Apokalypse und KI

Ich habe einmal gelesen, dass einer der Unterschiede zwischen Literatur und Kitsch-Bücher der ist, dass die Kitsch-Bücher alles genau beschreiben, die „hohe“, „anspruchsvolle“ Literatur bestimmte Lücken lässt, die Leserinnen und Leser aus dem eigenen Erfahrungs- und Vorstellungsbereich füllen müssen. Gefühle werden mit Wörtern hervorgerufen – ganz gezielt. Die Kitsch-Bücher werden aber vielfach lieber gelesen, weil die Menschen häufig nicht fähig sind, es nicht gelernt haben, die Lücken selbständig zu füllen. (Ich bin nicht der Meinung. Das ist eine elitäre Vorstellung und hat nicht im Blick, dass Literatur unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt. Zudem schließt auch „anspruchsvolle“ Literatur nicht selten Lücken, sie muss Bilder direkt malen, sonst wäre sie, wenn sie nicht vom Thema her interessant ist, langweilig. Sie ist freilich komplexer. Nur ein kleiner Nebenaspekt: Das finde ich bei den Gleichnissen Jesu so faszinierend – nehmen wir das Gleichnis vom wachsenden Senfkorn: Es malt alles vor Augen – lässt aber im Entscheidenden Lücken / Brüche, die selbständig zu füllen sind und gefüllt werden können: Was ist das Reich Gottes? Wie wächst es? Im Inneren des Menschen, sozial, geschichtlich? Jesus trainiert unsere Eigenarbeit.)

Die Apokalypse des Johannes ist ein sehr bildreiches Buch. Es dürfte dennoch nicht der Kitsch-Literatur zuzurechnen sein, weil es sich um Symbole handelt, die vielfach gedeutet werden können, also Eigenarbeit nötig machen. In dem folgenden KI-Clip wird die Bildhaftigkeit der JohannesApokalypse mit Hilfe von KI wiedergegeben. Im Grunde ist das, nach der obigen etwas plumpen Überlegung, noch kitschiger als Kitsch, weil es den Menschen keinen eigenen Raum, keine Lücke mehr lässt. Es wird alles zugefärbt. Mehrdeutigkeit auch der Johannes-Apokalypse wird gestört, was offenes Symbol ist, wird vor Augen gemalt.

Brauchen Menschen das, die nicht gelernt haben, Lücken selbständig zu füllen? Brauchen Menschen also auch solche Texte / Filme / Clips, damit die Vorstellungen angeregt und geleitet werden, weil sie selbst nicht dazu fähig sind, die Texte mit ihren Lücken auszufüllen? Wer aber nicht gelernt hat, selbst Lücken zu füllen, wer nicht gelernt hat, Imagination zu trainieren – ist der nicht abhängig und leichter manipulierbar von denen, die die Lücken füllen? Ich muss mir die Bildhaftigkeit nicht selbst mit meiner Erfahrung erarbeiten, sondern ich kann mich hinsetzen und einfach konsumieren, es auf mich wirken lassen, ohne selbst nachzudenken, ohne selbst tätig zu werden. Das Verstörende der Apokalypse wird aufgehoben – oder auf eine andere Ebene gehoben?

Wenn man das unten ansieht – ist das nicht mehr verstörend – oder aber: auf eine andere Art verstörend? So lesen vermutlich heutzutage viele nicht mehr die Apokalypse – und wenn sie diese Clips sehen, werden sie auf anderer Ebene herausgefordert nachzudenken.

Für die Interpretation und den Konsum biblischer Texte ist diese Fragestellung nicht unwichtig. Die Vielfalt des symbolischen Textes wird kanalisiert. Freilich wird es auch viele solcher Clips zur Apokalypse geben, sodass sie gemeinsam eben eine Vielfalt an Bildern vorführen, damit aber eigenständige Überlegungen ermöglichen.

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