Theologie als Weg, als Lern-Prozess

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Schon im 2. Jahrhundert versuchte Marcion (ca. 85-160) und die einflussreiche Gruppe der Gnostiker den Schöpfergott des Alten Testaments (den „Demiurgen“) von der Verkündigung durch Jesus zu lösen. Diesen Ansatz gibt es auch in der Gegenwart wieder. Jesus habe nicht den alttestamentlich strengen, zornigen, fehlerhaften Kriegsgott gelehrt, sondern den liebenden, gnädigen, höherwertigen Gott, den Gott des Friedens (so z.B. der Journalist Franz Alt [*1938] und aus rassistischer Perspektive Theologen des Nationalsozialismus: der alttestamentliche Gott sei jüdisch – der neutestamentliche nicht mehr so richtig, weil Jesus Arier war – und der wahre Gott wird von Martin Luther [1483-1546] verkündet).

Dieser hier vorgestellte Ansatz des Prozesses zeigt, dass dieses Schubladendenken ein Kurzschluss ist. Schubladendenken ist nicht in der Lage, in dynamischen Prozessen zu denken, sondern ist verengt. Dieser Ansatz verkennt, dass es sich in dem Verhältnis von Gott und Mensch – Mensch und Gott um eine Beziehung geht, um eine Beziehungsgeschichte. Gott lässt sich auf die Menschen ein, auf ihre Kultur, ihre Irrtümer, ihre Gewaltsucht, ihre Bösartigkeit – was wir eben als „Sünde“ bezeichnen. Gott versucht den Menschen von innen heraus zu verändern, Schritt für Schritt, Nuance für Nuance – und das auch in durch Menschen verursachten Rückschritten. Es ist eine göttliche Form der Erziehung. So wandelt sich der Mensch mit der Hilfe Gottes – so wandelt sich eben auch mit Gottes Hilfe des Menschen Gottesbild, seine Vorstellung von Gott. Der Mensch projiziert seine Entwicklungsstufen, seine Ängste, seinen Willen zur Macht, seine archaischen Riten, aus Ängsten geboren, in Gott hinein. Schritt für Schritt holt Gott den Menschen durch seine Geist aus seiner Arroganz heraus, wendet ihm dem nächsten Schritt zu. Das aber nicht, indem er in dem Kollektiv oder dem Volk oder sonst etwas aufgeht, sondern als freie Person, die verantwortungsbewusst und selbständig handelt.

Kurz gesagt dieser Ansatz (Marcion, Alt u.v.a.), der den alttestamentlichen Gott von dem durch Jesus verkündigten Gott trennt, ist ein Rückschritt, weg von Dynamik, hin zu Erstarrung. Und die Erstarrung bedeutet auch: Menschen basteln sich ihren eigenen Gott (wie es Ludwig Feuerbach [1804-1872] unter anderer Perspektive gesehen hat). Gottes Weg durch die Geschichte ist hingegen bestimmt von Geduld, sich Einlassen auf menschliches Chaos – wie uns die Bibel und Jesus Christus lehrten. Zudem bricht die Theologie als Lernprozess egoistische und nationalistische Projektionen auf Gott auf. Gott lässt sich nicht durch unsere Ideologie und Weltanschauung gefügig machen. Wer auf Gott hört, statt auf sich selbst wird infrage gestellt, korrigiert – kurz, mit dem Neuen Testament gesprochen -: Der Mensch kehrt um.

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Ein anderer Ansatz versucht die Säkularisierung als höherwertig anzusehen. Also: erst der Geister-/Ahnenglaube, dann der Polytheismus, dann der Monotheismus, dann die Loslösung von Gott durch den Säkularismus, Atheismus (Auguste Comte [1798-1857]). Dieser Ansatz geht davon aus, dass der Mensch sich Religion erfindet – und die Loslösung von der erfundenen Religion ist dann die höchste Stufe der Aufklärung.

Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) hat gelehrt, die Säkularisierung als eine Form anzusehen, die im Christentum begründet ist. Denn es begann schon im Alten Testament, dass die Schöpfung eben Schöpfung ist und nicht in sich eine Gottheit. Also nicht die Sonne ist Gott, sie ist nur eine Lampe am Himmel. Oder der Glaube an Jesus Christus wurde in der Antike als Atheismus verstanden, weil Christen an einen Menschen glaubten. Dazu gehört auch die Wendung weg von den Göttern hin zu dem Menschen in der Nächsten- und Feindesliebe. Das wird immer weiter fortgesetzt: Der Mensch wird, um mit Bonhoeffer zu reden, immer mündiger.

Es wird in den letzten Jahrhunderten erkennbar, dass der Säkularismus in seinen unterschiedlichsten Formen, immer dogmatischer wird. Er versucht den Menschen in seine Weltanschauung, seine Gott-lose Weltanschauung hineinzuzwingen. Es werden eigene Strukturen errichtet, die zum Teil Menschen knechten, Freiheit nehmen. Es gibt keinen Gott mehr als Korrektiv, sodass Menschen sich selbst wieder zu Göttern erheben. Nicht wie in der Antike, dass einzelne Herrscher als Götter(söhne) angesehen wurden, sondern Gruppen fühlen sich als „göttliche Wesen“, die andere beherrschen können, von anderen verlangen, ihre Weltanschauung aufzugreifen, ihrer Ideologie zu folgen.

Theologie als Prozess zeigt auch, dass der Säkularismus und der Atheismus sich von Gott lösen, weil sie gegen falsche Gottesvorstellungen, gegen Karikaturen Gottes angehen. Von daher sind sie, auch wenn sie sich gegen Gott wenden, Teil des Weges Gottes mit dem Menschen in dem theologischen Prozess. Gott lädt ein, frei zu glauben.

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