
Ich hatte gestern schon darauf hingewiesen, dass das Glaubensbekenntnis bzw. die Auslegung von Luther eine neue Perspektive in den Alltag der Menschen brachte. Wenn man sich vorstellt, sie arbeiteten in der Zeit Luthers in ihrem Dörfchen / Städtchen landwirtschaftlich / handwerklich, waren darauf bedacht, zu überleben, für den Winter vorzusorgen, ohne sich viel Gedanken um die weite Welt machen zu können, dann öffnete das Glaubensbekenntnis die Alltagswelt. (Ca. 80-90% der Menschen lebten auf dem Land und als „große“ Städte galten Städte mit 10.000-40.000 Einwohnern.)
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Nehmen wir den ersten Artikel – ich überschreibe ihn: Von Gott dem Vater geschaffen. Der Text des Glaubensbekenntnisses und der Erläuterungen Luthers wurde kopiert aus: https://www.ekd.de/Kleiner-Katechismus-Zweite-Hauptstuck-13471.htm
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Was ist das?
Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.
Das ist gewißlich wahr.
Dieser Artikel zeigt in einem Wechselspiel auf die gesamte Schöpfung – auf mich – auf Gott. Alles, was mich umgibt, ist Teil der Schöpfung – und ich bin ein Teil von ihr. Ich bin wertvoll, Gott hat mir Leib und Seele gegeben, Sinne und, was manche noch immer nicht glauben: Vernunft, ich als Knecht/Magd, kleiner Landwirt, kleine Landwirtin habe Vernunft – nicht nur die hohen Herren! Mir wird bewusst gemacht, in meinen schweren Alltag hinein, dass ich von Gott beschenkt worden bin. Gott macht mich zu dem, der ich bin. Gott erhält mich. Ängste werden von mir genommen. Dann wird darauf hingewiesen, warum Gott das macht: aus väterlicher Güte und Barmherzigkeit – mir kleinem, aus menschlicher Perspektive gesehenen Nichts. Nicht nur Fürsten, Mönche, Päpste: Ich. Gott ist nicht bösartig, Strafen sind nicht im Blick, Gott beschenkt mich. Und weil dem so ist, richte ich mein Leben nach ihm aus. Dank und Lob weisen mich hinaus aus dieser Alltagswelt, hinauf zu Gott. In das schwere Leben wird eine Bresche geschlagen, ich verkrümme und verkümmere nicht in mir selbst, der Blick richtet sich mit Lob und Dank in die Freiheit Gottes. Der Alltag wird aufgebrochen – damit ich ihn bewältigen kann.
Der zweite Artikel – ich überschreibe ihn: Von Jesus Christus befreit:
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Was ist das?
Ich glaube, daß Jesus Christus, wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, sei mein Herr, der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben, gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels; nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben; damit ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden vom Tode, lebet und regieret in Ewigkeit.
Das ist gewißlich wahr.
Das Glaubensbekenntnis selbst weist mich in die Vergangenheit, in die Geschichte. Ich bin Teil der langen Menschheitsgeschichte. Wie im ersten Artikel gesehen, bin ich Teil der Schöpfung, nicht nur das, ich bin auch Teil der Geschichte, die Gott mit der Schöpfung geht. In diese Geschichte hinein bricht ein großes Ereignis: Jesus Christus. Gott kam in dem Menschen Maria in die Geschichte, er leidet unschuldig (wie ich), er stirbt, wie wir und aufersteht von den Toten – er regiert die Geschichte. Er kam nicht nur in die Weltgeschichte, wie Luther in der Erklärung betont, sondern ich bin Teil seiner eigenen Geschichte, seine Lebensgeschichte wird meine Lebensgeschichte. Mein Leben ist durch ihn geprägt. Ängste beherrschen mich: verloren, verdammt, Sünde, Tod, Gewalt, Teufel – aber Christus kommt in meine Lebensgeschichte: erlösend, ich bin sein Eigen, so sehr sein Eigen, dass er meinetwegen sein Blut vergossen, sein Leben gegeben hat. Das alles, damit ich Mensch in meinem Alltag ihm gehöre. Ich gehöre nicht dem Alltag, ich gehöre nicht irgendwelchen Menschen, die mich beherrschen wollen oder auch tun, ich gehöre nicht Gedanken der Verdammnis, nicht dem Teufel, nicht dem Tod: ich gehöre Christus. Der Blick wird geweitet in die Wahrheit – und die Wahrheit liegt nicht in dem Leiden, sie liegt in dem, was Gott mir getan hat. Entsprechend kann ich auch anders leben – als Teil des ewigen Lebens schon jetzt: gerecht, unschuldig, selig.
Der dritte Artikel – ich überschreibe ihn: Vom Geist Gottes getragen:
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.
Was ist das?
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben; in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewißlich wahr.
Auch hier wird mein Blick geweitet. Ich bin nicht allein Teil der Schöpfung, Teil der Geschichte – ich bin auch Teil einer umfassenden Gemeinschaft: der Christenheit auf Erden. Ich lebe nicht nur isoliert in meinem Alltag auf dem Hof, meiner Handwerkskammer, meinem Dorf. Der Blick wird global erweitert. Dass ich überhaupt von dieser wunderbaren Gemeinschaft erfahre, Teil von ihr geworden bin, liegt daran, dass Gottes Geist und sein Evangelium mich erreicht haben. Ich, mit meinen Gaben, ich als Geschöpf, für das Christus gestorben ist, ich werde mit meinen Geistesgaben, auf die ich in der Erklärung hingewiesen werde, Teil des Großen Ganzen. Ich bin durch Gottes Geist nicht allein, sondern habe weltumspannende Gemeinschaft. Wie der Geist Gottes die Christenheit beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt, im richtigen Glauben erhält, Sünden vergibt, so auch mich. Das werde ich ganz deutlich merken, wenn ich aus den Toten auferweckt sein werde. Dann ist diese Gemeinschaft vollkommen.
Das kann ich freilich nicht aus mir heraus glauben. Meine Vernunft ist zu gering, meine Kraft ist zu schwach. All das zu glauben ist Werk des Geistes Gottes.
Zusammenfassung:
Der Ausgangspunkt der Überlegungen war: Das Glaubensbekenntnis mit der Erklärung Luthers bekommt eine große Bedeutung für den Menschen in seinem schweren Alltag. Er zeigt aus der Selbstverkrümmung und der Selbstverurteilung hinaus auf das große Handeln Gottes, von dem ich ein Teil bin. Es geht nicht nur um Selbstverkrümmung und Selbstverurteilung, sondern auch: Er hat wenig Rechte, ist oft arm, wird klein gehalten von der Obrigkeit und muss immer mit Krankheit, Verletzung und Tod rechnen. Ich bin nicht nur ein kleiner XY, ein Rädchen in der Weltgeschichte, von dem im Grunde keiner merkt, dass ich da bin, sondern: ich bin Geschöpf Gottes, beschenkt, erlöst und Teil einer großen Gemeinschaft Gottes.
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Bedeutung für die Gegenwart:
Die Situation hat sich verändert bzw. das, was damals bedrückte, hat ein anderes Gesicht bekommen.
Wir sind nicht mehr Leibeigene – aber der Leistungsdruck macht mich unfrei. Ich habe keinen Herrn über mir, aber das System bestimmt mich. Existenzängste sind damals wie heute vorhanden, sie haben nur andere Namen, manche Namen sind geblieben: Unfall, Krankheit. Auch heute also gilt: Hab keine Angst. Schau auf das, womit Gott dich beschenkt. Lass dich nicht kleinmachen, Gott hat dich – als Teil seiner Geschöpfe – groß gemacht. Darum: Verkümmere nicht in deinem Alltag, sondern weite ihn aus mit Lob und Dank. Das alles macht dich frei.
Wir fühlen uns durch Lebensbrüche entwürdigt und missachtet. Trennungen, Beleidigungen, nicht ernst genommen werden, Angst, zu versagen, sich selbst nicht verstehen. Keine Angst vor Gott haben wir heute – aber Angst vor der Sinnleere. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sehen wir das Chaos der Weltgeschichte. Menschen leiden unter Menschen, gibt es irgendwo einen Ausweg? Du bist nicht allein. Du gehörst Jesus Christus, der dich so liebt, dass er um deinetwillen sein Leben gegeben hat. Wenn Du weißt, dass du ihm gehörst, dann ist das der feste Anker in der Selbsterniedrigung und im Chaos der Weltgeschichte. Der Blick weitet sich – geht weg von der Selbsterniedrigung und der Entwürdigung durch andere, er geht weg vom Chaos der Weltgeschichte, hin zu dem, dem du gehörst, der die Welt regiert.
Trotz vieler Menschen um uns herum herrscht in manchen übermächtig das Gefühl der Einsamkeit. Wir sind frei – aber die Freiheit spielt uns Streiche: Ganz frei fühlen wir uns verloren – und wir wenden uns Gemeinschaften zu, die Gott nicht will, die für uns toxisch sind. Die weltweite Christenheit trägt dich. Du gehörst zu ihr. Der Geist Gottes ist es, der sie und dich aus dem Evangelium, der frohen Botschaft von Jesus Christus, bildet. In aller Auseinandersetzung ist die Christenheit durch den Geist Gottes eine Hoffnungsgeschichte, eine, die durch das Wirken des Geistes Gottes Bestand hat und in die Zukunft weist.
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