
In dem Buch, das ich wiederholt nannte, von Kurt Ihlenfeld: Der Choral der Preußen, 1935, 155, finden wir einen Absatz aus einer Rede Bismarcks, die er am 9. Januar 1882 gehalten hat. Darin heißt es: „… Auch diejenigen, die an die Offenbarungen des Christentums nicht mehr glauben, möchte ich daran erinnern, daß doch die ganzen Begriffe von Moral, Ehre und Pflichtgefühl, nach denen sie ihre Handlungen in dieser Welt einrichten, wesentlich nur die fossilen Überreste des Christentums ihrer Väter sind…“.
Wir haben viele solcher fossilen Überreste bis in die Gegenwart. Ein paar assoziative Überlegungen:
(a) Wenn zum Beispiel von Werten geredet wird, dann sind es nicht mehr immer die christlichen Werte. Sie werden neu codiert, und diejenigen, die davon sprechen, setzen einfach ihre eigenen, ihrer Ideologie entsprechenden Werte, ein und verlangen von anderen, dass sie diese übernehmen. Perfide ist – aber menschlich – dann zu behaupten, die neu definierten Werte seien nicht neu definiert worden, sondern diejenigen, die an der alten Definition festhalten, seien diejenigen, die sie falsch verstehen.
(b) Wenn von Menschenwürde gesprochen wird, dann fangen sie an, diese aufzuteilen: es gibt würdigere Menschen, wie wir sie in der Moderne definieren – aber anderen ist die Menschenwürde abzusprechen, mit denen muss man nicht mehr reden, denen muss man nicht zuhören, die muss man verachten und hoffen, dass sie bald sterben, damit wir in Gelächter ausbrechen können…
(c) Wenn von Mann und Frau geredet wird – dann kann keiner mehr sicher sein, was darunter zu verstehen ist. Die Begriffe werden verwendet – aber keiner weiß, ob im christlichen bzw. allgemein menschlichem Sinne, oder in der modernen, erzwungenen Interpretation.
Das ist es auch, was in der Aussage von Bismarck deutlich wird. Er spricht von Moral, von Ehre, von Pflichtgefühl. In unserer Tradition sind sie sehr stark vom christlichen Glauben her zu verstehen. Aber sind sie schon in der Zeit Bismarcks, in der Zeit Preußens so zu verstehen, wie sie traditionell christlich verstanden worden sind? Christen haben die Aufgabe, den Willen Gottes zu tun, sind also verpflichtet, ihn zu tun. Ist diese christlich verstandene Pflicht identisch mit der Bismarckschen/preußischen Interpretation?
- Pflicht im christlichen Sinn bedeutet: das zu tun, wozu Gott einen Menschen berufen, begabt hat, das in der Liebe zum Nächsten einzusetzen – in der Verantwortung vor Gott, also auch wenn nötig gegen menschliche Autoritäten. Das heißt: Gottes Geist wirkt im Gewissen – und das ist wichtiger als äußere Vorgaben. Liebe zum Nächsten bedeutet auch ganz besonderes moralisches Verhalten, so zum Beispiel die Rücksichtnahme, die Berücksichtigung seiner Bedürfnisse.
- Pflicht im preußischen Sinne – man möge mich korrigieren – bedeutet Pflicht, sich der Autorität des Staates zu unterwerfen, der von Gott eingesetzt wurde, sich zum Wohl des Staates einzusetzen, weil es so verlangt wird. Das Gewissen spielt eine untergeordnete Rolle. Es geht nicht in erster Linie um Moral, sondern darum, den Staat am Laufen zu halten.
- Die Interpretationen haben Gemeinsamkeiten darin, dass das Leben vertieft geführt wird, ernsthaft. Die Menschen sind verlässlich und haben ein diszipliniertes Wesen, selbstdiszipliniert (wenn man so sagen kann) im christlichen Glauben, durch andere diszipliniert in preußischer Tradition. Wobei des „selbstdiszipliniert“ im christlichen nicht ganz so individuell gesehen werden darf, sondern Teil der Gemeinde ist bzw. eben „geistdiszipliniert“ ist.
- Wir haben zwei Pflicht-Welten vor uns. In der „Staatsdisziplin“ geht es darum, den Staat funktionieren zu lassen, in der „Geistdisziplin“ geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, sich Kümmern um den individuellen Menschen. Das Wort „Pflicht“ blieb – aber in säkularisierter Form.
- Spannend ist nun: Die Pflicht in der säkularisierten Form hat ihre Basis verloren. In der christlichen Form ist die Basis vorhanden: Gott. Eine zeitlang funktionierte die säkularisierte Form, aber weil sie ohne Basis war, ebbt sie ab, geht verloren. Das ist freilich auch bei säkularisierten Christen zu erkennen. Aber bei Christen, die ihren Glauben im Heiligen Geist leben, ist sie noch vorhanden.
- Der Unterschied zwischen „Staatsdisziplin“ und „Geistdisziplin“ wird für mich heute auch deutlich mit Blick auf Krankenpflege. Dem Staat geht es darum, Menschen möglichst schnell wieder funktionstüchtig zu machen. Christen geht es darum, den gesamten Menschen zu berücksichtigen – und das ist individuell verschieden. Durch die finanziellen Vorgaben des Staates ist freilich die christliche Version sehr stark eingeschränkt worden. Ob im Alltag noch Unterschiede zu erkennen sind zwischen christlichen und staatlichen Krankenhäusern? Zwischen christlichen und staatlichen Schulen? Usw.
Entsprechend haben auch Moral und Ehre in der christlichen und preußischen Interpretation Gemeinsamkeiten – aber auch fundamentale Unterschiede.
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