Laut Buch von Philipp Gessler: Wolfgang Huber. Ein Leben für Protestantismus und Politik, Kreuz-Verlag 2012 ist der ehemalige Ratsvorsitzende Huber kein Evangelikaler, weil er den Kreationismus ablehnt, den Antijudaismus und die Judenmission (219). Dass hier Evangelikale als Antijudaisten dargestellt werden, ist schon kurios. Aber was die beiden anderen Aspekte betrifft: Dann waren zum Beispiel Paulus und alle anderen Jünger Jesu Evangelikale – und evangelikal dürfen Christen von heute auf keinen Fall mehr sein!? Eine eigenartige Sicht vom christlichen Glauben.
Wichtiger aber ist das, was Huber selbst mit einer Definition aus dem 20. Jahrhundert dazu sagt. Fundamentalismus vertrete: “1. Die Unfehlbarkeit der Schrift; 2. Christi Jungfrauengeburt; 3. der Sühnopfertod Jesu; 4. die leibliche Auferstehung; 5. die Wirklichkeit der in der Bibel bezeugten Wunder.” Fundamentalismus sei für ihn, “Ohne jeden Interpretationsspielraum diese fünf Aussagen wortwörtlich bejahen zu müssen” (218).
Und das ist es: Das, was da genannt wird, das sind zum Teil Grundlagen des christlichen Glaubens – aber eben: Es kommt darauf an, einen Interpretationsspielraum zu lassen und ihn zu erkämpfen, es kommt darauf an, Argumente der jeweiligen unterschiedlichen Gruppen zu hören und anzuhören, sie zu bedenken, vielleicht – nach Abwägen der Argumente – umzudenken. Und zwar das alles mit Blick darauf, dass alle Diskutierenden, mit welcher Position auch immer, Kinder Gottes sind – und bleiben, auch wenn man sich nicht einigen kann.
Wie auf Seite 218f. deutlich wird, wird heute vielfach “persönliche Frömmigkeit” mit Fundamentalismus verwechselt. Frömmigkeit, die nicht im Formelhaften stecken bleibt = Fundamentalismus. Frömmigkeit, die nicht die Vorgaben der medial dominanten Zeitgenossen aufgreift = Fundamentalismus. Frömmigkeit, die nicht irgendwelchen wissenschaftlichen Theorien huldigen = Fundamentalismus. Die Kämpfer gegen Fundamentalismus sind zum Teil schon selbst recht fundamentalistisch – und zwar dann, wenn sie anderen Frömmigkeitsweisen keinen Interpretationsraum lassen, sondern sie mit dem Begriff “Fundamentalismus” stigmatisieren und damit den Stempel: “Pfui” und “gefährlich” und “lasst euch auf die nicht ein” aufdrücken. (Vom Januar 2013.)
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