
Lampe auf Teneriffa aufgenommen – mit Gemini verfeinert.
Fortsetzung von: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/09/joseph-von-eichendorff-wachet-auf-wacht-auf-wacht-auf/ und: https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/10/annette-von-droste-huelshoff-kreuz-auf-sich-nehmen/
Auch die nächsten Gedichte in dem Band Zuversicht von Kurt Ihlenfeld, 1940 herausgegeben, sind von einer besonderen Heftigkeit.
Im dem dem Gedicht. das Annette von Drosten-Hülshoffs Gedicht folgt, geht es um die Frage der Sünde. Mörike fragt: „Was rettet mich von Tod und Sünden?“ – eine in der Zeit in der viele den falschen ideologischen Wegen folgt, sehr wichtige Frage. Ohne Sündenbekenntnis gibt es keine Erneuerung.
Es folgt das Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer: „In einer Sturmnacht“ (119). Er erkennt im Sturm einen dämonischen Kampf. In der vom Sturm gebeutelten Lampe – keine elektrische, sondern eine mit einer Flamme – hört er die Flamme sprechen, die jetzt im Sturm wie damals im Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus leuchtete. In diesem Gespräch sagte Jesus dem Nikodemus: „Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist, / Der mächtig weht und seine Welt erneut?“ Dieses Gedicht greift die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium Kapitel 3 auf, das er seinem Gesprächspartner Nikodemus sagt: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt, wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist“ – es geht um den Geist Gottes. Der Mensch, der aus Gottes Geist geboren ist, versteht vieles anders, tiefer als Menschen, die es nicht sind. Mit dem Gedicht wird ausgesprochen, dass es im heftigen dämonischen Sturm Hoffnung gibt auf das Neue, das der Geist Gottes wirken wird.
Meyer lebte im 19. Jahrhundert, einer Zeit massiver sozialer, wissenschaftlicher und technischer Umbrüche. Die Welt war auch moralisch aus den Fugen geraten, Religion wurde verspottet. In diese stürmische Welt hinein wird auf den Geist Gottes hingewiesen, der Neues erschafft. Der Blick bleibt nicht im Vordergründigen Chaos hängen, sondern findet einen Anker in der Bewegung des Geistes Gottes. Es mag widersprüchlich klingen – aber Gott ist in der Konstante die Bewegung.
Dieses Gedicht wird von Kurt Ihlenfeld aufgenommen und wird es in seiner Zeit, für seine Zeit interpretiert haben. Der Nationalsozialismus ist als dämonischer Sturm ausgezogen, die Macht des christlichen Glaubens zu brechen. Traditionen werden zerstört, Menschenwürde und Moral werden zerstört – Gewalt, Menschenverachtung, Krieg, Schuld, moralische Verwüstung, geistige Orientierungslosigkeit bzw. bewusst herbeigeführte Irrwege zerrütten die Welt – und Christen machen mit. Hier hinein lässt Ihlenfeld das Gedicht sprechen. Es ist Sturm, heftiger dämonenhafter Sturm, „prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht“ – der Geist Gottes jedoch verwandelt den Menschen. Der Geist Gottes, so Jesus, erneuert Menschen, was noch nicht so sehr erkennbar ist, aber er erneuert sie und lässt sie wirken. Es ist nicht irgendein Geist, es ist der Geist Gottes, Gott ist in dieser aktuell erlebten Geschichte am Wirken. Er lässt die Menschen im Sturm nicht allein. Meyer/Ihlenfeld hören also die Flamme sprechen – ein Hoffnungswort sprechen. Ein Hoffnungswort, denn noch herrscht massiver dämonischer Sturm.
Auch das nächste Gedicht ist von Conrad Ferdinand Meyer: „Alle“ (120). Der Geist Gottes fordert ihn auf: „Sieh auf!“ Und er hatte die Vision: Jesus bricht das Brot und spricht Liebesworte. Er lädt nicht allein die 12 Jünger ein, sondern die Menschen der ganzen Welt. Ihlenfeld dürfte hierin auch einen Gegenpol zu dem Nationalsozialismus gesehen haben: Die ganze Welt wird an der Mahlzeit teilnehmen – die rassistische Gesinnung ist unchristlich. Gott selbst, Jesus Christus, bricht allen das Brot, lädt alle an seinen Tisch ein. Er schenkt sich selbst allen Menschen. Gott errichtet sein Reich, Erneuerung kommt aus Gottes Geist. Nicht der Mensch führt die Heilszeit herbei. Und so wird ein weiterer Kontrapunkt gesetzt gegen die nationalsozialistische Gesinnung, bzw. gegen ideologische Gesinnung überhaupt.
Diesen beiden Gedichten folgt ein weiteres Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer: „Friede auf Erden“ (121). Die Engel sangen vor den Hirten „Friede auf Erden“ und singen es im Himmel weiter – aber seitdem gab es viele Kriege, viel Blutvergießen. Und die Engel singen Friede, aber nur noch gebrochen: „Friede, Friede … auf der Erde!“ Doch der Glaube hört nicht auf, dass der Schwache nicht dem Starken zum Opfer fällt, dass es Gerechtigkeit geben wird: „Etwas wie Gerechtigkeit / Webt und wirkt im Mord und Grauen, / Und ein Reich will sich erbauen, / Das den Frieden sucht der Erde.“ Und dieses Reich des Rechts wird gebildet, und „Und ein königlich Geschlecht / Wird erblühn mit starken Söhnen“ und sie werden für den Frieden kämpfen: die „Tuben dröhnen: `Friede, Friede auf der Erde´“.
Ich denke, es wird hier schwebend, undeutlich formuliert: Geht es hier um Menschen oder um Engel, die die neue Welt durchsetzen? Es ist vom „heil´gen Amte“ die Rede, von „Flammenschwertern für das Recht“. Die Flammenschwerter sind bekannt aus Genesis 3: die Cherubim tragen Flammenschwerter, sie stehen zwischen dieser und der Welt Gottes, dem Paradies, der Gottesherrschaft. Flammenschwerter – Schwerter des Gerichts, der Reinigung. Die Waffen der Gewalt werden auf göttliche Art verwendet. Und es heißt: „ein Reich will sich erbauen“. Zudem ist von Tuben die Rede. Tuben / Posaunen erklingen bei einer Gottesoffenbarung am Sinai, als Jericho erobert wurde durch Posaunenklang, und die Apokalypse des Johannes spricht von den letzten Posaunen. Das Alte, Kriegerische, Gewalttätige, die Ungerechtigkeit und das Unrecht werden zerstört – auf göttliche Art. Aber: Es geht noch nicht um das Reich Gottes, das Überirdische – es geht um „Frieden auf Erden“. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch Menschen in die Auseinandersetzung gegen Ungerechtigkeit, gegen Rechtlosigkeit einbezogen werden. Gott handelt in der Welt, Gott handelt zum Wohl der Menschen. Aber nicht ohne Menschen. Von daher denke ich, es wird absichtlich schwebend formuliert: Sind Engel die Akteure oder Menschen? Oder beide zusammen?
Auch dieses Gedicht ist ein einziger Affront gegen die nationalsozialistische (und sozialistische Ideologie). Es ist der Glaube, dass Schwache nicht mehr Starken zum Opfer fallen, es geht um Gerechtigkeit und Recht und um Frieden. Alles, was die Ideologen seiner Zeit nicht bieten können. Was Ideologien so an sich haben: Den ganzen Menschen zu fordern, sein Denken, seinen Charakter, sein Wesen, seinen Körper: dem wird widersprochen – mit all den genannten Gedichten. Der Mensch gehört nicht Ideologen, der Mensch gehört Gott, durchströmt von dessen Geist.
Wieso ist der Glaube an diese neue Welt da? Auch wenn die Engel nur gebrochen singen, der Gesang der Engel vom Frieden ist Kontrast zu den kriegerischen Menschen. Und weil der Gesang Kontrast ist, fördern sie den Glauben daran, dass es so eine Zeit geben könnte. Meyer hat das Gedicht in einer Zeit relativen Friedens 1886 geschrieben. Ihlenfeld und seine Zeit stehen 1940 mitten im Krieg. Und so ist das Gedicht, geschrieben in ruhiger Zeit, ein Hoffnungsgedicht, eines, das die Sehnsucht der Engel aufgreift und Menschen Zuversicht gibt.
Es folgt ein weiteres Gedicht von C. F. Meyer: „Die Krypte“ (123). In diesem Gedicht werden „junge Meister“ aufgefordert, der neuen Zeit mit Macht, Mut, Tat, mit dem Genialen der Zeit Neues, Licht Durchflutetes zu bauen. Eine Rotunde, frühchristliche Bauten, Taufkirchen die Ganzheit, Vollendung ausdrücken sollten, sollen sie bauen. Aber sie sollen nicht vergessen, die Krypta, einen Ort unter dem Altar, an dem der Toten erinnert wird, zu bauen. In diese steigen ein paar Menschen in ihrer Einsamkeit und in ihrem Leid hinab, bekommen Trost, wenn sie den Schmerz des mit Dornen Gekrönten betrachten. Nicht das Helldurchflutete ist das, was den Menschen hilft, sondern der Gekreuzigte, das Denken an Sterblichkeit und Tod.
Meyer setzt dieses Gedicht dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts entgegen. „Wir mögen, wenn die Leiden uns umnachten, / Nicht Glück noch Ruhm, nur größern Schmerz betrachten.“ Der Mensch ist mehr als dieses Geniale, das hell durchflutete Oben, mehr als Fortschritt. Aber er ist auch nicht ohne. Beides gehört zusammen. Ich vermute, dass für Ihlenfeld die Krypta der Rückzugsort ist, Ort der Stille, der Befreiung von den ideologischen Parolen, dem Hirn zerstörenden Lärm der Nationalsozialisten, den auch Sebastian Haffner beklagt. An diesem Ort können Menschen im Angesicht des gekreuzigten Jesus Christus in Ruhe an die Toten denken, die der Krieg mit seinem ideologischen Pathos gebracht hat.
Dieses Gedicht folgt den vorangegangenen Gedichten, in denen es um Chaos, Hoffnung auf Erneuerung, weltweite Gemeinschaft, Friedensverheißung geht. Nun die Stille, das Besinnen, Tiefe. Ihlenfeld schreibt zu diesem Gedicht in seinem Nachwort, es sei „wohl eins der erschütterndsten Gedichte unserer Zeitspanne, eine Perle der evangelischen geistlichen Dichtung!“ Der Autor „wußte von Leiden genug, den persönlichen und den großen allgemeinen, deren Andenken die Geschichte bewahrt – und er dachte als ein Kenner des Herzens, an die Menschen alle, die den Weg zur Krypte suchen.“ Und: „Wunderbar, wie hier zum Schluß das Wir einsetzt, der Dichter sich schweigend miteinreiht in den Zug der zur Krypte Wallenden, wunderbar, wie er den Trost des Kreuzes als den des größeren Schmerzes deutet; wer es erfahren hat im `wunden Gemüt´, stimmt ihm schweigend zu.“ (156f.) Das heißt: Für Ihlenfeld war es ein wichtiges Gedicht in dem Trubel der Menschen verachtenden Ideologie, der Zeit lärmender Parolen und der von zerstörerischem Krieg aufgewirbelten Zeit.
Die Gedichte:
- In einer Sturmnacht: https://www.projekt-gutenberg.org/cfmeyer/gedichte/chap193.html
- Alle: https://www.zgedichte.de/gedichte/conrad-ferdinand-meyer/alle.html
- Friede auf Erden: https://www.projekt-gutenberg.org/cfmeyer/gedichte/chap064.html
- Die Krypte: https://www.projekt-gutenberg.org/cfmeyer/gedichte/chap109.html
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