Meyer, Huch, Bergengruen, Schröder

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Diesem Gedicht von Uhland hat Ihlendorf ein Gedicht von C. F. Meyer nachgestellt. Es geht um „Hussens Kerker“. Jan Hus war ein Reformator, der ca. 100 Jahre vor Luther lebte, Missstände in der Kirche anprangerte, dann in Konstanz festgenommen und verbrannt wurde. Das trotz der Zusage des freien Geleits durch Kaiser Sigismund. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass die Namen von Herrschern weniger bedeutsam sein können, als die Namen ihrer Opfer. In dem Gedicht schildert der Autor, dass Hus sich vor dem Tod fürchtet und sich Mut zuredet. In diesem Zureden sagt er sich: „Es kommt die Zeit zu feiern! / Es kommt die große Ruh! / Dort lenkt ein Zug von Reihern / Dem ew´gen Lenze zu, / Sie wissen Pfad und Stege, / Sie kennen ihre Wege – / Was, meine Seele, fürchtest du?“

Nach dessen Hinrichtung fanden Hussiten-Kriege statt. Auch Uhland hat einen Text über Johannes Hus geschrieben (von Ihlenfeld nicht übernommen). Dieser hat 1815 einen heroischen Klang. Hingegen hat der Text von Meyer (veröffentlicht in den 1870ern) einen ganz anderen Klang: Hus sitzt im Kerker, er schaut aus dem Fenster hinaus, er sieht Christus und die Märtyrer auf einer Wolke auf sich zukommen. Er ist im Kerker frei, er preist den Kerker, er nimmt das Kreuz im Fensterkreuz wahr, er spricht von der kommenden Flut, die ihn ertränken wird – aber gleichzeitig frische Kühle ist (Taufe?), er sieht eine Traube im Fenster (Eucharistie?) – und das mündet dann in den oben zitierten Vers. Auch hier: Die Natur wird transparent für Ewigkeit, für das Kommen Gottes, das Sein bei Gott. Glaubende sind frei, auch wenn sie sich im Kerker bzw. vor dem Tod fürchten. Und dazu besteht in den 1940ern aller Grund.

Dem folgt wieder ein Gedicht von Walter Flex: „Soldat und Mutter“. Der Bruder eines jungen Mannes ist im Krieg gefallen. Nun geht der Bruder auch ins Feld. Die Mutter ruft aus: „Erbarm sich Gott der achtzehn Jahr! / Der Tod war weit, nun ist er nah!“ Darauf der nüchterne Sohn: „Der Tod bleibt immer, wo er war: / Bei Gott. Auch ich und du sind da.“

Auch das Gedicht von Ricarda Huch, das diesem folgt, ist ein Gedicht, das „Einem Helden“ (s. auch Gesammelte Werke 5: 276) gewidmet ist. Es ist ein Gedicht, das einen auf den ersten Blick schaudern macht und auf den zweiten Blick ratlos hinterlässt. Der Soldat ist gefallen, und die Autorin spricht zu ihm, dass das Licht der Sterne kühl das still gewordene Herz umfluten möge, dann ist vom Korn und von der Rebe die Rede – in deren Duftgewölk der Getötete im Dom der Nacht umschwebt werden möge. Für ihn gab es nicht „Sieg, Triumph und Beute“ – nur „Ein dunkler Kranz und tiefe, tiefste Ruh´.“ Dann folgt die Auferweckung durch Trompetenschall („Drommetenaufgebot“), dann heißt es: „Gegürtet mit dem Schwerte wende / Das neue Antlitz stolz ins Morgenrot.“ Aber auf dem zweiten Blick ist das Gedicht ein sonderbares Antikriegsgedicht: Es werden nicht „Sieg, Triumph und Beute“ versprochen, es wird knallhart gesagt, wenn auch romantisierend, er ist gestorben. Er bekommt nur einen dunklen Kranz. Dann wird noch vom Morgenrot gesprochen, dem er mit gegürtetem Schwert entgegentreten wird. was macht ratlos?

Es handelt sich also um eine sonderbare Mischung von christlicher und nichtchristlicher Metaphorik. Er hat „gerungen bis ans Ende“ – wir finden das in etwa bei Paulus: Er hat, wie alle Christen, den guten Kampf des Glaubens gekämpft und wird den Siegeskranz der Gerechtigkeit von Gott dem Richter empfangen (2. Timotheus 4). Die Trompeten passen zum Soldatenleben, sind aber auch Instrumente, die zum göttlichen Gericht rufen (Apokalyptik). Der Soldat schaut mit dem Schwert gegürtet allerdings nicht nach oben, zu Gott, sondern nach vorne, Richtung Osten. Er schaut mit einem „neuen Gesicht“, dem Gesicht der Auferstehung des von Gott neu geschaffenen Körpers – oder nicht? Ebenso ist die Trompete nicht Zeichen für Gottes Gericht, sondern für ein Auferstehen in eine neue Welt: Hier wird der Eingang des germanischen Kriegers ins Jenseits intendiert. Er ist sozusagen noch immer zum Kampfe bereit, geht ein in Walhalla bzw. die neue Weltzeit Ragnarök beginnt (allerdings soweit ich sehe unspezifische Metaphorik)? Er ist Vorbild für die Lebenden. Der Gefallene geht den Lebenden voran in die gute Zukunft. Bei Huch haben wir in diesem Gedicht eine Metaphorik, die ich nicht einzuordnen weiß, denn gleichzeitig ist das Morgenlicht, dem der Soldat entgegengeht, wie bei Eichendorff aus romantischer Sicht eben auch der Morgen, den Gott herbeiführen wird. Er blickt stolz? Passend zum, Siegeskranz? Ebenso ist das Schwert, mit dem er sich gürtet – das Schwert des Geistes als Teil der christlichen Waffenrüstung Gottes (Epheser 6)? Ist er Zeuge der Wahrheit gewesen? Das Gedicht wurde im Kontext des Ersten Weltkriegs gedichtet. Der christliche Glaube wird metaphorisch aufgenommen aber umgedeutet – oder auch nicht. Zukunft des Toten bedeutet also vielleicht nicht, dass er bei Gott sein wird, sondern dass er mythisch mit den Lebenden in die Zukunft gehen wird. Kurz gesagt: Sie scheint christliche Eschatologie mit heroischer Metaphorik im Stil der Zeit zusammenzuführen. Ich sehe es im Grunde als eine gottlose Form von Ermutigung an – aber dadurch ist sie eben leer. Allein die Worte sind es, die vielleicht irgendwie positive Gefühle wecken sollen. Wie bei dem Kameraden-Text von Uhland im Grunde nur noch die Melodie zu Herzen geht. Aber Gott spielt keine Rolle mehr.

Mit diesen beiden letzten Gedichten (Flex und Huch) haben wir christlich entfremdete Texte vor uns, die irgendwie christlich interpretiert werden können – oder eben auch nicht. Sehr sonderbar – aus christlicher Sicht ist das diesem folgende Gedicht von Richard Billinger: „Auferstehung“. Er fliegt aus dem Kerker, Engel Schrei erwürgt die, die ihn im Kerker des Todes festhalten wollten. Er selbst ist aktiv, fährt auf, umgürtet sich mit Licht, macht sich fertig zum himmlischen Gericht. Dann sitzt die Seele „als Taube auf dem Dach“ und fliegt fort – die Trauer bleibt zurück, aber: „Und Trauer glänzt ihr nach“. Christlich ist hieran nur der Hinweis auf das „himmlische Gericht“. Alles andere ist Mischung verschiedenster Traditionen.

Diesem folgt von Werner Bergengruen das Gedicht „Stimme Gottes“. Im Grunde greift dieses Gedicht die drei vorangegangenen Gedichte auf. Im Nachwort schreibt Ihlenfeld von „gefrorenen Christen“ (160), das heißt, soweit ich das interpretiere, Christen, die christlich schreiben können, auch christliche Tradition aufgreifen, aber nicht so recht den Glauben mit ihrem Wesen vereinigen konnten. Ebenso beschreibt er den Dichter, der sich von der christlichen Tradition gelöst hat, aber sie doch immer wieder einfließen lässt, was er als „Irrationalität des Dichterischen Schaffens“ (150) bezeichnet. Diese Gedichte scheint er auch aufgenommen zu haben, weil er weiß, dass Menschen den Trost benötigen, die nicht mehr der traditionellen christlichen Tradition anhängen, sie nicht mehr kennen, sondern eben aus christlicher Sicht abstrusen Vorstellungen anhängen. Und diese korrigiert er nun mit dem Gedicht von Bergengruen. Gott ruft alle Menschen zu, sie sollen sich nicht scheuen, zu ihm zu kommen. Wenn sie aber nicht wollen, wenn sie lieber draußen bleiben wollen, sollen sie es, denn auch das, was „draußen“ ist, gehört Gott. Gott begrüßt auch diejenigen, die ihn steinigten – und zuletzt „Werden auch die Unerlösten / Mit an meinem Tische sitzen.“

Hier klingt Allversöhnung an, die auch in Briefen des Apostels Paulus anklingt, auch wenn er das Gericht Gottes und damit verbundene Ablehnung durch Gott verkündet. In den Texten der Allversöhnung geht es nicht nur um Menschen, es ist eine universale Offenheit zu erkennen. Christlicher Glaube changiert zwischen diesen beiden Polen. Gott fordert Gerechtigkeit und richtet entsprechend – Gott ist Gnade und Barmherzigkeit. Das Problem der Allversöhnung besteht unter anderem darin, dass sie freie Menschen zu zwingen scheint. Und das wiederum ist nicht christlich: Wer in vermeintlicher Freiheit Gott ablehnt, soll ihn ablehnen dürfen. Gott zwingt niemanden zu sich. Von daher ist der Text Römer 11 so spannend, weil die Menschen durch Allversöhnung nicht zu Gott gezwungen werden, sondern sie erkennen ihn nach der Auferweckung durch Gott – und das bedeutet eine „zwingende“ Hinwendung zu Gott. Wer Gott selbst sieht – wie kann er ihn noch ablehnen? Wenn jemand dann ganz verbohrt an seiner Abwendung festhält, richtet er sich selbst. Christen wissen, dass sie Gottes Gnade nie groß genug denken dürfen. Wenn sie mickrig wäre, hätte er sie nicht erlöst durch das Sterben am Kreuz. Natürlich ist auch menschlich gesehen die Allversöhnung problematisch, weil sie bedeutet, dass auch der übelste Verbrecher und Menschenschänder in Gottes Reich neben mir stehen könnte. Und wenn ich das ablehne, dann stelle ich mich selbst außerhalb der Barmherzigkeit Gottes. Es wird deutlich: Warum der christliche Glaube changiert.

Bergengruen ist zum Katholizismus konvertiert, von daher ist die Formulierung provokativ, aber schon Meinung Bergengruens (s. u. den Link). Ihlenfeld dürfte mit diesem in seinem Band aufgenommenen Gedicht den Menschen im Kampf, Menschen an der Front, wie auch Trauernde, die nicht so genau wissen, ob sie glauben oder nicht, nicht wissen, wie sie das mit der Auferstehung verstehen sollen, Beruhigung schenken. Gott nimmt sie an, auch wenn sie zweifeln. Es handelt sich also um ein seelsorgerliches Gedicht, nicht um eines, das um eine klare dogmatische Theologie ringt. Aber es ist keine Täuschung, weil, wie gesehen, der christliche Glaube in dieser Hinsicht changiert.

Und so passt auch das letzte Gedicht „Das Geheimnis“ von Rudolf Alexander Schröder gut an das Ende: „Laß das Geheimnis zu dir ein, / Das allen Gram zur Freude macht“ – und es wird die Grablegung und Auferstehung Jesu geschildert – mit der Aufforderung: „Geh, Seele, folg ihm in die Nacht: / Bald ruft der Hahn, bald bricht der Stein.“ Es ist also ein Geheimnis, was es mit dem Leben nach dem Tod auf sich hat. Es gibt viele Perspektiven – aber am Schluss steht die christliche Aufforderung: „Laß das Geheimnis zu dir ein“. In den Gesammelten Werken von Schröder heißt das Gedicht in der Überschrift nicht „Das Geheimnis“, sondern „Ostern“.

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Was in all diesen Gedichten in dem Abschnitt „Ewigkeit“ deutlich wird: Es wird nicht die politische Situation angesprochen. Der Nationalsozialismus ist nicht mehr Thema. Wenn es um das Sterben geht, dann steht Politik außen vor. Dann ist jeder auf sich selbst gestellt, jeder muss selbst schauen, wie er glaubt, was er glaubt, wie er mit seiner Sterblichkeit umgeht. Wenn Krieg herrscht, die Menschen daran nichts ändern können, dann muss eben der Christ auch von der politischen Situation absehen können, um den einzelnen Menschen helfen zu können. Wenn Ihlenfeld jetzt anti-nationalsozialistische Texte, Antikriegstexte usw. veröffentlicht hätte, hätte er den Menschen nicht helfen können (geschweige denn, dass der Band durch die Zensur gekommen wäre). Es gibt eine Zeit, in der gegen die politische Situation gekämpft werden muss – und es gibt eine Zeit, in der der einzelne Mensch und sein Unglauben bzw. Glauben, seine Psyche und sein ganz persönliches Leben nach Orientierung sucht. Diese Zeit, so fordert es der Glaube, muss respektiert werden, denn es geht auch um die Würde des Menschen außerhalb der Politik. Ich weiß freilich nicht, ob Ihlenfeld so gedacht hat, dazu bin ich noch nicht weit genug in sein Denken eingedrungen. Aber das würde zumindest der christlichen Tradition entsprechen.

Wer dagegen protestieren sollte, weil er meint: Jeder habe gegen die Vereinnahmung durch die Ideologie lauthals zu protestieren, dürfte auch in der gegenwärtigen Zeit merken, wenn wir in die Weltgeschichte schauen: Es gibt Situationen, in denen der Protest von Individuen nicht mehr hilft, weil die politischen Entscheidungsträger Entscheidungen treffen, die verantwortungslos sind. In diesen Zeiten kann der christliche Glaube auch das Individuum stärken, damit es sein Leben vor Gott so lebt, wie er es aus dem Glauben verantworten kann. Politisch – unpolitisch, wie auch immer.

Doch dann schleicht sich vermutlich auch bei solchen Ideologen eine Vermutung ein: Diese christlichen Worte widersprechen unserer Ideologie. Sie zeigen auf, dass sie defizitär sind. Ideologen klammern den Menschen in seiner individuellen Würde mit seinen Emotionen und Ängsten aus. Sie bieten dem Einzelnen keine Zukunft – sie bieten nur Kampf und Einsatz, dann den Tod. Andere können eine schöne Zukunft erlangen, aber du, Mensch, bist Erde. Wir denken an dich als nationalsozialistischen, nationalistischen, sozialistischen Märtyrer – aber du bist wieder Erde. Und so ist der christliche Glaube mit seinem Angebot ein Widerspruch gegen die atheistischen Ideologien. Also: immens politisch. Denn wer das erkennt, der lebt auch anders als diese Ideologen es fordern.

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In dem Band folgen noch das wertvolle Nachwort, und Indizes.

Im Zusammenhang von Bergengruen schrieb ich:

„Diese Gedichte hatten zum Teil seelsorgerliche Funktion. Die Welt wird aus dem Glauben den Menschen gedeutet, die diese Hilfe benötigten. Dass Gedichten eine solche Funktion zugewiesen wird, ist für so manchen in der Gegenwart eine Zumutung. Lieber sind Gedichte nichtssagend oder äußerst komplizierte Wortkombinationen, die die Geduld des Rezipienten äußerst strapazieren. Aber die christlichen Gedichte, auf deren Schultern auch die jetzigen Dichter-Generationen stehen, hatten, wie an meiner Zusammenstellung ersichtlich, schon immer eine solche mitschwingende Bedeutung und waren von daher einfach – und damit von vielen zu verstehen.“