Anmerkungen zur Geschichte 5

Fortsetzung von Anmerkungen zur Geschichte 1-4. Es handelt sich um tastende Versuche:

Die Frage nach Gott in der Geschichte – eine Frage der Theodizee

  1. Die Menschheitsgeschichte kennt besonders grausame Extreme menschlichen Versagens. Kriege allerorten. Ich nenne ein paar grausame Menschen ab dem 12. Jahrhundert: Dschingis Khan (12. Jahrhundert), Timur/Tamerlan (14. Jahrhundert), Vlad III. (15. Jahrhundert), Iwan IV. [16. Jahrhundert], Mulai Ismail [17./18. Jahrhundert], Leopold II. [19. Jahrhundert], Hitler, Stalin, Mussolini, Mao Zedong, Pol Pot, Idi Amin, Bokassa, Kim Il Sung (alle 20. Jahrhundert), … und die vielen kleineren, die nicht Millionen/Hunderttausende ermordet und gedemütigt haben, sondern 10.000 oder 1000 oder 100 oder 10 oder 1. Warum fügen Menschen anderen unbedingt Leiden zu? Der  Mensch ist ein Wesen des Unruhezustandes, des Kampfes, der Aggression. Er wendet das alles gegen sich und / oder Mitmenschen und / oder Gott und / oder Natur… Gründe sind äußerst vielfältig. Warum beschützt Gott nicht, obgleich er es könnte? Die drängende Frage nach Gottes Handeln in der Geschichte hat ihre Grundlage in der Theodizeefrage – das allerdings nicht in erster Linie mit Blick auf das Individuum, sondern auf die Menschheit bzw. auf unter anderen Menschen leidenden Gruppen bezogen. https://glaubensdiskussion.wolfgangfenske.de/sites/verzeichnisse/index_theodizee.html 
  2. Die Infragestellung des Handelns Gottes in der Geschichte ist Folge der Verzweiflung am unmenschlichen Handeln der Menschen. Es geht also eigentlich nicht in erster Linie um eine Theodizee, es geht um eine Anthropodizee. Dennoch:
  3. Gott liebt und ist gerecht. Wenn ich leidende Menschen sehe und Mitleid habe, kann ich davon ausgehen, dass meine Liebe größer ist als die Liebe Gottes, mein Gerechtigkeitsempfinden größer als die Gerechtigkeit Gottes? Und hierin liegt die unlösbare Frage: Warum greift der liebende und gerechte Gott nicht ein? Er schenkt uns Menschen Liebesfähigkeit und diese trennt uns von Gott, weil wir ihn angesichts des Leidens nicht als Liebenden erkennen können – wie ist das alles zu verstehen? Voraussetzung dieser Frage ist auch, dass man Liebe mit Gott und Gott mit Liebe in Verbindung bringt. Wenn Gott nicht mit Liebe und die mit ihr verbundene Gerechtigkeit konnotiert wird, stellt sich auch die Theodizee-Frage nicht. Im christlichen Glauben ist die Liebe Gottes verbunden mit der Gerechtigkeit vor allem an dem Leiden und Sterben Jesu Christi für uns Menschen zu erkennen. Damit haben wir einen ersten Hinweis darauf, wie in welche Richtung eine mögliche Problemlösung aus christlicher Sicht laufen kann.
  4. Hans-Martin Gutmann schreibt zum Thema „Greift Gott ein? https://www.evangelisch.de/inhalte/3257/05-06-2012/greift-gott-ein > Es gibt keine Automatik. Oft bleibt mir, oft bleibt von Gewalt und Elend zerstörten Menschen dunkel, warum Gott nicht eingreift. Die Gebete der Kinder von Auschwitz wurden nicht erhört, nicht die Klagen von jungen Frauen, die während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren massenhaft vergewaltigt wurden, um sie aus ihrem Land zu vertreiben, nicht die Gebete der zahllosen Kinder, Frauen und Männer, die in den Massakern in Ruanda und im Kongo und in anderen Weltgegenden um ihr Leben und ihre Lebensperspektiven gebracht wurden, nicht die Gebete der Bootsflüchtlinge, die den zerstörerischen Lebensbedingungen ihrer Heimat durch eine Flucht nach Europa entgehen wollen und in ihren seeuntüchtigen Booten zu tausenden umkommen. So viele unaustauschbare Gesichter, so viele durch zerstörerische Bedingungen oder brutalste Gewalt vernichtete Lebensgeschichten.<
  5. In diesem Nicht-Verstehen Gottes, in diesem Schrei nach Gott solidarisieren sich Christen mit den Leidenden (freilich gibt es auch Perversionen im Christentum; aber diese können sich nicht auf Jesus Christus berufen). Wir haben keine Antwort auf diesen Schrei der leidenden Menschen in der Geschichte: Warum wendet sich Gott ihnen nicht rettend zu? Man kann sich von Gott abwenden, sagen: Mit dem Gott will ich nichts zu tun haben! Man kann sagen: Es gibt ihn nicht! Man kann Gott hilflos verteidigen wollen. Aber weil es Gott gibt, sagen Christen mit dem alttestamentlichen Klagenden: Dennoch bleibe ich an Dir, Gott. Es gibt Gott. Aber das heißt nicht, dass man als Glaubender nicht an Gott verzweifeln kann. Hiob verlässt Gott nicht – er verzweifelt an Gott, den er nicht versteht. Glaubende bleiben freilich an dieser Stelle nicht stehen – und das Leiden wird aus der Perspektive Jesu am Kreuz beurteilt: Jesus schrie am Kreuz leidend, mein Gott, warum hast du mich verlassen, wie schon vorher und nachher unzählige Menschen geklagt haben. Das mündet in die Christologie ein – die dann in der Auferweckung des Klagenden seine Fortsetzung findet. Das beantwortet die Frage nach Gottes Nicht-Handeln bzw. dem nicht verständlichen Handeln nicht.
  6. Darum achten Christen auch auf etwas anderes, aufgrund der Jesus-Botschaft: Gott befreit Israel nicht von der Knechtschaft durch die Römer – warum nicht? Jesus geht es darum zu sagen: Verhalte dich Leid mindernd. Paulus beantwortet diese Frage, warum Gott nicht eingreift, nicht: Er sieht die Sünde des Menschen als Grundlage des Übels an – Gott bietet Befreiung: durch Hoffnung – durch Frohe Botschaft – durch anderes Verhalten im Geist Gottes. Jesus Christus beantwortet die Frage nicht, warum seine Nachfolger unter der Verfolgung leiden müssen, warum Gott sie nicht beschützt: Er bietet ihnen Zuflucht an. Und so bietet auch die Apokalypse des Johannes keine Begründung dafür an, warum all die blutrünstigen Herrschaften existieren und Gott nicht eingreift – mit Blick auf die Zukunft, die Gott herbeiführen wird – aber bis dem so ist, muss der Glaubende sich so verhalten, wie es Gottes Willen entspricht.
  7. Darum: All die von Gutmann genannten Beispiele lassen anklagend zurückfragen: Warum haben die Kirchen in Deutschland angesichts des unmenschlichen Nationalsozialismus versagt? Warum haben die Christen der freien Welt, nicht hingehört – und wenn sie hingehört haben, versagt? Warum hat die Orthodoxe Kirche in Jugoslawien versagt? Warum hat die UN versagt und warum versagen wir angesichts des Kongo? Warum ist es nicht möglich, den Migranten zu verdeutlichen, dass dieser Weg, den sie übers Mittelmeer einschlagen, in den Untergang führen kann? Warum haben die Kirchen versagt angesichts der kommunistischen Diktaturen in der Sowjetunion und in China, den Gulags und den chinesischen Umerziehungslagern? Sicher, die Kirchen waren von der Verfolgung betroffen bzw. haben in China keine große Bedeutung gehabt – aber warum hatten die Kommunisten und die Nationalsozialisten bei uns so viele Unterstützer? In diesen Fragen Gott die Schuldkarte zuzuschieben ist nur der Versuch, von der eigenen Verantwortung abzulenken, von der eigenen Schuld abzuweisen.
  8. Wie Gott selbst in und an der Seele der Gepeinigten handelt, das können wir nicht wissen. Wir können Gott aber aus unserer nicht verstehenden menschlichen Perspektive nicht ent-schulden. Aber auch das Beschuldigen bleibt uns im Hals stecken, weil wir merken, dass die Anthropodizee, das Leiden am Menschen, der Grund dafür ist, von uns Menschen abzulenken und auf Gott als Schuldigen zu verweisen.
  9. Das Problem ist aber auch weiterhin: Wir Menschen sind so begrenzt in unserem Verstehen und in unserem Handeln, dass wir im Grunde nicht oder nur begrenzt in der Lage sind, manche Verhältnisse zum Guten hin zu ändern. Wir verstehen weder Gott noch Mensch. Den Menschen können wir nicht verleugnen, wir sind selbst Menschen – aber manche verleugnen Gott. Das kann auch eine Art Gottesverteidigung sein: Weil ich Gott angesichts des Leidens nicht verstehe, verneine ich ihn. Dieser Weg entzieht sich Christen – weil sie sehen, dass Gott in Jesus Christus selbst den Leidensweg geht – er geht den Leidensweg, um Menschen vom Leiden zu befreien. Warum gibt es nur diesen Weg? Weil es der einzige Weg ist, den er den Menschen anbieten kann, wenn dieser frei bleiben und somit in Verantwortung handeln soll.
  10. Diese Antwort wird gerne gegeben. Aber grundsätzlich hat sie einen Haken: Ist Gott abhängig davon, dass er den Menschen Freiheit gegeben hat? Bindet er sich? Haben wir damit Gott nicht in ein Schublädchen gesteckt, ihn verständlich gemacht, obwohl er nicht zu verstehen ist? Sind die Antworten auf diese Fragen nicht selbst wieder Schublädchen, in die wir einen für uns Menschen handlich gemachten Gott einpacken?
  11. Diese Frage allerdings bleibt neben den genannten: Manche Menschen beschützt Gott vor anderen Menschen – warum? Erreicht er noch das Herz der Angreifer? Sind sie nachlässig? Ist es purer Zufall?  Manche werden nicht beschützt, weil die Angreifer ein übles Herz haben und sich von Gott nicht abhalten lassen? Manche beschützt er, weil sie auf ihn achten, z.B. Flugzeugabsturz überlebt – andere nicht, weil sie nicht sensibel auf ihn achten? Das wird man kaum sagen können, da jede Antwort den Menschen überfordert.
  12. Wir sind in all diesen Fragen überfordert. Darum haben Christen die Möglichkeit, sich im leidenden und auferstandenen Jesus Christus zu bergen, von dem sie wissen, dass er sie liebt.
  13. In diesem Zusammenhang wird immer von der Allmacht Gottes gesprochen. Das Wort Allmacht usw. macht Gott groß – ist hymnische Sprache. Eine hymnische Sprache, die Gott angesichts von Erfahrungen besingt: Gott greift ein in die Geschichte (Erfahrung des Exodus aus Ägypten). Doch Gott ist nicht allein an der hymnischen Sprache und an den hinter ihr stehenden Erfahrungen zu messen. Seine Allmacht ist auch damit zu verbinden, dass er den Menschen Freiheit schenkte, dass er in Jesus Christus Mensch wurde, dass er Mensch wurde – sich kreuzigen ließ und eben nicht heldenhaft vom Kreuz gestiegen ist bzw. die Engelheere zur Rettung Jesu schickte (wie es im Matthäusevangelium heißt), dass er Jesus Christus auferweckte und die Geschichte zu dem von ihm gesetzten Ziel führen wird. Das Leiden und Sterben Jesu am Kreuz, die Erniedrigung Gottes in Jesus Christus ist für Christen der Schlüssel zur Tür des Geheimnisses. Aber die Tür ist nur einen kleinen Spalt weit zu öffnen.
  14. Nachvollziehbar ist Gottes Eingreifen darin, dass er Menschen in der Geschichte beruft, die auch leidend den Weg Gottes gehen, wie an den Propheten zu sehen, an Jesus, an den Aposteln, vielen Glaubenden in der Nachfolge seitdem. Die Allmacht ist daran zu sehen, dass er mit den Menschen einen Weg geht, dass er sie lenkt, indem er ihnen Maßstäbe des Handelns an die Hand gibt (10 Gebote…), dass er sie beruft, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein – eben nicht allein die hierarchisch Hochstehenden und Mächtigen, sondern die Erniedrigten werden ermutigt, aufgebaut, diejenigen, die die Seligpreisungen ansprechen, dass er sie nach dem Tod zu sich holt und dann seine Welt (Reich Gottes) durchsetzen wird. Die Erniedrigten werden aufgebaut, das Leiden nicht nur zu ertragen, sondern das Leiden zu bekämpfen – wie Jesus es tat. Auf diese Weise wird der Glauben geschichtswirksam: Gott wirkt durch die Glaubenden.
  15. Das ist keine Apologie, keine Verteidigung Gottes, denn das lässt die oben formulierte Fragen nicht verstummen. Wir leiden ja nicht nur aufgrund der Diskrepanz zwischen Gott nahe fühlen und der Ferne Gottes, wir leiden auch an der Diskrepanz zwischen Verstehen Gottes und dem Nichtverstehen. Und so ist der Schrei Jesu, der in die tiefsten Tiefen des Bösen herabgekommen ist, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, noch immer nicht verstummt. Er hallt vielfältigst aus allen Bereichen der Menschen wider. Im Warum-Schrei ist der ferne Gott präsent, als ein Leiden an Gott.
  16. Und so ist das Bekenntnis zu Gott, an dem Juden auch in Auschwitz und anderen KZ festgehalten haben, eine Vergegenwärtigung Gottes gegen die Barbaren. Das Schma: Höre Jisrael, der Ewige ist unser G-tt, der Ewige ist einzig. Manche Juden hielten an Gott fest in diesen Lagern (vgl. Wiesel: Die Nacht zu begraben, Elischa; und: Wiederbegegnung mit Auschwitz). Gott kann man angesichts des Leidens in Auschwitz und anderer KZ in Frage stelle, man kann ihn anklagen – aber: Wenn man Gott angesichts der Lager in der Zeit nach Auschwitz wegen Auschwitz bekämpft, versucht man dann nicht rückwirkend diesen Opfern den Halt zu nehmen, den sie einzig hatten? Trägt man damit nicht zur seelischen Zerstörung von Menschen, die in Zukunft leiden werden, bei. Denn Leiden wird es immer geben – und ebenso die Überwindung des Leidens durch den Glauben. Muss nicht der Glaube der Leidenden gestärkt werden – wenn das Leiden nicht auch mit Hilfe des Glaubens bekämpft werden kann – damit sie nicht Opfer der Leiden werden? Zudem: Mit den Juden wollten die antigöttlichen nationalsozialistischen Ideologen Gott vertreiben, wollten ihn töten. Der Kampf der Antisemiten gegen Gott dauert an.
  17. In einem Gebet aus Auschwitz heißt es nach Gottes-Anklagen: „Du bist mein Gott! Und darum muß ich rechten / und darum zweifeln, spotten und dich kränken – / und darum an dich glauben und verstummen.“ (Anna Paulsen (Hg.):, Der Glaube kann nicht schweigen, Lüneburg 1948, 34) In der Unabhängigkeitserklärung Israels heißt es:

Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, daß das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muß, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert. Die Überlebenden des schrecklichen Nazigemetzels in Europa sowie Juden anderer Länder scheuten weder Mühsal noch Gefahren, um nach dem Lande Israel aufzubrechen und ihr Recht auf ein Dasein in Würde und Freiheit und ein Leben redlicher Arbeit in der Heimat durchzusetzen. http://www.hagalil.com/israel/independence/azmauth.htm

  1. In allen Gewalttaten gegen Menschen will man in der Menschheitsgeschichte im Menschen als Ebenbild Gottes die Gegenwart Gottes zerstören – Rassismus, gegen Behinderte… – will man Gott und Menschen beweisen, dass es Gott nicht gibt, dass Gott selbst tot ist. Gewalttätige Menschen bekämpfen Gott im Ebenbild Gottes, dem Menschen. Christen müssen gegen jegliche Gewalttat gegen Menschen geschichtlich aktiv wirken. Indem sie sich für die Würde aller Menschen einsetzen, setzen sie sich im Namen Gottes geschichtswirksam ein. Beklagenswert ist es, wenn wir versagen.

Fortsetzung folgt.

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Anmerkungen zur Geschichte 4

Fortsetzung

Geschichte aus der Perspektive christlichen Glaubens

  1. Vor allem ist Geschichte eine Beschäftigung mit dem, was vergangen ist, tot – und wir gehen in der säkular Geschichte nach vorne – also ebenso in den Tod. Aber in diese Geschichte des Todes ist schon Gottes Leben hinein gekommen: in Jesus Christus. Und seitdem geht Geschichte nicht mehr auf den Tod zu, sondern die Menschen haben die Chance, auf Leben zuzugehen. In der Todesgeschichte begegnet ihnen der lebendige Gott. Geschichte wird so eine, die Chance zum Leben ermöglicht. Christlicher Glaube beschäftigt sich in erster Linie mit dem Leben in der Nachfolge des lebendigen Jesus Christus in der Geschichte. Und so versuchen Christen (wenn alles gut geht) die Menschen, die auf den Tod zugehen, zum Leben zu rufen, das in der Geschichte beginnt und über sie hinausgeht, in Gott mündet. Das Wort des Lebens – es wird heute hoffentlich in zahlreichen Predigten ausgesprochen. Oder lassen sich viele Christen von der Geschichte des Todes fesseln? Erst Gottes Existenz in der Geschichte qualifiziert diese als eine, die wahre Zukunft hat – allerdings über die Geschichte hinausgehend.
  2. Die Gegenwart basiert auf der Vergangenheit, auf das, was in der Geschichte geschehen ist. Allerdings basiert die jeweilige Gegenwart nur bedingt auf die Vergangenheit, weil sie nur einzelne Stränge aufgreift, verschiedene Stränge miteinander verbindet – somit auf Gedanken kommen kann, auf die Menschen der Vergangenheit noch gar nicht gekommen sind.
  3. Geschichtsforscher versuchen das, was zum Tod verurteilt ist, dem vergessen, dem Sterben zu entreißen. Aber sie entreißen es aus der Perspektive der Gegenwart – und dadurch kann das, was war, nur bedingt noch selbst zu Wort kommen, was auch damit zusammenhängt, dass man viele Einzelheiten gar nicht weiß, sondern erst phantasievoll – und möglichst begründend – kombinieren muss. Geschichte ist gedachte Geschichte, konstruierte Geschichte. Die zufälligen Ereignisse werden in einen kausalen Zusammenhang gebracht. Die Konstruktionen werden immer vielfältiger, begründeter, vernetzter. Die Perspektive der Gegenwart ist manchmal dominant, so bei ideologischer Geschichtsdarlegung, die einseitig bestimmte Aspekte ausschaltet, andere hervorhebt. So ist zum Beispiel bei manchen heute beliebt, die Rolle des christlichen Glaubens für unsere Gegenwart möglichst zurückzudrängen.
  4. Das, was die Menschen der Vergangenheit gesagt und geschrieben haben, kann weiterhelfen, weil man dann das Rad nicht immer wieder neu erfinden muss – das heißt im Rahmen der Geschichte: Man sieht, was falsch gelaufen ist (aus der jeweiligen Interpretationsperspektive der jeweiligen Gegenwart), man lernt, wie Menschen der Vergangenheit Probleme angepackt haben usw. Von daher ist Geschichtswissenschaft auch in die Gegenwart bzw. Zukunft gerichtet, das in sich zufällige und ziellose Geschehen wird sinnhaft. Vor allem ideologische Interpreten können sich aber einfach über die Vorlebenden und Vordenkenden hinwegsetzen, arrogant, meinen, es wäre auch alles ohne sie gekommen und außerdem haben diese alles schlecht gemacht. Ihre Weltbilder waren katastrophal, gemessen an unseren usw. Diese Arroganz gegenüber Menschen der Vergangenheit liegt uns nahe – ist aber unprofessionell und dumm, weil sie verhindert, Gefahren zu erkennen.
  5. Geschichte ragt auch über die Tradition in die Gegenwart und Zukunft. Diese ist zum Teil nicht reflektiert, sie wird übernommen. Wir leben in einer Zeit, in der man alles, was man wahrnimmt, einem Diskurs unterwerfen mag: Wollen wir das weiter übernehmen, wollen wir Neues machen usw. Diese Diskurse sind zwar nicht autonom, aber eben Versuche, sich von der Vergangenheit abzukoppeln, vor allem auch von der religiösen Vergangenheit. Der Mensch möchte sich emanzipieren – Geschichte als Emanzipationsvorgang und als Selbsterhebung bzw. Selbstvergewisserung. Vergewisserung der eigenständigen, von den Vorfahren abgekoppelte Identität.
  6. Das heißt: Geschichte will das Todverfallene, das, was vergessen wird, dem Vergessen entreißen, will es auf der populären Ebene mit Blick auf die Zukunft wirksam werden lassen – und dadurch dem Leben im säkularen Sinn dienen. Allerdings eben aus christlicher Perspektive ein säkulares Leben, das nicht mehr das vergangene Individuum zum Leben erwecken kann, und somit mit dem ewigen Leben bei Gott, der die Individualität des Menschen aufrecht erhält, nicht vergleichbar ist (Paulus: Unsere Heimat/Zukunft – außerhalb der menschlichen Geschichte – ist im Himmel/bei Gott). Freilich ist säkulare Zukunft immer auch geprägt von Vergänglichkeit – auch mit Blick auf das Vergehen der Erde.
  7. Geschichte will der Gegenwart und der Zukunft in gewisser Weise Sinn vermitteln, weil sie den Menschen in einen gedanklich nachvollziehbaren Zusammenhang stellt. (Was Tradition macht – eben nur rational nachvollziehbar.) Gott, der dem Glaubenden durch sein Wort in der Geschichte begegnet, gibt dem Menschen einen anderen Sinn – eben nicht geschichtlich bedingten oder traditionsbedingten Sinn, sondern einen Sinn, der mit Gott zu tun hat, der dann Nachfolge bedeutet, also Geschichtswirksamkeit des Glaubens.
  8. Die Geschichtswirksamkeit des Glaubens ist nicht zu leugnen – allerdings des Glaubens dessen, der auch als Glaubender frei ist und entsprechend von Gott losgelöste Wege gehen kann. Wenn es gut geht, geht er in seiner Zeit die Wege Gottes, prägt sie im Sinn Gottes. Wenn es nicht gut geht, missbraucht er Gottes Namen, lässt Gott „verschwinden“. (Das wird im AT und NT schon so gesehen.) Auch Glaubende sind Kinder ihrer Zeit und wirken als solche. Positiv innovativ wirken sie über ihre Zeit hinaus, wenn sie dem Willen Gottes angemessen folgen.

Fortsetzung folgt.

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Anmerkungen zur Geschichte 3

Interpretationsgeschichte und Geschichtsdeutung als Teil des säkularen Weltbildes

Neben dem Sichten dessen, was uns die Vergangenheit erhalten hat, wird in der Geschichtswissenschaft interpretiert. In einer solchen Interpretationsgeschichte leben wir. Religionsgemeinschaft ist Erzählgemeinschaft. Und so steht das Christusereignis am Anfang, das mit Hilfe alttestamentlich/jüdischer Tradition verstanden und interpretiert wurde. In dieser Interpretationstradition stehen wir, auch wenn ständig neue kulturelle Errungenschaften hinzukamen und die Erzähltraditionen neu prägten. Das Alte wurde zu einem wesentlichen Baustein des Neuen. Wir leben nun in einer Zeit, in der die Erzähltradition der Religion(en), die religiöse Sprache von manchen nicht mehr akzeptiert wird. Und da stellt sich nun die Frage: Wie können Religionen hierauf reagieren – vor allem der christliche Glaube, weil er im Zentrum des säkular/atheistischen Diskurses steht.  Und damit verbunden ist nicht nur die Frage nach der Erzähltradition, sondern auch grundsätzlich die nach dem Verständnis von Geschichte, von Natur, des Menschen.

(Fortsetzung folgt.)

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Anmerkungen zur Geschichte 2

Anmerkungen zur Geschichte aus christlicher Sicht

Grundvoraussetzung 1: Der Glaube an Gott als Schöpfer und Erhalter.

Grundvoraussetzung 2: Gott ist ein Monster, weil er nicht gegen Leiden eingreift? Gott lässt es zu, dass man das von ihm denken kann. Darum muss ich ihn nicht verteidigen. Das Verhalten Gottes ist für uns wirklich unverständlich. Von daher hält er es in seiner Weisheit aus und wir müssen in unserer Unweisheit das akzeptieren. Man kann sagen: Ich will keinen Gott akzeptieren, der ein Monster ist. Aber das spricht nicht gegen die Existenz Gottes, sondern gegen mein Bild, das ich mir von Gott mache, das ich von Gott habe. Ich selbst denke mir: Ich bin ein Mensch, der auch in seiner Liebe unvollkommen ist. Gott ist Liebe – so bekennt der Johannesbrief aufgrund seiner Gotteserfahrung, die ich mir aufgrund des Jesus-Ereignisses angeeignet habe. Auch wenn ich Gott nicht verstehe, so ist seine Liebe doch größer als meine, vor allem als mein Verstehen. (Darüber kann man freilich stundenlang streiten. Aber wenn Gott existiert, dann stellt sich nur die Frage: Will ich ihn im Leben berücksichtigen oder aus Zorn und Aversion, weil er nicht meinen Vorstellungen entspricht, nicht.)

Grundvoraussetzung 3: Man darf nicht vergessen, dass man von Gott nur in Form eines Glaubensbekenntnisses reden kann. Das ist angemessenes Reden über Gott. Alles andere ist verobjektivierende Anmaßung.  Man muss Rechenschaft über den Glauben abgeben. Aber da dieser auch Geschenk ist, ist das auch nur annähernd möglich. Wenn man meint, Gott verstanden zu haben, dann handelt es sich nicht um Gott, sondern um eine wasserdicht gemachte Gottesidee. Glaube ist ein Ausdruck der Beziehung zu Gott und als solcher lebendig, nicht starr. Man hat nichts in der Hand, in dem Sinn, dass man ihn beherrscht, sondern lässt sich immer wieder neu beschenken.

Grundvoraussetzung 4: Da Gott transzendent ist, ist sein Handeln in der Geschichte einem eindeutigen Verstehen entzogen. So wenig wie Gott bewiesen werden kann, so wenig kann Gottes Handeln in der Geschichte bewiesen werden. Sprache und Verstand, die auf das Immanente gepolt sind, versagen, Glaubende sind verwiesen auf die religiöse Sprache. So ist Gottes Handeln am Volk Israel und mit dem Volk Israel sowie sein Handeln durch Jesus Christus eine Glaubensaussage, die nur dann nachvollzogen werden kann, wenn Glauben den Menschen bestimmt. Das heißt nun nicht, dass Israel als Volk bzw. Jesus Christus und die Gemeinde als an Gott Glaubende nicht eindeutig geschichtswirksam geworden sind und sein werden. Als solche geschichtswirksamen Größen sind sie säkularer Interpretation unterworfen (soziologisch, psychologisch usw.). Gottes Handeln selbst in der Geschichte ist objektiv nicht darzulegen. Aber weil Geschichtsschreibung Interpretation ist, kann sie freilich auch aus der Perspektive des Glaubens interpretiert werden. Nicht Gottes Handeln – das überfordert den Menschen – aber eben im Rahmen der Kirchengeschichte.

Grundvoraussetzung 5: Es gibt nicht nur sozial oder psychologisch begründbare Argumente dafür, warum der Mensch an Gott glaubt, sondern ebenso, warum er ihn ablehnt. Menschen stehen nicht auf einem neutralen Punkt, weder Glaubende noch Nichtglaubende. Das gilt auch für die Interpretation von Gottes Handeln in der Geschichte. Glaubende mögen einen Grund haben, der ihnen wünschen lässt, es möge einen Gott geben – und sie ihn dann auch entdecken. Genauso gibt es aber auch Gründe, weshalb Menschen wünschen es gäbe keinen handelnden Gott in der Geschichte.

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Anmerkungen zur Geschichte 1

Geschichte stellt sich mir als ein Prozess, als ein Weg dar: Gott wirkt den Anfang – und in einer Wechselbeziehung mit dem Menschen geht es weiter. Die Geschichte Israels wie die der damit verbundenen Christen bekennt Gott als einen, der in Bewegung ist. Er ist kein starres Etwas. Er ist in Bewegung – somit ist er mit den Menschen eine Beziehungsgeschichte eingegangen. In dieser Beziehungsgeschichte erweist sich Gott in seinem Handeln immer wieder neu. Neu heißt freilich nicht, dass er willkürlich, chaotisch, anarchisch ist. Die Basis bleibt: Gott selbst, sein Bundesschluss, sein Wille, wie er dann letztlich in Jesus Christus sichtbar wurde bzw. im Geist Gottes sichtbar wird.

Die Kontinuität des Handelns Gottes in der menschlichen Chaos-Geschichte ist die treibende Kraft dieser Geschichte auf ihr Ende hin. Wir können in der Menschheitsgeschichte als Glaubende ein paar Goldfäden erkennen – aber wie diese paar Goldfäden mit dem autonomen, freien Handeln der Menschen zusammenhängen, das wird erst am Ende der Zeiten offenbar. Aber diese Goldfäden zeigen schon die Richtung an, in die die Menschheit durch Gott gedrängt wird.

Wir Menschen sind nicht in der Lage, Geschichte auf ein gutes Ende hin zu gestalten. Der Mensch steht sich selbst immer im Weg: seine Arroganz, seine Machtgelüste, die Tendenz – auch die des Guten – seine Sicht für alle verbindlich zu machen – der Mensch baut auf, dreht sich um und zerstört. Es ist eine immer wiederkehrende Tragödie, eine Prometheus-Geschichte. Chaostheorie auf die Geschichte hin gewendet: Viele, viele chaotische Einzelheiten ergeben letztlich doch eine sinnvolle erkennbare Einheit. Das können wir allerdings nicht erkennen – Anhaltspunkte geben nur die Goldfäden Gottes.

Geschichtszusammenhänge können wir manchmal erst aus dem Rückblick erkennen. Menschen in der jeweiligen Zeit können nicht sehen, was aus ihrem Reden, Tun, Denken usw. werden wird. Wir können gegenwärtige Momente der Geschichte nicht aus der Gegenwart einordnen – das wird erst aus der Zukunft möglich sein. Von daher wird erst die Herrschaft Gottes den Gesamtzusammenhang der Menschheitsgeschichte einschließlich des Handelns Gottes erkennen lassen. Vorher ist das nicht möglich.

Dass die Geschichte Gottes und des Menschen eine Beziehungsgeschichte ist, ist aus meiner Perspektive an dem Satz des Vater Unsers auch deutlich:

Dein Wille geschehe = durch Menschen + Gott selbst möge ihn durchsetzen.

Wir leben in einem Zustand, in dem Gott versucht, mit dem Menschen die Zukunft, die er will, zu erreichen.

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Skandal-Buch von Lütz

Zu dem Skandal-Buch von Lütz: http://www.tichyseinblick.de/feuilleton/buecher/der-skandal-der-skandale-die-geheime-geschichte-des-christentums/

Eine sonderbare Rezension finden wir hier: https://religionsphilosophischer-salon.de/10258_manfred-luetz-neuestes-buch-der-skandal-der-skandale-ein-skandal_religionskritik

Sonderbar, weil Dinge verknüpft werden, die nicht zusammenpassen.

Interessant ist dieser Beitrag nur, weil er Links zu anderen Rezensionen nennt, drei seien genannt.

Hinzuweisen ist auf den Abschnitt von Schnädelbach – er ist rein rhetorisch interessant: https://religionsphilosophischer-salon.de/10294_prof-herbert-schnaedelbach-entgegnet-manfred-luetz_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher

Pauschal argumentativer und herausfordernde Gegenbeispiele: https://religionsphilosophischer-salon.de/10476_die-irrtuemer-des-manfred-luetz-in-seinem-buch-skandal-der-skandale-auf-hohem-ross-reitend-und-besserwisserisch_aktuelle-buchhinweise/theologische-buecher

Freilich ist das, was Lütz macht, gerade eben das, was auch der Rezensent macht. Den Christen wird immer eine ganze Menge vorgeworfen, ohne die positiven Seiten zu benennen. Lütz setzt diesen allgemeinen Vorwürfen entgegen: Das Christentum hat auch positive Seiten. Von daher wird es dem Rezensenten leicht gefallen sein aus dem altbekannten Pool der Angriffe auf Christen was zu finden, um es dann Lütz entgegenzuhalten. Aber er ist genauso einseitig wie dieser.

Differenzierter argumentativ – aber eben auch nicht differenzierend genug: https://religionsphilosophischer-salon.de/10438_manfred-luetz-und-die-juden-in-seinem-buch-skandal-der-skandale_denken-und-glauben

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