Joseph von Eichendorff: Wachet auf, wacht auf, wacht auf!

Kurt Ihlenfeld hat 1940 einen Gedichtband mit dem Titel „Zuversicht“ herausgegeben, in dem er Gedichte unterschiedlichster Dichter aufgenommen hat. (Auszug aus einem Beitrag, den ich bald veröffentlichen werde.)

Im Kapitel „Der Menschensohn“ geht es vor allem um Bewahrung. Hervorheben möchte ich das Gedicht von Eichendorff: Der Wächter (114).  „Der Herr“ – also Christus – dreht seine Wächterrunde, aber niemand wacht mit ihm: „Nächtlich macht der Herr die Rund´, / Sucht die Seinen unverdrossen, / Aber überall verschlossen / trifft er Tür und Herzensgrund, / Und er wendet sich voll Trauer: / Niemand ist, der mit mir wacht.“

Nur der Wald, der dieses wahrnimmt, rauscht und bewegt Glocken – der Ton dringt ein in das „lyrische Ich“, es hört die Glocken („in den stillen Lüften“) von weither durch die Einsamkeit – und schließt daraus: „An die Tore will ich schlagen, / An Palast und Hütten: `Auf! / Flammend schon die Gipfel ragen, / Wachet auf, wacht auf, wacht auf!´“

Wald und Glocken greifen die resignierte Aussage des Herrn auf („Niemand ist, der mit mir wacht.“ – selbst die Seinen schlafen – wie in Gethsemane) und werden selbständig, bringen das „lyrische Ich“ dazu, an die Tore schlagen zu wollen: „Wachet auf, wacht auf, wacht auf!“

Ein Zuversichts-Gedicht: Den Morgen nicht zu verschlafen. In Eichendorffs Zeit dürfte der Morgen, der nicht verschlafen werden darf, zu dem der Herr aufwecken möchte, die Romantik sein. Das Bewusstsein für die Natur, Gott, das Innere sollte wahrgenommen werden. Der Herr selbst ruft dazu auf, mit ihm zu wachen, diese wahrzunehmen. Das lyrische Ich, wie die Natur, die innere Einsamkeit greifen den Ruf auf und trommeln an die Türen und Tore. Morgens wird die Welt lebendig. Nicht allein die Natur, auch die Seele soll aufwachen, das Bewusstsein, den Herrn zu hören, die äußere wie innere Welt in ihrer Schönheit wahrzunehmen.

Was hat Ihlenfeld mit der Aufnahme dieses Gedichtes in seiner Sammlung bezweckt? Darüber kann ich nur spekulieren, weil nicht klar ist, wie er die Zukunft beurteilte. Aber Gedichte lassen jedem einzelnen Raum, sie in seiner Zeit zu verstehen.

Anzumerken sei, dass in der gottlosen Zeit des Nationalsozialismus der Wächter Christus keinen fand, der mit ihm wacht. Aber auch in dieser Zeit bleibt Natur, bleiben Glocken (überzeitliche, göttliche Wahrheit) rege und bewegen Menschen in ihrer Einsamkeit zu dem Ruf: Wachet auf. (Auch wenn Glocken in der Zeit des Nationalsozialismus missbraucht wurden.) 1940, als Ihlenfeld das Büchlein veröffentlichte, war der Nationalsozialismus, also die Nacht in gewisser Weise auf ihrem Höhepunkt brutaler Macht. Um Ihlenfeld bildete sich der so genannte Eckart-Kreis. Es handelte sich um konservativ-christliche Gegner (unterschiedlicher Art) des Nationalsozialismus. Von daher könnte meine Interpretation begründet sein, die das Gedicht als eine Art Widerstandsmetapher ansieht. Dem „Deutschland erwache“ wird ein christlicher Ansatz entgegengestellt. Das nationalsozialistische / nationalistische, atheistische „Deutschland erwache“ ist Nacht, Verlorenheit, Verlogenheit, Verblendung, Einsamkeit, paralysierend. Als Christen sehen sie jedoch schon, dass der Morgen in all der politischen Finsternis anbricht.

Morgen werde ich das diesem Gedicht Folgende von Annette von Droste-Hülshoff vorstellen. Das die Intention noch in überraschender Form vertieft.

Der Text: https://gedichtsuche.de/gedichte/der-wachter.html Hans Pfitzner hat den Text zu beginn der 1930er Jahre vertont: https://gedichtsuche.de/gedichte/der-wachter.html Übrigens dachte ich bei diesem Text an:

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