Annette von Droste-Hülshoff: Kreuz auf sich nehmen

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Auch das nächste Gedicht in dem Band „Zuversicht“ von Kurt Ihlenfeld, 1940 herausgegeben, ist von einer besonderen Heftigkeit. Es ist ein Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff: „Gethsemane“. Es schließt sich also nahtlos an das vorangegangene Gedicht von Eichendorff an. Detailliert wird in dem Gedicht beschrieben, was Jesus in seinem Gebet im Garten Gethsemane gesehen, wahrgenommen hat. Was ihm an Leidenszukunft bevorstehen wird, wurde ihm vor Augen gemalt: Er sieht das Kreuz mit seinem eigenen Leichnam. Dann bittet er: „Herr, ist es möglich, so laß die Stunde / An mir vorübergehn!“

Dann sah er ein strahlendes Kreuz herunterkommen. Und er sah, dass viele Menschen aus der Zukunft und aller Welt sich an das Kreuz klammern werden, sogar aus den Gräbern stieg nebelhaft ein Flehen – und dann sagte Jesus: „Vater, dein Wille mag geschehen.“ „Und aus dem Lilienkelche trat ein Engel / Und stärkte ihn.“

Und auch hier eine Vermutung, wie Ihlenfeld das Gedicht in seiner Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges verstanden haben könnte. Die mutigen Christen wollen nicht leiden, wollen das Kreuz nicht auf sich nehmen. (Die Deutschen Christen, die mit den Nationalsozialisten mitmarschierten und ihnen huldigten, sind nicht gemeint. Sie passen sich an, um nicht leiden zu müssen.) Es ist kein heroischer Weg in den Tod, Angst, Ohnmacht bestimmen den Christen, der diesen Weg gegen die Machthaber gehen muss – also anders, als es der Weg des Nationalsozialismus, der eine Helden-Ideologie propagierte. Doch erkennen die im Nationalsozialismus gegen diesen kämpfende Christen, dass ihr Handeln die Rettung vieler sein wird. Und so gehen sie wie Jesus den harten Weg, weil sie sich verantwortlich fühlen. Es handelt sich um einen kolossalen einen christlichen Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Zeitgeist – besser gesagt: Das Gedicht macht deutlich, dass die nationalsozialistische Ideologie (wie jede Ideologie) ein Affront gegen Christen ist. Darum duldet der christliche Glaube kein Mitläufertum mit Ideologien, sondern muss wie Jesus den Weg des Leidens gehen, um Menschen zu retten.

Christen werden auf dem Weg gestärkt. Und das eben nicht spektakulär – sondern: aus der Reinheit heraus tritt der Engel. Eine Lilie (auch Zeichen für Maria wegen der Unschuld, Reinheit) erwächst aus der Natur, der Engel ist ein Wunder in der Natur, ein stilles, leises Wunder. Die Natur ist in der Romantik durchlässig für Gottes Wirken, ist transparent. Aus der Zartheit bekommt er Kraft, die Gott ihm schickt, denn Gott ist in christlicher Tradition immer der Herr der Engel. Heute werden sie vielfach von Gott gelöst, als eigene Größen. Aber das ist unchristlich. Ein sich von Gott lösender Engel ist der gefallene Engel, der Satan, der die Menschen verwirrt. Dieser Engel erhebt sich aus der Lilie, nachdem Jesus „Vater, Vater“ gerufen hatte, und sich in Gottes Willen geborgen hat.

In der schweren Zeit, in der machtvolle, grausame, lärmende Ideologen herrschen, ist dieses Zuversichtsgedicht ein Kontrapunkt. Gott stärkt diejenigen, die seinen Willen tun durch leise, verborgene Zeichen – auch in der Natur, weil Gott ihr Schöpfer ist, kann sie ihm auch dienen – Engel hervorbringen. Doch müssen sie als solche erkannt werden. Und dazu regt dieses Gedicht an.

Das Gedicht: https://gedichte.xbib.de/Droste-H%FClshoff_gedicht_Gethsemane.htm

Es folgen Morgen die nächsten Gedichte, Gedichte von Conrad Ferdinand Meyer.

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