Die AfD scheint sich immer weiter ins Abseits zu manövrieren – vor allem mit Blick auf die Person Höckes ist das zu sagen: http://www.thueringen24.de/welt/article209312329/Hoecke-haelt-Hetz-Rede-in-Dresden-und-will-Geschichte-umschreiben.html Und dieses Fazit von Menzel muss auch aufhorchen lassen: http://www.blauenarzisse.de/hoecke-in-dresden-es-musste-zum-skandal-kommen/ :
Es bleibt aus patriotischer Sicht zu hoffen, daß es der AfD gelingt, ihren idealistischen Kern ohne Selbstzerstörung zu bewahren. Nationale Romantiker wie Björn Höcke sind für die AfD ein Lebenselixier. Das hat der gestrige Abend in Dresden gezeigt. Er besitzt die seltene Fähigkeit, genau das zu sagen, was das Publikum gerade hören möchte. Er ist ein Populist im positiven Sinne, der Identifikation und Begeisterung auslösen kann. Die Kritik am Schuldkult empfanden die Zuhörer so als eine Befreiung von einem Dogma, dessen Haltbarkeitsdatum längst überschritten ist. Das hat gutgetan und doch war es nur eine Bedürfnisbefriedigung an der völlig falschen Stelle zum völlig falschen Zeitpunkt.
Je stärker Höcke und co. werden, desto extremer wird die AfD – desto weiter entfernt sie sich vom demokratischen Konsens. Interessant finde ich auch, dass man 51% erreichen will, indem man die liberaleren Kräfte aus der AfD hinauskatapultiert. Die AfD ist sehr gespalten, von daher politisch im Grunde irrelevant. Relevant nur als Sammelbecken – und bindet als solches verschiedenste Stimmen. Wenn sie keine klare liberalkonservative Linie hineinbekommt, wird sie sich selbst ins Abseits stellen.
Höcke kommentiert seine Rede: http://afd-thl.de/2017/01/18/persoenliche-erklaerung-von-bjoern-hoecke-zu-seiner-dresdner-rede/ (Dazu siehe unten)
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Interessant finde ich, dass das Thema Schuld mit Blick auf Nationalsozialismus wirklich noch Menschen erregen kann. Es geht darum, dass wir aus dieser Menschen verachtenden Zeit unsere Lehren ziehen – und eine wesentliche Lehre heißt zum Beispiel: Nie wieder darf Menschenverachtung die Herzen und Hirne der Menschen unseres Landes bestimmen. Wie kommen die Höckes nun darauf, dieses Thema wieder zu einem wichtigen Thema zu machen? Es rächt sich wohl, dass manche das Thema Flüchtlinge mit der Frage verbunden haben, man müsse Flüchtlinge aufnehmen, weil Deutschland Schuld auf sich geladen habe… Diese Verquickung ist nicht gut – und das sieht man auch daran, dass das ein paar Leute benutzen können, um diese Frage der Schuld oberflächlich politisch ausnutzen zu können. Dass die Kollektivschuld-These von Rechtsradikalen immer wieder aufgewärmt wird, wird hier gezeigt: http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37986/argumente-gegen-rechte-vorurteile?p=12
Die Kollektivschuldthese hatte in der Diskussion um den Nationalsozialismus in Deutschland von Anfang an den Zweck der Abwehr und der Ablenkung: Wenn man sich über das unsinnige Konstrukt kollektiver Schuld entrüstete, brauchte man sich nicht mit den historischen Fakten selbst auseinander zu setzen. Deshalb wird die „Kollektivschuldthese“ als vermeintliches Instrument zur Demütigung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg von rechtsradikalen Propagandisten immer wieder aufs Neue beschworen.
(Und das ist es, was in dieser Hinsicht an der Rede Höckes kritisiert werden muss: Warum thematisiert er das überhaupt? Welche politische Absicht steckt dahinter? Wie wird seine Rede von den Menschen verstanden – nicht allein von den Gegnern, sondern von seiner Zielgruppe? Und in diesem Zusammenhang muss er seine Rede stellen, nicht in den Zusammenhang literarischer, philosophischer Kontexte. Höcke ist sicher so gerissen, dass er Worte so wählt, dass zwei unterschiedliche Personen gerade das Gegenteil verstehen können. Von daher halte ich seine „Verteidigung“ für Vernebelungstaktik. Es ist dem Artikel von Sascha Lobo in dieser Hinsicht zustimmen: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bjoern-hoecke-rede-offenbart-gesinnung-kolumne-von-sascha-lobo-a-1130551.html): „Danach kann keiner mehr sagen, er habe nicht gewusst, was Höcke mit der AfD vorhat.“
Wir haben nicht die Aufgabe, Flüchtlinge aufzunehmen, weil die Nationalsozialisten und ihre Genossen rassistisch gehaust haben – sondern wir haben die Aufgabe, Flüchtlinge aufzunehmen, weil wir das Grundgesetz befolgen und die Menschenwürde aller zu Herzen genommen haben. Andere nur aufzunehmen, weil man aus der Vergangenheit begründete Schuldgefühle hat, wird den Menschen genauso wenig gerecht wie diese Rechtsideologen. Der Teil der Generation, der sich schuldig fühlte, weil er mitschuldig wurde, ist im Bekenntnis der Schuld sehr zu achten – aber es gilt für diese Generation – nicht für die nachfolgenden http://www.spiegel.de/politik/ausland/elie-wiesel-ist-tot-ein-nachruf-a-1101081.html:
Wiesel sagte auch: „Ich glaube nicht an Kollektivschuld.“ Denn: „Die Kinder der Mörder sind keine Mörder, sondern Kinder.“
Flüchtlinge aufnehmen ist Pflicht. Dass wir Flüchtlinge aufnehmen können, weil es uns verhältnismäßig gut geht, sollte uns dankbar und stolz machen. Flüchtlinge müssen – nicht wegen einer Schuld vorangegangener Generationen, sondern wegen der Menschlichkeit – aufgenommen werden (von daher halte ich den Türkei-Deal für Übel, der nur übergangsweise gelten darf, weil dadurch den wahren Flüchtlingen der Weg in die Freiheit versperrt wird) (ich spreche von Flüchtlingen, nicht von Migranten).
Zur schwierigen Diskussion: http://www.zeit.de/2016/21/fluechtlingskrise-asyldebatte-deutsche-geschichte-moral
Was ich mich aus soziopsychologischem Interesse frage: Warum beharren diese Leute so auf diese Frage der Kollektivschuld – heute Schuldkult genannt? Warum belasten sie sich damit, ohne dass sie jemand dazu zwingt? Warum laden diese Menschen, die Schuldkult bekämpfen, neue Schuld auf sich, indem sie menschenverachtend werden? Wie kann man diese Leute zu freien Menschen machen, die Nächstenliebe üben, weil ihr Herz dazu befreit ist? Wie kann man sie dazu befreien, dass sie frei mit der historischen Vergangenheit umgehen lernen? Frei mit der Vergangenheit umgehen lernen, heißt: Sie nicht leugnen, sich ihrer erinnern – um aus Fehlern (aus furchtbarer Schuld!) lernen, aus dem lernen, was nicht erst 1933 an Übel begann, sondern sich schon lange vorher abzeichnete? Da wir inzwischen nicht mehr allein in der Kategorie Nation denken, sondern „Europa“, muss das Erkennen der Schuld weiter gefasst werden – auch mit Blick auf den Kolonialismus, die Sklaverei, respektloser Umgang mit der Natur und anderen Geschöpfen… Aber eben: Nicht um sich zu lähmen, sondern um einen guten Weg in die Zukunft zu finden. Und das kann man nur versuchen, wenn man die Fehler der Vorfahren genau kennt. Wenn man sich daran erinnert – Erinnerungskultur -, wenn man der Opfer einer brutalen Politik und Gesellschaft gedenkt, damit die Opfer nicht ein weiteres Mal Opfer werden – eben Opfer des egoistischen Vergessens. Das ist eine sehr große Errungenschaft unseres Landes, dass wir nicht nur die Täter reflektieren, sondern dass wir auch die Opfer, soweit es möglich ist, dem Vergessen zu entreißen, dass ihr Leiden empathisch bewusst wird. Und dahinter dürfen wir nicht mehr zurückfallen. Die genannten Menschenrechtsverletzungen (Kolonialismus…) werden heute zu gerne den Christen in die Schuhe geschoben, um dann befreit von den Christen als Sündenbock weiter die Fehler der Vorfahren zu tun. Man muss nicht die Vergangenheit leugnen, um befreit in die Zukunft gehen zu können. Man muss die Vergangenheit einbeziehen – und so neue Wege finden.
Die Kirchen stehen zur Schuld, die Christen in der Vergangenheit auf sich geladen haben, sie leugnen sie nicht, sie weisen sie nicht den Vorfahren zu – die sind Schuld! – sie leben aus der Vergebung – das heißt: Dieses Stehen zur Schuld belastet nicht, sondern befreit zu einem neuen, christlichen Handeln, zu einem Handeln, das von Jesus Christus bestimmt ist. Und das Erinnern an diese Schuld ist wichtig, denn Christen sehen gleichzeitig, dass sie auch in ihrer jeweiligen Zeit immer wieder schuldig werden können (vielleicht sogar schlimmer als ihre Vorfahren) und darum das Korrektiv brauchen. Ist das nur für die Kirche möglich – nicht auch für die Menschen unseres Landes, die dem Glauben gegenüber distanziert sind?
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In diesem Beitrag wird über den Konservativismus in Deutschland geschrieben: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article161259389/Der-deutsche-Konservatismus-und-die-CDU-sind-ausgebrannt.html
Ich denke, dass Konservative sehr aufpassen müssen, dass sie nicht vor lauter Liebe zu einer politischen Heimat, sich auf einmal in einer braunen Klebemasse wiederfinden – und sie müssen streitbar werden, damit sie sich Raum schaffen, gegen solche Vereinnahmer.
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