Maurice Denis (1870-1943) hat einen nicht gewöhnlichen Malstil. Seine Bilder ähneln vielfach Batiktüchern, Fensterbildern. Manche sind sehr bunt, manche Pastell, die meisten Bilder sind eher hell, manche Lichtdurchflutet.
Als Thema hat er eine breite Palette: Landschaften, nicht unbedingt idealisiert, sondern manchmal auch mit Industrie, Schienen, alte Gebäude (Rom, Venedig). Bilder antiker mythologischer Motive. Er malt aber vor allem Menschen in ihrem Alltag: zu Hause, beim Baden am Strand, unbekleidet, wie Gott sie schuf und bekleidet, munter gemischt, fröhlich spielend, raufend, liegend, beim Picknick, bei der Jagd, im Krieg, bei der Schneiderin, auf dem Friedhof, beim Tanzen, er malt viele Kinder beim Spielen, beim Schreiben und Mütter mit Kindern. Zum Beispiel auch eine Frau mit Schürze, die am Klavier sitzt. Der Betrachter stellt sich vor, sie war beim Putzen, Kochen und hat sich mal eben ans Klavier gesetzt. Bilder sind da, die den Alltag des feierlichen Lebens in der Kirchengemeinde zeigen. So betende Nonnen in einer Kirche, schwarz gewandet, mit hellen Hauben und nach oben öffnet sich eine goldene Welt. Ich habe das genauer benannt, weil es zeigt, dass er das bunte Leben malt. Allerdings das Leiden kommt, wenn man das Video anschaut, nicht so stark in den Blick. Mit Blick auf die beiden voran vorgestellten Maler hat auch er eben unbekleidete Frauen gemalt. Während Draper sie in einer dem Körper gegenüber verschlossenen Zeit malte, im Mythos ein Ventil fand, Gerome Frauen in Harems verfrachtete, beide die akademische Pose liebten, hat dieser wenig später geborene Zeitgenosse die Unbekleideten in einer fröhlichen, natürlichen Harmonie mit der Natur gemalt. Daran ist auch erkennbar, wie sich die Zeiten ändern.
Viele Bilder haben auch religiöse Themen. Eindeutig religiöse Themen, aber auch Bilder, die nicht auf Anhieb religiösem Thema zuzuordnen sind. So sieht man im Vordergrund zwei Frauen in der Küche – und im Hintergrund sieht man ganz klein im Nebenzimmer einen Mann mit Heiligenschein. Es erinnert an die Maria und Martha-Geschichte, allerdings verfremdet. Das Motiv wiederholt sich mit unterschiedlichen Hintergründen. Oder: Es sitzt ein Mann, Jesus?, am Tisch, er teilt das Brot, man fühlt sich an die Emmausjünger-Ikonographie erinnert, aber es sind zwei Frauen. Wenn diese Bilder in ihrer Entfremdung im Sinn sind, bin ich mir als Betrachter nicht immer sicher, ob die Mütter mit dem Kind nicht manchmal auch Maria und Jesus abbilden bzw. auf dem Bild, auf dem zwei Frauen nebeneinander sitzen und beide haben etwa gleichaltrige Kinder auf dem Schoß, was an Maria und Jesus mit Elisabeth und Johannes erinnert. Er versetzt die biblischen Texte in seine Zeit, was Künstler vor ihm auch gemacht haben.
Er hat auch eindeutige christliche Motive. Das golden leuchtende Kreuz hoch erhaben, vor dem die Gemeinde steht; die Himmelfahrt, aber am Grab kniet noch jemand betend, trauernd. Oder Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß umgeben von weiß gewandeten Frauen und Kindern, mit blühendem Baum und Blumenkränzen auf dem Haar. Eine Reihe, in der auch weißgewandete zur Musik einer Geigenspielerin tanzen. Die trauernde Maria? vor dem Kreuz, auf gleicher Ebene mit dem Kreuz, der gestorbene Jesus neigt sein Haupt nach links, die trauernde Maria nach rechts, die Arme von Jesus weit am Kreuz ausgebreitet, die Arme der Trauernden eng am Körper angelegt. Maria Magdalena kniet vor dem auferstandenen Jesus – sie ganz in schwarz gekleidet, Jesus hell gewandet – im Hintergrund kahle Bäume, in einem sind drei Kreuze abgebildet, im Vordergrund helle blühende Büsche, Bäume wie Blumen. Oder auch Mythen wie die vom heiligen Hirsch hat er gemalt. Maria in strahlendem blauen Kleid bei der Ankündigung der Geburt – der Engel steht eher im Hintergrund – oder kommt er erst zur Maria? Ein Motiv, das er häufiger malt, Maria mit Lilie. Maria – vor der Ministranten stehen – im Grunde die Statue in den Kirchen belebt. Eindrücklich sind viele Gemälde, auch das des Kreuztragenden Jesus: das Kreuz ist Lila, das Gewand ist rotfarben, im Vordergrund schwarze Frauen, von der eine ihn umarmt, das schwarz geht in Dunkellila über zu dem römischen Heer, das dem Gekreuzigten folgt.
An manchen Bildern wird deutlich: Christus ist mitten im Leben des 19. / 20. Jahrhunderts, im Alltag, wie er damals im Leben, im Alltag war. Und die Menschen, die ihren Alltag leben, leben ihn als Widerspiegelung des göttlichen Wirkens im Alltag. Das lässt sich nicht von allen Bildern sagen, aber ich denke damit die Intention ein wenig wiederzugeben. Die Menschen in der Natur, am Strand, sie erleben die Schöpfung, sie sind Teil der guten Schöpfung. Wenn diese Perspektive richtig ist, stellt sich mir die Frage, ob auch das Bild „Weg nach Golgatha“, das ich oben beschrieben habe, auch die Kriege der Gegenwart im Blick hat? Die anonyme schwarze Masse des Heeres, die das Individuum bedroht, trauernde Frauen trotzen der dunklen Masse, selbst dunkel, aber individualisiert, sich mit dem Opfer, Jesus, verbindend. Denis ist in dem Kriegsjahr 1870 geboren. Als er das Bild 1889 (?) malte, war das Trauma der Niederlage für Frankreich noch nicht überwunden.
Wir haben im Deutschen das Gebet: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.“ Ich vermute einmal, dass französische Christen ein ähnliches Gebet haben. Eines der Bilder erinnert mich daran. Menschen in braun dunklem Gewand sitzen / stehen im Gebet versunken am Tisch, zwei Kerzen stehen darauf, Brote liegen dort, und ein sonderbar weiß gekleideter Mensch sitzt ebenso am Tisch. Hinter diesem zwei Frauen mit ebenfalls dunkleren Gewändern mit Gegenständen in der Hand. Sie neigen den Kopf. Und draußen, so sieht man in der geöffneten Tür, herrscht das Stadtleben.
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Zu seiner Biografie s. https://de.wikipedia.org/wiki/Maurice_Denis Er gehörte der Künstlergruppe Les Nabis (Die Propheten – die Propheten im Sinne Propheten einer neuen Kunst) an. 1919 wollte er die religiöse Kunst wiederbeleben und gründete mit einem Künstlerkollegen die Gruppe Ateliers d´Art Sacré. 1937 wurden zwei seiner Bilder als Entartete Kunst aus dem Museum Folkwang / Essen entfernt. Eines davon: „Liebe IV.: Es ist ein religiöses Geheimnis.“ Wo die Bilder geblieben sind, ist unbekannt. Kopien liegen noch vor. Auch wenn Frankreich im 1. Weltkrieg gesiegt hatte, es hatte über 1 Million toter Soldaten, Millionen schwer Verwundeter und seelisch Verwundete, Traumatisierte zu beklagen. Mit Kunst sollte Trost gespendet werden und für Maurice Denis als frommer Katholik war eben die religiöse Kunst Trostspender. Zudem musste Frankreich sich moralisch erneuern und das ging nur über den christlichen Glauben. Privat: Seine Frau Marthe, die in vielen Bildern Modell war, starb nach 26 Ehejahren. Sie hatten 7 Kinder. Auch hier half der christliche Glaube in der Trauer.
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