
(Noch blühen sie nicht – passt aber zum Thema.)
Kurt Ihlenfeld veröffentlichte 1949 einen kleinen Band mit Gedichten: „Wo ein Zweiglein blüht.“ Dieses stelle ich hier vor: https://gedichte.wolfgangfenske.de/kurt-ihlenfeld-1901-1972/
In diesem Abschnitt schrieb ich:
Aus dem Jahr der Übersiedlung Ihlenfelds nach Westberlin stammt dieses Gedichtbändchen. Es betrachtet in vielen Gedichten einen Zweig, der abgebrochen wurde und nun in einem Glase beginnt zu blühen und auszutreiben. Es ist ein Büchlein des Übergangs. 1949 war ein Übergangsjahr, einmal was das Land betraf – zwischen Stagnation und Aufbruch, zwischen Trümmern Neuanfang, im Neuanfang Trümmer –, und dann auch das private Leben: Übersiedlung nach Westberlin. In diesem Übergangsbüchlein finden wir zahlreiche spannende Gedanken, die ich assoziativ interpretieren möchte.
Das erste Gedicht ist programmatisch. Es schildert den gebrochenen Zweig. Nach den Einleitungszeilen heißt es:
Er beugt sich übers Glas, als wäre er gefangen
und streckt sich nach der Freiheit aus,
die er besaß, solang er noch am Holz gehangen,
am starken Baum, am heimatlichen Haus.
Gefangen! Doch die Freude läßt nicht nach am Blühen,
die Kraft fließt in den Adern fort, das Blut
pocht weiter noch – o übermütiges Bemühen!
Wie dämpft doch sonst die Hast den Übermut!
…
Entsprechend ist jedes dieser Gedichte aus dieser Zeit des Übergangs heraus zu interpretieren, vermute ich: Das alte liegt in Trümmern – wir sind abgebrochen – und versuchen nun als Abgebrochene neu zu leben, zu blühen. Und so wird der Zweig in dem Glase Metapher für das zerschlagene Deutschland, das dabei ist, sich wieder aufzurichten. Aber gleichzeitig ist der Zweig eben noch ein Teil des alten Baumes. Dieser Aspekt darf bei Ihlenfeld nicht vergessen werden. Laut dieser Seite https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm war er Mitarbeiter im Dresdner Kulturbund, der sich „die geistige Erneuerung in einem demokratischen Deutschland zur Aufgabe gemacht hatte“. Und Kultur ist eben auch Kriegszeiten und die damit verbundene Verwahrlosung vieler in der Gesellschaft durch die nationalsozialistische Ideologie überdauernd. Von daher ist der Blütenzweig, wenn auch abgebrochen, ein Repräsentant des Baumes. Es geht Ihlenfeld aber nicht allein um diese große politische Frage, sondern auch darum zu schildern, dass Gott durch so einen unscheinbaren Zweig, durch kleine Wunder, das Individuum, den einzelnen Menschen ermutigen und aufrichten kann.
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