Gefühl, Denken, Rache und Liebe

Ein negatives Gefühl beeinflusst die Gedanken, bevor das Denken das Gefühl überhaupt wahrnimmt. Können Gedanken negative Gefühle beeinflussen? Aber wenn Gedanken die Gefühle gar nicht bemerken? Das ist eine Frage der Wahrnehmung: Das Denken muss sensibler werden für die Gefühle – auch die Körpergefühle. Erst dann können beide überhaupt erst miteinander kommunizieren. Die Frage bleibt: Bestimmt das Gefühl das Denken oder das Denken das Gefühl? Oder: Können negative Gefühle nur durch positive Gefühle verdrängt werden? Wenn dem so ist, dann ist das eine Frage der Grundeinstellung zum Menschen, zum Leben.

Warum so kompliziert, wenn es auch einfacher geht?: Rache ist ein Gefühl – Folge einer Kränkung vielleicht. Das Rachegefühl bestimmt das Denken. Dann sagt das Denken aufeinmal: „Oh, da ist ja ein Rachegefühl, das mich beeinflusst!“ Und dann muss das Denken das Rachegefühl fragen: „He, du, wo kommst du her?“ Dann antwortet das Rachegefühl: „Kränkung, Kränkung!“ Und das Denken sucht Auswege – aber das Rachegefühl braucht keine Argumente und kreischt weiter – wenn, ja wenn nicht was anderes dazu kommt: nennen wir es das seelische Gefühl: Liebe, Vergebung, Wunsch nach Frieden, Freiheit … Und dieses kann – ohne Argumente – das Rachegefühl langsam aber sicher zur Ruhe bringen.

Alltagsrituale

Nicht zu verachten sind die Tätigkeiten des Alltags, die „automatisch“ getan werden. Ohne zu denken, greift man müde zur Zahnbürste und Zahnpasta, ohne nachzudenken, werden zahlreiche Schubladen und Türen geöffnet, um das Frühstück zuzubereiten … Was das bedeutet, wenn es nicht so geht, das merkt man dann, wenn man in einem fremden Haushalt das Frühstück zubereiten muss – das Gehirn wird schon am Morgen immens strapaziert. Nicht zu verachten sind auch die wiederkehrenden Worte: „Guten Morgen, gut geschlafen?“, „Tschüss, machs gut!“, und die gemeinsamen Rituale: Gemeinsames Frühstücken … Diese wiederkehrenden Handlungen und Worte entlasten, schaffen Vertrautheit, Miteinander, schaffen eine Basis, auf der man den Tag beginnt, durch den Tag geht und ihn abschließt. Wenn man allein ist, dann können diese Worte auch – modifiziert natürlich – wirksam werden: Man begrüßt sich im Spiegelbild, holt Luft, bevor man das Haus verlässt und sagt sich ein mutmachendes Wort … Doch manchmal werden diese Alltäglichkeiten leer, wirken wie hohl – wenn sie nicht mehr stimmig sind. Es liegt dann nicht an den Ritualen – wir selbst sind innerlich irgendwie durcheinander. Und daran muss man dann in aller Geduld arbeiten.    

Kreuzzüge und Hexenverbrennungen

Schon wieder den Vorwurf gehört: Christlicher Glaube – nein! … wegen Kreuzzügen und Hexenverbrennungen. Nun, die Nachgeborenen tragen nicht selten die Last der Vorfahren. Da Kreuzzüge und Hexenverbrennungen aber keine kirchlichen sondern gesellschaftspolitsche Ereignisse waren, fallen diese Vorwürfe auch auf die Ankläger selbst zurück: auch ihre Vorfahren waren Europäer. Kreuzzüge und Hexenverbrennungen sind gesellschaftspolitisch vielschichtig begründet. Gäben sich die Ankläger doch wenigstens mal die Mühe, die neueste Forschungsdiskussion zur Kenntnis zu nehmen! Aber so bleiben Kreuzzüge und Hexenverbrennungen sanfte Ruhekissen für Ankläger. Man muss nicht viel denken, sondern gegen den Glauben nur Schlagworte anwenden. Und weil die meisten Menschen kaum Ahnung haben, hat man so schnell Pluspunkte (Totschlagargumente) gewonnen.  

Übrigens: Gewalttaten im Namen Gottes zu verüben ist übel – das andere Extrem sind Feigheit und Duckmäusertum. Und ob beide, Gewalttäter und Duckmäuser, sich darum scheren, was Gottes Wille ist?   

Scherz

„Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie“ – so der Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera, der Geisteswissenschaft als Verbalwissenschaft bezeichnet – und Naturwissenschaft als Realwissenschaft (laut humanistischer pressedienst v. 2.7.2008 Nr. 4916). Kutschera ist als Vertreter der Evolutionstheorie im deutschsprachigen Raum einer der missionarischsten Gegner des sog. Kreationismus (es gibt einen Schöpfer) und der Intelligent Design Theorie (irgendwas muss hinter dem bewundernswerten Design der Natur stehen). Bei solchen Aussagen freut sich das Herz eines Geisteswissenschaftlers, denn es stellen sich automatisch Fragen ein: Hat Herr U.K. seine Aussagen auch im Lichte der Biologie gemessen? Welchen Stellenwert gibt er dann seiner Aussage? Ist der Denker mit Durchblick, U.K., der über Weltbilder, Religionen und Wissenschaften erhaben ist – nicht das verborgene Ziel der Evolution? Evolution hat ja kein Ziel: Ist er dann ihr Ursprung? Geht auch nicht. Nur eine Stimme, die ihre Überlebensnische sucht? Herr Galapagos-Fink, übernehmen Sie …

Macht euch die Erde untertan

Macht euch die Erde untertan … (1. Mose 1,28). Ein Wort, das dem frisch geschaffenen Menschen im Paradies von Gott zugesprochen wurde – begeisternd auch, weil dem Lustvolles vorangeht: Seid fruchtbar und mehret euch. Als der Mensch dann wegen ungebührlichen Verhaltens – einer Art Sucht nach Macht – aus dem Paradies vertrieben worden ist, hat er natürlich diese Aufträge sehr gerne mitgenommen. Seitdem versucht er Gott die Erde aus den Händen zu reißen und sich in Fragen der Sexualität nicht reinreden zu lassen. Und weil er unter seinem eigenen Tun leidet, klagt er immer wieder: „Dieser Auftrag, Gott, war gar nicht gut!“ Dass er ihn sozusagen aus dem Paradies ergaunert hat, dass er selbst für das Dilemma verantwortlich ist – das verdrängen wir mal lieber ganz schnell. 

Zum Sonntag 2

Ich wünsche Segen allen, die festen Boden unter den Füßen haben.

Ich wünsche Segen allen, die verletzlich sind und sich vom Leid anderer mitnehmen lassen. 

Ich wünsche Segen allen, die mit fröhlicher Leichtigkeit Leben. 

Mitleidende Bewunderung

Eine Kassiererin klagte der Kundin ihr Leid: „Viel zu viel Arbeit; es macht kein Spaß mehr.“ Die Kundin versuchte ihr mit guten Tipps zu helfen. Sie konnte freilich an den Arbeitsbedingungen nichts ändern – aber für small-talk-Hilfe an der Kasse waren ihre Aussagen wirklich gut. Als die Kundin sich abgewandt hatte, machte die Kassiererin einen unwilligen Gesichtsausdruck. Manchmal will man vielleicht nur bemitleidet werden – oder bewundert werden – oder beides gleichzeitig.

Das „Ich“ lebt im Verhältnis zum: – Ich, – Partner, – Familie, – Freunde, – Beruf/Freizeit, – Religion/Weltanschauung, – sozialem Umfeld, – Tier, – Besitz (materiell/ideell) usw. Wenn es uns gut gehen soll, dann muss zwischen „Ich“ und diesen Welten immer wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden. Wenn das nicht geschieht, fühlen wir uns häufig nicht besonders gut. Wichtiger ist aber: Das „Ich“ auch dann im Gleichgewicht zu halten, wenn kein Gleichgewicht zu den Lebenswelten hergestellt werden kann. So zum Beispiel wenn man plötzlich vor Veränderungen steht: Partner, Beruf, … Ist der Beruf weg genommen worden, dann wird man gezwungen, sich umzustrukturieren, da kann man kein Gleichgewicht zwischen „Ich“ und Beruf mehr herstellen. Wenn etwas, das selbstverständlich schien, worüber man sich keine Gedanken gemacht hat, auf einmal durcheinandergewirbelt wird … – dann dennoch das Gleichgewicht langsam wieder herstellen, ist eine Kunst, die lebenslang gelernt werden muss. Das ist auch darum nicht einfach, weil das „Ich“ bekanntlich keine statische Größe ist; es  ist selbst in ständiger Bewegung. Um ins Gleichgewicht zu kommen, benötigen wir manchmal die Hilfe anderer, weil die Energie fehlt, weil man müde und resigniert ist oder einfach den Faden nicht findet.

So viel zu der Frage: Was ist ein Spiritual Coach (s. meine Homepage)? Er ist einer, der in spirituellen Fragen trainiert und begleitet, damit man das Lebens-Gleichgewicht besser behalten oder wieder finden kann.

Vergeben

Immer wieder entschlüpft einem Menschen ein dummes Wort – mal ernst gemeint, mal nicht -, tut er eine dumme, böse Tat oder kontrolliert nicht seinen Blick. Mal über einen längeren – mal über einen kürzeren Zeitraum. Mal schwerwiegend – mal leicht. Aber es grummelt und rumort in uns, es beißt und schimpft. Vielleicht zu Recht. Aber so binden wir uns an den anderen mit einem schwarzen, harten, schmerzhaften, zerstörerischen Band.

Wenn wir nicht vergeben, dann berauben wir uns nicht nur wichtiger Energien, sondern das Herz krampft zusammen, der Geist wird verbittert und spröde, die Seele wird vergiftet. Das macht sich auch körperlich bemerkbar: Wir merken, wie der Blutdruck steigt, wie sich alles in uns anspannt. Wir leben in einem Kokon, einer Eierschale. Wir können nicht heraus und drehen uns nur um uns selbst.

Vergeben, verzeihen heißt das Zauberwort, das die Eierschale sprengt, den Kokon zerreißt. Verzeihen, vergeben aus Liebe ist das Höchste. Wenn wir nicht so weit sind, dann wenigstens aus Vernunftgründen: Damit wir leben können, frei leben! Um Energien zu haben für unser Leben, damit wir nicht am Vergangenen kleben, sondern befreit in die Zukunft hineingehen können – und froh, die Befreiung geschafft zu haben.

Gedenktage

Gedenktage: Tage des Sieges und der Niederlage, der Freude und des Erschreckens – und häufig beides gleichzeitig. 6. August: Tag der Verklärung Jesu (Mk 9,2-10) – 1457 als Festtag übernommen, wegen dem Sieg über die Türken bei Belgrad; Bombenabwurf in Hieroshima 1945 – baldiges Ende des 2. Weltkrieges; Tag der Heimat – 1950 Charta der deutschen Heimatvertriebenen; 1965 Neues Bürgerrechtsgesetz in den USA, das das Wahlrecht Farbiger garantierte.

Trotz der Gedenktage: Wind weht über Felder wie eh und je, Bäume spenden Schatten, Kinder weinen und lachen, Vögel flattern eifrig hin und her, gurren, singen, zwitschern, Grillen zirpen – wie eh und je. 

Übrigens ist auch am 6.8.1926 die Schriftstellerin Christa Reinig in der ehemaligen DDR geboren. „Vor der Abfahrt“ heißt das Gedicht: „Sie kamen und suchten / unter der Bank, im Gepäcknetz / suchten sie jemand. / Danke, sagten sie zu mir. // Auf dem Dach, zwischen den Rädern / suchten sie jemand. / Unter meiner Mütze / suchten sie nicht. // Starr war die Erde. / Da nahm ich den Schnee. / In meiner Manteltasche / nahm ich den Schnee mit.“ (Gedichte, Frankfurt 1963)