Aufgrund der Beschäftigung mit den Gedichten aus dem Buch Zuversicht von Kurt Ihlenfeld, bin ich auf Walter Flex gestoßen. Walter Flex starb als Soldat an der Ostfront im 1. Weltkrieg. Er hatte einen Band seinem für „Kaiser und Reich“ gestorbenen Bruder gewidmet. In diesem Zusammenhang habe ich über folgende Aspekte nachgedacht:
Wenn es heißt, er starb für den Kaiser, dann ist der Kaiser nicht Wilhelm II., sondern es geht um Gottesgnadentum, darum, dass der Kaiser Repräsentant der göttlichen Ordnung ist. Er war bekanntlich der oberste Repräsentant der Evangelischen Kirche – eben aus diesem Grund. Er gibt dieser Welt-Ordnung ein Gesicht, eine Stimme. Bei Hitler ging es nicht um Gottgnadentum, es ging nicht darum, dass er der göttlichen Ordnung eine Stimme gibt (auch wenn er viel von Vorsehung sprach), denn Gott gibt es für Nationalsozialisten nicht. Von daher ist er ganz modern, wenn der Kaiser durch den Führer ersetzt wird: Konzentration auf einen Menschen, eben den Führer – weil es Gott nicht gibt. Wie Menschen dem Kaiser als Repräsentanten der göttlichen Ordnung zujubelten, jubelten die Säkularen nun dem Führer als dem aus menschlicher Macht Führenden zu. Die alte Struktur blieb vordergründig in der Säkularisierung, aber im Hintergrund ist doch ein großer Unterschied zu erkennen (die alte Struktur bröckelte vermutlich schon unter Bismarck). Nun starb man nicht mehr für den Kaiser, der die göttliche Ordnung repräsentierte, sondern man starb für den selbsternannten Führer.
Entsprechend auch der Unterschied zwischen Reich und Volk. Das Reich hat sakralen, göttlichen Hintergrund. Mit dem Reich ist eine sinnstiftende Ordnung verbunden, die in der Person des Kaisers greifbar wurde. Das Reich ist nicht nur Territorium. Das wird noch einmal deutlicher durch die Bezeichnung: „Das Heilige Römische Reich“. Die Bezeichnung „Reich“ wurde dann eine, die eher geographisch konnotiert war. Es konnte im 19. Jahrhundert säkularisiert in eine neue Richtung „transzendiert“ werden, losgelöst von Gottes Ordnung. In diesem Reich lebt das Volk. Und das Volk war nicht einfach nur „ein“ Volk, sondern im Nationalsozialismus rassisch konnotiert: Blutsgemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft, das Individuum zählt nicht als Individuum, es ist Teil eines größeren Ganzen, eben des Volkes. Und dieses Volk wird überleben, wenn der einzelne auch stirbt. Wie die Ameisen überleben, wenn die einzelne Ameise sich geopfert hat. Es stammt von den Germanen, in den Ariern pseudoreligiös emporgehoben.
Das „Reich“ war in alter Zeit eine transzendente Größe – die dann vom Volk als „transzendente“ Größe abgelöst wurde, während das „Reich“ die Transzendenz verlor und wie geschrieben, geografisch definiert wurde.
Die Besonderheit im Nationalsozialismus bestand allerdings dann weitergehend darin, dass der Führer das Volk ist – denn er hat ja wie das Volk, dessen Blut – und das Volk der Führer ist, denn es hat ja sein Blut. Das ist der nationalsozialistische Unterschied zum Sozialismus. In diesem verkörpert das Politbüro das Proletariat und das Proletariat verkörpert sich im Politbüro. Anders ausgedrückt: Die Partei ist Teil des Proletariats (und weiß, was es will) – und das Proletariat verwirklicht sich in der Partei. Beide Formen, Nationalsozialismus wie Sozialismus, sind Teil der Säkularisierung der Tradition. Der Nationalsozialismus baut einen säkularen Volks-Wissenschafts-Mythos auf, der Sozialismus baut einen säkularen Proletariats-Wissenschafts-Mythos auf.
In der Kaiserzeit opferten sich die Menschen also für Kaiser und Reich, im Nationalsozialismus für Führer und Volk und im Sozialismus für Arbeiterklasse / Proletariat und Partei.
Dass all das mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat, sondern Glaubensaussagen säkularisiert oder politisch instrumentalisiert wurden, dürfte trotz aller Kürze deutlich sein: Nicht ein menschliches Wesen, das greifbar ist, ist im christlichen Glauben Glaubensgrund, sondern der Sohn Gottes, Jesus Christus. Nicht ein irdisches Reich begrenzt das Denken der Glaubenden, sondern Gott wird sein Reich, seine Herrschaft aufrichten. Der christliche Glaube kennt keine Grenzen, kein Blutsvolk, keinen Rassismus, keine Vernichtung Reicher / Bonzen, Kapitalisten usw. Jeder Einzelne ist Kind Gottes, er muss sich nicht opfern für irgendwas Menschliches, geschweige denn für Ideologien, die Gott ersetzen wollen, er hat nicht nur seinen Wert als Teil eines Ganzen, eines Größeren, sondern die Würde liegt im Individuum selbst. Von daher spielt im Christentum auch das Gewissen eine Rolle, das bei Nationalsozialismus wie Sozialismus bedeutungslos wird, weil sich das Individuum unterordnen / einordnen muss. Nicht Volk nicht Partei ist letzte Instanz, sondern eben Gott.
Soweit ein paar kurz angerissene Gedanken. Für Gott und Vaterland opferten sich auch Menschen – aber das mag ich jetzt nicht auch vertiefen. Kommt vielleicht noch. Ebenso: Wie geht es heute?
