Bergpredigt: Schluss – Warnung und Lebensbasis

Schluss der Bergpredigt

Der Schluss der Bergpredigt endet mit einem Text, der auf das hinweist, was wir schon immer beim Lesen der Bergpredigt gedacht haben: Das ist aber schwer zu tun! Nicht zu beschimpfen, Frauen nicht begehrlich anzusehen, sich nicht scheiden zu lassen, wenn einem danach ist, aufrichtig zu reden, seine Wange hinhalten, wenn einer einen schlägt, den Feind zu lieben, nicht zu heucheln – denn man möchte ja immer besser dastehen, damit man soziales Ansehen hat, nicht nach irdischen Schätzen zu trachten… – das ist unmenschlich!

Aber Jesus, so Matthäus traut es uns zu, diesen weg Gottes zu gehen. Er ist schwer, aber er ist zu gehen.  Und weil der Weg so schwer ist, werden viele den leichten, den normalen Weg gehen. Dieses Bild wiederum ist sehr drastisch, er prägte sich ein und war bei unseren Vorfahren ein beliebtes Bild. Nicht nur bei unseren christlichen Vorfahren. Herakles musste sich auch am Scheideweg zwischen dem leichten, genussvollen aber verwerflichen und den beschwerlichen Weg der Tugend entscheiden, denn der leichte Weg der Glückseligkeit ist nur eine Vorgaukelei. Diese Wege waren von Frauen bestimmt: Frau Laster (Glückseligkeit durch Laster, sie ist verstoßen worden von den Göttern und versucht den Menschen, den üblen, leichten Weg zu gehen) und Frau Tugend (Schönes und Gutes geben die Götter nur dem, der sich müht und fleißig ist). Beide reden, miteinander diskutierend, dem Herakles zu – der Held entscheidet sich für den moralischen Weg, den Weg, der zum Ruhm führt.

Auf weitere Parallelen und Unterschiede sei hier nicht eingegangen. Es sei nur angemerkt: beide weisen auf Vergänglichkeit und Ruhm hin. Der eine hat Vergänglichkeit und Ruhm bei Menschen im Blick, der andere bei Gott. Das normale – auch tugendhafte – Menschen nach kurzer Zeit vergessen werden (anders als der Göttersohn Herakles), hat der christliche Glaube gewisse Vorteile: Bei Gott wird er nicht vergessen – und im Zuge der Auferstehung wird er mit anderen – wie auch immer – Gemeinschaft haben. (Nachträglich kann man sagen: Was für ein Glück haben wir, dass wir im Matthäusevangelium keine Frauen als Gegenspielerinnen finden – das hätte heute ziemlich große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.)

Nach diesem plastischen Bild geht es zu anderen Bildworten:

Bildwort 1: Falsche Propheten werden kommen, sie sind reißende Wölfe, haben aber Schafskleider angezogen (Wolf im Schafspelz).

Bildwort 2: An den Früchten sind „sie“ zu erkennen. Trauben findet man nicht im Dornstrauch, Feigen findet man nicht bei den Disteln.

Bildwort 3: Es gibt gut gedeihende (gute) Bäume und schlecht gedeihende (faule) Bäume. Der gute Baum bringt gute Früchte hervor, der faule Baum schlechte Früchte. Bäume, die schlecht tragen, die werden zu Brennholz verarbeitet.

Zusammenfassend: Gefährlich sind diejenigen, die als Schafe verkleidet, den Menschen auf den breiten Weg in die Verdammnis führen möchten. Man soll also aufpassen, dass man sich nicht verführen lässt.

Woran erkennt man aber den falschen und den guten Propheten? An ihren Früchten. Bei Menschen, die nicht den Weg Gottes gehen (Antithesen usw.) findet man keine guten Früchte. Dann gibt es aber auch Menschen, die ein und dieselbe Sorte Baum sind – aber die einen tragen gute Früchte, die anderen schlechte Früchte. Interessant ist, dass Matthäus diesen Satz aufgrund seiner ethisch geprägten Bergpredigt ethisch verstärkt, während die Parallele bei Lukas die Lehre im Blick hat: Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor; ein böser bringt hervor aus dem Bösen, das Böse. Wovon das Herz voll ist, spricht der Mund. (Lukas 6,43-45)

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Im Lukasevangelium haben wir noch einen Satz angeschlossen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“

Dieser Satz wird von Matthäus ausgeführt: Auch wenn die „Herr, Herr“-Sager noch so tolle Sachen gemacht haben (weissagen in Jesu Namen, in Jesu Namen exorzistisch tätig sein, Wunder tun in Jesu Namen) – Jesus wird ihnen keinen Zugang ins Himmelreich gewähren – sie sind Übeltäter und werden von ihm weggeschickt. Wie kommt es? Im Sinne des Matthäus: Man kann wunderbare Wunder tun – und das sogar in Jesu Namen – aber man kann parallel dazu: seinen Bruder beschimpfen, Frauen begehrlich ansehen, die Gewaltspirale erhöhen, heucheln, Gott nicht vertrauen, sondern sich selbst. Matthäus ist also ein massiver Kritiker seiner Gemeinde und möchte mit der Bergpredigt seine Gemeinde ethisch korrigieren. Und ich denke mir, dass er aus diesen Gründen nicht zufällig die Themen zusammengeführt hat, die er in den Antithesen usw. darlegt. Das macht aber insgesamt diesen Text zu einem der heftigsten Texte im Evangelium: Menschen, die im Namen Jesu handeln – sind nicht unbedingt „gute Bäume“, auch wenn sie in den Augen der Menschen noch so Großartiges tun.

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Abgeschlossen wird die Bergpredigt mit einem Text, den wir auch in der lukanischen Feldrede finden. Das heißt, er stammt nicht von Matthäus, er ist älter. Beide unterscheiden sich ein wenig im Wortlaut, was hier nicht vertieft werden soll. Es kommt darauf an zu sagen: Wer die Bergpredigt hört und entsprechend handelt, baut sein Leben auf eine gute Basis. Die Basis ist gut, weil es trotz Lebensstürmen bestehen bleibt. Anders, der diese Basis nicht verwendet – die Lebensstürme zerstören ihn.

Ähnliche Worte gibt es bei den jüdischen Gelehrten, bei Buddha (So wie der Regen in ein schlecht gedecktes Haus eindringt, so dringt Leidenschaft in einen nicht gesammelten Geist. So wie kein Regen in ein gut gedecktes Haus eindringt, so dringt keine Leidenschaft in einen wohl entwickelten Geist.“) Man kann sie alle miteinander vergleichen. Was aber hier deutlich wird: Für Matthäus und Lukas (das heißt somit auch die Logienquelle) ist die Basis des Lebens diese Zusammenstellung der Worte Jesu. Und Jesus – ist nicht einfach nur ein Weisheitslehrer unter Weisheitslehrern, so bekennen die Evangelisten, sondern er steht in einzigartiger Beziehung zu Gott – und die Nachfolger haben seinen Geist. Wenn auch manche dieser Worte so nicht von Jesus gesprochen wurden, nicht in dieser Reihenfolge und Zusammenstellung, so sind sie doch nicht zu übergehen. Was dann auch die Gemeinde – aus demselben Geist Gottes heraus – dadurch bestätigte, dass sie dieses Evangelium in den biblischen Kanon als Maßstab aufgenommen hat. Es geht – auch wenn ich das immer wieder mal betont habe  – nicht nur um die Frage, was hat Jesus wirklich gesagt, es geht auch um die Frage: Was haben diejenigen, die dessen Geist haben, daraus gemacht – und wie haben andere Geistbegabte es aufgegriffen. Jesus ist Ausgangspunkt – aber als der Christus.

Damit habe ich das Thema Bergpredigt beendet. Bücher wurden über sie geschrieben – hätte ich auch schreiben können. Insofern sind es Nachdenkanstöße – weil sie meine Perspektive kurz und knapp wiedergeben.

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Eine Antwort auf „Bergpredigt: Schluss – Warnung und Lebensbasis“

  1. Das ist aber schwer zu tun!

    Ich denke, manches dafür ist sogar unmöglich zu tun, denn ein Teil der Dinge umfasst das, was bei Orwells 1984 „thought crime“ bezeichnet wird, wo also allein der Gedanke an etwas schon ein Verbrechen darstellt. Das ist doch eine totale Verkennung der menschlichen Natur oder wie Sie richtig feststellen: unmenschlich!

    Er ist schwer, aber er ist zu gehen.

    In letzter Konsequenz eben nicht!

    Woran erkennt man aber den falschen und den guten Propheten?

    Es mag sicherlich falsche Propheten geben, nämlich alle, die sich selber für Propheten halten oder solche, die von anderen für Propheten gehalten werden, können nur falsche Propheten sein, weil es weder echte noch gute Propheten geben kann, denn niemand ist in der Lage, die Zukunft vorher zu sagen.

    während die Parallele bei Lukas die Lehre im Blick hat: Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor; ein böser bringt hervor aus dem Bösen, das Böse. Wovon das Herz voll ist, spricht der Mund. (Lukas 6,43-45)

    Und das zitiert ausgerechnet jemand, der mir schwarz-weiß-Denken vorwirft? Ich kenne jedenfalls keinen Menschen, der rundherum nur „gut“ wäre und ich denke, es gibt auch kaum jemanden, der nur „schlecht“ wäre. Zudem ergibt sich die Frage, wer denn hier „gut“ und „schlecht“ festlegt. Ist etwa ein Mensch schlecht, nur weil er seinen Sohn, der ihm widerspricht, zu Tode steinigen lässt? Er befolgt doch schließlich seines Gottes Gebot?

    weissagen in Jesu Namen, in Jesu Namen exorzistisch tätig sein,

    Das nenne Sie toll? Ich hoffe, das ist ironisch gemeint, denn das sind archaische Dinge, die von Menschen mit einem primitiv-falschen Weltbild durchgeführt wurden.

    Matthäus ist also ein massiver Kritiker seiner Gemeinde und möchte mit der Bergpredigt seine Gemeinde ethisch korrigieren.

    Ich denke, dass trifft den Punkt: die Bergpredigt ist nicht weiter als eine moralische Erbauungsrede, in der Matthäus das ins Zentrum rückt, was ihm persönlich wichtig ist.

    nicht nur um die Frage, was hat Jesus wirklich gesagt, es geht auch um die Frage: Was haben diejenigen, die dessen Geist haben, daraus gemacht

    Und wie immer fehlt es an zuverlässigen Kriterien, anhand derer man entscheiden könnte, „wer den Geist hat“. 2000 Jahre insbesondere katholischer Kirchengeschichte mit vielen Päpsten, die man nur als Verbrecher qualifizieren kann, belegen dies.

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