Ortlose Moral

Liebe Blogleserinnen und Blogleser, ich möchte Euch teilhaben lassen an einem Satz, der im Vorwort des Buches: „Ortlose Moral. Identität und Normen in einer sich wandelnden Welt“ von Hugo Schmale und anderen zu finden ist: „Die supplementär-konstitutive Rolle der Kontexte bedeutet nicht die Entbehrlichkeit, sondern im Gegenteil die Notwendigkeit einer Universalität, die allerdings nicht a priori als Prinzip gegeben ist, sondern sich als in spezifischem Sinne leerer Horizont unabgeschlossener differentieller Identitäten und partikularer Kontexte ergibt.“ (9) Das auf der ersten Seite – ist doch sehr einladend! Ich lasse mich also nicht abschrecken und finde gleich auf der nächsten Seite einen Ausdruck, der mir gefällt: „prinzipielle Prinzipienlosigkeit“. Nun bin ich gespannt auf Erkenntnnisgewinn…

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Lust am Bösen

Eine Streitschrift: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist – von Eugen Sorg. Es wird hier rezensiert: http://www.pro-medienmagazin.de/buecher.html?&news[action]=detail&news[id]=3831 Soweit ich den Angaben dort entnehme, scheint es mir eine Art Gegenbuch zu dem von Schmidt-Salomon zu sein, das ich am Samstag vorstellte. Schon das Cover scheint eine Antwort auf das Schmidt-Salomon Cover zu sein. Worum geht es? Der Autor, ehemaliger Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes und Journalist, wurde mit massiven Brutalitäten im ehemaligen Jugoslawien konfrontiert – es handelt sich also nicht um ein schönes Buch, das allein am warmen Schreibtisch entstanden ist. Er sieht: „Aber gehört das Böse nicht wesentlich zum Sein des Menschen?“ – und ein wesentlicher Teil des Buches soll das Böse des radikalen Islam darlegen. Mit der Formel, Islam = Friede, glauben viele, das Unheil bannen zu können. „Der radikale Islamismus verkörpert die zeitgenössische Ideologie des Bösen.“

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Wetzlar-Verschwörung

Noch nichts von der Wetzlar-Verschwörung der Islamkritiker gehört? Eine Reaktion auf Bahners Buch: http://www.ksta.de/html/artikel/1298478947262.shtml 😉

Nun, die genannte Verschwörung ist Hirngespinst. Dass es Vernetzungsversuche gibt, ist klar, dann ist man nicht so allein. Aber das gestaltet sich äußerst schwierig, weil die Islamkritiker den unterschiedlichsten politischen und weltanschaulichen Lagern zugehören – entsprechend auch unterschiedlichste Vorgehensweisen und Ziele vertreten. Man muss allein mal die Kommentare bei pi auf längere Zeit hin verfolgen.

Solche Leute brauchen wir, die Freiheit, Liberalismus, Gleichheit, Gerechtigkeit vorantreiben (wie Paulina Neuding, Lars Vilks, Westergaard…), Leute, die ihren Kopf hinhalten: http://www.welt.de/debatte/die-welt-in-worten/article12642266/Europa-muss-seine-Werte-gegen-Islamismus-verteidigen.html – und nicht so ein Bahners-Geschwurbel, der gesellschaftspolitisch überhaupt nichts zu verstehen scheint. Natürlich: Ich will einem Bahners nicht den Mund verbieten. Jeder soll das Recht haben, das zu sagen, was er denkt, jeder soll auch das Recht haben, sich als äußerst kleinkariert darstellen zu können. Meinen Respekt, meine Bewunderung, haben jedoch andere, Menschen, die die guten Errungenschaften unserer Gesellschaft schützen wollen. 

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Priester

Graham Green hat ein sehr eindrückliches Buch über einen Priester in Mexiko geschrieben: Die Kraft und die Herrlichkeit, Dt. 1948. Die Kirche wurde vom kommunistischen Regime verfolgt – ein Priester ist noch übrig geblieben, der von den Schergen von Versteck zu Versteck gejagt wird. Die Schergen meinen, die Welt von der Kirche befreien zu müssen, damit sie besser werde. Die Menschen sehnen sich nach dem Priester, nicht nach den brutalen Weltverbesserern – doch er hat ein großes Manko: Er ist Alkoholiker und hat im Rausch ein Kind gezeugt. Und so fühlt er sich auch, als Sünder, der unwürdig ist, das Sakrament zu verwalten, der an sich zweifelt… Nach seiner Hinrichtung wird er als Märtyrer angesehen.

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Narbenliteratur

In der Zeitschrift „mut – Forum für Kultur, Politik und Geschichte“ (Nr. 449, 2005) fand ich einen Beitrag von Alexander Saechtig über China, darin vor allem über den Schriftsteller Ba Jin. Es geht um Narbenliteratur, Literatur, die Narben verarbeitet, die die Kulturrevolution verursacht hat:  

> Laßt auf keinen Fall noch eine „Kulturrevolution“ über unser Land hereinbrechen, denn eine zweite Katastrophe wäre der absolute Untergang unserer Nation. Mir geht es hier nicht im geringsten darum, die Leute mit Schauergeschichten in Angst und Schrecken zu versetzen, doch immer noch er­scheinen die vergangenen Ereignisse vor zwanzig Jahren vor meinen Augen. Diese unendlich lange, elende, unvergeßliche Zeit, die unmenschlichen Beleidigungen und Peini­gungen jeglicher Art an meinen Landsleuten, dieses Riesenchaos, in dem man Recht in Un­recht verkehrte, aus Weiß schwarz und aus Schwarz weiß machte, zwischen Loyalität und Verrat nicht trennte und Wahrheit und Falschheit kaum voneinander zu unterschei­den waren, und dann noch die nicht enden wollenden Justizirrtümer, das ganze nicht wieder gut zu machende Unrecht! Wie sollten wir dies alles völlig aus dem Gedächtnis strei­chen, die Menschen nicht mehr darüber spre­chen lassen, so daß zwanzig Jahre später nochmals eine „Kulturrevolution“ entfacht wird, mittels derer neuer Streit entsteht, der große Unruhe über die chinesische Nation bringt?! Manch einer sagt: „Es soll noch ein­mal passieren? Unmöglich!“ Darauf möchte ich eine Frage stellen: „Warum ist es unmög­lich?“ In den letzten Jahren habe ich wieder­holt über diese Frage nachgedacht und ge­hofft, eine klare Antwort darauf zu finden: Möglich oder unmöglich? Erst mit einer Ant­wort brauchte ich mich nachts nicht mehr vor schrecklichen Träumen zu fürchten. Aber wer kann mir garantieren, daß die Katastrophe, die vor zwanzig Jahren über uns hereinbrach, sich unmöglich noch einmal ereignet?  <

Auch in anderen Kulturen denkt man über gesellschaftspolitische Katastrophen nach. Das ist nicht neu – aber es zu beachten, ist das auch nicht neu? Wir Kreisen doch zu sehr um uns selbst.  

Leiden

In der Biographie über Manfred Hausmann von Karlheinz Schauder wird aus Hausmanns „Zauberin von Buxtehude“ zitiert: „Ein Leid, das du verstehen kannst, ist kein wirkliches Leid. Das wirkliche Leid ist voller Geheimnis. Ich habe hier gesessen in meiner Mutterseelenverlassenheit und mich unsagbar vor dem gefürchtet, was mir bevorsteht. Und ich fürchte mich auch jetzt noch davor. Aber immer wieder habe ich zuunterst in dem Grauen einen Willen gespürt, der etwas mit mir vorhat. Das Leid, das mir auferlegt ist, mir und dir, soll etwas bedeuten. Nichts Verständliches, etwas viel Tieferes. Das Leid ist ja nicht dazu da, daß wir es verstehen, sondern daß wir es ertragen. … Von allem Unergründlichen auf der Welt ist das Leid das Allerunergründlichste. Aber in dieser Unergründlichkeit kommt Gott mir nahe.“ (S. 108)