Brief an mich im Alter

Ich habe mir einen Brief geschrieben, den mir mein Kind geben soll, wenn ich alt geworden bin:

  • Wenn Du das nicht mehr lesen willst, im Alter, lies zumindest den letzten Punkt.
  • Lass Dich nicht gehen.
  • Fürchte nicht das Alter, die Gebrechlichkeit des Körpers, die Aussetzer des Geistes, die Müdigkeit der Seele. Wisse, dass die Liebe Gottes Deine Furcht umfängt.
  • Pflege Deinen Körper und Geist. Halte beide sauber und beweglich, so gut es eben geht.
  • Achte darauf, wie Du Dich verhältst, woran Du denkst.
  • Achte auf tägliche Rituale – aber lass Dich von ihnen nicht fesseln.
  • Wenn Du Deinen Geist und Körper selbst nicht mehr verstehst, solidarisiere Dich mit ihnen. Wage Dich an die Öffentlichkeit.
  • Versumpfe nicht vor dem Fernsehen oder dem PC, knüpfe Netzwerke.
  • Mache so lange alles allein, wie Du es kannst, aber hole beizeiten Hilfe.
  • So lange Du noch kannst: Lass das Auto stehen, damit Du Dich an andere Fortbewegungsmittel gewöhnen kannst.
  • So lange Du noch kannst: Reduziere Deinen Besitz. Löse Dich von dem, was nicht notwendig ist. Aber achte dabei darauf, dass Du nicht alles, woran Deine Erinnerungen anhaften und Nahrung zum Leben geben können, entsorgst.
  • Wenn Du bettlägrig wirst – aber noch denken kannst, dann unterstütze die Menschen, die Gutes tun, mit Deinem Gebet.
  • Achte beizeiten auf die technischen Möglichkeiten, damit Du den Menschen auch persönlich mitteilen kannst, dass Du sie betend stärkst.
  • Wenn Du nichts mehr siehst, nichts mehr hörst und liegst – Gott sieht, Gott hört, Gott wirkt durch Deine Gebete.
  • Wenn Du gar nichts mehr von der Welt erwartest, von Dir erwartest, von Gott erwartest und nur noch dumpf vor Dich hinbrüten willst: Achte darauf, dass Du nicht ein lebender Toter wirst. Du hast kein recht, Dir das Leben zu nehmen, das Gott Dir gegeben hat. Er wird Dich beizeiten zu sich rufen.
  • In Deinem Schmerz denke an die Menschen, von deren Lebensschicksalen Du viel gelernt hast. Du beginnst ja nicht erst jetzt, über das Leiden und das Leben, über Gott und seine Nähe nachzudenken. Vergiss es nicht, dass Du eine Menge an (Fremd-)Erfahrungen gehortet hast.
  • Wenn Du bitter wirst, sarkastisch, innerer Zorn Dich erfasst, dann erweck die Melodien in Dir, die Dir in Deinem Leben so wichtig gewesen sind.
  • Lass Deinen Zorn nicht aus an Menschen, die Dich lieben und den Menschen, die Dich pflegen.
  • Dankbarkeit befreit von Schwere aller Art. Wecke sie immer wieder auf, wenn sie einschlafen will. Den Sinn für Schönheit erhalte Dir. Suche sie. Schönheit ist wie Dankbarkeit wunderbare Nahrung für die Seele.
  • Und wenn Du das alles nicht mehr hören willst, was ich Dir in jungen Jahren geschrieben habe, lege Dich in Gottes Hand. So lange Du denken kannst: Ich lege mich Gott, in Deine Hand. Möge der Geist Gottes das in Dir beten, auch wenn Du selbst nicht mehr beten kannst.

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