Die Römerin

Die Römerin, die Jesus schützen wollte, aber – zum Glück – an einen feigen Ehemann geraten war. Kann das so zusammengefasst werden?

Im Matthäusevangelium finden wir eine Aussage in 27,19, dass die Frau des Pilatus diesem ausrichten ließ, dass er Jesus nicht hinrichten solle, weil er ein gerechter Mann sei und sie seinetwegen einen Alptraum gehabt habe. Aber Pilatus ließ sich nicht beirren, weil der Druck der Meute so stark war, und verurteilte Jesus zum Tode am Kreuz.

Wir kennen den Namen der Frau nicht. In historischen Quellen begegnet er nicht, ebenso nicht in der Bibel – nur in christlichen Legenden. Dort hieß sie Claudia Procula. Die Legende ordnet sie also dem Claudier-Clan zu, dem Kaiserhaus, allerdings muss sie nicht Nachfahre sein, sondern die Vorfahren können ein dem Haushalt der Claudier Zugehörige gewesen sein; Procula – der Name könnte einfach Nachkomme bedeuten oder aber auch: das Kind wurde geboren, als der Vater in der Ferne, also als Soldat usw., weg war. Es ist aus meiner Sicht nicht erkennbar, dass es ein symbolischer Name ist. Auf jeden Fall signalisiert der (später gegebene?) Name eine Frau, die gut sozialisierte römische Bürgerin war (als Nachfahre von Freigelassenen?).

Träume sind Botschaften von Göttern – und so hatte sie das als Römerin vermutlich auch interpretiert. Aber auch Gott kommuniziert durch Träume. Aus dem Alten Testament sind vor allem die Zukunftsdeutungen von Träumen durch Joseph bekannt, aus dem Matthäusevangelium kennen wir den Zukunftstraum/Warntraum des Vaters von Jesus sowie auch den Interpretationstraum. Einen Warntraum soll auch die Frau Caesars gehabt haben, Calpurnia, bevor dieser ermordet wurde. Es gab zudem Heilträume in Tempeln. Und diese Heidin hatte einen Traum, sah Jesus als Gerechten und ihren Mann als einen, der den Gerechten tötet, somit Strafe zu befürchten hat.

Zum Glück setzte sie sich nicht durch? Hätte sie sich durchgesetzt hätte keine Erlösung stattgefunden. Kam also der Traum von Gott? (3)

Für das Matthäusevangelium kommt es auf die Aussage an, dass sie träumte, er sei ein Gerechter gewesen. Die in der Bibel namenlose Heidin hat also erkannt, was die Ankläger und ihr mächtiger Mann nicht erkannt haben. Was hat er sich mit Blick auf den Alptraum gedacht? Dass der christliche Glaube das heidnische Rom stürzen würde? Weiß Matthäus etwas von der weiteren Zukunft des Pilatus-Paares?

Kam es für Matthäus auch darauf an zu sagen: Gott warnt – aber er kennt seine Pappenheimer: Menschen mit ihrem freien Willen machen dann doch das, was sie wollen – sie hören nicht auf Warnungen?

Pilatus offenbart seine Feigheit angesichts der Masse,
die Mächtigen offenbaren ihre Machtgier,
die Religiösen zeigen ihren Fanatismus,
die Mitläufer laufen mit zur Vernichtung anderer,
Judas – wer weiß, warum auch immer er Jesus verriet. (2)
Auch wenn sie gewarnt wurden.
Die Freiheit des Willens kann auch dem Bösen dienen.

Auf jeden Fall ist deutlich, dass die Frau des Pilatus sehr gut zu der Passions- und Auferstehungsgeschichte passt. Frauen spielen eine positive Rolle. Was für die damalige Zeit – auch aus juristischer Perspektive – spannend ist. Die Frauen sind Kontrastmenschen zu den männlichen Verrätern, Machtmenschen, Gewalttätern, Fliehenden, Verleugnern. Menschen am Rand werden hervorgehoben. So passt die später so genannte Claudia Procula also ganz in dieses Muster: Im letzten Augenblick will sie den Gerechten retten, sie litt seinetwegen im Traum. Der Name Jesu wird im Kontext ihres Traums nicht genannt. Ihr Gewissen – oder ihre Angst? – befahl der heidnischen Frau, sich für den Gerechten einzusetzen – aber es wird ignoriert, sie wird ignoriert. Sie sagt die Wahrheit – die keiner hören will.

(1) Pilatus war römischer Präfekt in Judäa. Er hatte die Juden mit seiner Brutalität provoziert, sodass diese in Rom gegen ihn Beschwerde einlegten. Er stand also unter Beobachtung. Von daher tat er das, was von ihm verlangt wurde. Einerseits. Zum anderen war Jesus auch den Römern ein Dorn im Auge, weil im Konflikt mit den Parthern Israel als Grenzland stabil bleiben musste. Pilatus wurde ca. drei bzw. sechs Jahre nach Jesu Hinrichtung wegen seiner brutalen Taten nach Rom zur Verantwortung geschickt. Was mit ihm passierte ist (außerhalb von Legenden) ist unbekannt, weil inzwischen der für seine Verurteilung verantwortliche Caesar Tiberius gestorben war.

(2) Siehe mein Buch: Brauchte Gott den Verräter?: Die Gestalt des Judas in Theologie, Unterricht und Gottesdienst (Dienst am Wort: Die Reihe für Gottesdienst und Gemeindearbeit, Band 85)

(3) Könnte Gott die Erlösung nicht auch anders erreicht haben als durch die Hinrichtung Jesu am Kreuz? Wollte Gott die Erlösung anders erreichen, warnte er darum die Menschen? War also die Hinrichtung ein nicht eingeplanter Akt, eine Art Kollateralschaden, Betriebsunfall? Hat Gott sich in den Menschen geirrt? Aus biblischer Sicht: Gott hat gewusst und in Kauf genommen, dass er in seinem Sohn hingerichtet wird. Die Bosheit der Menschen gegen Menschen und gegen Gott wird in dieser Tat der Menschen deutlich. Der Mensch in seiner von Gott gegebenen Freiheit ist auch frei, sich gegen Menschen und Gott zu entscheiden. Gott ruft, Gott warnt, Gott setzt sich ein – aber der Mensch ist frei, seine Freiheit zum Bösen zu verwenden. Aber ist der freie Mensch ohne Gott wirklich frei? An dieser Stelle wird dann deutlich, dass die christliche Tradition erkannt hat: Der Mensch achtet auf die Einsäuselungen und Argumente dessen, der Gott bekämpft, er gibt sich dem Widersacher Gottes hin. Er kann sich von Gott befreien lassen – aber das verknäulte Wesen Mensch bleibt lieber verknäult, findet kein Anfang, kein Ende, verwirrt sich in sich selbst. Natürlich kann der Mensch auch nett sein, hilfsbereit, freundlich. Und in jedem Menschen, der zum Guten wirkt, liegt die Hoffnung der Menschheit. Er brodelt als Mensch jedoch im Untergrund. Schnell kann die Ruhe in Bissigkeit umschlagen. Immer wieder erkennen Menschen in Umbruchsituationen: aus den freundlichen Nachbarn können Raubtiere werden (Nationalsozialismus, Kommunismus – aus neuerer Zeit: Kambodscha, Bosnien-Herzegowina, Ruanda, Islamisten gegen Jesiden, Christen, Kurden, aus freundlichen Menschen können Verräter, Vergewaltiger, Mörder, Betrüger werden). Dass Menschen auch wirklich freundlich sein können, liegt an dem Wirken des Gottesgeistes, der den Menschen als Ebenbild Gottes erhalten möchte, sonst hätten sich Menschen schon längst ausgerottet.

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