Der Herd

Bild mit Gemini bearbeitet – damit es schwebt.

In dem genannten Buch von Kurt Ihlenfeld: Preußischer Choral, 1935, 133, steht in einem Brief König Wilhelm I. , dass Vaterland, Ehre und Herd bedroht seien. My home is may castle – ist deutsch eher: Meine Heimat ist mein Herd? / Mein Herd ist meine Heimat?

Ich spinne ein wenig herum – also das Folgende ist nicht historisch gesichert.

Der Herd – wenn er Feuer hat, gibt es Wärme, gibt es Nahrung. Das Zimmer ist warm, Menschen haben Gemeinschaft, nicht nur Gemeinschaft der Lebenden, denn der Herd war auch Mittelpunkt der Vorfahren, die Menschen als Kind noch erlebt haben. Das Feuer knistert friedlich, es gibt ein wenig Licht, vor allem in der Nacht. Die Gerüche des Essens, des Herdes, der Kräuter – das dürfte auch nicht zu verachten sein mit Blick auf das Gefühl der Geborgenheit, der Zugehörigkeit. Der Ort, an dem Brot lag, geschnitten und gegessen wurde. Die Küche mit dem Herd: mein Platz, mein Zuhause, meine Heimat. Wer den Herd nicht mehr hat, verliert Schutz, das Leben wird unsicher, man ist nicht mehr mit anderen sozial verbunden. Verbunden mit Herd und Essen bedeutet: geregelten Tagesablauf. Wenn der Herd warm ist, dann gibt es wirtschaftliche Sicherheit, es gibt Ordnung, Regelmäßigkeit, die Lebensgrundlage ist gesichert. Feuer bedeutet auch: Nahrung, Licht – in Zeiten ohne Strom, ohne Gas. Die Wörter: „Hausrecht“, „Hausfrieden“ hängen eng mit der Küche zusammen. (Am Rande: Bei den alten Griechen und Römern: Hestia >privat<, Vesta >Staat<; aber auch sonst weltweit: Wo Feuer und Nahrung, da finden sich Menschen zusammen.)

Ich denke auch, dass der Herdraum (die Küche) der Ort war, an dem der Hausvater die Kinder und die Hausgemeinschaft spirituell zusammen waren: die Kirche im Kleinen. Die Bewohner des Hauses werden unterrichtet im christlichen Glauben, durch die Tischgebete wird die Küche zu Gott hin geöffnet, durch das Aufgreifen der 10 Gebote, an des Glaubensbekenntnisses und der Auslegungen durch Luther wird das Leben geweitet, in tieferen Schichten erfasst. Es sei mal https://www.ekd.de/Kleiner-Katechismus-Zweite-Hauptstuck-13471.htm aus dieser Perspektive gelesen: Der Alltag wird geweitet mit Blick auf Schöpfung, auf Geschichte, auf weltweite Kirche/Gemeinschaft – und Stabilisierung des Ich. Das Gespräch wird nicht nur von Banalitäten und notwendigem Alltag bestimmt, sondern bekommt durch die Glaubenstexte eine neue Tiefe, eine neue Prägung.

In gut situierten Häusern wanderte das Zusammensein freilich vom Herd zur guten Stube.

Dann kam die Moderne, die all sowas Gefühlsduseliges nicht mag. Sie hat dann das alles in den Orkus der Geschichte geworfen. Und je nach Gusto:
Frau am Herd – übel, oder am übelsten;
Ausgrenzung anderer – noch übler;
patriarchaler Zwang – am übelsten oder übel.
Wie alles, was wir Menschen im Extrem machen: Es wird missbraucht. Aber auch, wenn man aus ideologischen Gründen den „Herd“ rauskübelt aus dem Haus, gleitet man nur zur anderen ideologischen Seite aus. An die Stelle des Alten setzten die Rauskübler ihre neue Ideologie. Die einseitige Beurteilung der Tradition wird der Komplexität nicht gerecht. Menschen verlieren Geborgenheit – und haben doch Sehnsucht danach; Nahrung wird zu sich genommen – aber nicht mehr gewürdigt; usw. Und das mit der Ausgrenzung anderer durch die Vorstellung vom Herd dürfte auch zu böswilligen Übertreibungen gehören, wenn sie verallgemeinert wird, denn Gastfreundschaft war ein hohes Gut, nach dem Motto: wer an meinem Herd kommt, geht nicht hungrig fort / Hungrige speisen (Matthäus 25). Ehrlos ist der, der Pilger oder Hungrige fortschickte. Sie bringen Segen. Freilich: Wenn alle hungern, alle nach Essen suchen, wenn die Bettelei zur Gewohnheit wird, der Herd überfordert wurde, wenn die bürgerliche gute Stube nur mit „Filzpantoffeln“ betreten werden durfte, weil sie sämtliche Kostbarkeiten enthielt, dann war da nicht mehr viel von zu spüren von Gastfreundschaft und Herd. Dass Missbrauch getrieben wurde, das wird freilich auch an dem Brief sichtbar, von dem meine Überlegungen ausgingen.

Aber das war wohl einmal. denn ich meine mal gelesen zu haben, dass die Küche für manche wieder eine größere Rolle spielt. Die Resozialisierung der Küche als Teil des Wohnraumes, Kochinseln, an denen Menschen Gemeinschaft erleben. Gemeinsames Kochen, gemeinsames Essen – es wird von manchen wieder neu entdeckt, auf anderer Ebene als in Vorzeiten, aber was Ideologen verwerfen, bricht sich dann doch wieder in neuer Form Bahn.

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