Wahrheit + Sprache des Glaubens

Was ist Wahrheit? Die alte Frage der Philosophie. Es geht um das Verhältnis dessen, was man wahrnimmt, zu dem, was wahrgenommen wird. Entsprechend gibt es unterschiedlichste Antworten. Manche legen Wert auf die Übereinstimmung des Wahrgenommenen und Kommunizierten mit dem Gegenstand, das heißt man nähert sich argumentativ der Wahrheit an, andere legen Wert darauf, dass es eine sprachliche Übereinstimmung ist – wahre Sätze -, andere legen das Gewicht auf den Wahrnehmenden, das heißt Wahrheit ist immer subjektiv, andere legen das Gewicht auf den Zusammenhang von Wahrheit und der jeweiligen Kultur, Tradition, Sprache usw. usw. usw.

Biblisch ist zu sehen, dass Wahrheit aus jüdischer Tradition mit Vertrauen verbunden wird, mit Gewissheit. Die Gewissheit steht in Bezug zu Gott. Was Gott sagt, sein Handeln – das ist Wahrheit, weil eben Wahrheit mit Gott konnotiert ist. Außerhalb von Gott gibt es keine Wahrheit. Und: Der Mensch kann nicht erkennen, was Wahrheit ist.

Hier geht es also nicht darum, ob der Satz wahr ist. Es geht hier auch nicht um Experimente, die – aus der jeweiligen Perspektive der Zeit – auf eine einzige Art und Weise interpretiert werden können.

Die biblische Dimension dessen, was Wahrheit ist, entspricht nicht der säkularen Definition, zu der es ja gehört, sich von Gott zu emanzipieren, Gott auszuschließen. Im säkularen Verständnis von Wahrheit kann Gott nichts mit Wahrheit zu tun haben. Er ist weder experimentell beweisbar, noch ist er argumentativ logisch, mathematisch beweisbar – er ist keine Sache, von daher entzieht er sich der Sprache und somit ist er „unwahr“. Kurz: Diese oben genannten säkularen Vorgaben treffen auf Gott nicht zu. Das bedeutet, dass das biblische Verständnis von Wahrheit sich von dem gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Verständnis von Wahrheit oder den verschiedenen philosophischen Interpretationen von Wahrheit unterscheidet. Der Wahrheitsbegriff ist nicht fix. Die moderne säkulare Interpretation von Wahrheit hat sich auf Basis einer Strömung griechischer Philosophie (siehe unten) erst im Laufe der Zeit entwickelt, im Laufe des säkularen Nachdenkens über Wahrheit – in ihrem Versuch, sich von der religiösen Interpretation von Wahrheit zu lösen.

Diese säkularen Versuche Wahrheit zu definieren werden dem christlichen Verständnis von Wahrheit entgegengehalten. Christliches Verständnis geht mit dem jüdischen davon aus, dass Gott die Wahrheit ist, dass – und so wird im Johannesevangelium der Geist Gottes als Geist der Wahrheit bezeichnet – eben Gott selbst es ist, der sich als Wahrheit in Menschen, in Individuen, die eine Gemeinschaft bilden, offenbaren, einprägen muss. Als Gemeinschaft haben sie die Glaubenssprache – auch die über Wahrheit Gottes – gemeinsam, sie teilen sie miteinander, miteinander verstehen sie diese. Gott prägt den Begriff der Wahrheit.

Nun kann man als Mensch dann nach ein paar Jahrtausenden hergehen und sagen: Wir definieren den Begriff „Wahrheit“ um, dann passt er nicht mehr auf Gott, und dann sollen diejenigen, die bislang immer Gott und Wahrheit zusammengebracht haben, beweisen, dass sie es zu recht getan haben. Solche Vorgehensweisen sind in Bezug auf den Glauben heute gängig. Aber man muss ja diese Spielchen nicht mitspielen, sondern eben selbstbewusst dazu stehen, dass der Begriff Wahrheit von Gott her definiert werden muss, wenn man eine umfassende Definition von Wahrheit haben möchte und nicht Teilwahrheiten. Es sind ja alle möglichen Begriffe, die Christen in ihrem Sinne aufgegriffen und weiter entwickelt haben, um ihren Glauben auszudrücken, die dann säkularisiert werden – und als Angriff gegen Christen verwendet werden (z.B. Gott als Person).

Damit man jedoch nicht irgendwann in seiner eigenen Sprache erstarrt und von keinem mehr verstanden wird, muss man freilich versuchen, sich in den säkularen Diskurs einzubringen, muss man versuchen, seine eigene Sicht zur Sprache zu bringen. Das wird ja auch versucht. Letztendlich ist es aber Gott, der als Handelnder sich im Menschen als Wahrheit sichtbar machen muss.

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Es sei noch angemerkt, dass manche Begriffe eben auch überdacht werden müssen. Warum? Denn auch unsere Vorfahren haben aus ihrer Kultur, ihrem Weltbild heraus, das nicht unbedingt religiös richtig war, bestimmte Ereignisse und Gotteserfahrungen interpretiert. So liegt es denn an den jeweiligen Generationen von Jesus-Christus-Nachfolgern, auf Gott hörend, dem Geist der Wahrheit in sich und der Gemeinde Gottes Raum zu geben und im Vertrauen auf Gott den Weg der Wahrheit zu gehen. Paulus spricht vom Evangelium als Wahrheit. Es ist die Frohe Botschaft Gottes. Gottes ist die Wahrheit – nicht ich als Mensch bin die Wahrheit. Von daher ist die Wahrheit für den Menschen nicht verfügbar. Er kann nicht über sie verfügen. Gott ist der Freie. Aber der Mensch kann sich von Gott, der die Wahrheit ist, zur Wahrheit befreien lassen.

Das zeigt uns wiederum, dass wir uns mit den gegenwärtigen säkularen Definitionen von Wahrheit nicht Gott annähern können. Diese Wahrheiten, die gegen Gott errichtet wurden, erschweren es, Gott zu erkennen. Gott ist nicht logisch erfassbar, Gott ist nicht experimentell erfassbar und auch nicht im Diskurs, nicht in der Mehrheitsmeinung der Menschen guten Willens. Die säkulare Interpretation von Wahrheit schließt eben die religiöse von vornherein aus.

Das ist allerdings vom Grundsatz her nicht neu. Nicht die Diskussion um Wahrheit führt letztendlich weiter, sondern das Bekenntnis, das das Johannesevangelium so ausspricht: Jesus ist der Weg, er ist die Wahrheit, er ist das Leben. In dieser Wahrheit bleiben führt zu Freiheit und Leben – ewigem Leben, das jetzt aufgrund des Lebens in der Wahrheit (in Jesus Christus, dem Sohn Gottes) schon beginnt.

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Mit den oben genannten Uminterpretationen geschieht heute säkularisiert das, was Christen auch gemacht haben: Sie haben Begriffe gesucht, mit deren Hilfe sie Glaubenserfahrungen aussprechen konnten, Begriffe, die ihren Glauben am besten wiedergeben können. Dazu verhalf auch das Wort Wahrheit – aus der griechischen Perspektive (hier sehr verkürzt dargestellt): Wahrheit – das, was man sieht. Aber hinter dem Gesehenen finden wir eine weitere Dimension, die verhüllte, verborgene Dimension, die alle Einzeldinge / Einzelwahrheiten zusammenhält, zur einen Wahrheit gehört: das wahre Sein. Und dieses wird dem Philosophen durch den göttlichen Logos, durch das, was alles durchdringt, enthüllt bzw. bewusst gemacht. Wenn nun der Mensch in Übereinstimmung mit dieser Wahrheit des Logos lebt, dann ist er in der Wahrheit. Christen haben aufgrund ihres Glaubens diese Aussagen übernommen und aufgrund ihrer Erfahrungen mit Gott in Jesus Christus neu interpretiert. Sprache und Vorstellungen mussten sich ernst entwickeln, damit der christliche Glaube angemessen zur Sprache gebracht werden konnte.  Wenn Jesus Christus im Johannesevangelium als Wahrheit bezeichnet wird, dann heißt das, dass in ihm das Sichtbare/Menschsein/Immanente und das Unsichtbare/Gott/Transzendente – für den Menschen, der die Einheit von allem wahrnimmt – übereinstimmt.

Heute möchte man die Sprache wieder in ihre profane Ebene herabziehen. Was Christen gemacht haben oder Säkularisierte machen, können wir heute als Christen natürlich auch wieder machen: Sprache für Transzendenzerfahrungen öffnen. Das heißt:

Es gilt die gegenwärtigen Interpretationen von Wahrheit – die so neu nicht sind – erneut zu durchdringen und sie für den christlichen Glauben fruchtbar zu machen – und damit Sprache weiter entwickeln, die die Dimensionen des Glaubens formulieren können.

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Das, was Säkulare heute machen, macht Wahrheit nicht unwahr. Es sind jedoch Teilaspekte der Wahrheit, die extrahiert und überbetont werden. Sie werden nur dann unwahr, wenn sie verabsolutiert werden, wenn sie gegen Gott gerichtet werden. So sind naturwissenschaftliche Experimente wichtig, um eine naturwissenschaftliche Interpretation von Wahrheit herauszuarbeiten – aber sie gilt nur, weil sie die Schöpfung betrifft, nicht aber Gott. Entsprechend philosophische Interpretationen von Wahrheit: Sie betreffen das Zusammenleben der Menschen, seine Verortung in der Welt – nicht aber Gott. Wenn sie meinen, Gott als Wahrheit ersetzen zu müssen, übernehmen sie sich und werden unwahr.

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Gelogen?

  • Hat Platon gelogen, wenn er Sokrates viele Diskussionen in den Mund legt?
  • Haben die Schüler des Buddha (Siddharta Gautama) gelogen, wenn sie ihr Denken Buddha sprechen lassen?
  • Haben Schüler des Paulus gelogen, wenn sie in seinem Namen Briefe schreiben?
  • Hat Matthäus gelogen, wenn er aus Worten Jesu die Bergpredigt formuliert?

Man muss die anderen Sitten beachten:

  • Es war eine Ehre, wenn man sich ganz klein machte und dann Briefe im Sinne des Lehrers formulierte, um ihn leuchten zu lassen.
  • Schüler Buddhas haben anderes Interesse, als Siddharta Gautama darzustellen – es geht um Buddha, also um die Darstellung der Erleuchtung und der Gedanken des Erwachten, der ja nicht der einzige Erwachte ist. Von ihm geht die Erwachung und die wahre Lehre aus – die andere fortschreiben. (Man lese nur einmal die Reden des Buddha in dem ReclamHeftchen!)
  • Was Platon betrifft – er verschränkt Reales mit Fiktivem: Diogenes Laertios überliefert, dass Sokrates nach der Lektüre des Lysis gesagt haben soll: „Beim Herakles, wieviel hat der Junge bloß über mich zusammengelogen.“ – Aber: Dieser Spruch ist vermutlich auch „gelogen“, obgleich er Wichtiges wiedergibt. Aber was will Platon? Darauf kommt es an und war Welt bewegend.
  • Und das gilt in etwa auch für Matthäus – in etwa darum, weil jede dieser Arten mit Welt und Sprache umzugehen, nicht 1:1 übereinstimmen, Traditionen… – : Die Anwesenheit des auferstandenen Jesus Christus, die Gabe des Geistes Gottes ist zu berücksichtigen und somit das, was er im Blick hat und bewirkt hat.

Komplex ist die Welt der Religionen (und der Philosophie), die Sprache des Menschen, sein Denken, sein Sich-Verorten in der Welt.

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Konservative Christen und Rechtspopulisten + SPDs geilster Wahlkampf + Börnepreis an Safranski

Konservative Christen sind nicht automatisch Rechtspopulisten. Aber das interessiert die Bekämpfer von Christen nicht sonderlich, denn es geht ja um viele christliche Traditionen, die sie bekämpfen. Im Grunde ist es ein Weltanschauungskampf, der konservative Christen aufs Auge gedrückt wird. Und in diesem Weltanschauungskampf gehören laut Gegner alle hinein, die nicht so denken wie sie: http://www.idea.de/frei-kirchen/detail/konservative-positionen-machen-christen-nicht-zu-rechtspopulisten-101176.html

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Nun, die SPD freut sich auf den „geilsten Wahlkampf“: https://www.vorwaerts.de/artikel/martin-schulz-ersten-100-tagen-kanzler-aendern-moechte Und wer den Beitrag liest, ist schon voll aufgegeilt.

Wer geil ist, ist gierig. Wer gierig ist, handelt nicht mehr sachlich, vom Verstand bestimmt. Das gilt hoffentlich nicht für alle SPDler.

Aber sie meint sicherlich geilen Wahlkampf im Sinne von klasse, toll, spannend. Er hat schon so begonnen, würde ich sagen. Wenn wir diesen Beitrag lesen, sehen wir schon, wie geil es ist.

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Der geilste Wahlkampf der SPD findet erst mal in der Auseinandersetzung mit Steinbrück statt: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/peer-steinbrueck-spd-politiker-reagieren-empoert-auf-interview-a-1149589.html

Seine Genossen seien „häufig zu verbiestert, wahnsinnig überzeugt von der eigenen Mission“. Und schließlich ging Steinbrück noch ins Tiefenpsychologische: „Der Begriff der Heulsusen trifft gelegentlich den Gemütszustand der SPD. Nur wehe, Sie sprechen ihn aus.“

Und wie reagieren manche? Eben: verbissen. Es soll laut Spiegel online aber auch welche geben, die mit Ironie auf die Angriffe reagieren.

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Die Laudatio zur Verleihung des Börnepreises an Rüdiger Safranski: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/laudatio-zum-boerne-preis-er-erinnert-an-die-grenzen-in-uns-15036085-p7.html

In dieser geht es auch um die Dummheit – gegen die bekanntlich selbst Götter vergebens kämpfen.

Man verzeihe mir, dass ich diesen Aspekt, der nicht der wichtigste in der Rede ist, hervorhebe. Man lese selbst.

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Große Denker: Plotin und Kierkegaard

Harald Lesch und Wilhelm Vossenkuhl haben ein Buch herausgegeben: Die Großen (!) Denker. Philosophie im Dialog. Heyne 2015. Es handelt sich um einen Gang durch die Philosophiegeschichte. Überwiegend finde ich die Darlegungen treffend. Es ist schwer, in dieser Kürze diese großen Denker darzustellen. Und es wird aus allen möglichen Richtungen kritisiert werden können. Von daher ist alleine schon der Versuch lobenswert.

Dennoch ein paar Anmerkungen von mir: Was ich z.B. nicht verstehe, ist das, was zu Plotin (205-270 n.Chr.) gesagt wurde. Es wird Plotin nicht gerecht. Man kann einem Philosophen der damaligen Zeit nicht Rückschritt vorwerfen – auch wenn das unter fortschrittlichen Philosophen gang und gäbe ist. Es wurde damals nicht als Rückschritt empfunden, sondern eben als Fortschritt – entsprechend wurde er auch vielfach rezipiert. Ich meine, wenn ich auch die Philosophie eines Philosophen nicht mag, so muss ich als gegenwärtiger Mensch anders damit umgehen. Und dass es in der Welt des Plotin nichts Interessantes zu entdecken gäbe (S. 278) – diese Aussage ist kurios, denn die Welt, die Plotin entdeckt, ist spannend: die Vereinigung mit dem Göttlichen. Zudem: Er dreht die Welt nicht zurück, weg vom Rationalismus, denn er versucht das Irrationale vielfach rational zu durchdringen – soweit er es eben als heidnischer Philosoph zu durchdringen vermag http://blog.wolfgangfenske.de/2009/08/14/christenheit-5/.

Das, was wir über Augustinus erfahren – das wird dem Denker nicht gerecht. Wir haben hier ein hinüberhuschen über dies und das – und das war´s dann auch schon. Allerdings taucht Augstinus dann weiter auf (z.B. bei Anselm) und daran wird dann ein wenig seine Bedeutung sichtbar.

Aber dass auch hier Boethius (ins Suchfeld meines Blogs) vergessen wurde – warum? Er ist eine der wichtigsten Personen zwischen Antike und Mittelalter. Er mag als Denker nicht so dominant sein, aber doch als einer, der antike Philosophie in das Mittelalter hinüberrettet – das hätte einen etwas anderen Blick aufs Mittelalter ermöglicht – die Tradition, die Thomas von Aquin berücksichtigt.

Was den Glauben betrifft: Nehmen wir Kierkegaard. Er wird nur halb dargestellt: Kierkegaard und seine Verzweiflung. Die Frage wird gestellt – nichts an christlicher Ermutigung bei ihm? (Kierkegaard, Schopenhauer – alles Gegenbewegungen zum zuversichtlichen Leibniz und co. – auch Philosophie ist eine Wellenbewegung: up – down.) Das wird Kierkegaard nicht gerecht – es wird eben der tiefere Glaube ausgeblendet, man bleibt an der Oberflächlichkeit stehen. Für diejenigen, die sich noch nicht mit Kierkegaard beschäftigt haben – selbst der Wikipedia-Artikel geht tiefer. Kierkegaard kritisiert hart das bürgerliche Christentum als falschen Glauben, er ist als Religionskritiker im Grunde heftiger als Feuerbach – vielleicht verstehen manche ihn nicht, weil sie sich gut in diesem bürgerlich-moralischen Christentum eingerichtet haben? Die Gleichzeitigkeit mit Jesus Christus ist für Kierkegaard der wesentliche Aspekt. Raum und Zeit haben in der Dimension Gottes andere Ausprägungen – eine Art Personalisierung des Hegelschen Weltgeistes und des Schopenhauerschen Willens/Weltantriebes (sagen wir mal so). Schwer zu verstehen, gewiss, weil es eine Glaubensaussage ist, die mit der Gegenwart des lebendigen Jesus Christus rechnet – wir würden heute vielleicht das gleiche (nicht dasselbe!) eher mit der Gegenwart des Geistes Christi ausdrücken. Christlicher Glaube ist aus der Beziehung mit Jesus Christus lebendige Existenz – keine Lehre. Kierkegaard ist freilich wirksam geworden, indem er Existentialisten aus der Taufe gehoben hat – und dazu passt dann eher die Verzweiflung am Menschen als die Zuversicht des Glaubens, von daher stimmt das, was in dem Buch verkürzt zu finden ist. Aber Kierkegaard hat auch die Theologie sehr beeinflusst. Das ist ein anderes Thema.

Auch bei anderen ist es schade, dass alles so kurz und knapp dargelegt wurde. So würde man gerne vielmehr über Wittgenstein (pars pro toto) erfahren. Aber das Buch hat fast 700 Seiten – von daher muss ich trotz Kritik sagen: Große Leistung, trotz Knappheit Wesentliches mitzuteilen.

Was den Glauben an Gott betrifft, der wird in dem Buch nicht besonders wohlwollend kommentiert, sondern wenn es nicht anders geht, fragend. Manchmal wird er auch ganz ausgelassen, so zum Beispiel bei John Locke. Sein Denken ist ohne diese Tradition, in der er aufgewachsen ist, die er vertieft rezipiert und verteidigt hat, kaum zu durchdringen. Selbst der deutsche Wikipedia-Artikel über Locke weist darauf hin, vertieft der englische. Diese Art, den Gottesglauben zu minimieren bzw. auszuklammern bzw. in die Ecke des Rätselhaften zu stellen, ist Teil der modernen Philosophiegeschichte unseres Landes. Freilich muss man sehen: Im Kontext von Whitehead, der begeistert aufgenommen wird, wird gerade das thematisiert: Warum hat die Philosophie der Gegenwart diesen großen Philosophen nicht intensiver beachtet? Die Jalousien gehen runter, wenn einer von Gott spricht (597). Und das wird dann auch zu Recht vorsichtig als menschliche Selbstüberschätzung angesehen, wenn Gott ausgeklammert wird (693). Ganz meiner Meinung entspricht der Satz, dass einem, wenn man Gott aus dem Blickfeld verliert, „nicht mehr klar (wird), woher die Grundimpulse und Maßstäbe für das herkommen… für Menschenrechte, Demokratie und die Gerechtigkeitsforderungen.“ (694)

Wer kann westliche Philosophie verstehen – ohne den wie auch immer gearteten Gottesglauben? Atheistische Philosophie begann in Deutschland erst so richtig mit Marx – aber selbst seine Utopie ist im Grunde religiös begründet – man denke allein an Hegel – aber eben ganz normal an Apostelgeschichte 2:

Alle, aber, die Gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten Mahlzeiten mit lauteren Herzen…

Von daher: Christen haben immer etwas – aber nur etwas! – Sozialistisches – wenn Sozialisten Christliches haben. (Wobei ich freilich unter der Hand Marxismus/Kommunismus/Sozialismus verbunden habe. ist natürlich nicht ganz redlich.) Das nur am Rande.

Ein empfehlenswertes Buch – wenn man berücksichtigt, dass hier und da Kritik angebracht ist.

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Bibel und Philosophen + Kids web

Bibel und Philosophen http://www.pro-medienmagazin.de/kultur/buecher/detailansicht/aktuell/die-bibel-fuer-philosophen-98421/ und http://philomag.de/warum-sollten-philosophen-die-bibel-lesen/ : Warum sollten Philosophen die Bibel lesen?

Ich finde diesen Beitrag des Philosophie Magazins immens wichtig, weil er der Tendenz widersteht, den Glauben aus allem auszuklammern – auch aus dem Denken der Vorfahren, obgleich sie voll im Glauben bzw. in der Tradition der Bibel standen. Man kann unsere Kultur nicht ohne Bibel verstehen. Aber man versuchte es im 20. Jahrhundert  zu tun – doch auch der moderne Mensch Europas und der USA ist nicht einfach aus dem Nichts entstanden, sondern steht auf den Schultern christlicher Denker bzw. der Denker, die aus der christlichen Tradition kommen. Und so versuchte man alles aus der christlichen Tradition zu lösen: Menschenrechte, Ethik, Staatsphilosophie, Wirtschaft – aber Menschen, die sachlich unideologisch an die Sache herangehen, sehen: Das ist Ideologie, der Versuch, die Moderne vom Christentum abzulösen – doch das hat keinen Anhaltspunkt an der Geschichte, sondern das ist ideologischem Interesse verschuldet.

Von daher ist der Versuch dieses Heftes (freilich beschränkt auf das Alte Testament – mit Blick auf das NT würden weitere Aha-Erlebnisse kommen) sehr zu begrüßen, weil es Philosophie wieder fundiert.

Eine Anfrage habe ich jedoch – wobei ich zuvor sagen muss: Ich habe das Heft erst bestellt und noch nicht gelesen – : Was vertritt Catherine Newmark für ein Bild von Religion, wenn sie sagt:

„Das philosophische Fragen trägt in sich seit jeher eine Tendenz vom Religiösen weg: Wenn Glauben archetypisch Passivität und Hingabe bedeutet, so steht die Philosophie umgekehrt für die Selbstermächtigung des Menschen durch Vernunft, hin zu Aktivität und Freiheit.“ Das Alte Testament sei indes nicht nur eine Heilige Schrift für Gläubige, sondern auch ein „Raum für Philosophie“.

Christlicher Glaube – wenn wir uns Jesus und die frühe Gemeinde ansehen – bedeutet natürlich Hingabe an den Willen Gottes – aber das führt doch erst recht zu Aktivität und Freiheit bzw. besser: Aus Freiheit zu Aktivität! Und man denke auch an die alttestamentlichen großen, die Propheten: Passivität?

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Auf http://www.kids-web.org/ gibt es eine ganze Menge christliche Rätsel und alles Mögliche für Kinder. Viel Spaß beim Stöbern.

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Heideggers Antisemitismus

Zu Heideggers Antisemitismus, der in den veröffentlichten Briefen stärker zum Tragen kommt: http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-10/russland-eu-handelspartner-sanktionen

Wie ein Denker Hitlers Mein Kampf loben kann, ist im Grunde kaum verständlich. Dennoch:

Sind Künstler nur gut, wenn sie die korrekte politische Einstellung haben – das heißt die Einstellung, die die mediale und somit die politische Elite – oder die politische Elite, somit die mediale Elite, teilen, vorgeben?http://diekolumnisten.de/2015/10/30/katzendaemmerung/ Eine alte Frage. Ich sage: Nein. Darum möchte ich gar nicht wissen, welche politische Einstellung Mozart, Bach… Rembrandt, Dürer…, Barlach, Rodin…, hatten. Ich habe gerade diese Alten angesprochen: Das Werk überlebt ihre Meinung. Wenn in schriftlichen Werken Unmenschliches angesprochen wird (Heidegger), muss man in der Lage sein, das Werk zu lesen, das Gute herauszuarbeiten, das Schlechte links liegen lassen – und eben: sich damit argumentierend auseinandersetzen! Und wenn das ganze Werk von Unmenschlichkeit strotzt (außer, es handelt sich um Krimis) – kann man es vorzeitig beiseite legen und den Schreiber bedauern. All das ist freilich nichts für denkfaule Intolerante.

So schrieb ich 2015. Heute sei hinzugefügt:

Heidegger hatte berühmte jüdische Schüler (die in dem oben genannten Artikel genannt werden) – dazu nur ein paar anregende Anmerkungen:

Karl Löwith (protestantisch getauft) – frühe Distanzierung von Heidegger, hat aber dennoch von ihm gelernt: Destruieren… Sein Thema: Menschheitsgeschichte unter anderem von der christlichen Tradition zu lösen: Sinn der Geschichte lässt sich nicht ergründen – sie ist aus dem Werden und Vergehen der Natur heraus zu erheben.

Herbert Marcuse: hat mit der Kritischen Theorie/Frankfurter Schule die Studentenbewegung geprägt, indem er die Unterdrückungsstruktur der bürgerlichen und kapitalistischen Gesellschaft thematisierte. Sein Ziel: Eine harmonische Welt, in der alle friedlich miteinander leben, ohne Institutionen… Wie das? Objektive Wahrheit ermittelt durch Diskussionen…

Leo Strauss: Aufklärung und Liberalismus töteten die Philosophie, brachten kein Licht, sondern Finsternis. Platon usw. war sein Ideal: Die Elite liebt Philosophie, die Masse Religion.

Werner Brock: Machte Heidegger in Großbritannien bekannt (wo er 1934 mit Hilfe Heideggers ein Stipendium bekommen hatte) und dann die englische Philosophie in Deutschland.

Elisabeth Blochmann (geliebte Heideggers wie Hannah Arendt): einflussreiche Pädagogin.

Hans Jonas: Das Werk dieses anregenden Philosophen kann ich hier nicht in der Kürze schildern. Es sei nur auf sein „Prinzip Verantwortung“ hingewiesen und seinen Beitrag zur Theodizeefrage…

Zu nennen ist auch Hannah Arendt. Auch diese großartige Denkerin kann nicht mit wenigen Worten wiedergegeben werden. Sie beschäftigte sich unter anderem mit Nähe von Faschismus und Stalinismus, mit der Arbeitswelt, die in der Moderne politische Freiheit nimmt…

Auf wen wirkte er noch? Und damit gehe ich über den genannten Artikel hinaus: Gadamer, Jean-Paul Sartre, Derrida, Levinas – um nur einige spontan zu nennen.

Was will ich damit sagen? Auch Lehrer mit (nicht nur politischen) Fehlern können Schüler inspirieren. Übrigens hat Heidegger auch in Frankreich viele Anhänger gehabt, wie an den genannten Namen zu sehen – nicht wegen seiner politischen Fehlsicht, sondern aufgrund seiner philosophischen Anregungen.

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Menschenwürde + Gott

Gelesen in einem Artikel von 2003 zu: Martin Kriele: „Grundprobleme der Rechtsphilosophie“. Lit-Verlag, Münster 2003. 232 S., br., 19,90 [Euro]. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/wo-die-menschenwuerde-unverstaendlich-bleibt-1135114.html Der gesamte Artikel ist sehr lesenswert. Daraus nur ein kurzes Zitat:

> Die Vorstellung von der Menschenwürde sei vielmehr nur nachvollziehbar, „wenn man voraussetzt, daß es Gott oder jedenfalls eine himmlische Instanz gibt, die dem Menschen diesen Adel verliehen hat und seine Achtung gebiete. Die Verletzung der Menschenwürde bedeutet dann zugleich eine Mißachtung der verleihenden und gebietenden Instanz.“ Diese These besagt bei Kriele zweierlei. Zum einen beinhaltet sie die Behauptung, daß überall dort, „wo ein religiöser Bezug zwischen Gott und Mensch, Schöpfer und Geschöpf, Himmel und Erde lebendig ist, der Gedanke der Menschenwürde zumindest ansatzweise mitgedacht wird“. Eine Religion, die sich terroristisch gebärdet, unterliegt folglich einem verheerenden Selbstmißverständnis. Die zweite Folgerung Krieles ist womöglich noch provokanter. Wer immer es mit seinem Bekenntnis zur Menschenwürde ernst meint, der entpuppt sich danach als ein homo religiosus, gleichgültig ob er dies will oder überhaupt nur weiß. Materialisten, die für die Menschenwürde eintreten, machen sich nach Kriele selbst etwas vor. <

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