Wladimir Sergejewitsch Solowjow / Solov’ev (1853-1900) (2)

Beachte das gestern Geschriebene! https://blog.wolfgangfenske.de/2025/11/28/wladimir-sergejewitsch-solowjow-solovev-1853-1900/ (Auch zur Quelle und zur Übersetzung!)

  Oh, wie viel reines Azurblau in dir ist
Oh, wie viel reines Azurblau in dir ist
Und schwarze, schwarze Wolken!
Wie klar leuchtet die Herrlichkeit Gottes über dir,
Wie ist das böse Feuer in dir glühend und brennend.

In deiner Seele prallen mit unsichtbarer Feindschaft
Die zwei ewigen Mächte auf geheimnisvolle Weise zusammen,
Und die Schatten der beiden Welten, eine wilde Masse,
Sind in ungeordnetem Knäul ineinander verschlungen.

Aber ich glaube: der gleißende Gottes-Donner
Wird mittenhinein in diese Finsternis ein Machtwort donnern,
Und die schwarze Wolke wird mit mächtigen Strahlen
In das verwüstete Tal hineinplatzen.

Und mit sanftem Regen wird sie es wegwaschen,
Das Feuer der feindlichen Elemente wird auslöschen,
Und das Firmament wird all seinen Glanz öffnen
und alle Schönheit der Erde atemberaubend erleuchten.

In den Menschen findet – ganz klassisch – ein mächtiger kosmischer Kampf statt, wirklich ein Kampf? Nicht nur reiner Dualismus wird hier wiedergegeben, denn Gott wird siegen – aber ohne Kampf. Im Menschen sind unentwirrbar im Schatten die beiden Mächte in der Seele am Wirken. Die Dominanz Gottes wird jedoch nicht erst am Ende sichtbar, sondern wird schon in der ersten Strophe anders konnotiert als das Böse. Das böse Feuer ist in dem Menschen, die Herrlichkeit Gottes leuchtet über dem Menschen, auch wenn das reine, klare, göttliche Azurblau wie die schwarzen Wolken (Sünde, Verwundung, Leid, Verzweiflung, Zorn, Verwirrung, negative Leidenschaft, Verheerung, Chaos) im Menschen sind. Der Mensch ist nicht allein biologisches Wesen, in ihm finden metaphysische Kämpfe statt. Wenn Gott sich durchgesetzt hat, wird die Schönheit der Schöpfung, das glänzende Lichtfirmament erst so richtig erkennbar. Das wird erst einmal nicht ganz so sanft geschehen, denn mit gleißendem Licht und Donnerschrecken wird Gott eingreifen und die schwarzen Wolken werden heftig reagieren – dann aber wird all das Negative mit einem sanften Regen entfernt. Das Gericht Gottes wird als Reinigung dargestellt, das Licht und Schönheit freilegt. Die im Menschen wirkenden schwarzen Wolken verhindern auch ein klares Weltbild, verhindern (zeitweilig), dass der Mensch den Glanz des Firmamentes und die Schönheit der Erde wahrnehmen kann.

Zu beachten ist vor allem auch der Beginn des Gedichts: „Oh, wie viel reines Azurblau in dir ist“ – es ist eine Entdeckung. Nicht nur die schwarzen Wolken sind in mir, sondern eben auch viel Azurblau, nur verdeckt von den schwarzen Wolken.

*

In dem gestern vorgestellten Gedicht geht es auch um eine Zwiegespaltenheit. In dem Siegfried-Gedicht geht es um einen Kampf gegen das Böse, um einen äußeren, historischen aber mystischen Kampf. In diesem Gedicht geht es um in der Seele des Menschen ineinander verknäulten, einander widersprechenden Mächte, die jeweils die gesamte Weltsicht beeinflussen. Der Kampf im Siegfried-Gedicht ist einer, in dem der Mensch involviert ist. Er führt das von Christus geflammte Schwert der Liebe, er muss dennoch leiden, heldenhaft, während in dem Azur-Gedicht die Auseinandersetzung im Inneren stattfindet, aber der Sieg wird durch Gott herbeigeführt werden. Nur Gott kann heilen, die Augen öffnen für die Schönheit der Welt.

Wenn beide Gedichte zusammen betrachtet werden, wird erkennbar, wie Solowjow den Menschen sieht: Während in Menschen die hellen und dunklen Mächte miteinander ringen, ist der Mensch dazu aufgefordert, in seinem Leben nach Außen hin im Sinne Gottes das Böse, das Dunkle, Gefährliche zu bekämpfen. Kurz: Der Mensch Gottes ist leidender Held, der Mensch lebt von siegreicher Gnade.

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