In meiner Reihe: Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen https://blog.wolfgangfenske.de/2026/01/03/menschen-die-sich-nicht-unterkriegen-liessen/ , stelle ich heute Emely Hobhouse vor.
*
Emely Hobhouse, geboren in Cornwall, war Tochter eines anglikanischen Pfarrers und wie ihre Schwester eine Friedensaktivistin.
Bevor sie die Schule besuchte, wurde sie zu Hause unterrichtet.
Ihre Mutter starb als sie 20 Jahre alt war. 14 Jahre lang pflegte sie ihren Vater, nachdem die Mutter gestorben war. 1895 reiste sie als christliche Missionarin in die USA, um Bergleuten zu helfen. Sie sah es als ihre christliche Aufgabe an, einen AbstinenzlerVerein zu gründen und zur Bildung der Bergleute und ihrer Familien beizutragen. So richtete sie Lesesäle ein. Sie verlobte sich, die Verlobten zogen nach Mexiko, um eine Ranch zu bewirtschaften, die Verlobung wurde gelöst, und so kehrte sie 1898 nach England zurück. Einen großen Teil ihres Erbes hatte sie durch fehlgeschlagene Geldanlagen verloren, sodass sie von der Hilfe von Freunden abhängig war. Sie lebte zeitlebens in prekärer Situation, das heißt, dass Geld nicht im Zentrum ihres Handelns stand.
1899 brach der zweite Burenkrieg in Südafrika aus (1899-1902) (1). Sie wurde Sekretärin der Frauenarbeit des Südafrikanischen Versöhnungskomitees. Als sie 1900 hörte, dass sehr viele Burenfrauen Notleidende des Krieges waren und verarmt und ohne Schutz lebten, gründete sie einen Hilfsfonds für Frauen und Kinder und reiste 1900 nach Südafrika. In Südafrika angekommen erfuhr sie von den Konzentrationslagern, in denen die Briten burische Frauen und Kinder interniert hatten. Auch denen half sie, die von der eigenen Regierung und der Bevölkerung zum Feind erklärt werden. Durch Beziehungen erreichte sie die Erlaubnis, mit einem Eisenbahnwagon mit Nahrungsmitteln zu einem dieser Lager zu fahren. Ihr wurde auch erlaubt, weitere Lager zu besuchen. Daraufhin veröffentlichte sie 1901 einen Bericht über die Situation der Frauen und Kinder in diesen Lagern. In 18 Monaten starben 34.000 weiße Frauen und Kinder und 15.000-25.000 schwarze Frauen und Kinder. Die Gefangenen lebten in der Hitze oder in Kälte oder in Regenströmen zu vielen in kleinen Zelten, hatten kein gesundes Trinkwasser, Sie bewunderte die Frauen, die nicht klagten – allerdings wenn sie ihre Kinder leiden sahen, „brechen ihre Gefühle hervor“.
Die Regierung war daran nicht interessiert, aber in der Bevölkerung gab es ein gewisses Interesse. Ein Baptistenprediger in Großbritannien hat diese schlimme Situation zum Thema einer Predigt gemacht und gesagt, dass dieser feige Krieg mit barbarischen mitteln geführt worden sei und dass die Konzentrationslager Mordlager gewesen seien. Daraufhin wurde er verfolgt und die Fenster seines Hauses wurden zerschlagen.
Sie kehrte nach England zurück und hatte massive Anfeindungen durch Politik und Presse zu ertragen. Beschimpft auch als Vaterlandsverräterin. Dennoch wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt, die die Lager untersuchen sollten. Der Abschlussbericht würdigte die Arbeit von Emily Hobhouse mit keinem Wort. Dieser Bericht hat noch mehr Punkte kritisiert, als Emily Hobhouse, dennoch wurde sie diffamiert. Gleichwohl sah sie es als Pflicht zur Wahrheit an, die Missstände beim Namen zu nennen, und das Engagement für Leidende war ebenso in ihrem Glauben begründet. Das moralische Gewissen stand über der Loyalität zum Staat. Wenn etwas falsch läuft, muss man es auch sagen – gegen die Regierung. Das gebietet die Liebe zur Wahrheit. Leidende sind wichtiger als nationale Rücksichtnahme.
1901 kehrte sie nach Kapstadt zurück, um ihre Arbeit für die Menschen wieder fortzusetzen – wurde aber nicht ins Land gelassen, als „unerwünschte Person“ bezeichnet und zurück nach England deportiert. Sie galt als Unruhestifterin, als illoyal, weil sie mit ihren Berichten über die barbarische Behandlung der Frauen und Kinder das Ansehen des Empires beschädigt habe. Zurück in England reiste sie nach Frankreich und schrieb ein Buch über ihre Erlebnisse. Sie blieb mutig bei ihrer Sicht, den sozialen Isolationen zum Trotz, weil sie das Handeln Englands als unchristlich empfand. Ihre Sicht war die, dass die schwachen Buren von den starken Briten angegriffen wurden. Der Umgang mit den schwarzen Einwohnern, die auch in Konzentrationslagern lebten, war ihr nicht so bewusst.
1903, nach Beendigung des Krieges, durfte sie wieder zurück und half beim Wiederaufbau und gründete 27 Webschulen, damit die Frauen für ihren Unterhalt sorgen konnten. 1908 erkrankte sie und fuhr zurück nach England. 1913 kehrte sie nach Südafrika zurück, um bei der Einweihung eines Frauendenkmals dabei zu sein. Wegen ihrer Krankheit konnte sie jedoch nicht daran teilnehmen, sondern ließ ihre Rede dort vorlesen. In der Rede ging es darum, zu vergeben (weil Vergebung ein Gebot von Jesus sei: Vergebt, denn ihr könnt es euch leisten, Vergebung ist eine geistige Stärke, die größer ist als militärischer Sieg), um Machtmissbrauch stehe im Widerspruch zu christlichen Werten, für Frauenrechte und Gleichberechtigung trat sie ein. Sie traf auch auf Gandhi. (Gandhi begann 1917/1918 mit dem Weben und sah Hobhouse als Vorbild für die Würdigung der Handarbeit.) Durch Gandhi hat sie auch andere gesehen, die in Südafrika leiden, Inder und Schwarze. Der Schwerpunkt ihres Handelns lag auf den barbarischen Umgang der Briten mit den Buren, andere Opfer des Systems hat sie so gut wie nicht wahrgenommen. Das, was sie aber geleistet hat und ertragen musste geht auch so schon über das hinaus, was sonst normale Menschen leisten und ertragen. Eine Kämpferin – alleine Kämpferin – gegen das stolze Empire. Unter anderem haben Südafrikaner für sie Geld gesammelt, wovon sie ein Haus kaufen konnte, auch wenn sie der Regierung ein Dorn im Auge war.
Sie kämpfte gegen den ersten Weltkrieg, schrieb an die Frauen Deutschlands und Österreichs 1914 (?) einen Weihnachtsbrief (dieser Brief war ein Teil der Bewegung von Frauen, die für den Frieden eintraten. Es wurde versucht, über Grenzen hinweg, Verbindungen von Friedensfreunden zu flechten). Nach dem Krieg hat sie dazu beigetragen, dass viele Kinder in Mitteleuropa Nahrungsmittel bekamen, auch mit Unterstützung von Südafrika.
Sie starb hoch geehrt – aber die Heimatzeitung in Cornwall erwähnte nicht ihren Tod.
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Emily_Hobhouse und https://en.wikipedia.org/wiki/Emily_Hobhouse
*
Übrigens wird von Wikipedia ihre Philanthropie gewürdigt – der christliche Glaube spielt keine besondere Rolle. Die glauben vermutlich, dass das eine besondere neutrale Nuance hat – dabei ist das ein Verschweigen von Fakten. Mir ist die atheistische Aussage bekannt, dass die Christen, die sich christlich verhalten, sich auch ohne Glauben so verhalten würden, weil sich alle gute Menschen so verhalten. Wie auch immer die atheistischer Apologie zuzurechnende Aussage einzuordnen ist: diese Menschen stehen in christlicher Tradition, sie sehen ihr Handeln christlich motiviert bzw. ihr Handeln ist christlich motiviert, wie sie ja selbst immer wieder auch auf biblische Texte oder auf christliche Traditionen als Begründung zurückgreifen. Die Wikipedia-Herrschaften meinen vielleicht, dass sie damit besser nicht-religiöse Leser erreichen. Aber wollen diese betrogen und nur halb informiert werden? Was für ein jämmerliches Bild sie dann von den nicht-religiösen Lesern hätten.
*
(1) Buren hatten den Briten ein Ultimatum gestellt. Die Briten gingen nicht darauf ein, so erklärten die Buren den Briten den Krieg. Was den Briten nicht ungelegen kam, denn sie wollten die Macht über Südafrika bekommen. Es ging um die Reichtümer des Landes und um politische Einflussnahme britischer Siedler. Es war ein ziemlich brutaler Krieg – im Grunde ein moderner Krieg. Es ging auch um Buren-Guerilla. Briten hatten die Städte besetzt, aber die Buren agierten aus dem Hinterhalt. Als Reaktion verbrannten die Briten die Farmen, töteten das Vieh, vernichteten die Ernten. Frauen, Kinder und Farmarbeiter wurden in Konzentrationslager gebracht, damit sie die Kämpfer nicht heimlich versorgen konnten. Gesiegt haben die Briten. Sie zahlten Entschädigung für die vernichteten Farmen. Briten machten den Buren große Zugeständnisse. In diesen Zusammenhängen wurde auch der Grundstein für die spätere Apartheit gelegt. Die Gesinnung der Buren war schon vorher stark rassistisch geprägt. Die Briten hatten die Sklaverei abgeschafft, sie verdrängten die Buren ins Landesinnere, was zu blutigen Kämpfen mit den Stämmen führte. Im Grunde waren die Buren vor lauter christlicher Arroganz, Selbstüberheblichkeit – vielleicht auch aus Angst – massiv gegen Schwarze eingestellt. Und das haben sie auch noch christlich begründet.
Datenschutzerklärung: https://www.wolfgangfenske.de/impressum-datenschutzerklaerung/ Und: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/liebe-gottes-feiertage-und-sakramente/