Vormärz / Freiheitsbestrebungen

Meine Anmerkungen zum „Vormärz“ sind ein wenig untergegangen, darum nun an prominenter Stelle noch einmal, zum Teil ergänzt, präzisiert:

Die Zeit des sogenannten Vormärz (Wiener Kongress 1815-März 1848) – das Freiheitsstreben angesichts von Zensur, Überwachung, Unterdrückung liberaler, nationaler Meinungen und Bewegungen, Spitzelsystem, politische Polizei, Überwachung auch der Universitäten, von Rechtsstaatlichkeit ist wohl kaum mehr zu sprechen. (Natürlich waren Gesetze formal vorhanden usw. – aber: Grundrechte im heutigen Sinn galten nicht, Justiz war nicht unabhängig, Kritik an Monarchie usw. war Hochverrat, Machtkontrolle war unterbunden, Presse zensiert. Es war ein Polizeistaat mit gesetzlich geordneter Willkür gegen alle, die nicht spurten.) Verbunden sind die Repressalien mit dem Namen Metternich, den man heute nur noch vom Sekt kennt, der aber mit seinen Claqueuren viel Leiden, Zwänge auf seinem Gewissen hat. Heinrich Heine war einer der vielen, die darunter leiden mussten und ins Exil gingen. Um nur ihn zu nennen. Das Hambacher Fest, das Fest der Freiheit, führte zu weiteren Verschärfungen durch die Obrigkeit. Es zeigte aber: Menschen lassen sich nicht mehr länger unterdrücken. Aber die brutalen Herrscher gewannen wieder Oberhand. Es war ein langwieriger Freiheitskampf, unter dem viele mutige Menschen leiden mussten angesichts der Machtmittel der Obrigkeit. Freiheit-Liebende unterschiedlichster politischer Couleur können viel von diesen Menschen lernen, so von Heine, Büchner, Börne, Freiligrath, von Fallersleben, Robert Schumann, Wagner in gewisser Weise auch. Hiermit habe ich die Kämpfer genannt, die im kulturellen Raum für die Freiheit eintraten. Der Biedermeier – ich liebe ihn – aber politisch war er ein Rückzug ins Private. Häusliche Idyllen, Gärten, Salons und Kaffeekränzchen, raus in die Natur, weg von den Denunzianten, Repressalien usw. Eskapismus war verbreitet unter denen, die es sich leisten konnten.

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Nur als Anmerkung assoziativ das Eine oder Andere: Das waren nicht die einzigen Strömungen in der repressiven Zeit, die nach Freiheit Sehnsucht hatte. Die Romantik wirkte nach – es sei an die Dichter erinnert, die vielfach in sich unterschiedliche Traditionen vereinigten bzw. von einer Weltanschauung zur anderen switchten. Erinnern an:

  • den Dichter der (religiösen) Tradition und der sozial engagierte Katholik: Clemens Brentano: anderen beistehen ist heilige Begegnung, nicht Verwaltung,
  • an den, der aus seiner Beamtenstube ins Christlich-Romantische flüchtete: Eichendorff, der die ewige christliche Freiheit über politische Zwänge stellte,
  • an die religiöse, Ruhe findende, sozial sehr engagierte und einflussreiche Luise Hensel,
  • an die ihre Welt psychologisch durchschauende Annette von Droste-Hülshoff,
  • an den Weltmenschen Friedrich Rückert,
  • an Philipp Spitta, der die innere religiöse Freiheit und Ordnung besang,
  • Mörike, der Zerrissene,
  • Lenau, der Emigrant, der in der Fremde keine Heimat fand,
  • Luise von Plönnies, die Grenzen Überwindende,
  • Grillparzer der Emigrant in das Innere,
  • Geibel und Heyse, die Ästheten, Dichterfürsten der Zeit, die das Schöne suchten,
  • Freiligrath, ich nannte ihn schon, der politisch engagiert war für die Freiheit,
  • Heine, nannte ich auch schon, der Spötter von Zensur und politischer Enge,
  • Arndt, der aus tiefer Frömmigkeit heraus Gott nationalisierte und als Kämpfer für Freiheit erkannte, auch als Kämpfer gegen Leibeigenschaft von Bauern,
  • Storm beschreibt den pflichtbewussten Helden des Alltags in aller Dramatik auch des Scheiterns,
  • Fontane zeigt, dass der Rückzug ins Private keinen Schutz bietet.
  • Betti Paoli begann, sich mit sensiblen Gedichten für die Emanzipation der Frauen einzusetzen, sie suchte nach dem Schlüssel der Freiheit für die im Häuslichen Eingesperrten: Frauen bilden, Geist und Eigenständigkeit fördern, Emotion beachten, Frauen achten,
  • von Fallersleben – der Professor, der im zerstückelten Deutsch-Land von Land zu Land flüchtend zog, Kinderlieder schrieb und das Lied der Deutschen. Das mit „Deutschland über alles“ nicht andere Staaten ausgrenzte, sondern die Einheit des zerstückelten Deutsch-Landes forderte, also aus Deutsch-Länder sollte Deutschland werden. Es ging also um nationale Freiheit. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ gegen Zerrissenheit der Fürstentümer, Willkür im Recht, AdelsOrdnung.

Sozialismus:

Dann gab es noch die Philosophen, die Kämpfer gegen die Religion und gegen den Rückzug in die Häusliche Innerlichkeit, mit ihrem Versuch, wissenschaftlich weltweit zu argumentieren: Feuerbach, Marx, Engels und so ab 1830 begannen Sozialisten Arbeiter zu rekrutieren. Das heißt: Es ging um Freiheit von dem System des Kapitalismus, der von der Bourgeoisie, die besitzende soziale Klasse und ihren Stabilisatoren, errichtet wurde.

Emanzipation:

Als besondere Person möchte ich Kathinka Zitz-Halein nennen: Sie setzte sich mit ihrem Leben ein, stürmte vor gegen die Repressionen, setzte sich aktiv und sich gefährdend für die politisch Gefangenen und deren Familien ein, Frauen sollten aktiv am Aufbau Deutschlands teilnehmen – wie sie selbst. „Herr des Himmels, Herr der Stärke, / Herr des Lichts, gib deinen Segen / Zu dem großen Freiheitswerke, / Förd’re es auf allen Wegen.“ In diesem Zusammenhang sei auch auf Louise Otto-Peters hingewiesen, die Parallel zum Kampf für die Freiheit aller für die Freiheit / politische Teilhabe der Frauen kämpfte. Freiheit ist nur Freiheit, wenn sie für Männer und Frauen gilt. Ich spreche gleich von den Diakonissen: Sie bot Freiheit für Frauen, indem sie ohne heiraten zu müssen sich professionell ausbilden lassen und öffentlich wirken konnten. Die oben genannte Luise Hensel war ein Motor des Übergangs von individuellem sozialem Engagement und der professionellen Hilfe. Sie prägte als Erzieherin Mädchen höheren Standes, die sich dann später sozial engagierten: Freiheit durch Hingabe an Notleidende, die Frau bestimmt selbst, wie sie ihr Leben lebt (sie selbst heiratete nicht), auch Frauen muss Bildung zukommen, damit sie über ihr Leben frei entscheiden können, durch ihr soziales Engagement werden sie öffentlich aktiv, nicht nur im trauten Heim. Freiheit bedeutet auch, sich von äußeren Notwendigkeiten zu befreien (Klasse, Moden, religiöse Vorgaben – als Pfarrerstochter konvertierte sie zum Katholizismus). Luise von Plönnies, die Frau, die Ferne in die Heimat holte, das durch Reisen und Übersetzungen: Freiheit, Wissen anzueignen, Sprachen zu sprechen, Grenzen zu überwinden: es geht um intellektuelle Emanzipation. Ein Leben zwischen beiden hat Ida Gräfin von Hahn gelebt: Eine Reisende, Konventionen brechende Frau, an sich selbst denkend – dann Konversion zum Katholizismus und Gründung eines Ordens zur Hilfe von Frauen. Die religiöse Wende bedeutete Freiheit zu anderen.

Es sei nicht vergessen, dass es in erster Linie um die Befreiung der bürgerlichen Frau ging, der Frauen in den oberen Klassen. Die Frauen in der Landwirtschaft, der Industrie, im Handwerksbereich mussten schon immer gleichwertig wie Männer arbeiten. Aber: Hier boten dann die karitativen Möglichkeiten, die Professionalisierung auf dem Gebiet der Krankenpflege usw. auch Frauen unterer Schichten andere Möglichkeiten, auch Sicherheit im Schutz anderer Frauen. Frauen wie die Genannten haben sich auch als Damen der oberen Gesellschaft die Hände schmutzig gemacht, indem sie anpackten – dadurch haben sie die Arbeit geadelt.

Frankfurter Nationalversammlung (Paulskirche)

Wie am Parlament in Frankfurt erkennbar ist, ging es Bildungsbürgern unterschiedlicher Couleur (z.B. Liberale, radikale Demokraten, Industrielle) 1848/9 auch um liberale Freiheit bzw. um die Ausarbeitung einer Verfassung, die Errichtung einer Republik: Freiheit von Zensur, Willkür des Staates, Einschränkung der Macht des Adels, Freiheit des Handels (Deutscher Zollverein). Inzwischen waren bekanntlich auch neben dem Adel finanziell starke Bürger-Gruppen entstanden. Da diese Menschen zwar intellektuell rege waren, aber die Macht im Sinne von Gewalt in den Händen des Adels lag, konnten sie sich kurzfristig nicht durchsetzen. Nationaler Freiheitsgedanke war nicht nur dadurch bestimmt worden, dass man gegen den Einfluss Frankreichs agierte, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sondern war auch gegen den Hochadel gerichtet, der international flexibel war (französische Sprache), und natürlich gegen die ganzen Kleinadligen, die für den Flickenteppich deutscher Länder verantwortlich waren. Lokaler Adel sollte den zentralen nationalen Interessen weichen.

Kirchen

Kirchen spielten eine große Rolle in der Verbindung von Thron und Altar. Es gab im Rahmen der Suche nach Freiheit jedoch Versuche, sich von traditionellen theologischen Vorgaben zu befreien, es sei an David Friedrich Strauß erinnert, der versuchte, die historische Vernunft über den Glauben an Jesus Christus zu stellen, es gab weitere Versuche, die Kirche / Dogmen von dem bestimmen zu lassen, was man als Vernunft ansah: Weg von Rom-Bewegung der Deutschkatholiken (Robert Blum, einer der führenden Revolutionäre war Deutschkatholik), Wichern und seine Mitstreiter (erinnert sei an Amalie Sieveking und die wichtige Arbeit der Diakonissen [Friederike und Theodor Fliedner]) versuchten armen Menschen systematisch und organisiert zu helfen, weil es der Staat nicht tat. Aber es ging auch um die Verwilderung der Seelen. Der Katholik Franz Georg Baader, der als erster das Wort Proletarier benutzte, mahnte zur Sozialarbeit. Es wurden keine philosophischen Bücher geschrieben und Weltanschauungen dick zu Papier gebracht, sondern es wurde konkret geholfen. Der Fürst beherrschte die Kirchen – es gab Mitte der 1830er die Bestrebungen, die Gemeinden durch Kirchenvorstände/Presbyterien selbständig zu machen: nicht der Staat bestimmt das Gemeindeleben (und den Pfarrer), sondern die Gemeinde selbst – und zwar diskutierend (!), es werde, so der Wunsch, nicht mehr von oben bestimmt. Menschen lernten diskutierend Verantwortung zu tragen. Genannt seien auch die Freireligiösen, die versuchten, Kirchengemeinden nachahmend, eine a-religiöse Versammlung/Gemeinschaft zu kreieren. Menschen nahmen sich die Freiheit, sich von Kirche und Obrigkeit zu lösen – Menschen nahmen sich aber auch die Freiheit, sich offen zu ihrem Glauben zu bekennen, trotz vieler Angriffe. Hingewiesen sei auch auf Adlige, die versuchten die Not der Menschen zu lindern.

Hep-Hep

Leider gab es auch die Hep-Hep-Aufstände / Pogromwellen (1819). Vom Mob wurden jüdische Häuser gestürmt, Besitz wurde zerstört, Menschen wurden gejagt, verprügelt, erniedrigt, vertrieben, getötet. Das bedeutet, dass es Menschen gab, die existentielle Ängste ausstanden, auch durch das Jahr ohne Sommer, oder die Dorfhandwerker, die durch die Industrialisierung wirtschaftlich Probleme hatten, die Angst hatten, in Armut zu verfallen bzw. wirtschaftlich bankrott waren, gegen Juden zu kämpfen. Nationalistische Bestrebungen spielten auch mit, da Napoleon Juden mehr Freiheiten einräumte sahen andere ihre Freiheiten eingeschränkt. Es war auch ein Versuch, sich von den Zuständen zu befreien – aber ein irrationaler, böser Versuch. Die Metternichs nahmen das als weiteren Anlass, den Polizeistaat zu verschärfen. Und so gab es eben Versuche, Freiheit zu errichten / erlangen miteinander – aber auch gegen andere.

Weberaufstände

Übrigens sei auch an die Weberaufstände erinnert, die die soziale Frage äußerst dringlich gemacht haben und so manchem die Augen geöffnet haben dafür, dass es in der Gesellschaft nicht gut läuft. In ihnen ging es nicht um Freiheit, die pure Not zwang zu solchen Aufständen. Aber als das konnte zur Erkenntnis führen: Ohne wirtschaftliche Freiheit gibt es keine politische Freiheit – und: der Kampf für die Freiheit in der Industrie führte zur Unfreiheit der Handwerker. Sie wurden im Grunde zu Sklaven, mussten arbeiten wie die Maschinen, nicht wie Menschen. Weber wehrten sich gegen die Erniedrigungen durch den Arbeitgeber: https://www.volksliederarchiv.de/hier-im-ort-ist-ein-gericht-das-blutgericht/ Diese Aufstände führten auch verstärkt zu der Aufforderung: Eigentum verpflichtet (Bischof von Ketteler) zudem wurde in christlichen Kreisen erkannt, dass der ungebändigte Kapitalismus die Familien zerstört. Der Staat wollte das Problem mit Gewalt lösen (es gab Tote und Verletzte) – aber die Ursache blieb. Es galt also nicht mehr nur die Freiheit der Seele durch den Glauben zu verkünden, sondern die Freiheit auch als irdische Größe ernst zu nehmen. Bislang waren vor allem Pfarrer sozial aktiv in ihrer Gemeinde unter Heranziehung der Finanzen der Reichen. Auch durch Wichern wurde im Grunde jeder Christ aufgerufen, verantwortlich zu handeln – und eben nicht auf den Staat zu warten. Soziale Verantwortung – die der Freiheit der Individuen dient – ist eine gesellschaftliche Aufgabe, eine Pflicht der Bürger.

Heute zeigt sich aus meiner Sicht ein Nachteil der Organisation von Diakonie und Caritas: Hilfe wird delegiert. Der einzelne Christ, die einzelne Gemeinde fühlt sich nicht mehr verantwortlich, denn es gibt ja die kirchlichen Institutionen, zudem inzwischen der Staat.

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Es gab also unterschiedlichste Formen der Bestrebungen nach Freiheit. Zum Teil gingen sie Hand in Hand, zum Teil waren sie vollkommen unterschiedlich, auch gegeneinander.

All das ist nicht zu denken ohne den Widerstand bzw. die Aufnehme dessen , was in und durch Frankreich geschehen war: Französische Revolution / Napoleon.

Zu vielen dieser Dichter s.: https://gedichte.wolfgangfenske.de/18-19-jh-2/ und https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh/ und: https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh-2/ Zu Feuerbach und Marx: https://mini.evangelische-religion.de/religionskritiker-kritisch-gesehen/