Zusammenfassende Anmerkungen zum: Preußischen Choral

In dem Buch von Kurt Ihlenfeld (Hg.): Preußischer Choral. Deutscher Soldatenglaube in drei Jahrhunderten, Eckart-Verlag, Berlin-Steglitz 1935 werden Texte zitiert, in denen wichtige militärische Persönlichkeiten ihren christlichen Glauben bekennen. Das Ziel des Büchleins wird zu Beginn genannt: Es wurde in der Zeit des Nationalsozialismus der Vorwurf laut, dass „der christliche Glaube den Menschen in seinem politischen Handeln schwäche und untauglich mache zum Einsatz für Volk und Staat.“ Diesem Vorwurf begegnet Ihlenfeld mit den Zitaten vieler berühmter Heerführer und Herrscher, die Preußen durch Siege zu einer großen Macht verholfen haben. Mit ein paar Aussagen aus dem 17. Jahrhundert beginnt er, aber so richtig geht es mit dem 18. Jahrhundert los – Friedrich Wilhelm I. – und endet mit dem 20. Jahrhundert – Hindenburg. Hindenburg wird auf vielen Seiten als großer frommer Mensch vorgestellt – und dann, ich habe den letzten, der zitiert wird, unterschlagen: Hitler. Ein kurzer Text von Hitler, in dem er von der Vorsehung spricht. Wenn man all die vorangegangenen Texte liest, die tiefen Reflexionen zum Glauben – und dann kommt da so ein dürrer „Vorsehungs-„Text daher, ahnt man schon, dass die Sympathien des Herausgebers nicht bei dem Gröfaz (spöttisch: Größter Feldherr aller Zeiten – nach dem Fall von Stalingrad 1943 möglicherweise in militärischen Kreisen entstanden) liegen. Wie auch bei den Gedichten (s. nächsten Link) erkennbar war, werden ideologisch agierende Dichter eingefügt, ich vermute aus taktischen Gründen, um die Zensur zu verwirren.

Das Buch kam mir in die Hand in der Beschäftigung mit Ihlenfeld, und ich wollte wissen, wie er in der Zeit des Nationalsozialismus dachte. Die anderen Bücher, die ich im Blog vorgestellt habe, s. auch: https://gedichte.wolfgangfenske.de/kurt-ihlenfeld-die-zuversicht-100-gedichte-aus-100-jahren/, haben das schon ahnen lassen. Ich wollte es aber noch einmal überprüfen. Nationalsozialistische Gesinnung ist bei ihm an keiner Stelle zu erkennen. Er versucht also der nationalsozialistischen Ideologie mit Hilfe der Zitate berühmter preußischer Generäle und Herrscher ein christliches Bild (dazu unten mehr) entgegenzustellen. Zudem wird signalisiert, dass Hitler massiv von diesen berühmten Vorfahren abweicht. (Nur für manche , die mit Geschichte so ihre Probleme haben, eine sarkastische Anmerkung: traditionelles und christliches Denken ist nicht identisch mit nationalsozialistischer Ideologie.)

*

Ihlenfeld möchte mit den in dem Buch aufgeführten Zitaten zeigen, dass große Heerführer tief im Glauben standen bzw. ihn respektierten. Nicht nur das: Sie waren keine Speichellecker und gingen mit Bücklingen zu den Herrschern, sondern handelten verantwortungsbewusst. Als Beispiel sei genannt – was auch gegenwärtigen Spöttern entgegengehalten werden kann – : https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/26/spott-2/ und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/28/provokation-zum-tag-erbaermlich

Spannend fand ich im Zusammenhang der Lektüre, dass alte Texte in ihrer Intention heute noch gültig sind. Als Beispiel der Text von Schleiermacher. Heftig dürften unsere Zeitgenossen den Text ablehnen – aber wenn man Frankreich durch Russland ersetzt, dürfte es in manchen Hirnen „klick“ machen: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/26

Diese alten Texte regten zum Teil auch dazu an, über die Verbindung von Tradition und Gegenwart bzw. über den Bruch beider nachzudenken.

Zum Beispiel: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/28/der-herd/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/29/glaubensbekenntnis-ausblick-in-die-welt/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/30/provokation-zum-tag-rebecca-lolosoli-erbe und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/30/bismarck-rede-pflicht/ und um die UN geht es: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/31/provokation-zum-tag-helmuth-von-moltke-un

*

Das Buch heißt: Preußischer Choral. Ich hatte ursprünglich gedacht, bevor ich es bestellt hatte, dass es auch in diesem Band um Gedichte / Lieder geht. Aber wie dargelegt, war die Intention eine andere. Doch was hat der Titel mit dem Band zu tun? Durch fast alle Jahrhunderte begegnet in manchen Zitaten aus Briefen und Tagebüchern der Hinweis auf das Te Deum wie auch auf andere protestantische/christliche Lieder. (Ich weiß nicht, ob ich alle erfasst habe!) Mal wird bei einer Feier „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362; ein Regiments-Tambour 71) gesungen, mal werden in den Schlachten diese oder jene Gesangbuchlieder genannt/gesungen: „O Gott, du frommer Gott“ (EG 495, die 2. Strophe; Choral von Leuthen 47), „Was Gott tut, das ist wohl getan“ (EG 372; Bismarck 153) oder „Ich bete an die Macht der Liebe“ (EG [Hessen/Nassau] 617) oder: „Nun danket alle Gott“ (EG 321; „Choral von Leuthen“ 50; v. Borke 106; Regiments-Tambour 71), „Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut“ (EG 326 – aber die 3. Strophe -; v. Boyen 94). „Du heilige Dreifaltigkeit, Du hochgelobte Einigkeit“ (EG [Bayern/Thüringen 660. Dort allerdings: O heilige Dreifaltigkeit, o hochgelobte Einigkeit“; Link 61).

Aber ein Lied, das sich wie ein Roter Faden durchzieht ist das Te Deum. Zuerst geht es wohl um das Te Deum in der Version Luthers: „Herr Gott, dich loben wir“ (EG 191; mehrere Zeugen nach der Schlacht von Leuthen 46ff.; Liebler 56; Link 61; ein Unteroffizier 63; v. Rudolphi 105; ein Landwehrmann 107), später dann „Großer Gott, wir loben dich“ (EG 331; unbekannter Soldat 173).

*

Der Titel des Büchleins leitet sich nicht daher, dass es Lieder von Soldaten aufgreift, sondern dass es christliche Lieder gab, die im Militär oder von Soldaten gerne gesungen wurden. Dazu gehört das Te Deum in der Version Luthers und später in der uns bekannteren Version: Großer Gott, wir loben dich.

Als Zusammenfassung möchte ich das wiedergeben, was ich im Kontext der Darlegung des Liedes „Nun danket alle Gott“ https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/25/nun-danket-alle-gott/ schrieb:

Wie vor ein paar Wochen in einem anderen Zusammenhang geschrieben: Es ist ein Unterschied, ob einzelne Glaubende oder auch eine Gruppe Glaubender in solchen militärischen Lagen Gott danken, oder ob der Glaube bewusst von Höhergestellten eingesetzt wird, um Menschen zu motivieren, sie zu manipulieren und zu beeinflussen. Nicht immer ist freilich das eine vom anderen zu unterscheiden. Aber der Dank an Gott gerichtet für Bewahrung durch den Einzelnen sollte nicht abgelehnt werden, weil andere den Glauben dazu benutzen, Menschen zu manipulieren. In dem oben genannten Band sehen wir beides: persönlichen Glauben – und die Benutzung des Glaubens. Freilich ist davon wieder zu unterscheiden: Wird der Glaube nur instrumentalisiert, um einen Sieg zu erringen – oder wird er ausgesprochen, um Menschen persönlich zu stärken, zu ermutigen, zu trösten. Auch hier freilich: Beides ist nicht immer zu unterscheiden.

Letztlich: Glaube ist mächtig, um Menschen zu helfen. Aber auch: Glaube kann missbraucht werden. Und so sind wir wieder da, wo wir in allem stehen:

Liebe ist mächtig – kann missbraucht werden;
Wissenschaft ist mächtig – kann missbraucht werden;
Technik ist mächtig – kann missbraucht werden;
Medien werden mächtig – können missbraucht werden;
Ordnung im Staat ist mächtig – kann missbraucht werden;
einzelne Menschen werden mächtig – sie können Macht missbrauchen;
Philosophie ist mächtig – kann missbraucht werden;
Religion ist mächtig – kann missbraucht werden.

Liebe, Wissenschaft, Technik, Medien, Ordnung, mächtige Menschen, Philosophie, Religion abzulehnen, weil sie bzw. Macht missbraucht werden könnten, zeugt nicht gerade von Klugheit. Von Klugheit zeugt: Missbrauch aufzudecken, damit der wahre Kern leuchten kann.

*

Über die Macht von Wörtern in Kombination mit Musik dachte ich in diesem Kontext nach https://blog.wolfgangfenske.de/2026/02/02/nachtwaechter-lied/ :

Texte / Lieder sind eine Macht, die Menschen aufrichten kann und natürlich auch zerstören kann (so versuchte Archilochos von Paros die Frau, die er nicht bekommen konnte, mit brutalen Texten zu erniedrigen. Angeblich sollen sich einige aus Scham wegen dieser Verse umgebracht haben: https://de.wikipedia.org/wiki/Archilochos). Aber Texte können auch aufrichten, ermutigen, die Seele in den Himmel heben, die von anderen getreten wurde. In unseren Gesangbüchern haben wir sehr viele solcher Texte. Sie stehen in der biblischen Tradition, sind vor allem auch Folge der guten Texte, die wir im Evangelium / der Frohen Botschaft von Jesus Christus finden.

Diese biblischen Texte haben so viele Samen gestreut, die in den Gesangbüchern – aber auch in vielen christlichen Liedern der Moderne – aufgegangen sind und wiederum neue Samen streuen. Gedichtsammlungen heißen „Anthologien“. Auf Deutsch heißt das weitergeführt: Blumen-Sammlung, Blütenstrauß. Die schönsten werden gesammelt und zusammengefügt. das passt freilich nicht zu meiner Aussage von den aussäenden Blumen, aber das Bild einer „Anthologie“ beeinflusste meine Worte.

*

In einer ideologisch aufgeheizten Zeit, wie die Zeit des Nationalsozialismus eine war, dürfte diese Argumentation die Ideologen wohl kaum besonders imponiert haben. Aber sie dürfte Christen gestärkt haben. Die Frage ist: Gestärkt – aber wozu? Um dem oben genannten Zitat zu widersprechen: denn auch der christliche Glaube macht den Menschen in seinem politischen Handeln stark zum Einsatz für Volk und Staat. Warum er gerade das Militär als Thema ausgesucht hat, weiß ich nicht. (1) Diese Vorwürfe gibt es ja bis in die Gegenwart, natürlich nicht unter Verwendung der Wörter Volk und Staat. Heute wird eher allgemein gesprochen, dass der christliche Glaube nichts tauge, nichts zur Menschlichkeit beitrage, Wissenschaft ablehne, asozial sei usw. Heute würden wir – und tun es auch – eben nicht militärische Beispiele nennen, um der ideologischen Unwissenheit mit Gegenargumenten zu begegnen. Aber ich vermute auch hier: Ideologen dürften diese Gegenbeispiele aus Wissenschaft, Kunst, sozialem Engagements usw., die in großer Fülle vorliegen, nicht überzeugen. Im Gegenteil. Moderne hardcore Ideologen sagen zwar: gut, die haben sich christlich geäußert und geglaubt – aber sie haben es nicht als Christen getan, sondern als Menschen. Quid erat demonstrandum – und: Fidem credentis negare inhumanitas est. („Was zu beweisen wäre.“ – „Den Glauben der Glaubenden zu verneinen ist unmenschlich“ / in dem Sinne: Wer anderen den Glauben, den er als Motor und Halt im Leben ansieht, abspricht, nimmt ihn nicht ernst – und das ist unmenschlich.“)

Ich empfinde solche Argumente gegen den Glauben auch als Hilflosigkeit der aggressiven Gegner. Denn sie können nicht verneinen, dass die jeweiligen Christen etwas Großes, Bewundernswertes, Innovatives geschaffen haben – versuchen das aber einfach vom Glauben abzukoppeln. Ich denke da an Johann Sebastian Bach. Welche Verrenkungen gibt es, seine Kompositionen als wunderbar anzusehen – aber vom christlichen Glauben zu abstrahieren. Warum? Nur, damit man sich nicht vor anderen Nichtgläubigen schämen muss, wenn man gerne Bach hört? Bemitleidenswert.

Letztlich geht es jedoch nicht um diese Auseinandersetzungen, sondern darum, die Welt im Sinne Gottes besser zu machen, lebenswerter. Wir Christen sollen aber unser Licht auch nicht unter den Scheffel stellen und den Glauben auch nicht relativieren lassen. Es geht nicht um uns Christen: Es geht darum, die Negation Gottes um der Menschen Willen abzulehnen. Denn das ist meine feste Überzeugung: Wenn Menschen Gott verlassen, kommen sie in Teufels Küche. Oder auf Latein:

A Deo recessus, diaboli excessus.
Abkehr von Gott, Ausbruch des Teufels.

(1) In dem Band, den Ihlenfeld herausgegeben hat: Die Stunde des Christentums. Eine deutsche Besinnung, 1938, vierte Auflage, reagiert Ihlenfeld auf den Vorwurf von Nationalsozialisten, dass der christliche Glaube (als jüdische Religion) eine Fremdreligion sei und damit dem deutschen Volk geschadet habe. Er lässt verschiedenste Dichter seiner Zeit dieses Thema behandeln, da er meint, dass Dichter die Fähigkeit haben, in einem Gedicht das Wesen der Zeit, des Volkes zu erfassen. Der Titel greift die Vorwürfe der Ideologen (auch Hitlers; er sagte sinngemäß: lassen wir die alte Frau in der Kirche – die Jugend gehört uns) auf, die meinen, die letzte Stunde des Christentums habe geschlagen. Dem setzt er entgegen: Die Stunde des Christentums. Und damit ist verbunden die Stunde der Entscheidung: für oder gegen Christus. Ich weiß nicht, wer auf den Titel gekommen ist, denn das Buch wurde, wie Ihlenfeld schreibt, mit Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Rudolf Alexander Schröder konzipiert.