Handeln im Nationalsozialismus

Manche werfen den Alten vor, dass sie nicht gegen die nationalsozialistische Ideologie intensiv eingetreten sind.

Das wäre natürlich ehrenhaft – aber ich kann verstehen, dass sie es kaum getan haben.

Allein schon heute, wenn man alles mögliche sagen darf – kann man wirklich etwas verändern? Nur dann, wenn man sehr intensiv vernetzt ist. Diese Vernetzung heute findet vor allem mit den technischen Hilfsmitteln statt, unterstützt von den emotional engagierten Medien.

Das fiel alles weg. Wenn man sich wirklich überlegt, wie wäre ich damals vorgegangen – vorausgesetzt, man hat ein wenig Ahnung von der Zeit – und die scheinen viele nicht zu haben – welche Möglichkeiten hätte ich als normaler Alltagsmensch wirklich gehabt?

Der normale Mensch musste zusehen, wie er seine Familie und sich ernährt – stärker noch als heute, es gab kein Hartz IV. Er war mobil sehr eingeschränkt. Zudem: Wenn ich so an mich in der Gegenwart denke: Ich habe eigentlich kaum Lust, all die Verrücktheiten der Gegenwart zu kommentieren, dagegen zu argumentieren, mich dagegen wirklich mit allen Mitteln zu engagieren.

Es gab vernetzte Gruppen – da sind vor allem die Sozialisten/Kommunisten zu nennen und die Kirchen. In der Zeit, konnte sich aber keiner so richtig sicher sein: ist der International-Sozialist nicht nun doch National-Sozialist geworden? Bei den Kirchen ist, vor allem bei der evangelischen Kirche deutlich geworden, wie viele bei den national(sozialistisch) orientierten Deutschen Christen mitgemacht haben – wie schwer es war, sich als Gegengruppe zu vernetzen. Das dauert seine Zeit – und bis es soweit war, hatte sich der propagandistisch und äußerst emotionale agitierende Nationalsozialismus vielfach schon in Herzen und Hirne etabliert. Das nicht zuletzt auch sehr aggressiv und drohend.

Selbst in politisch verantwortlicher Position waren den Menschen doch so ziemlich die Hände gebunden. So sei an Albrecht Haushofer gedacht, der stark in der Außenpolitik tätig war – aber letztlich doch nichts ausrichten konnte (s. http://gedichte.wolfgangfenske.de/haushofer/). Das ist kein Vorwurf, es ist auch nicht verwunderlich. Die nationalsozialistische Ideologie wie auch die kommunistische verlangen den ganzen Menschen – und haben ihn vielfach bekommen: Menschen waren vom Ungeist begeistert. Von daher Denunzianten usw. usw. waren ein großes Problem für diejenigen, die versucht haben widerständig zu sein.

Ein alter Mann sagte einmal, er habe bei einem Straßenbahnwagen, der an der Hauptmaschine drangehängt war, als er abends alleine darin fuhr, als Protest gegen die Zustände der Zeit alle Glühbirnen kaputt gemacht. Kleine Sabotage-Akte… – er selbst sah sie als sinnlos an. Aber er wollte irgendwas tun.

Wer sich heute nicht für Menschenrechte einsetzt – sollte vor allem mit Vorwürfen an die damalige Generation sehr sparsam sein.

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Nachdem ich das geschrieben habe, kam mir folgender Text vor Augen, in dem man vieles lesen kann, was man sonst nicht so leicht findet. Ein guter Text: https://www.hf.uni-koeln.de/data/musikeume/File/Oppositionelles%20Lied/Thurmair%20Lohmann.pdf

Es ist doch immer wieder ärgerlich, wie leichtfertig manche Kritiker agieren und agitieren – und das dann auch in Wikipedia aufgenommen wird. Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Thurmair

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Es gibt für manche Zeitgenossen nur schwarz-weiß. Darin sind sie den Ideologen nicht unähnlich. Ich finde auch in dieser Hinsicht das Buch von Heinrich Grüber: Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten interessant. Grüber versuchte während der Zeit des Nationalsozialismus Menschen die Flucht ins Ausland zu ermöglichen. Er hatte manche Ansprechpartner im System, die ihm halfen. Man kann diesen Systemstabilisierung vorwerfen und was sonst alles noch. Aber eine realistische Beurteilung sollte sich doch so langsam durchsetzen – entgegen einer Sicht Nachgeborener, die sich verbal-heldenhaft zu profilieren sucht.

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