Gott in Gedichten (20): Richard von Schaukal

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Richard von Schaukal (1874-1942)

war angesehener österreichischer Schriftsteller und Jurist, arbeitete in Ministerien, wurde 1918 geadelt. In dem Jahr, in dem er mit dem Adelstitel versehen worden war, verließ er den Verwaltungsdienst. Er hatte sich auch in Gedichten für den Ersten Weltkrieg ausgesprochen, war dann nach der Niederlage auch Österreichs als Anhänger der Monarchie von den neuen politischen Bestrebungen frustriert. Er wandte sich ganz dem Schriftstellerleben zu, studierte weitere Fächer (unter anderem antike Philosophie) und arbeitete an Zeitschriften mit. Er ließ sich als junger Mann von vielen Künstlern beeinflussen (z.B. Baudelaire) – und hatte auch distanzierten und äußerst kritischen Kontakt mit vielen Künstlern. Politisch tritt er wohl nicht so sehr in Erscheinung, wobei der konservative Touch jedoch deutlich wird. Die konservative katholische Einstellung pro Österreich – damit gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland – führte dazu, dass er von der nationalsozialistischen Presse angefeindet wurde.

In dem Buch von Libor Marek: Richard von Schaukals Beitrag zur ästhetischen Moderne, Dissertation, Olomouc 2013 https://theses.cz/id/wfdx5y/Dissertation-Schaukal.pdf wird dargelegt, dass sich Schaukal von der katholischen Religion zu einer ästhetischen Religion hin gewendet hat. Es wird eine Kunstreligion errichtet, wie sie damals auch im Gefolge von Nietzsche üblich war, so zum Beispiel von Rilke oder Stefan George. Als sich elitär ansehender Mensch unterwirft man sich Gott nicht, man denkt sich einen Gott bzw. etwas Religiöses aus – und das als Kunst. Was sich aber bei Schaukal später ändern wird.

Das Gedicht, in der eine Marien-Vision geschildert wird, lässt erkennen, dass der Glaube entschwindet („Vision“): „Die schwarze Muttergottes stand, / Jesus im Arm, am Wegesrand / Und sah so welk und wandermatt / Aus hohlen Augen in die Nacht. / … / Im Schlummer athmete die Stadt. // Ich gieng und kam und sah sie an: / Mir aber hat die Seele weh gethan. / Sie aber wandte sich und schritt / Quer über Feld im Stoppelland / Mit nackten Füßen ohne Laut… / Lang hab´ ich ihr noch nachgeschaut: / Wie eine schwarze Schlange glitt / Hinter ihr her ihr Schleppgewand.“ Das Gedicht wird von Libor Marek interpretiert: Der Glaube entschwindet – ist aber noch da. Das schwarze Schleppgewand wird als „Jugendstilmanier“ interpretiert – aber ich denke, die Schlange ist äußerst negativ zu konnotieren: Maria ist nicht die sündlose, die reine, sondern schwarz, mit Schlange. Dem Menschen schwindet der verderbliche Glaube. Das deutet auch das Gedicht „Credo“ (aus: „Verse“ 1896) an: „Ich bin kein wüstenkranker Nazarener / […] Ich bin ein schönheitstrunkener Athener / […] Mein Frühlingsreich ist nicht von dieser Welt / Der eklen nüchternen Alltäglichkeit. / Die Dichtung ist mein purpurrotes Kleid / Der Sternenhimmel ist mein Krönungszelt…“ (123) Im Gedicht wird die Antike sexualisiert und dem jüdisch-christlichen Glauben positiv entgegengestellt. Diese Texte zeigen, dass sich Schaukal vom christlichen Glauben abwendet.

Auch in „Oede“ greift die Einsamkeit nach seinem Herzen („Verse“ 20). In: „Dir steht die Welt ja offen!…“ sieht er, dass sie, anders als man ihm immer sagte, nicht offen ist: „Jetzt weiß ich, dass die Welt vernagelt ist, / Geschlossene Türen hab´ ich nur getroffen. / Ich weiß, dass meine Saat verhagelt ist – / – Und immer hör´ ich noch: die Welt ist offen!

Dieser negative Klang ändert sich gewaltig, die Einsamkeit wurde überwunden. Der Band „Herbsthöhe. Neue Gedichte (1921-1933)“ wird mit einer Banderole umgeben, auf der steht: „Nach 10 Jahren wieder ein neues lyrisches Werk des Meisters. Das gesichtete Ergebnis seiner reifsten Schöpfung“. Der Hinweis auf den „Meister“ lässt deutlich werden, wie er von manchen seiner Zeitgenossen verehrt wurde. (Allerdings musste ich die Druckbögen auseinanderschneiden – das heißt, das antiquarisch erworbene Büchlein von 1933 war in diesem Fall nicht gelesen worden.)

In diesem Bändchen finden wir zahlreiche Gedichte, die seine Anbindung an den christlichen Glauben verdeutlichen, das zusammen mit Lebenserinnerungen und sehr zahlreichen Naturgedichten. Einmal greift Schaukal die alte Tradition auf, Aspekte des Lebens Jesu in Gedichten nachzuvollziehen: Geburt, Passion („Kreuzweg“, „Gethsemane“, „Jesus stirbt“), aber auch die Weisen aus dem Morgenland („Die Heiligen drei Könige“) werden besungen, mit dem gegenwärtigen Menschen verknüpft – und das mit mystischen Bezügen: „Laß uns liegen, laß uns schweigen, / liebend in dir untergehen, / Himmelsglanz, dem wir uns neigen, / selig, unsern Herrn zu sehen!“.

In diesem Band geht er von Weihnachten aus durch das Jahr – und kommt am Ende des Bändchens wieder über Weihnachten zum neuen Jahr. In der Darstellung eines Kirchenjahres darf auch Pfingsten nicht fehlen. In diesem Kontext finden wir ein kleines Gedicht, das auch ein Liebesgedicht sein kann:
Pfingstwunder /
ALLE Rosen meines Herzens standen dir offen, /
Und da kamst du in Flammen /
statt mit kühlendem Nachttau. /
Aber ich loderte auf und erlebte das Wunder der Liebe.
Wie im Kontext des Themas Liebes-Glaubens-Lieder bei Ricarda Huch deutlich wurde, ist auch hier nicht ganz deutlich: Handelt es sich um ein Liebeslied, das einen Menschen anspricht oder um ein Liebeslied, das Gott anspricht, also ein Gebet ist. Für die letztgenannte Interpretation spricht der intensive Bezug auf die Pfingstgeschichte, die wir in der Apostelgeschichte lesen.

Diese zweifache Interpretation trifft auch auf das folgende außerordentliche Gedicht zu: „Hinten im Garten / Hinten im Garten am Zaun, / wo der Marillenbaum / bienenumsummt in der Sonne steht, / endet die Welt. / Es führt ein Weg ins Feld, / den niemand geht.“ Das Gedicht kann ein ganz normales Naturgedicht im Rahmen von Kindheitserinnerungen sein, die umgebenden Gedichte enthalten Kindheitserinnerungen. Es kann sich also um die Erinnerung an einen Kindheitsgarten handeln. Das Kind lebt im Garten. Der Garten hat eine Grenze – nicht nur der Garten: die Welt findet ihre Grenze – am wunderschön blühenden Marillenbaum. Aber das Kind sieht auch, dass es hinter der Welt irgendwie  weiter geht, sie hört an der ihm gesetzten Grenze nicht auf. Aber niemand geht diesen Weg hinter der wunderschönen irdischen Welt, aber der Weg ist da. Diese weiter gehende religiöse Interpretation wird durch das diesem Gedicht folgende Gedicht „Lauschend am Eingang“ angeregt: „meine verbannte Seele / lauschend am Eingang“ zur vergangenen Wunder-Welt. Kindheit – schöne Erinnerungen –  Grenzen an die die Seele stößt. Nicht selten verschwimmen Naturbeobachtungen und Glauben ineinander, so zum Beispiel auch im Gedicht „Grauer Himmel“.

In dem Teil des Bandes „Zu Gott“ werden auch einige kurze Gedichte zu dem Thema genannt, die recht einprägsam sind. In diesen formuliert er seine Schuld, die Abwendung von Gott, dann die Hinwendung, Auseinandersetzungen mit manchen Themen (Vergebung und Gericht), Gedichte mit Blick auf den Heiligen Geist, Engel, Sünde, sein eigenes Unvermögen, im Glauben so zu leben, wie andere es tun („Gebet des von fern Folgenden“).

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