
Ich hatte schon Wesentliches über Michael Kitzelmann dargelegt: Hier. Inzwischen habe ich auch das Buch von Hans Hümmeler bekommen: Michael Kitzelmann. Mensch, Soldat, Christ. o.J. [1964(?)] In ihm finden wir auch die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe abgedruckt. Was ich unter dem Link geschrieben habe, wiederhole ich nicht mehr. Zu meiner Reihe: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/
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In meiner Darlegung hatte ich auch auf sein Christsein hingewiesen. Sein katholisches Elternhaus und seine Dorfgemeinschaft waren stark katholisch geprägt und auch dem Nationalsozialismus gegenüber kritisch eingestellt. Kitzelmann hatte eine gewisse euphorische Stimmung, verteidigte Hitler gegen Vorwürfe seines Vaters, als der Sieg über Frankreich in Händen lag (65f.). Ich kann mir denken, dass der junge Mann eben mitgerissen war von der Situation, aber auch: Er wusste, dass die Briefe gelesen werden konnten, und ist es möglich, dass er so massiv pro Hitler schrieb, weil er das wusste und keine Scherereien bekommen wollte? Wie dem auch sei: Insgesamt überwiegt die negative Einstellung.
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Auch bei Kitzelmann ist erkennbar: Menschen führen Krieg – aber angesichts der vielen Toten im Zuge des Angriffs auf Polen schreibt er: „Ich habe mein Schicksal in Gottes Hände gelegt, der allein über Tod und Leben gebietet. Es ist zwar ein hartes Opfer, aber der Herr hat mir das Leben gegeben und wenn er es wieder fordert,… so will ich mich ergeben darein fügen.“ (51) Das ist – ich hatte das Thema im Kontext von Ihlenfeld auch beobachtet – immer wieder ähnlich: Menschen sind verantwortlich für den Krieg, aber das Leben und Sterben werden mit Gott in Beziehung gebracht. Kitzelmann hebt dadurch das Tun der Menschen auf einen höhere Ebene. Er sieht den Polenkrieg prophetisch als Vorspiel zu einem „bevorstehenden Vernichtungskampf, den Europas Völker jetzt zielbewußt und fieberhaft vorbereiten. Der Stein des Krieges wurde gewaltsam ins Rollen gebracht und nun vermag man ihn nicht mehr aufzuhalten und er droht des Volkes letzte Kraft und Wohlstand in den Abgrund zu reißen.“ Er hofft auf ein Wunder, das das verhindern wird, fragt aber: „oder will Gott ein Strafgericht an der Menschheit vollziehen? Unsere Zeit hat ihn mit Vermessenheit verschmäht, verhöhnt und gelästert, doch wir werden seinen mächtigen Arm zu spüren bekommen.“ (55)
Leider wird hier nicht deutlich, ob er denkt, dass Gott die Menschen wegen des Ungehorsams in den Krieg führen wird, oder ob es der Ungehorsam des Menschen ist, die Loslösung von Gott, die den Menschen in den Krieg bzw. den Abgrund führen wird.
Von den Nationalsozialisten und den militarisierenden Bürokraten spricht er nicht gerade freundlich, nennt sie 1941 „Parteibonzen und andere Schmarotzer“ (77) oder spricht von seltsam uniformierten Menschen der Verwaltung mit ihren „sicheren Pöstchen“ von „Etappenschweinen“ (82), von der „verschworenen Gemeinschaft“ der Nationalsozialisten (91), von „Sauhaufen“ (99). Er bemerkte vor dem Angriff auf die Sowjetunion, dass da was im Busch ist und stand dem Treiben immer kritischer gegenüber. So schreibt er schon zu Beginn des Krieges: „Der einzige Gedanke und Wunsch eines jeden ist nur: Ende des Krieges, raus aus Rußland… Doch wer fragt uns, ob wir wollen oder nicht! Trotz all unserer Siege sind doch eigentlich wir das geschlagene Volk… wir werden Jahr um Jahr in neue Kriege gehetzt, Jahr für Jahr fließt von neuem deutsches Blut, und zu Hause in den Städten darben und hungern Tag für Tag Millionen von deutschen Mitmenschen. Unser Herrgott scheint tatsächlich sein Auge vom deutschen Volk abgewendet zu haben. Ist ja auch kein Wunder, wo man ihm in Deutschland, im deutschen Volk das letzte Plätzchen entreißen will. Aber niemand bei uns fühlt seine schlimme Rache, das ist das Ärgste.“ (85)
Um den oben begonnenen Gedanken weiterzuführen: Auch hier ist beides erkennbar: Einmal, dass die Abwendung des Menschen von Gott dazu führt, dass Gott sich abwendet, den Menschen allein lässt, der Mensch also Schlimmes tut – andererseits aber ist von Gottes Rache die Rede. Ist die Abwendung die Rache oder führt Gott die Menschen in den Krieg? Wie auch immer das zu beurteilen ist: Die politische Lage und die Beziehung zu Gott werden aufeinander bezogen. Sie hängen zusammen.
Er begann, sich „gegen die Allmacht des heidnischen… Staatswesens zu stemmen, auch mit Gefahr für Leib und Leben.“ Wie die Urchristen (91). Dann wurde er verraten. Vorwurf: Staatsfeindliche Äußerungen.
Was im Kriegsgericht eine Rolle gespielt hat, das ist seine Aussage: „Daheim reißen sie die Kreuze aus den Schulen, und hier macht man uns vor, gegen den gottlosen Bolschewismus zu kämpfen.“ (96) 1941 hatte er in einem Brief geäußert, dass die Armee dazu berufen sei, den Bolschewismus im deutschen Volk zu bekämpfen, „mit Stumpf und Stil auszumerzen“. Die Armee (in dem Buch wird auch auf die Offiziere des 20. Juli 1944 hingewiesen) sah sich zum Teil als eine besondere Größe an, die Hitler Widerstand leisten muss. Meint Kitzelmann hier mit Bolschewismus die NSDAP? (99)
Nach seiner Verurteilung hat Kitzelmann ein Tagebuch geschrieben, das sein Denken und seinen Gefühlen Ausdruck gibt. Der Pfarrer, der ihn in Gefangenschaft betreute, gab der Familie dieses Tagebuch, nachdem der Sohn hingerichtet worden war. In diesem wird deutlich, dass er sehr intensiv in der Not gebetet hat, es ihm dann aber bewusst wurde, dass er bald vor Gott stehen wird. Und so hat er mit Gott alles geklärt, um sich auf die kommende Ewigkeit einzustellen. Die Leidensgeschichte Jesu beschäftigt ihn sehr stark. In seinen Briefen erkennen manche eine Entwicklung hin zu dem immer stärkeren Einstimmen in den Willen Gottes, des sich geborgen Wissens „an des Heilands Erlöserkreuz“ (109). Aber immer wieder ringt er: „Ich klettere förmlich am Kreuz des göttlichen Heilands empor, um Kraft zu erflehen in diesem schrecklichen Geisteskampf.“ (111) Hilfreich in seinem Kampf waren Bibeltexte und Gesangbuchlieder. Letztlich hat er sich durchgerungen – auch mit Blick auf die Pfingstbitte: Komm, Heiliger Geist. „Es ist ein unschätzbares Glück, in Gottes Nähe zu sein. Gott allein und in Gott ist das Glück.“ (112) Er schreibt am Vorabend der Hinrichtung und in der Nacht noch Abschiedsbriefe und sein Tagebuch beschließt er mit dem Satz: „Dein heiligstes Herz, o Jesu mein, soll ewig meine Ruhstatt sein. Amen.“ Er hat in den letzten Minuten des Lebens dem Denunzianten vergeben und starb unter den Kugeln des Erschießungskommandos mit den Worten: „Jesus, Dir leb ich, Jesus, Dir sterb ich“ (119; traditionell geht es weiter: Jesus, dein bin ich im Leben, im Tod.)
Aber auch das ist eine Form des Widerstands: Der Pfarrer des Dorfes hat öffentlich zum Gebet für den vor Gericht Stehenden „Staatsfeind“ aufgerufen.
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Der Glaube an Gott ist stärker als die Tyrannen. Tyrannen/Ideologen fordern die Selbstauslieferung des ganzen Menschen. Sie wollen, dass er sich ihnen unterwirft, ihnen gehört mit Körper, Geist und Seele. Glaubende wissen, wie Jesus sagt, dass die Tyrannen den Körper töten können. Aber der Geist gehört ihnen nicht. Glaubende sind also frei von der Macht und der Gewalt der Herrschenden, weil sie Jesus Christus gehören, der ihnen seinen Gottesgeist schenkt. Glaubende sind kein fester Stein, sondern im Leben stehende Menschen, von daher auch den Versuchungen ausgesetzt, bis dahin, dass sie Nachfolge eine Zeitlang verweigern können. (Was an Michael Kitzelmann jedoch so nicht erkennbar ist.) Wenn der Geist Gottes in ihnen aber wieder stark wird, gehen sie frei von Menschenfurcht an der Hand von Jesus Christus. Und wenn sie gebrochen wurden, weil der Mensch zerbrechlich ist, dann können sie aus der Vergebung leben, die Jesus Christus ihnen gewährt.
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