei es in der Nächstenliebe. Und weil wir Gott verorten müssen, um uns die Welt Gottes überhaupt vorstellen zu können, hat man den Himmel mit menschlichen Vorstellungen ausgemalt. Heute lehnt man diese Vorstellungen eher ab und psychologisiert die alten religiösen Bilder. Aber auch dieses Psychologisieren ist nur ein menschliches Hilfskonstrukt – allerdings ein Modernes, weil man es heute besser fassen kann.
Wenn wir Menschen jedoch Gott begegnen, dann merken wir bei allem, was wir tun, die Begrenztheit unsres Tuns: Unsere Sprache ist begrenzt, unser Handeln ist begrenzt und unsere Vorstellungen sind begrenzt, wir sind gefesselt an unsere Sinne – und so suchen wir aus der Not unserer Begrenztheit bestimmte Formen, Worte, Haltungen.
Jesus sprengt die Begrenztheit unserer Sprache mit Blick auf den Himmel mit diesen Worten: Der Himmel ist Gottes Thron und die Erde ist der Schemel seiner Füße (Mt 5,34f.). Nun können natürlich Menschen sagen: Im Himmelsblau kann man nicht sitzen und auf der Erde sehe ich keine Riesenfüße. Auch Jesus sprengt mit bildhafter Sprache die Begrenztheit unserer Worte. Was will er im Kontext des Schwörens damit sagen? Wir Menschen können Gott nicht beherrschen – er ist für unseren kleinen Verstand zu groß.
Und wenn im Vater-Unser Gott im “Himmel” angesprochen wird, “unser Vater, der du bist in den Himmeln” – dann heißt das zunächst eben das: derjenige, der uns liebt, der ist von uns nicht zu beherrschen, er ist nicht unser Sklave, nicht mit magischen Mitteln auf die Erde zu ziehen, er ist frei, autark, außerhalb unseres menschlichen Machtbereichs – und dieser Gott will aber von uns “Vater” genannt werden, möchte uns ganz nah sein in Jesus Christus, durch den, der uns das Gebet lehrt.
(Fortsetzung folgt: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden…)