
Fortsetzung von: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/09/joseph-von-eichendorff-wachet-auf-wacht-auf-wacht-auf/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/10/annette-von-droste-huelshoff-kreuz-auf-sich-nehmen/ und https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/11/conrad-ferdinand-meyer/
Auch die nächsten Gedichte in dem Band Zuversicht von Kurt Ihlenfeld, 1940 herausgegeben, sollen angedacht werden:
Das nächste Gedicht ist von Rudolf Alexander Schröder. Es geht in dem „Christlied“ (1937) um die Geburt von Jesus Christus und vor allem um den damit verbundenen Stern. In der letzten Strophe heißt es: „Der wahre Stern, / Der rechte Stern, / Mit Fried und Freude von dem Herrn: / Lobt Gott den Herren. / Dem rechten Stern zur rechten Stund / Ruft Willkomm, Willkomm jeder Mund / Gott zu Lob und Ehren.“ Vermutlich interpretiere ich zu viel hinein, aber: der Kommunismus hatte den Stern auch als Symbol übernommen.
Die fünf Zacken sollten die fünf Erdteile symbolisieren, in die der Kommunismus sich breit machen wird bzw. wird auch vermutet, was ich nicht nachvollziehen kann, die fünf Finger der Arbeiter, der Proletarier. Zudem hat der Stern, anders als das ältere Symbol Hammer (Handwerk-Proletariat) und Sichel (Landwirtschaftsproletariat), die einen Gegenwartscharakter haben, einen wegweisenden, einen Zukunftscharakter, der vielleicht auch den christlichen Stern von Bethlehem ersetzen sollte. Pasternak hat ein Gedicht geschrieben, in dem er auch den Weihnachtsstern thematisiert – und ich sah diesen als Kontrapunkt zum Sowjetstern: Bei Pasternak wird der lodernde kommunistische Stern zu einem hellen Stern, der auf das Jesuskind schaut. https://gedichte.wolfgangfenske.de/boris-pasternak/ (Gedicht 18) Wird hier bei Schröder der Weihnachtsstern als der wahre Stern dem kommunistischen entgegengestellt? Die Nationalsozialisten haben keinen Stern, sondern die Swastika, das Sonnenrad als Symbol. Dieses sollte vermutlich auch die christlichen Symbole ersetzen. Deutlich wird das daran, dass das Kreuz zu einer Swastika umgemodelt wurde.
Der wahre Stern ist Jesus Christus. Die falschen Sterne versuchen auch Heil und Orientierung zu versprechen, führen aber im Grunde nur auf Irrwege, in den Tod. Schröder lässt politische Eindeutigkeit weg, weist im Grunde allein auf Christus, weist damit alle anderen Heilsversprechen ab. Nicht nur das: diesem Stern, Jesus Christus, soll jeder „zur rechten Stund“ ein Willkommen zurufen.
Das graue Heer, so Walter Flex im Gedicht „Der Christ an der Heerstraße“ (126), zieht an einem Marterl vorbei. Sie beachten es nicht. Er aber fragt, wo die ostwärts strömenden Soldaten hinziehen. Sie antworten Christus nicht – aber an dem durch Finsternis und den im Schlamm watenden Füßen erkennt er, dass sie in den Tod eilen. Das kleine Flämmchen am Marterl will hell leuchten, das morsche Holz mit dem Heiland leuchtet auf. Und der Heiland: „Und Mensch und Tier, die Gott als Opfer schuf, / Weiht segnend er das fremde, dunkle Land.“ Walter Flex starb 1917 nahe Riga im ersten Weltkrieg an einer Verwundung. An diesem Gedicht wird die Sicht von Walter Flex deutlich: Der Soldat muss – wie auch die Pferde – sein Leben als Opfer hingeben, verbunden damit ist eine intensive Beschreibung der Natur, wie in dem genannten Gedicht sind nicht nur die Soldaten und die Füße wund, sondern auch die Straße ist wund von den Füßen und Hufen im Schlamm. Auch wenn das graue Heer in den Tod drängt – für Flex ist das Sterben sinnvoll, von Christus gesegnet, es ist ein Opfer, das Gott will. Der Opfertod wird damit mit Sinn gefüllt. In nationalsozialistischer Zeit wurden, soweit ich einmal gelesen habe, Texte von Walter Flex intensiv rezipiert. Das bedeutet auch für dieses Gedicht: Der Mensch hat sich zu opfern – aber wofür? Im Nationalsozialismus für Volk und Führer. Das war 1917 etwas anders konnotiert: für Kaiser und Reich. Das Soldaten-Opfer wird auf jeden Fall religiös erhoben, der Zwang für Volk und Führer leiden zu müssen, wird mit pseudoreligiösem Sinn gefüllt. Damit wird der christliche Glaube pervertiert, in dem Jesus Christus das Opfer ist, das sich selbst hingegeben hat – nicht Menschen müssen sich für was auch immer opfern.
Ich frage mich, warum Kurt Ihlenfeld, der ja dem Nationalsozialismus gegenüber kritisch eingestellt war, das Gedicht in seinem Band „Zuversicht“ aufgenommen hat. Diente es der Irreführung der Zensur, dazu, den Band dadurch in seinem Gegensatz zum Nationalsozialismus zu tarnen, dass er den beliebten Schriftsteller zitiert? Ihlenfeld kann diese unchristliche Opfermetaphorik nicht ernst gemeint haben. Oder dient es als Zuversicht, damit Soldaten, die an der Front stehen, und Flex kannten, sein Buch lesen, auch Trost oder Korrektur empfangen? Soll mit der Umrahmung durch die Gedichte von Schröder bzw. Kneip (s.u.) das Gedicht neu interpretiert werden? Vermutlich:
Jesus Christus ist der wahre Stern. Die Könige folgten dem Stern zur Krippe – und nicht an die Front in den Opfertod. Und wie einige Gedichte zuvor schon im Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff genannt wurde: Christus ging für die Menschen in den Tod, damit wird dem Soldatentod als Opfertod die Grundlage entnommen. Mit Blick auf das angefügte Gedicht von Kneip: Christus steht vor der Tür des Herzens, nicht an der Front, auf dem Schlachtfeld ist er zu finden, nicht im Schlamm Richtung Front, sondern im Herzen. Im Schlamm Richtung Front für Kaiser und Reich wird er ja auch im Gedicht von Flex übersehen. Aus christlicher Sicht ist wahrscheinlich auch für Ihlenfeld Christus an der Front, im Schlamm, im Verwundeten, im Sterbenden. Aber dem Flex-Gedicht wird im Kontext der anderen Gedichte die ideologische Intention genommen. Sie wird korrigiert. Der Band wird zu einem Seelsorgetext auch an der Front.
Das folgende Gedicht „Der fremde Gast“ (129) von Jakob Kneip wurde schon angesprochen. In diesem geht es darum, dass Bauern gefragt werden, was sie tun würden, wenn Christus käme. Sie würden ihr Haus und Hof und Tier schniegeln und striegeln usw. Es endet damit: „Bedenkt, ihr Freunde, keine Nacht vergeht, / Wo nicht der Herr vor eurer Türe steht.“
Damit endet das Kapitel „Der Menschensohn“ und es beginnt das Kapitel „Ewigkeit“.
Datenschutzerklärung: https://www.wolfgangfenske.de/impressum-datenschutzerklaerung/ Und: https://gedichte.wolfgangfenske.de/rudolf-alexander-schroeder-1878-1962/
