Gott im Gedicht (27): Gottfried Benn

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Gottfried Benn (1886-1956):

Benn war Pfarrerssohn, einer seiner Brüder war später Präsident im Landeskirchenamt. Gottfried Benn hat sich in der Auseinandersetzung mit seinem Vater und dessen Ansichten vom christlichen Glauben gelöst. Er begann auf Wunsch des Vaters unter anderem Theologie zu studieren, brach aber ab und studierte unter der Ägide des Militärs Medizin. 1912 starb seine Mutter, worunter er litt – und er veröffentlichte in demselben Jahr die Morgue-Gedichte, in denen er massiv vom christlichen Menschenbild abwich („Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch„, der dann auch nur als im Grunde verwesender Körper dargestellt wird) – dadurch wurde er sehr bekannt. Er war als Arzt tätig. In der Zeit des Nationalsozialismus konnte er sich erst mit dem „Glauben“ an den neuen Staat identifizieren, schon vorher zog ihn der Faschismus an, heftig verteidigte er einen Teil der nationalsozialistischen Ideologie – entfremdete sich aber wohl auch darum, weil er von diesem Staat, dem er dienen wollte, nicht anerkannt wurde. Er wurde aus der Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen und bekam 1938 Schreibverbot. Er meldete sich als Arzt zur Wehrmacht, rechnete in dem Gedicht „Monolog“ vermutlich mit Hitler ab (1941, veröffentlicht 1950). Nach der Zeit des Nationalsozialismus wurde er vielfach geehrt. Er war neben Brecht und Hesse einer der einflussreichsten Dichter.

Bei Benn kommen wieder die alten Götter des 18./19. Jahrhundert ins Spiel – auch Odin. Auch in dem schönen Gedicht „Astern“: die Götter standen und lehnten und sahen den fort ziehenden Schwalben zu. Warum „Götter“ statt Menschen – klingt erhabener, aber sie sind nicht. Eigentlich wird das Gedicht selbst durch die Erwähnung der nicht existenten Götter selbst negiert. Götter gibt es nicht – Gott hat keine Bedeutung für das Leben der Menschen.

Ohne Gott ist es leer und kalt, wie es nicht allein an einem Wort deutlich wird, das als Quintessenz seines Denkens gilt: „Es gibt nur zwei Dinge: die Leere / und das gezeichnete Ich.“ („Nur zwei Dinge“) Diese Leere wird auch in anderen Texten deutlich. „In einer Nacht“  heißt es: „ach, diese Nebel, diese Kältlichkeit, / dies Abgefallensein von jeder Dauer, / von Bindung, Glauben, Halten, Innigkeit, / ach Gott – die Götter! Feuchtigkeit und Schauer!“ Wenn ein Wort verhallt, gibt es nur ungeheures Dunkel „im leeren Raum um Welt und Ich.“ („Ein Wort„).

An die Stelle Gottes tritt der Mensch. In „Olympisch“ bietet er an: „in deiner Ewigkeit aus Lust und Trauer – / erwartest du den Gott -? Erwarte Mich!“ Aber das ist nicht der Starke, der sich selbst sichere Mensch. Es ist der Mensch, der sich einem Schicksal (Gott?) ausgeliefert weiß: In „Auferlegt“ heißt es, dass „Er“ dem Menschen Unangenehmes auferlegt – Gott? Gott ist wohl im Sinn in dem Gedicht „Der Dunkle“: „Hier spricht der Dunkle, dem wir nie begegnen, / erst hebt er uns, indem er uns verführt, / doch ob es Träume sind, / ob Fluch, ob Segnen, / das läßt er alles menschlich unberührt.“ Der einsame Mensch ist der sehnsüchtige Mensch. Sehnsucht nach Gott klingt in „Verlorenes Ich“: „Ach, als sich alle einer Mitte neigten / und auch die Denker nur den Gott gedacht,  / sie sich den Hirten und dem Lamm verzweigten, / wenn aus dem Kelch das Blut sie rein gemacht, // und alle rannen aus einer Wunde, / brachen das Brot, das jeglicher genoß – / o ferne zwingende erfüllte Stunde, / die einst auch das verlorne Ich umschloß.“ Von Jesus schreibt er ehrend in „Gedichte“: „dem Ölberg, wo die tiefste Seele litt“. Aber „ein Wort des Glaubens, des Lichts“ kommt von der „Anemone„, sie ist Verheißung auf den irdischen Sommer. Dem dann aber wieder Nebel, Kältlichkeit… folgen.

Benn war kein Nihilist – und das trieb ihn auch dem Nationalsozialismus zu: Er sah hier Neues entstehen, der Mensch entwickelt sich über sich selbst hinaus, im Nietzsche-Sinn. Er entwickelt sich zu einem sprachlich-ästhetischen Wesen weiter. Religiös gesehen: Er benötigte – wie Werfel sah – eine Ersatzreligion. Als er merkte, dass der Nationalsozialismus nicht in diese Richtung zu bewegen war, im Gegenteil, ihn angriff, wandte er sich ab. Aber das geht dann über die Gedichte hinaus, die ich von ihm kenne.

Angemerkt sei noch: Während bei Gertrud von le Fort Gott durch den Dichter spricht, sieht Benn ihn aus einer anderen Perspektive: „heute ist er Zersprenger / mittels Gehirnprinzip, / stündlich webt er im Ganzen / drängend zum Traum des Gedichts / seine schweren Substanzen / selten und langsam ins Nichts.“

Zitiert nach: Gottfried Benn: Gedichte, Gesammelte Werke Bd. 3, hg. v. Dieter Wellershoff, Limes Verlag 1960/1978

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Gott in Gedichten (26): Ina Seidel

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Ina Seidel (1885-1974)

Ina Seidel hatte eine nicht leichte Kindheit. Zwei ihrer Brüder starben an Diphterie, der Vater, Arzt, beging 1895 wohl aufgrund von Mobbing Suizid. Sie heiratete ihren Cousin, den Pfarrer Heinrich Wolfgang Seidel. 1907/8 bekam sie das so genannte Kindbettfieber und blieb seitdem gehbehindert. In dieser Zeit begann sie zu schreiben und 1914-1918 erschienen drei Gedichtbände. Sie bekam weitere Kinder. Weitere Werke wurden veröffentlicht. Ihr Hauptwerk war „Das Wunschkind“ (1930). In den Gedichten wie im Wunschkind war schon ihre Sicht verdeutlicht: die Betonung der Mutter, ihre mystische Einstellung zu Religiosität und der Natur. Sie schrieb den Roman „Weg ohne Wahl“ (1933) – in diesem beschrieb sie als eine Aufgabe der Mütter, Söhne für den Krieg zu gebären – gemeint war aber der Erste Weltkrieg – die Veröffentlichung zu Beginn der nationalsozialistischen Zeit war ungünstig. Während – was selten vorkam, aber es kam vor – andere Christen schon früh erkannten, was es mit dem Nationalsozialismus auf sich hat, war sie soweit ich sehe blind. Sie erklärte sich das unter anderem damit, dass ihre Tochter einen Mann heiratete, der Freund von Rudolf Heß war und auch ein Leiter dessen Stabes. Sie hat dann als Mitglied des Reichsverbandes deutscher Schriftsteller wie viele ein „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ gegenüber Hitler unterschrieben, obwohl jüdische Schriftsteller entfernt worden waren und die Bücherverbrennungen stattgefunden hatten (s. auch meine Hinweise bei Benn, Huch, und anderen) – sie war aber nicht Mitglied in der NSDAP, weil sie Partei und Staat getrennt wissen wollte. Allerdings beklagte Gertrud Kolmar, dass sich Ina Seidel von ihr abgewandt habe, das hieße, die Ideologie bestimmte auch den Umgang mit Menschen – wobei Seidel meinte, sie habe gedacht, Gertrud Kolmar sei ausgewandert. Ihr Mann hatte sich der Bekennenden Kirche angeschlossen – also den Christen, die sich, pauschal gesagt, gegen nationalsozialistische-antichristliche Ideologie wandten. Sechs Jahre später hat sie jedoch noch lobenden quasi-religiösen Text zum 50jährigen Geburtstag von Hitler geschrieben. 1938 erschien ihr Werk „Lennacker“, in dem sie, die einer Pfarrerdynastie entstammte, die Herausforderungen, vor denen Pfarrer seit dem 16. Jahrhundert bis 19. Jh. standen, in einem Roman darstellte. Jeder Pfarrer hatte in seiner Zeit die ihr eigenen Probleme zu lösen. Sie haben diese Zeiten gemeistert – sie selbst hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt? Wie sie selbst sah, hat sie ab 1938/39 vor allem dann 1940, also mit Beginn des Krieges, deutlich wahrgenommen, dass sie politisch geirrt hat, konnte aber dann nicht mehr um des Volkes Willen, zurück. In diese Zeit fiel auch die Krebserkrankung ihres Mannes, der 1945 daran gestorben ist.

Als Gedichtband liegt mir zunächst vor: Gedichte, Albert Langen/ Georg Müller, München 1941 – allerdings wurden diese Gedichte aus dem Band Gesammelte Gedichte von 1937 entnommen, geben also vielleicht nicht die Sicht der Autorin in der Situation des Jahres 1941 wieder (es wird nicht ersichtlich, wer die Gedichte zusammengestellt hat), zudem 1941 auch ihr Schwiegersohn inhaftiert wurde. Aber Hitler ehrte sie noch 1944, womit zumindest aus seiner Perspektive keine Distanzierung erkennbar geworden ist. Die Liste der von Hitler verehrten Dichterinnen und Dichter wird bekanntlich auch propagandistische Zwecke erfüllt haben.

Die erste Strophe der „Strophen an die Heimat“ aus dem genannten Gedichtband sprechen in äußerst religiöser Sprache von derselben: „Ich will dich nicht mit einem Namen nennen, / Denn hundertfältig bist du mir erschienen. / Doch ewig will ich neu für dich entbrennen / Und nimmermüde soll mein Herz dir dienen /… / einst finde ich dich wieder / in einem Namen über alle Namen.“ Und es folgen viele naturmystische Gedichte, die die Einheit mit dem Vaterland zur Sprache bringen. Eine Naturmystik, auch in der Sprache der damaligen Zeit gesprochen, Natur, die ins Blut eindringt, die Einssein mit der Natur besingt – bis in den Tod hinein: „Wenn mein Kreislauf ist bestellt / Und zu Ende meine Zeit – / Dir so fromm zu nahen, Welt, / Bin ich immerdar bereit.“ („Weltinnigkeit“) Auch fehlt das Wort „braun“ nicht, so zum Beispiel: „Im braunen Zimmer steht der Sonnwendbaum, / Kerzenbesteckt, mit Äpfeln behangen.“ („Jahrabwärts“) Wie es auch in freikirchlichen und kommunistischen Kreisen Worte gab, die christliche Tradition verdrängen sollte, so verdrängt der Sonnwendbaum den Weihnachtsbaum bei Seidel. Mit zu Herzen gehenden Worten beschreibt sie Berufe, Muttersein, Ehe, beschreibt sie Werden und Vergehen: „Der Väter heilger Staub durchschichtet dich gut: / Und unser Brot quillt golden aus ihrem Grab – / Land, wir sind eins, verschmolzen in Fleisch und Blut.“ („Das Land und wir“) – und den Tod von Soldaten („Gedämpfter Trommelklang“) – aber schon 1915. Die „Jugend betet zur Sonne“: „Kampf sei mein Leben! Kampf mit heißen Waffen! / Laß Funken unter meinem Schwerte regnen, / Und Flammen keimen – oh, so laß mich schaffen! / Laß mich mein Land mit Licht und Feuer segnen!

Wie kommt es, dass eine Christin diesen Weg nimmt? Sie gibt im Grunde in „Zuflucht“ die Schuld Gott: „Wenn Gott mir fern ist, bete ich zur Erde. / Sie heilt mich süß, und sei ich schmerzzerissen“ – und so geht es weiter, es heilt, die Erde, es heilen Kräuter die Seele. Erde – „So ist ihr Leib, so duftend, feucht und trächtig, / In allen Weiten, keimend, lebensmächtig“ und wenn sie sie anfasst, fasst sie nicht nur die ganze Welt an, sondern „Jesus, Ähren, Städte, Pferde, / Ja, Afrika und Indien…“. Wenn Gott nahe wäre, dann würde sie nicht die Erde vergöttlichen. Und das wird auch im Gedicht „Lauschen“ deutlich. Aber Gott ruft („Der Ruf“): „Und am Rand der Erde, wo Gott nach dir schreit, / Mündest wie ins Meer du in ihn aus der Zeit.“ Gegen das Leiden schreibt sie in „Ziel des Leidens“: Leiden führt zum Leben, wie zum Beispiel das Leiden der Mutter der Geburt vorangeht. Sie endet das Gedicht mit: „Sieh – um Gott, die schwere Honigblüte, / Summt die leichte Imme immerzu, / Summt die Seele, durstig nach der Güte, / Nach des Saugens hingegebner Ruh – / Sieh, der Immen Spiel: / Stille ist das Ziel – / Laß dich ziehn von Gottes Duft auch du.“ Letztlich kommt sie auch in dieser Zeit nicht ohne Gott aus…

Wenn nun die Gesammelten Gedichte von 1937 gelesen werden, so bestätigen die dortigen Gedichte das, was oben geschrieben wurde. Ausgelassen wurden in dem oben genannten Band allerdings die Texte, die wenig germanisch antike Götter bzw. Mittelmeergötter besingen. Diese seien auch von mir übergangen.

Auffällig ist, dass im Kontext des 1. Weltkrieges das Wort „Gott“ gehäuft auftritt: „Gott ersteht im Eisentanze, / Gott ersteht im schweren Wetter. / Eiche, laß dem Sturm die Blätter, / Opfre Deutschland, wie er will! / Deinem Rächer, deinem Retter, / Der dich glüht zu neuem Glanze / Halt ihm still!“ („1914“), ein beschwörendes „Gebet vor der Schlacht“ ist ebenso zu finden. Und als dann der Krieg Tod und Verlust brachte, lautet „Die Klage der Mädchen“: „Als die Tage heiter glänzten / Hat kein Gott uns offenbart, / Daß ihr die geheim Bekränzten / Und die Todgeweihten wart.“ – Also auch hier: Es wird der schuldige Gott gesucht, nicht die versagenden Kriegsverherrlicher. Christliche Ansätze begegnen in der „Karfreitags-Legende“, in der „Dombau-Ode“ wird erwähnt: „Wir Völker harren auf Gott“, „Der Schutzheilige“ wird beschrieben, gefolgt vom Gedicht „Der Menschenfresser“, besungen wird in „Ravenna“, dass der christliche Glaube nach Europa kam, gefolgt vom Gedicht „Alles abtun“, in der die Erde angebetet wird. In „Verlassenheit“ werden die Götter einschließlich Christus und Buddha nebulös ins All aufgelöst: „Was ist das: Gott? Was war das: Gott? Hier ist / Der Mensch allein und stöhnt: Ich bin – ich bin.“ Es werden Fruchtbarkeitsgötter mit dem Wort „Gott“ bezeichnet. In „Der Worte Wunder“ wird gerühmt: „Und aller Worte Wort hieß: Gott.“ In „Beten“ wird dazu aufgefordert, wenn Gebete nicht erhört werden: „Stürze / Dich in den Himmel! / schwinge / Dich in des Äthers Sphärenwirbel! / bete! / Mit den Gestirnen / Kreisest du tönend um Gott.“ Im letzten Gedicht „Zukunft“ wird wieder das Eingehen des Toten in die Natur angesprochen – und was man dann nicht braucht: Kelch und Kirche.   

Der Gedichtband „Tröstliche Begegnung“ von 1933 (die erweiterte Auflage von 1934 liegt mir nicht vor) zeigt schon in „Kleine Präludien I“ die religiöse Ambivalenz (2.): „Verse, hingeweht – / Keiner sie versteht, / Dem der Gott die Muschel nicht gelöst.“ Ihre Gedichte haben religiöse Größe, die man nur verstehen kann, wenn Gott einem zu erkennen befähigte. Dann folgt: „Daß ihm schon als Kind / Auch der leere Wind / Raunend Wort und Botschaft zugeflößt –“ Der leere Wind raunt Botschaften, das versteht man wohl auch erst dann, wenn Gott einem die Ohren geöffnet hat. Dann in 3. heißt es: „Wer begreift der ersten Könige Geburt / Aus einer Göttin, die ein Hirt beschlief, / Als er sich ahnungslos die junge Quelle / Zum Bad am Sommernachmittag erkor?“ Auch das versteht man möglicherweise erst, wenn Gott einem die Ohren dafür öffnet. In „Anrufung II“ ist von einem Herbstgott des Mittelmeeres die Rede. In dem Gedicht, das dem Band seinen Namen gab, wird wohl ein Erlebnis mit einem Engel beschrieben, der das Ich entführt, „Geist“ genannt. Schmerzen sind dennoch vorhanden, aber er verheißt: „Aus dem gestirnten All / bring ich dir einst den reinen Mondkristall, / Ihn in die Wunde deiner Brust zu senken. / Und bläulich spiegelnd wird er sich dort drehn, / Und schwebend leicht wirst du in ihm dann sehen, / Was dir die Tage nehmen oder schenken…“ – dieses Erlebnis empfindet sie als „Trank aus gottgereichter Schale“ das sie tröstet: „Gestilltes Herz, durchsichtig, eisklar, glatt, / Von Licht und Regenbogenfarben satt – / Du keimst mir, daß ich einstmals von dir strahle.-“ Ein spannendes Bild für uns Menschen.

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Seidel hat nach 1945 auch das religiöse Bildungsbürgertum mit für ihre Verirrungen im Nationalsozialismus verantwortlich gemacht. Das protestantische Bildungsbürgertum war anfällig – ohne Zweifel, auch wenn es Gegenbeispiele gibt. Es ist hier nicht der Ort, das grundsätzlich von allen Seiten zu beleuchten, weil die jeweiligen Biographien äußerst unterschiedlich sind. Ich sehe einen Grund dafür: Der Maßstab war nicht der christliche Glaube. Diesem gegenüber wurde anderes Priorität eingeräumt. Im Fall von Seidel: das Volk, dessen Einheit, dessen Macht und Größe; ebenso bekommt die Natur eine Größe, die ihre Stellung als Schöpfung übersteigt, ebenso die alte Geschichte. Jesus Christus spielt keine Rolle. 

Das Wort „Gott“ kann mit allem möglichen gefüllt werden, aus allen möglichen Perspektiven interpretiert werden. An dem in der Bibel bezeugten Gott kommen wir nicht vorbei, wenn wir nicht die Irrwege der Ideologien gehen wollen. Aber auch das schützt nicht vor ideologischen Irrwegen.

Was für mich mit Blick auf Seidel noch offen ist: Hat sie auch vertiefte christliche Gedichte geschrieben, die sie aus opportunistischen Gründen 1937 nicht veröffentlicht hat? Andererseits muss man an Lennacker denken, das Buch… – das ich vielleicht noch einmal lesen sollte.

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Interessanter Weise wird Ina Seidel vom christlichen Eckart-Kreis (Ihlenfeld, Schröder, Klepper, Stehmann, Schneider, Bergengruen, Huch und andere) geschätzt. Es bleibt noch als Aufgabe, herauszufinden, warum.

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Kurz möchte ich auf den Roman Das unverwesliche Erbe eingehen, das als „Das Buch vom Glauben“ bezeichnet wird. In diesem Buch wird so manche Diskussion zum Thema Glauben geführt. Was wohl als Seidels Sicht erkannt werden kann: Man muss tolerant sein, Katholiken und Protestanten haben eine gemeinsame Basis, besonders wird die Urgroßmutter geschildert, die mit den Verstorbenen redet, als seien sie anwesend. Immer wieder wird diese Urgroßmutter aufgrund ihrer ruhigen, toleranten Art als Muster des christlichen Glaubens dargestellt. Es wird diskutiert darüber, den Pietismus wieder mit Blick auf die christliche neutestamentliche Basis stärker werden zu lassen. Aber letztlich spielt das alles keine Rolle. Jesus Christus hat auch in diesem Buch keine besondere Stellung. Das bedeutet: Das Buch wurde 1954 veröffentlicht. In dieser Zeit hätte man schon erkennen können, dass dieses esoterisch angehauchte Christentum sich für den Nationalsozialismus offen gezeigt hatte. Stand gehalten gegen diese Ideologie haben eher strenge Katholiken wie auch Pietisten bzw. im weiteren Sinn Menschen, die fest in ihrem traditionellen Glauben standen. Sie vertritt auch nach 1945 noch einen Allerweltsglauben, der im Grunde keine Bastion gegen die Verführbarkeit gegen Ideologien werden konnte. Konfessionelle Toleranz – das ist ohne Frage äußerst wichtig. Aber diese Toleranz bedarf einer Basis im christlichen Glauben, das heißt in der Beziehung zu Jesus Christus, wenn sie nicht in esoterischen und ideologischen Zeitströmungen zerfasert werden soll. Diese Basis ist in dem Buch nicht erkennbar. Immerhin: Sie thematisiert das Thema Konfessionen, als es noch ein sehr schweres Thema war, weil die Konfessionellen mit ihren Scheuklappen lebten.

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Gott in Gedichten (25): Rudolf Alexander Schröder

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Rudolf Alexander Schröder (1878-1962)

Rudolf Alexander Schröder war einer der ganz bedeutsamen Lyriker – die aber in der Versenkung verschwunden sind. Er war auch ein bedeutsamer Dichter von Kirchenliedern – allerdings: Es gibt nur noch drei Lieder von ihm im neuen Gesangbuch: „Wir glauben Gott im höchsten Thron“ (184) 1937 entstanden, ein Glaubensbekenntnis in einer Zeit, die dem christlichen Glauben feindlich gegenüberstand; ganz spannend ist, wenn man es aus der Zeit von 1936/1939 liest, das Lied: „Es mag sein, dass alles fällt“ (378); 1942 wurde das Lied „Abend ward, bald kommt die Nacht“ (487) gedichtet – erstaunlich in dieser Zeit, aber auch da lebten Menschen im Normalzustand; vielleicht versteht man dann aber auch die Gebets-Formulierung: „tu mit Bitten dir Gewalt: / Bleib bei meinem Ruhn“. Im Vergleich zu dem älteren Gesangbuch wurde eigenartiger Weise aus dem neuen das Lied entfernt: „O Christenheit, / sei hoch erfreut“. Es ist auch in der Zeit des Nationalsozialismus entstanden und greift die Angriffe auf Gott und die Christen auf: „Spricht der Tor: `Wo ist dein Gott?´, / der dir täglich Hohn und Spott / ersinnt und dichtet; / halt fröhlich stand: / bald weist die Wand / den Finger, der ihn schwichtet.“ (Damit greift er eine alttestamentliche Geschichte, Daniel 5, auf, in der der Herrscher Belsazar durch eine geheimnisvoll durch eine Hand geschriebene Inschrift, Menetekel, in die Schranken gewiesen wird: Er wird sterben und sein Reich wird untergehen.)

Rudolf Alexander Schröder war Architekt, gründete mit Otto Julius Bierbaum die Zeitschrift „Die Insel“ – aus der der Insel-Verlag entstand. Er stand während der Zeit des Nationalsozialismus der Bekennende Kirche nahe, wurde Laienprediger. Er gehörte mit vielen namhaften Autoren dem Eckart-Kreis an, der Theologie und Literatur zusammenführen wollte. Seine „Hymne an Deutschland“ wäre fast die Deutschland Hymne geworden. Bundeskanzler Adenauer setzte sich aber gegen den Bundespräsidenten Heuss durch. Auch der überwiegende Teil der Bevölkerung wollte das Deutschlandlied.

Dichten als Kunst – beschäftigte Schröder. Es ging ihm zunächst nicht darum, eine Botschaft zu übermitteln. Dichten ist Kunst und nicht einfach nur Beschreiben dessen, was ist. Weil ihn das Thema Dichtung als Kunst beschäftigte, vertiefte er sich in die europäische Dichtung von der Antike bis in die Gegenwart und übersetzte auch viel. In dieser Tradition der hohen Kunst des Dichtens sah er sich. In den Gedichten spielte der christliche Glaube zunächst keine Rolle, denn Rudolf Alexander Schröder hatte sich vom christlichen Glauben abgewandt. Er ist mit ca. 40 Jahren wieder zu ihm zurückgekehrt. Was war geschehen? In manchen Gedichten deutet er etwas an. Ich möchte nur nennen: „Was hilft es, dass du mich belehrst / mit Menschen- und mit Engelszungen, / solang ich nicht mit dir gerungen, / solang du selbst dich mir verwehrst?“ In weiteren verdankt er sich selbst ganz einfach: Gott: „ich hab´ dich nie geschaut: / Du / hast mich angesehen.

Viele seiner Gedichte sind von dem Gedanken durchzogen, dass der Mensch erkennen muss, dass ihm im Grunde nichts gehört, dass ihm alles, was er hat, geliehen ist und ihm mit dem Sterben abgenommen werden wird. Der Mensch ist auf der Wanderschaft. Dieses Thema, Leben angesichts von Tod und Sterben, war nicht nur Thema in seiner christlichen Zeit, sondern prägte schon früh sein dichterisches Schaffen, weil eine Freundin gestorben war. Gedichte voller Trauer und Klage entstanden und mit stoischen Appellen (s.u.): Es gilt zu ertragen, weil Leben das im Grunde erzwingt (Sonette 1904; Elysium 1906). Die Texte klagen nicht nur, es werden auch die zarten Schattenwesen in der Unterwelt kunstvoll beschrieben: „Alles ist ja leicht im untern Reich. / Leichte Schatten, wir begrüßen euch.“ (Elysium III) Die Kraft des Lebens – die auch von Rilke aufgegriffen wurde, weil sie in der damaligen Zeit als Weltanschauung (Lebensphilosophie), als Natur-Spiritualität verbreitet war – bricht auch bei Schröder durch. Der Erste Weltkrieg, den er als patriotischer Dichter (Deutscher Schwur, 1914) und Zensor begleitete, belehrte ihn eines anderen. Das bisherige Denken ist zu oberflächlich. Er wandte sich dem christlichen Glauben an Gott aufgrund einer Gotteserfahrung zu und versuchte nun, den christlichen Glauben von der Kunst durchdringen zu lassen bzw. dann die Kunst vom christlichen Glauben („Mitte des Lebens“ 1930). Sein 1914 gedichteter Text „Deutscher Schwur“ in dem er das Vaterland anspricht und auch ein Schwur zu finden ist: „Schwören wir bei Gott / Vor dem Weltgericht: / Deiner Feinde Spott / Wird zunicht.“ Und: „Bei den Sternen steht, / Was wir schwören; / Der die Sterne lenkt, / Wird uns hören: / Eh der Fremde dir / Deine Kronen raubt, / Deutschland, fallen wir / Haupt bei Haupt...“. Dieser Text wurde 1933 vertont, wurde vielfach gesungen, auch auf nationalsozialistischen Kundgebungen. Vielfach sah man wohl, dass das, was 1914 begann 1933 vollendet werden wird. Wie Schröder dazu stand, dass dieser sein alter Text in diese Zeit hinein ragt und die Menschen mit Ungeist begeistert, ist mir (noch) nicht bekannt.

Wenden wir uns seinem christlichen Lebensabschnitt zu. Viele seiner Gedichte versuchen die Not zu erklären. So schreibt er in dem Gedicht Wintertrost – für den Dichter Siegbert Stehmann 1941 –: „Ob sich dein Liebstes verflüchtigt, / Dein Festestes splittert und stiebt: / Gedulde dem, der dich züchtigt, / Der heimsucht, weil er dich liebt.“ – Hier wird der alte Gedanke aufgenommen, dass Gott den Menschen leiden lässt, um ihn für die Ewigkeit vorzubereiten. Das Leiden der Kriegszeit wird auf diese Weise als eines verstanden, das nicht zufällig den einzelnen Menschen trifft, sondern dieser trotz der Bedrängnisse auch in Gottes liebender Hand liegt: „Was immer dir auch begegnet / Mitten im Abgrund der Welt: / Es ist die Hand, die dich segnet, / Es ist der Arm, der dich hält.“ So beginnt das genannte Gedicht. Das heißt: Gott hält im Leiden, der Leidende ist nicht allein. In „So läuft der Kreis des Lebens“ heißt es, der Mensch läuft von Gott zu Gott. Das Leben mündet dann in Gott ein, wenn der Mensch reif ist für die Gegenwart Gottes. Und um ihn reifen zu lassen, dazu dient auch das Leiden. „Und du, der lang in mancher Schule / Nach der verborgnen Weisheit rang, / Fall nieder, meng vor Gottes Stuhle / Dein Stammeln in den Lobgesang.“ („Fall auf dein Angesicht„) Dennoch: Es ist ein Rätsel, so der „Lebenslauf„: „Alter, wenn sich´s sagen läßt, / Sag, wie war dein Lebenslauf? / – Der mich freigab, hielt mich fest, / Der mich drückte, half mir auf,“ so lautet es in der ersten Strophe, in der letzten heißt es: Er „Hielt Gericht und sprach mich quitt… / Rätsel: deute sich´s, wer kann.“ Gott befreit, Gott bedrängt…

Diese Interpretation des Kriegsgeschehens war der Kriegsgeneration eine große Hilfestellung: Leiden ist nicht vergeblich – es hat einen Sinn. Der Dichter kann sogar bitten: „Herr, läutre mich in Liebesflammen, / ich selbst vermag es nicht!“ („Darf ich? – Ich soll!“) Auf Wanderschaft sein heißt: loslassen können, heißt in Kälte leben, Wüsten durchwandern. Doch in diesem bedrängenden Leben gibt es Trost: „O Mensch, und ob der Tod / Dich von dir selber schiede: / Dein Ende steht bei Gott, / Bei Gott allein dein Friede.“ („Wintertrost“) Mit diesem Blick auf den Tod gilt es – und das ist für den christlichen Glauben nicht unwichtig: Sterben lernen („Ich bitt um keine andre Gunst“) – wie das Wort aus Psalm 90 bis in die Gegenwart immer wieder wichtig ist: „Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, damit ich mein Leben klug führe.“ Um diese Antworten kreist Schröder, kreist auch die Schröder-Rezeption der damaligen Zeit. Sein Emmaus-Gedicht „Wenn der Abend kommt“ beginnt mit der Zeile: „Komm, der unsre Fragen schweigt“. Die Emmausjünger – von denen Lukas im 24. Kapitel spricht, waren auf ihrem Weg voller Klagen und Fragen. Als der auferstandene Jesus sich zu ihnen gesellt, schweigen Fragen und Klagen. Der Mensch versteht Gott nicht ganz – er versteht aber eines: Er muss sich Gott zuordnen. Diese Sicht geht in etwa auf die Philosophie der Stoiker zurück, mit der sich Schröder intensiv beschäftigt hatte: Das Schicksal, die Götter schlagen zu – der Mensch muss aushalten lernen, aller Kampf gegen das Schicksal ist zwecklos, raubt nur Kraft. Für Schröder wurde dann der liebende Gott derjenige, der den Menschen im Leiden stärkt – damit bekommt das Leiden einen Sinn, wenn der Mensch sich Gott unterordnet: „Nur deinen Frieden, lieber Herr, / begehren wir je mehr und mehr, / je mehr die Welt voll Streit.“ („Weihnacht“) „Lieber Herr“ – Jesus Christus hatte für Schröder eine große Bedeutung. Das Wort „Gott“ ist von Jesus Christus her zu definieren, nicht wie vielfach in unserer Zeit von einem nebulösen Gottesverständnis – das wir zum Beispiel auch bei Rilke finden.

Warum werden diese Gedichte kaum mehr rezipiert? Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Zeiten der massiven Nöte, die das Land kollektiv trifft, im Augenblick nicht mehr im Blick ist. Menschen leiden zwar noch im privaten Bereich, versuchen aber andere Lösungen zu finden, als sie Schröder anbietet. Zudem ist auch theologisch bedeutsamer geworden: So sehr die Sicht der Stoiker den christlichen Glauben bestimmt hat, so sehr wurde diese Philosophie aber auch modifiziert: Jesus selbst hat sich gegen das gewendet, was Menschen leiden ließ. Aktiv. Er hat sich nicht zurückgezogen und gesagt: Das Leiden kommt von Gott – halte aus! Er hat es bekämpft. Mit Wort und Tat. Allerdings: Wie kann man mit Leiden umgehen, wenn man diesem wehrlos ausgeliefert ist? So wie Jesus kurz vor seinem Sterben. Für Schröder war es, wie Paul Gerhard, der Seuchen ausgeliefert war, der genannte Weg. Oder: Ist es nicht auch Tat, wenn man gegen die gefährliche Lüge mit deutlichen Worten angeht, wenn er im Jahr 1939 schreibt: „Welt mag baun an ihrem Turme; / tausend Jahr verwehn im Sturme“ („Traf´s? Der Blitz hat eingeschlagen?„) – das heißt der Lüge des Nationalsozialismus, dem babylonischen Turm, dem 1000 jährigen Reich wird Gott entgegengesetzt.

Die Nachgeborenen verstehen kaum mehr die Bedeutung, die das für Christen hatte, dass da einer es wagte, zu sagen, was sie denken. Nicht so sehr politisch. Anders als bei Reinhold Schneider findet die Politik der Zeit jedoch kaum Resonanz. Unablässig wird der einzelne Glaubende auf Gott hingewiesen. Er gehört Gott, nicht der Welt. Im Leiden findet er in Gott seinen Trost, nicht im Euphemismus der Welt. Nicht die nationalsozialistische Zukunftshuldigung der Rasse tröstet, auch nicht die rotgoldene Zukunft der Klasse – Gott ist es, in dem der einzelne Mensch verankert wird. Und wenn er Gott verlässt, sowohl als Einzelner als auch als Volk, so wählt er das Leiden. Auf Schröder ist zu hören, da er das nicht mitmacht, was auch unserer Zeit so bedeutsam ist: die Fokussierung auf die Ethik. An Schröder wird deutlich, dass in dieser Zeit einfache Wahrheiten neu zur Sprache gebracht werden mussten und von einigen dankbar gehört wurden.

Was erwartet man von einem Menschen, einem Diener des Wortes Gottes, mehr, als dass er in seiner Zeit – und für manche darüber hinaus – das sagt, was Gott ihm zu sagen aufgetragen hat? Allerdings fällt es uns Nachgeborenen schwer, das zu ertragen. Auch wenn man weiß, dass einer der bedeutsamsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth (der allerdings politisch sehr aktiv war), sinngemäß gesagt hat: Wenn es im Dorf gebrannt hat, möchte die Gemeinde in der Predigt nicht hören, dass es gebrannt hat. Sie möchte angesichts der Lebensnöte Hilfe bekommen. Auch wenn uns das schwer fällt zu verstehen, so sind wir nicht der Maßstab, an dem alles gemessen wird. *

Die Gedichte wurden zitiert nach: Friedrich Samuel Rothenberg (Hg.): Lob aus der Tiefe. Junge geistliche Dichtung, Deuerlichsche Verlagsbuchhandlung Göttingen, 2. Auflage 1949, Otto Freiherr von Taube (Hg.): Licht der Welt. Eine Gedichtsammlung, Chr. Kaiser Verlag München 1946; Anna Paulsen (Hg.): Der Glaube kann nicht schweigen. Christliche Lyrik der Gegenwart, Heliand-Verlag Lüneburg 1948; Rudolf Wendtorf: Rudolf Alexander Schröder. Ein Dichter aus Vollmacht, Brunnen-Verlag Gießen 1965.

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Es ist nun nicht so, dass die politische Lage überhaupt keine Wirkung auf den Dichter hatte. Wie oben schon gesehen: Einzelne Texte sind deutlich. „Die Ballade vom Wandersmann“ (1935) – es sei auch hier auf das Thema: auf dem Weg sein, wandern, Lebensweg hingewiesen – vereinigt unterschiedliche Texte, darunter „Gespenst und gar um Mitternacht“ in dem man als Zeitgenosse Anklänge an die grausame Zeit erkennen kann, ebenso in „Das Buch vom Wiederhall“ (1938). In diesem finden wir, was verboten war: zu klagen. „Die Klage“ beklagt Lug und Trug, verfehltes Lieben, verfehlte Treue, freches Prahlen… „Sieh all das Deine / Ins Elend wandern. / Ja, Deutschland, weine, / Ja, lacht, ihr andern.“ „Laßt fahren“ versucht den Glaubenden angesichts all der Not auf Gott hinzuweisen. Dieser oben schon beobachtete Ansatz findet sich auch in den Gedichten wieder, die in „Gesammelte Werke“ (Bd. 1, Suhrkamp-Verlag 1952) zu finden sind.

Über das oben genannte hinaus werden Gedichte erkennbar, in denen die Natur ein Gleichnis ist, das tröstet. Aber nicht als Natur, sondern die Natur als Schöpfung Gottes bietet Trost und Kraft („Vorfrühling„; 1934). Natur als Natur bietet, wie an Loerke zu sehen, keine Hilfe, wenn Menschen wirklich in Not sind. Zumindest an Schröder ist zu erkennen: Natur als Gleichnis für das Handeln Gottes bzw. als Geschöpf Gottes hilft.

Ergänzend sei noch mit Blick auf das oben genannte „Wandern“ angesichts anderer Gedichte aus den „Gesammelten Werken“ darauf hingewiesen, dass der Mensch auf seinem Lebensweg ist, ob mit, ob ohne Krieg. Auf diesem Lebensweg, wie auch immer er aussieht, muss der Mensch sich bewähren. Er muss sich bewähren in Leiden und Dunkelheiten, angesichts der Ungewissheit. Glaubende sehen ein Licht auf diesem Lebensweg, sie sehen den Stern, der mitgeht. Und das macht er vielfach auch deutlich anhand biblischer Texte, so mit Blick auf die Weihnachtsgeschichte: Hirten leben in Dunkelheit – sie machen sich auf, den Retter zu sehen. Die drei Weisen machen sich auf, folgen dem Stern zur Krippe, in der der Weltenretter geboren liegt. Mit den Frauen machen Glaubende sich auf, um den gestorbenen Jesus die letzte Ehre zu erweisen – und finden den Lebenden Jesus Christus. Das ist für uns sehr banal. Aber: Nicht die Rasse führt zur Rettung; nicht der Führer führt ins Licht der Scholle; nicht der kreischende Lärm der Redner und der Bewunderer, sondern die ehrfurchtvolle Stille an der Krippe des Jesuskindes ist wichtig; nicht das triumphale Machtgebaren vergänglicher kleiner Herrscher, sondern die Ohnmacht Gottes am Kreuz; es herrscht faschistische Dunkelheit, nur Gott bietet Licht. Auf diesem Weg der Dunkelheit zur Rettung, zum Licht, auch in der Nachfolge Jesu, gilt es, sich an dem Notwendigsten genügen zu lassen. In „Genug der Lehre“ heißt es: „Ich brauch nicht erst am Kreuz zu stehn, / Brauch nur im Weihnachtslicht / Die Krippe mit dem Kind zu sehn / Und bin schon im Gericht. // Und hab genug der Lehre schon, / Mich gründlich zu bescheiden, / Und aller Lande Lob und Lohn / Und Lug mir zu verleiden.“ Der Weg kann sehr hart sein – und es gilt auf diesem standzuhalten. Im „Wanderlied“ (1936) lautet die letzte Strophe: „Kommt, o kommt! Die Schatten steigen, / Und der Abend ist nicht weit. / Kühler wird´s; die Winde schweigen, / Bruder, nun ward Herbergszeit. / Noch ein Stieg durch finstre Schroffen; / Und das Perlentor steht offen. / Eh dein Glaube sich´s versah, / Sprach der Herr sein Hephata.“ (Hephata: Jesus sagt das zum Taubstummen: Öffne dich! – und er ist geheilt [Markusevangelium 7].)

Wie auch bei Hermann Claudius ist angesichts der Trostgedichte zu fragen: Wann wird getröstet – wann wird vertröstet?

  • Anmerkung: Ich selber, als einer, der Gedichte schreibt, empfinde es als ungeheuer schwer, Gedichte zu schreiben, die schlimme gesellschaftspolitische Not wiedergeben. Das Problem: Wenn eine solche Not in Gedichten thematisiert wird, dann kann sie sehr schnell platt und banal klingen. In dieser Hinsicht gibt es von manchen Dichtern einzelne sehr aufrüttelnde Gedichte. Das ist aber wirklich eine Kunst, zu der nur wenige Dichter fähig sind – und nur wenige Gedichte sind als gelungen anzusehen.

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Gott in Gedichten (23): Hermann Hesse

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Hermann Hesse (1877-1962)

Hesse wuchs in einem streng christlichem Elternhaus auf – die Eltern waren in Indien Missionare – und versuchte auszubrechen. Als er dann ruhiger wurde, suchte der in sich zerrissene und einsame Mensch, der als Künstler am Abgrund leben wollte, mit diesem christlichen Hintergrund Halt und Weisheit vor allem in asiatischen Religionen. So modifizierte er den christlichen Glauben in seinem Sinn – und modifizierte Fragmente hinduistischer/buddhistischer Religiosität. Allerdings werden, wie unten zu sehen sein wird, in den Gedichten andere Intentionen deutlicher. Was seine Jugend betrifft: Auch hier hinterlassen die Gedichte einen anderen Eindruck als andere Schriften: Sehr häufig kommt die Mutter als positive Person vor, so zum Beispiel auch darum: „Daß ich keinen Gott mehr wisse, / Hast du schon vergeben mir“ („Gedächtnis der Mutter“; sehr schön auch formuliert in „Rückblick“). Zudem wird in vielen Gedichten an die Jugend als erfüllte Zeit zurückgedacht. Das sei gesagt, weil in Hesse-Darlegungen immer wieder ein anderer Eindruck entsteht.

Ich denke, dass Hesses Glaube an diesem Text besonders deutlich wird https://www.deutschelyrik.de/dass-gott-in-jedem-von-uns-lebt.html :

Dass Gott in jedem von uns lebt,
dass jeder Fleck Erde uns Heimat sei,
jeder Mensch uns verwandt und Bruder ist,
dass das Wissen um diese göttliche Einheit alle Trennung in Rassen,
Völker, in Reich und Arm, in Bekenntnisse und Parteien als Spuk und Täuschung entlarvt —
das ist der Punkt, auf den wir zurückkehren,
wenn furchtbare Not oder zarte Rührung unser Ohr geöffnet und
unser Herz wieder liebefähig gemacht hat.

(Dieser Text kursiert in einer visuellen Gedichtform gebracht, ist aber, soweit ich das sehe, kein Text, der von Hesse als Gedicht konzipiert wurde. Die folgenden Zitate stammen überwiegend aus: Hermann Hesse: Die Gedichte, hg.v. Volker Michels, Insel-Verlag Frankfurt am Main/Leipzig, 8. Auflage 2019)

Sehr häufig kommt Gott in Gedichten in traditioneller Form vor: Er spricht von den „Augen Gottes„, die er wieder sieht („Genesung„), von „Gottes Hand„, in der alles friedvoll ruht („Landschaft„) bzw. die schwer auf seiner Seele lastet („Der Ausgestoßene„), ob Gott durch Himmel oder Hölle führt „Beides ist mir einerlei, / wenn ich seine Hand nur spüre.“ („Beides gilt mir einerlei„). Gott wird besungen in den Farben, in dem Licht („Magie der Farben„), der Schmetterling hat `tiefen paradiesischen Gottesglanz´, so sah er das als Kind („Der Schmetterling„). In seinem Gedicht „Wunder der Liebe“ heißt es, dass der Mensch sich selbst verhasst sei, „Anklagend sich und Gott in frevelhafter Frage!“ Das Wunder der Liebe ist eine Gnade, wenn sie nicht wäre, hätten wir „Uns ganz verirrt ins teuflische Revier / Und Licht und Gott in uns vernichtet.“ Er protestiert dagegen, „als Mensch, Christ, Patriot und Protestant„, dass sich Menschen nicht an Gottes Regeln halten. In „Jeden Abend“ stellt er dar, wie man in guter christlicher Tradition sein Abendgebet spricht. Dieses Gedicht von 1912 steht im Kontrast zu dem von 1901, in dem er Gott Vorhaltungen macht, ihn allein gelassen zu haben; die Mutter habe ihn das Beten gelehrt, und schließt überraschend: „Und der ich mehr als dir zu danken habe.“ („Gebet„) Er macht also der Mutter nicht zum Vorwurf, ihn sinnlos beten gelehrt zu haben, sondern das Beten-Können verdankt er seiner Mutter, aber die Reaktion Gottes lässt ihn klagen. Zu einem Geburtstag schreibt er ganz klassisch: „Doch ist es Ziel und Hoffnung jedes Frommen, / In Gott einst stark zu werden und vollkommen.“ 1933 formuliert er in „Besinnung„: „Göttlich ist und ewig der Geist. / Ihm entgegen, dessen wir Bild und Werkzeug sind, / Führt unser Weg; unsre innerste Sehnsucht ist: / Werden wie ER, leuchten in Seinem Sinn.“ In dieser Aufnahme der Schöpfungsgeschichte wird auch deutlich, dass er die Tradition modifiziert, aber noch im Alter nicht in Kategorien asiatischer Religiosität denkt – obgleich er statt Gott auch vom „Weltgeist“ spricht.

Er schreibt im „Gebet“: „Laß mich verzweifeln, Gott, an mir, / Doch nicht an dir!“ Es endet: „Doch sterben kann ich nur in dir“ (https://www.deutschelyrik.de/gebet-1921.html). Auch sieht er, dass er einst an Gott geglaubt, „den ich dann verriet“ („Tempel„). Das muss man bedenken, auch wenn man den Text: „Der Einsame an Gott“ liest, und dort die Zeilen findet: „Dich auch und Deine launischen Wege / Liebt mein Herz, indem es Dich trotzend höhnt. / Ja, ich liebe Dich, Gott, und ich liebe / Heiß die verworrene Welt, die Du schlecht regierst.

In so manchem Gedicht reißt die Theodizee-Frage auf und das ist spannend zu sehen, dass atheistische Ansätze massiv mit der Theodizee-Frage zusammen hängen. Es ist keine Frage der Logik – es ist eine, in der Menschen ihren Glauben an Gott nicht mit dem Leiden zusammenbringen können. In dem Gedicht „Im Leide“ stellt Hesse angesichts einer Lawine die Frage: „Hat das Gott gewollt?„, angesichts eigenen Leidens: „Kommt das von Gottes Hand?“ und das Gedicht schließt: “ – Ach, Gott ist tot! / Und ich soll leben?“ Aber er sieht auch: „Seele, nimm das Zeichen an, / Bade dich im Weiten! / Gott wird deine dunkle Bahn / Noch zum Lichte leiten.“ („Auf einem nächtlichen Marsch„) In „Klage“ wird auch über Gott gesprochen: „Wir wissen nicht, wie Gott es meint“ – das heißt, die asiatische Religiosität eignet sich nicht in der Theodizee-Frage. Es wird ein Gegenüber benötigt, dem man klagt – das kann nicht das allgemeine Karma sein. Er leidet unter der Gottesferne: „Alles weilt und hat Bestand, / Ich allein mit meinen Schmerzen / Treibe fern von Gottes Herzen / Weiter ohne Sinn durchs Land.“ („Gang bei Nacht„)

Gott in sich finden, ist nicht selten in Gedichten Hesses – aber gleichzeitig geht Gott nicht in dem Ich von Hermann Hesse auf. Der Mensch wird nicht vergottet – das Göttliche lebt als Urgrund allen Lebens auch in der Seele des Menschen: die Seele „Welche Welt und Gott enthält“ und zwar Gott und Welt als Bild und Gleichnis („Weg nach innen„). Im „Gang im Spätherbst“ heißt es: „Gott lebt in mir, Gott stirbt in mir, Gott leidet / In meiner Brust, das ist mir Ziel genug. / Weg oder Irrweg, Blüte oder Frucht, / Ist alles eins, sind alles Namen nur.“ Dass dann allerdings Blüte und Frucht sich unterscheiden, sagt er: „Harte fallen Früchte vom Kastanienbaum / Und lachen hart und hell.“ Es wird deutlich: Die Idee: Alles ist eins; die Realität: Es unterscheidet sich doch. Hesse liebt die Idee, und so muss sich der Mensch bewusst der Einheit mit dem Göttlichen bewusst werden. Dieses Bewusstwerden wird in dem Gedicht „Stiller Tag“ deutlich. Zunächst heißt es: „So bitt ich Gott, daß ich mein welkes Leben / In seines Wesens Urlicht mag ergeben“ schließt dann aber an: „Und nie vergesse: mir auch wohnt er inne.“ Das heißt: Traditionell bittet er Gott – aber korrigiert sich, indem er sich wieder entsprechend in den Vordergrund stellt.

Weil der Mensch göttlich ist, strebt er danach, göttlich zu leben, das heißt: sozial, Schönheit wahrnehmen, heilig sein. Sozial klingt zu trocken – im Sinne von liebend, womit er sich in christlicher Nähe sieht. Damit, wie auch obige Texte anklingen lassen, steht er christlicher Mystik in manchen Punkten eigenständig nahe. Christus-Mystik ist allerdings nicht im Blick, auch wenn Christus für ihn groß war („Wir Hungrigen wollen nichts von dir, Christ, / Wir lieben dich bloß, weil du unser einer bist.“ [„Jesus und die Armen„].

Wie oben gesehen: Die Idee ist wesentlich. So transformiert er das Sterben der Natur insofern, dass er weiter führt: „Sei bereit zum Tod – und hingerissen / Wirst du eingehn zu erhöhtem Leben!“ („November„) – ob der buddhistische oder christliche Ansatz im Hintergrund steht, mag dahingestellt sein (das diesem Gedicht folgende „Alle Tode“ weist eher in die buddhistische Richtung). Deutlich wird biologisch: Die Natur im Herbst stirbt – sie blüht im Frühjahr wieder neu auf – nicht aber zu höherem Leben. Natur wiederholt sich, ist kaum als Prozess anzusehen. Anders in der Perspektive von Hesse. Dass der Tod nicht im buddhistischen oder christlichem Sinn eine Art Weiterleben mit sich bringt, kann er auch formulieren: „Zur Stille gehst du ein, / Den traumlos tiefen Schlaf zu tun.“ („Media in vita„)

Hesse als Dichter kann unterschiedliche Positionen in seinen Gedichten einnehmen – vielleicht auch abhängig von den augenblicklichen Lebensempfindungen, vom Alter. Er kann sich auch über Jenseitsvorstellungen lustig machen und schließt: „Ich bleibe aber lieber im Schatten, / Bleibe im Nichts und ungeboren / Und ungeschoren, im Jenseits verloren, / Da kann man über alle diese Sachen / Lachen, lachen, lachen, lachen.“ („Sterbelied des Dichters„) Allerdings: „Wir blühen und verblühen gern / In Gottes großen Garten.“ kann er auch sagen („Rückdenken„).

1919 schreibt er von sich als „verlorener Sohn“ („Seetal im Februar„) in Aufnahme des Gleichnisses Jesu, das erzählt, dass der Sohn sein Erbe ausbezahlt bekommen hat, sich vom Vater abgewendet hat, dann jedoch, als es ihm schlecht ging, wieder zum Vater zurückgekehrt ist. In dem Gedicht „An einem Grabe„, 1941, sieht er nach dem Leiden dieser Welt: „Dann wird, so glauben wir, das Gleichgewicht, / Der Wert und Sinn der Welt uns wieder tagen, / Es wird des Menschen Bildnis wieder licht / Und wird des Vaters ewige Züge tragen.“

Oben schrieb ich, dass Christus-Mystik nicht im Blick ist. In „Der Heiland“ (1940) lesen wir:

Immer wieder, auch in diesen Tagen,
Ist der Heiland unterwegs , zu segnen,
Unsern Ängsten, Tränen, Fragen, Klagen
Mit dem stillen Blicke zu begegnen,
Den wir doch nicht zu erwidern wagen,
Weil nur Kinderaugen ihn ertragen.

Es wird an Hesse deutlich, dass er erkennt, nicht an Gott zu glauben. Gleichzeitig flicht er Gott in vielen Gedichten, damit in viele Lebenszusammenhänge ein. Manchmal modifiziert er „Gott“, manchmal wendet er sich ganz traditionell zu ihm hin. Was das Leben nach dem Tod betrifft, ist er nicht festgelegt auf die christliche Tradition, aber sie prägt seine Erwartung stark. „Gott“ – er hilft Hesse, Grenzen zu sprengen, etwas in sich zu spüren, das größer ist als er, göttlich ist. Das Wort hilft ihm, mehr wahrzunehmen, nicht im Menschen-Gegebenen stecken zu bleiben, es hilft ihm auch bei der Klage. Auch hier: Der Mensch bleibt nicht im Vorfindlichen stecken, sondern sprengt diese Grenze.

Nun wäre es aus meiner Perspektive spannend, einmal andere Texte von Hesse zu sichten. Aber ich vermute, dieses begonnene Projekt „Gott in Gedichten“ wird noch eine ganze Weile meine Aufmerksamkeit erfordern.

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Gott in Gedichten (22): Gertrud von le Fort

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Gertrud von le Fort (1876-1971)

Die le Forts waren ein berühmtes Geschlecht mit einem großen Gut am Müritzsee. Gertrud wurde standesgemäß erzogen – des Vaters Maßstab war der Philosoph Kant. Sie studierte unter anderem Theologie, hat sich einen Namen dadurch gemacht, dass sie ihre Mitschriften eines Kollegs von Ernst Troeltsch als Glaubenslehre herausgab. Das Gut wurde konfisziert, weil der Bruder ein führender im Kapp Putsch war. Nachdem sie das Gut verloren hatten, zog Gertrud von le Fort nach Bayern. Auf einer Reise nach Rom war sie sehr beeindruckt, konvertierte und schrieb die Hymnen an die Kirche. Aus ihren vielen Werken sei eines erwähnt, dass 1931 veröffentlicht wurde: Die letzte am Schafott. Es geht um Ordensfrauen, die während der Französischen Revolution öffentlich hingerichtet wurden, die Hauptperson wird vom Volk gelyncht. Die Kraft Gottes ist im schwachen Menschen mächtig, denn diese Frauen suchten nicht das Martyrium. Ich finde spannend, was Carl Muth schon 1931 dazu sagte: „Mit dieser ergreifenden Dichtung haben Sie gerade für unsere Tage und was ihnen vielleicht an großen Zeitschicksalen und Prüfungen folgen wird, ein seltsam tiefgesehenes, stärkendes und den Kleinglauben besiegendes Werk vollbracht, dem ich kein anderes an prophetischer Intuition … zu vergleichen weiß…“. In Novellen setzte sie sich mit den Strömungen der jeweiligen Zeit auseinander. Es sei auf diesen Beitrag hingewiesen: http://www.gertrud-von-le-fort-gesellschaft.de/Lebensbild.pdf

Die Muse spielte schon einmal in dieser meiner Darlegung eine Rolle. Die Musen wurden von heidnischen Autoren der Antike angerufen. Gregor von Nazianz (4. Jh.) bat Gott selbst darum, ihm das Lied in den Mund zu legen, hat also die Tradition der Musen überwunden. Gertrud von le Fort geht anders mit der Muse um: Sie erklärt sie zur Schwester der Sibylle (s. Sibyllinen – 3./4. Jh.), also einer Prophetin, und zur „heimlichen Christin“ („Lob der Muse“) von deren himmlischer Stimme Dichter abhängig sind („Gnade des Dichters“). Schon im Lob der Muse und anderen Gedichten wird deutlich, dass sie sich um die Leidenden kümmert, die Kleinen, die Gescheiterten, Verfemten, Gefallenen, auch um die Erhabenen, die Knie senken, um ihre Worte zu verwenden. Ihr Bild von einem Dichter: „Denn christverwandt ist der Dichter, ganz nahe ist er / Den Bekennern jenes erlösenden Gottes, / Der das Gefallene küßt, und dem Bespienen / Die Schmach von der Stirne windet“. Ein Weheruf gilt denen, die das Wort entgöttlichen („Tragische Dichtung“) Aber sie als Dichterin nimmt den „großen Weltengesang“ wahr: „O diese Stimmen des Alls, / o diese gewaltgen / Liturgien der Schöpfung: Das leuchtende Credo der Sonnen, / das Gloria der Sterne, / Das bräutliche Liebesgebet der blumenempfangenden Erde / Und die Mutterlieder, die lallenden, lullenden Quellen.“ („Stimme des Dichters“) Es gibt in diesen Texten viele inspirierende Formulierungen – so zum Beispiel „O faltet die Flügel für mich, ihr meine Lieder“.

In „Die Heimatlosen“ https://www.deutschelyrik.de/die-heimatlosen.html (in Gertrud von le Fort: Gedichte und Aphorismen werden die Texte mit „Die Vertriebenen“ überschrieben) sieht sie: Gott hat die Menschen aus ihrer Heimat gerissen, nun sind sie verfolgt, haben nichts mehr, haben die Hölle gesehen, Schmach erlebt. „Ziel eines Hasses oder Spottes, / Was liegt daran? / Wir sind die Heimatlosen uns´res Gottes – / Er nimmt uns an.“ Ins Gericht geht sie mit denen, die nicht die neue Zeit erkennen, die am Alten festhalten, die Vertriebene nicht aufnehmen: „Sie schlafen in fremden Betten / Sie tragen geschenktes Gewand – / Und du willst dein Dach erretten, / Christloses Abendland.“

Anders als die heidnischen Götter gibt es kein blindes Schicksal im christlichen Glauben, so die Autorin. Der Engel befragt jeden und stellt jeden vor „die königliche freie Wahl: / Heil oder Verderben?“ Und wie die jeweiligen Geschlechter wählen, so wird es geschehen. („Verhängnis“)

Die leidende Natur wird personifiziert: „Große, mütterliche Allnatur“. Der Mensch zerstört die Natur und durch die Zerstörung erkennt er erst, „daß du die göttlich eingesetzte / Mächtige Tochter des Allmächtgen bist.“  Die Erde wird als „Gottesbraut“ bezeichnet: „Könntest du untergehen, / Wenn dieser Äon zerstiebt? / Wirst du nicht auferstehen, / Weil dich der Ewge geliebt?

Es gibt Zeiten, da erkennt der Mensch nicht mehr das Schöne der Natur, sie verliert ihren Glanz, der Mond, die Sterne weinen – erst dann, wenn Gott ihnen die Tränen abwischt, wird Frieden auf Erden sein („Die Stunde des Menschen versank“). In den Zeiten der Not beschreibt sie nicht nur die Not, sie will auch aus dem Glauben heraus trösten: „Als das Verhängnis erschien, / Waren wir längst geborgen“ schreibt sie in den Jahren 1933-1945 („Verwandlung“), oder: „Schwestern, von Gott verlassen / Ist man auch bei Gott!“ („Die Begine“) In vielen Gedichten dieser Zeit verbindet sie das Leiden der Menschen mit dem Glauben an Gott. (Hinweisen möchte ich nur auf die Seligpreisungen der leidenden Frauen anlässlich der Einweihung der Frauenfriedenskirche in Frankfurt/Main 1929.)

Mächtig beschwört sie die Engel am Grab des Auferstandenen. Sie haben den Felsen gesprengt – aber nun liegt Christus „versargt in den eisigen Grabeskammern / Einer verlorenen Welt – / O naht euch, ich beschwöre euch, ihr mächtigen Engel, / Und weckt den begrabenen Christ!“ Dann gibt ihr ein Engel die Antwort: „Nein, wecke du ihn, Kind, / denn wisse, aus diesem Tod kann nur die Seele ihn retten – / geh in dein eigenes Herz / Und wälze den Stein von der Türe des Grabesdunklen: / Du selbst mußt auferstehen – Christ ist erstanden.

*

Die Hymnen an die Kirche (1924) sind etwas Besonderes – wie die einige Jahre später entstandenen Texte von Wolfskehl: Die Stimme spricht (1934). Auch in den Hymnen spricht eine Stimme – die Stimme der Kirche als Kirche Gottes. Die Seele des Menschen befindet sich in einem Zwiegespräch.

Eingeleitet wird das Werk mit einem „Prologos“. Gott wird angesprochen: „Herr, es liegt ein Traum von dir in meiner Seele, aber ich kann nicht zu dir kommen, denn alle meine Tore sind verriegelt.“ Der Mensch erreicht Gott nicht, der Mensch selbst kommt immer nur zu sich selbst: Hoffnung, Verzweiflung, Liebe, Ruhe – der Mensch landet immer bei sich. Die Kirche, so wird dann in den Hymnen dargestellt, ist der Weg, über sich hinaus schauen zu können. Sie lehrt den zu sehen, der in der Seele an Sehnsucht angelegt ist: Gott. Aber die Kirche ist kein „Gottesbeweis“. Denn Gott verbirgt sich auch in der Kirche und entbirgt sich nicht: „Er verbirgt seinen Geist unter ihren Herzen, er verbirgt seine Liebe unter Brot und Wein. / Siehe, ich bin unterworfen den Schleiern meiner Schwachheit, ich bin unterworfen den dunklen Schleiern der Verkennung, / Ich bin unterworfen den Schleiern meiner Brautschaft, ich bin unterworfen den weißen Schleiern meines himmlischen Erbes. / Denn an dem, was du nicht siehst, sollst du mich erkennen, und an dem, was dir bange macht, soll mich seine Seele glauben.“ (Die letzten Dinge III)

Dass die Kirche von dem um sich kreisenden Menschen nicht einfach so als Gottes Vertreterin erkannt werden kann, liegt auch daran, dass sie rigoros ist: den Zweifelnden sagt sie: „Schweigt“, den Fragenden: „Kniet nieder!“, den Flüchtigen: „Gebt preis“, den Flügelnden: „Laßt euch fallen“ – aber ihr entkommt man nicht, trotz dieser unmöglichen Forderungen, weil Gott mit diesen verbunden sind. Diese Forderungen sind dem Menschen zu viel, sie lassen dann auch zweifeln: Ist die Stimme der Kirche wirklich die Stimme Gottes? Sie gebietet „mir Blindheit, daß ich sehe, / und Taubheit, daß ich höre!“ Und sie bittet die Kirche, die Mutter, sie vor der Kirche, der Mutter, zu schützen („Heimweg zur Kirche“ II und III). Aber, weil die Kirche die Stimme Gottes ist, hilft das alles nichts: „Aber es geht noch Kraft aus von deinen Dornen, / und aus deinen Abgründen tönt Gesang… Ich will dich noch lieben, wo meine Liebe zu dir endet.“ Die Stimme reagiert: „Was ich zerbreche, das ist nicht zerbrochen, / und was ich in den Staub beuge, / das hebe ich empor /… / Ich bin zum Hohn geworden an deinem Verstand und zur Gewalt an deiner Natur, / Daß ich dich aufkettete wie einen Kerker und dich vor die Tore deines Geistes risse.“ (V und VI)

Wenn die Seele befreit wurde und Frieden mit Gott hat, dann stellt sie die Frage: „Wer errettet meine Seele vor den Worten der Menschen?“ Menschen fordern, dass die Seele ihnen folgt, ihre Straßen enden nie, sie lassen verdursten, führen in die Irre, sie sind heute Wahrheit, morgen Tod. Die Seele ist verwaist, wird verachtet, von Klugen verraten, denn sie verweisen die suchende Seele an den Menschen selbst, doch sie ist ja nicht Teil des biologischen Menschen, sie ist auch nicht bloßer Gedanke. Die Kirche nimmt die Seele sehr wichtig, legt sie vor Gott, die Seele weiß sich endlich ernst genommen (VII-VIII).

In den Texten „Heiligkeit der Kirche“ wird bekannt, dass die Kirche schon immer da war: „Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind, und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew´gen viele Heiden! / Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter, ich war dunkel in den Sprüchen aller ihrer Weisen… Ich war die Sehnsucht aller Zeiten, ich war das Licht aller Zeiten, ich bin die Fülle aller Zeiten. / ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.“ (I). Das heißt nicht, dass sie von allen anerkannt wird, im Gegenteil: „Denn du trägst Liebe um alle, die dir gram sind, du trägst große Lieben um die, welche dich hassen /…/ Denn um deinetwillen lassen die Himmel den Erdball nicht fallen: alle, die dich lästern, leben nur von dir!“ Und diejenigen, die zu ihr gehören, sind ganz anders als die Menschen der Welt: „Deine Heiligen sind wie Helden aus fremden Ländern, und ihre Gesichter sind wie eine unbekannte Schrift…. Sie sind wie ein Jauchzen an den Tod, sie sind wie ein Leuchten unter dunkler Marter.“ (V) Entsprechend kann sie in dem Gedicht zur Passion schreiben: „Alles Leid der Erde lobe den Herrn!“ Der christliche Glaube stellt alles auf den Kopf. Und so glauben Christen auch nicht an den Tod: „Wehe dir, Welt, die du an den Tod glaubst, weil du kalt bist: du wirst einen Tod finden, den du dir nicht träumst!“ („Die letzten Dinge“ II)

*

Es wird in diesen Texten deutlich – und weitere könnten genannt werden – , dass der Glaube Grenzen sprengt: „deine Grenzen sind ohne Grenzen, denn du trägst im Schoß das Erbarmen des Herrn!“ („Heiligkeit der Kirche “ II). Er sprengt im Grunde alles, was dem Menschen daran hindert, zu Gott zu kommen: „Ich will euer Herz zur Freiheit aufrichten wider alle Sklaven der Vernunft!“ („Die letzten Dinge“ II)

Le Fort greift viele Aspekte aus der Tradition der Kirche auf, die auch sonst in Gedichten vorkommen: Märtyrer, Gebete, Feiertage – es werden Worte gesucht, um den Glauben adäquat darzustellen, wie zum Beispiel: „Nun weiß ich, daß der Herr aus dir redet, denn du bist seines Schweigens mächtig!“ Grenzen des Verstehens werden gesprengt, weil die Sprache begrenzt ist. Aber die Sprache wird aufgebrochen, um ein neues Verstehen zu ermöglichen, dass das allerdings für Menschen aus der Welt unverständlich ist, versteht sich von selbst. (Gerade in Gedichten der Moderne versuchen Menschen ihr Gefühl so darzustellen, dass man kaum mehr versteht, was sie eigentlich sagen wollen. In dieser christlichen Tradition stehen sie, blenden nur diese Tradition aus, um auf sich selbst das Licht zu richten. Le Fort richtet das helle Licht auf die Kirche.)

Im Grunde sind die Texte eine Überhöhung der Kirche – gerade aus protestantischer Sicht. Man muss sich allerdings konsequent in le Fort hineinversetzen: Sie lässt nicht die Kirche als die Kirche sprechen und sehen, die vor Augen ist, sondern eben: als Kirche Gottes, als die Kirche als Werk des Gottesgeistes. Als die Kirche, durch die Gott handelt – aber in der Gebrochenheit des Menschen. Gott handelt in dieser Gebrochenheit durch den Menschen, weil der Mensch den wahren Gott, die Herrlichkeit an sich, die Ewigkeit, nicht verstehen kann, somit immer bei sich selbst landen würde. Die Kirche, in der Menschen als Menschen wirken, ist auch so eine Größe, die den Menschen provoziert, ihn reizt, aber gerade auch darum – also in ihrer Gebrochenheit – einen Spalt in die Mauer reißt, der Gott ahnen lässt: „wir lagen im Schoße der Gottheit, einer im andren, wir lagen unerweckt im Geheimnis unsres Schöpfers“ – doch „Du bist ein ein´ges Durchströmen. Du bist wie ein Umfangen in Tiefen der Seligkeit.“ Menschen sind verlassen, sie leiden, „küssen sich von Einsamkeit zu Einsamkeit“ – „Aber du bist wie eine Stimme mitten in der Seele.“ („Corpus Christi Mysticum“)

Bei Gertrud von le Fort finden wir ein Bekenntnis zu einer Kirche, die akzeptiert, anders zu sein als die Welt. Das nicht, weil sie anders sein will, sondern weil sie sich zu Gott bekennt, Gott gehört.

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Gott in Gedichten (21): Rilke

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Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Mutter und Vater waren vom Leben enttäuscht. Die Mutter erzog ihn in Prag vermutlich wie ein Mädchen, weil die ältere Schwester Rilkes kurz nach der Geburt gestorben war. Sein Verhältnis zur Mutter beruhte bis ins Alter auf massiver Abneigung. Er kam auf eine Schule, in der militärisch agiert wurde, ein Kontrast zum bisherigen Leben, das er aber einige Jahre durchhalten musste. Er begann ein Studium und lernte Lou Andreas-Salomé (1861-1937) – die auch engen Kontakt zu Nietzsche hatte – kennen. Sie hat sein Leben und Denken ungemein inspirierte. Er reiste viel und lernte zahlreiche Künstler und Schriftsteller kennen. Hervorzuheben sind seine Reisen mit Lou Andreas-Salomé nach Russland. Denn die Stundenbuch-Gedichte sind von den Erfahrungen in Russland sehr stark abhängig. An Lieb- und Freundschaften war es kein armes Leben, auch wenn er sich einsam fühlte und depressiv war. Am Ende seines Lebens wurde er krank, erkrankte an Leukämie, kam auf politische Abwege, indem er den italienischen Faschismus begrüßte.

Die Darlegung unten wurde weitgehend mit Hilfe der Gedichte aus dem Stundenbuch ([S] 1899-1903), dem „Buch der Bilder“ ([B] 1902/1906), „Duineser Elegien“ ([D] beendet 1922) und einzelnen anderen aus Rilke: Die Gedichte, Insel Verlag 1995, 7. Auflage, erarbeitet. Zur Rilke-Interpretation sei vor allem auf die hingewiesen, die Lou Andreas-Salomé in ihrer Autobiographie gibt. Diese ist kaum zu toppen. Sie stellt dar, wie der Künstler Rilke damit kämpft, das Unsagbare – Gott – mit seinem Gefühl verbunden, sprechen zu lassen – und dabei psychisch bis an die Grenzen geht.

Für Rilke spielte Jesus Christus keine besondere Rolle. In seinen Christusvisionen (1886/1887; 1898) sieht er Jesus, der sich seiner Tochter Anna nähert – und dann wieder verschwindet, Jesus beklagt sich bei dem lyrischen Ich, dass die Jünger seinen Leib gestohlen hätten und seitdem das Drama falschen Glaubens seinen Lauf genommen habe. Und sehr dramatisch macht Jesus Gott Vorhaltungen, dass er wohl gar nicht existiere und Menschen vergeblich beten und flehen. „Ein schwarzer Falter zieht im Flug vorbei / und er sieht Christum einsam knien und weinen.“ Jesus ist müde und matt, traurig, fragend, irrend. Der Mensch, der dem erdachten Jesus folgt, ist ebenso leer (vgl. „Der Ölbaum-Garten“, „Pietà“ u.a.). Lebhaft versetzt er sich in Jesus hinein, beschreibt die Auferweckung des Lazarus, das Emmaus-Ereignis, die Höllenfahrt Jesu. In seinem Gedicht „Imaginärer Lebenslauf“ beschreibt er nur kurz das Leben und dann: „Da stürzte Gott aus seinem Hinterhalt.“ Und so erschafft sich der Mensch Rilke einen Gott, weil er den Gott, den der christliche Glaube verkündet, nicht annehmen will. In „Für Lotte Bielitz“ muss man nicht zu Gott hinauf, sondern zu Gott hinab – und man muss einfach seine Hand hinhalten – Gott das Wasser „wird verschwenden / und deiner größten Fassung über sein.“ „Ein Gott“ oder auch „Götter“ kommen immer wieder einmal in seinen Gedichten vor, zum Beispiel: „Einem Gott nur ist die Macht gegeben, / das noch Ungewollte zu entwirrn.“ („Sind wirs, Lulu, sind wirs?“) Nonnen haben es ihm angetan, die einsam nach Jesus und Gott fragen – letztlich halten sie sich im Gebet an ihren eigenen Händen fest. Weihnachten wurde ihm fremd.

Die religiöse Sprache ist immens, es ist vom Segen die Rede, vom Beten, vom Wunder tun, vom Heilig-Sein, von Sein und Geist, vom Erhabenen, von Engeln, die Nacht wird versehen mit göttlichen Attributen usw.  – aber es geht vielfach nicht um Glauben, sondern um das Beschreiben einer Stimmung: sei es Abend, sei es Liebe.

Manchmal wird auch des Menschen Verhältnis zu Gott dargestellt: „Seit den wunderbaren Schöpfungstagen / schläft der Gott: wir sind sein Schlaf“, die ihm in seiner Faust Schmerzen bereiten. Im Kriegsjahr 1914 schreibt er im ersten der fünf Gesänge: „Endlich ein Gott. Da wir den friedlichen oft / nicht mehr ergriffen, ergreift uns plötzlich der Schlacht-Gott“.

Rilke gehört, so sehe ich ihn, zu den Großen, die selber Wein und Brot sein wollen, wie Christian Morgenstern schrieb, selbst Gottes-Offenbarer, wie Nietzsche, von daher stört ihn Jesus Christus. Allerdings möchte er nicht, wie Nietzsche mit Jesus Christus verschmelzen, obgleich die Selbstdemut als vorübergehender Fremder und Armer und vielfach als Leidender in diese Richtung tendieren. Kunst übernimmt bei Rilke wie bei Nietzsche die Rolle der Religion. Der Künstler ist der Charismatiker und gar Priester, ja, der Offenbarer. Kunst weiß es besser – und der dritte im Bunde ist Stefan George, der als pseudoreligiöser Meister Jünger um sich schart. Ich weiß auch nicht, ob man bei diesen charismatisch-religiösen Gestalten von einem lyrischen Ich sprechen kann – da sie selbst in diesen von ihnen geschrieben Worten gesehen werden wollen.

Rilke wartet auf eine Gotteserfahrung. Diese Gotteserfahrung erwartet er wie ein Mystiker, besser ringt darum – nicht wie ein Rationalist, ein Logiker: Gott soll ihn ganz erfassen, es soll nicht Glaube sein, sondern Gottesspürung, Ergriffensein von Gott in seinem tiefsten Wesen – und das versucht er in Worte zu fassen. In der Sommersonne reift das Obst – im Reifen des Menschen reift Gott. So kann man ein wenig verquer sein Gedicht verstehen: „Ich aber will dich begreifen / wie die Erde dich begreift, mit meinem Reifen / reift / dein Reich.“ („Alle, welche dich suchen, versuchen dich“; in: [S] Pilgerschaft) „Ich will“ – und damit zeigt sich, dass Rilke mit seiner ganzen Offenheit, die sein Gottesbild mit sich bringt, der Offenheit Gottes Grenzen setzt. Damit macht er das, was er in „Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen“ macht: „Denn dich verhüllen unsre frommen Hände, / sooft dich unsre Herzen offen sehn.“ ([S] Vom mönchischen Leben) Das allerdings lehnt er ab und umkreist Gott, den uralten Turm ([S] Vom mönchischen Leben: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“), er will Sucher bleiben, er will davon träumen, Gott zu vollenden – und damit sich zu vollenden („Die Dichter haben dich verstreut“; [S] Vom mönchischen Leben) – gleichzeitig sagt er, wo er Gott findet, in allem, dem er nahesteht. Er zeigt sich als der von Gott inspirierte – weil er Gott durch seine Worte in die Leserinnen und Leser inspiriert. Wer ist hier: Gott?

Er sagt nicht, wie in der Negativen Theologie, was Gott nicht ist, weil man nicht sagen kann, was er ist, sondern er spricht wie die Glaubenden des Alten Testaments, indem er sich einander widersprechende Bilder nebeneinander stellt: „Du bist der Wald der Widersprüche. / Ich darf dich wiegen wie ein Kind, / Und doch vollziehn sich deine Flüche, / die über Völkern furchtbar sind.“ („Du bist der Tiefste, welcher ragte“; [S] „Vom mönchischen Leben“). Aber dieser Gott ist ein Du. Gott verschwindet für Rilke nicht im Sein des Seins schlechthin. Da findet er ihn – und das macht seine Ambivalenz aus – aber als Du. Als Du, das Rilke benötigt – aber Gott benötigt auch Rilke: „Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe? … mit mir verlierst du deinen Sinn.“ Zumindest ist ihm um Gott und sich selbst bange [S]  (wie wir auch in Psalmen finden können; der Beter fragt Gott: Wer wird dich loben, wenn ich gestorben bin?). Rilke berauscht sich / wird berauscht durch seinen Gesang: „Ich komme aus meinen Schwingen heim, / mit denen ich mich verlor. / Ich war Gesang, und Gott, der Reim, / rauscht noch in meinem Ohr.“ – Eine mystische Erfahrung, die dann in das Gebet mündet und in Erinnerung dessen, was er sah: „Weit war ich, wo die Engel sind, / hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt – / Gott aber dunkelt tief.

Außerhalb der Stundenbücher wird Gott nur noch selten angesprochen bzw. intendiert. Berühmt sind die Gedichte „Herbsttag“, das mit dem Auftakt beginnt: „HERR: es ist Zeit.“ Der Herr wird damit beauftragt, den Herbst herbeizuführen. In dem Gedicht „Herbst“ wird Gott nicht direkt genannt: „Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen / unendlich sanft in seinen Händen hält.“ (Beide in „Das Buch der Bilder“) Es ist der Gott, den Rilke im oben genannten Sinne im Sein der Welt herausspürt.

Er, der Jesus Christus ablehnte und auch den Glauben, dass der Mensch auch nach dem Sterben bei Gott aufgehoben ist, ebenso den klassischen christlichen Glauben angegriffen hat, klagt in den „Duineser Elegien“ über das Sterben. Voller Angst vor den mächtigen Engeln, die schön, aber tödlich sind: „Denn das Schöne ist nichts / als des Schrecklichen Anfang“. Vor dem Engel (der laut Lou Andreas-Salomé Gott sein soll), der im Gegensatz zu den Menschen alles weiß, schildert er das Dennoch-Tun des einmaligen Menschen, das liebende, heldenhafte Tun angesichts der Leere und des Todes, damit dieser staune. Eine Verwandlung des äußeren in das Innere hinein hat stattzufinden. Das wird dann durch den Tod ermöglicht. Nur das unbewusste lebende Tier hat Gott und Ewigkeit vor sich. Nicht der bewusst lebende Mensch: Der Tod verhindert das reine Sehen des Menschen – aber wenn der Mensch tot ist, kann der Tod das reine Sehen nicht mehr verhindern. Aber letztlich: „Einsam steigt er dahin, in die Berge des Ur-Leids“ doch die Toten weisen auf den Frühling: „Und wir, die an steigendes Glück / denken, empfänden die Rührung, / die uns beinah bestürzt, wenn ein Glückliches fällt.

Lou Andreas-Salomé erkennt, dass Rilke im Zwiespalt zwischen „Gottandacht“ und „Gottaussage“ stand und das Objekt übergroß war, Rilke selbst es als anmaßend ansah. Ich weiß nicht, ob das der Grund seines Zwiespaltes war. Kann es sein, dass er zerrissen wurde zwischen dem Gott, wie er aus christlicher Perspektive ist – und Rilke ihn aber nicht haben wollte, in gewisser Weise Feuerbach umsetzend, sich einen Gott machte? Dann  hat er das „Stundenbuch“ veröffentlicht – und Gott entschwand ihm weitgehend – zumindest aus den Gedichten -, er konnte nichts mehr über ihn sagen und verneint ihn auch. Hat er gemerkt, dass er selbst nicht wie Jesus „Brot und Wein“ sein konnte – Gottesoffenbarer, ohne zerstört zu werden – und darum Mensch wurde? Vielleicht hat er gespürt, dass dieser Versuch ihn zerstört hätte. Aber damit hat er die Basis für eine gewisse Rilke-Hagiographie gelegt. Das musste genügen. Freilich: Man kann Gedichte Rilkes in der Relecture christlich verwenden, weil er aus dem Gesamtbild des christlichen Mosaiks ein paar kleine Steinchen verwendet hat. Man muss nur wissen, dass man ihm selbst dann nicht unbedingt gerecht wird.

Über Rilke, mit dem ich mich seit den 90ern immer wieder beschäftige, könnte ich noch stundenlang schreiben. Aber ich denke, in diesem Rahmen habe ich Wesentliches in aller Kürze  gesagt.

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Gott in Gedichten (20): Richard von Schaukal

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Richard von Schaukal (1874-1942)

war angesehener österreichischer Schriftsteller und Jurist, arbeitete in Ministerien, wurde 1918 geadelt. In dem Jahr, in dem er mit dem Adelstitel versehen worden war, verließ er den Verwaltungsdienst. Er hatte sich auch in Gedichten für den Ersten Weltkrieg ausgesprochen, war dann nach der Niederlage auch Österreichs als Anhänger der Monarchie von den neuen politischen Bestrebungen frustriert. Er wandte sich ganz dem Schriftstellerleben zu, studierte weitere Fächer (unter anderem antike Philosophie) und arbeitete an Zeitschriften mit. Er ließ sich als junger Mann von vielen Künstlern beeinflussen (z.B. Baudelaire) – und hatte auch distanzierten und äußerst kritischen Kontakt mit vielen Künstlern. Politisch tritt er wohl nicht so sehr in Erscheinung, wobei der konservative Touch jedoch deutlich wird. Die konservative katholische Einstellung pro Österreich – damit gegen den Anschluss Österreichs an Deutschland – führte dazu, dass er von der nationalsozialistischen Presse angefeindet wurde.

In dem Buch von Libor Marek: Richard von Schaukals Beitrag zur ästhetischen Moderne, Dissertation, Olomouc 2013 https://theses.cz/id/wfdx5y/Dissertation-Schaukal.pdf wird dargelegt, dass sich Schaukal von der katholischen Religion zu einer ästhetischen Religion hin gewendet hat. Es wird eine Kunstreligion errichtet, wie sie damals auch im Gefolge von Nietzsche üblich war, so zum Beispiel von Rilke oder Stefan George. Als sich elitär ansehender Mensch unterwirft man sich Gott nicht, man denkt sich einen Gott bzw. etwas Religiöses aus – und das als Kunst. Was sich aber bei Schaukal später ändern wird.

Das Gedicht, in der eine Marien-Vision geschildert wird, lässt erkennen, dass der Glaube entschwindet („Vision“): „Die schwarze Muttergottes stand, / Jesus im Arm, am Wegesrand / Und sah so welk und wandermatt / Aus hohlen Augen in die Nacht. / … / Im Schlummer athmete die Stadt. // Ich gieng und kam und sah sie an: / Mir aber hat die Seele weh gethan. / Sie aber wandte sich und schritt / Quer über Feld im Stoppelland / Mit nackten Füßen ohne Laut… / Lang hab´ ich ihr noch nachgeschaut: / Wie eine schwarze Schlange glitt / Hinter ihr her ihr Schleppgewand.“ Das Gedicht wird von Libor Marek interpretiert: Der Glaube entschwindet – ist aber noch da. Das schwarze Schleppgewand wird als „Jugendstilmanier“ interpretiert – aber ich denke, die Schlange ist äußerst negativ zu konnotieren: Maria ist nicht die sündlose, die reine, sondern schwarz, mit Schlange. Dem Menschen schwindet der verderbliche Glaube. Das deutet auch das Gedicht „Credo“ (aus: „Verse“ 1896) an: „Ich bin kein wüstenkranker Nazarener / […] Ich bin ein schönheitstrunkener Athener / […] Mein Frühlingsreich ist nicht von dieser Welt / Der eklen nüchternen Alltäglichkeit. / Die Dichtung ist mein purpurrotes Kleid / Der Sternenhimmel ist mein Krönungszelt…“ (123) Im Gedicht wird die Antike sexualisiert und dem jüdisch-christlichen Glauben positiv entgegengestellt. Diese Texte zeigen, dass sich Schaukal vom christlichen Glauben abwendet.

Auch in „Oede“ greift die Einsamkeit nach seinem Herzen („Verse“ 20). In: „Dir steht die Welt ja offen!…“ sieht er, dass sie, anders als man ihm immer sagte, nicht offen ist: „Jetzt weiß ich, dass die Welt vernagelt ist, / Geschlossene Türen hab´ ich nur getroffen. / Ich weiß, dass meine Saat verhagelt ist – / – Und immer hör´ ich noch: die Welt ist offen!

Dieser negative Klang ändert sich gewaltig, die Einsamkeit wurde überwunden. Der Band „Herbsthöhe. Neue Gedichte (1921-1933)“ wird mit einer Banderole umgeben, auf der steht: „Nach 10 Jahren wieder ein neues lyrisches Werk des Meisters. Das gesichtete Ergebnis seiner reifsten Schöpfung“. Der Hinweis auf den „Meister“ lässt deutlich werden, wie er von manchen seiner Zeitgenossen verehrt wurde. (Allerdings musste ich die Druckbögen auseinanderschneiden – das heißt, das antiquarisch erworbene Büchlein von 1933 war in diesem Fall nicht gelesen worden.)

In diesem Bändchen finden wir zahlreiche Gedichte, die seine Anbindung an den christlichen Glauben verdeutlichen, das zusammen mit Lebenserinnerungen und sehr zahlreichen Naturgedichten. Einmal greift Schaukal die alte Tradition auf, Aspekte des Lebens Jesu in Gedichten nachzuvollziehen: Geburt, Passion („Kreuzweg“, „Gethsemane“, „Jesus stirbt“), aber auch die Weisen aus dem Morgenland („Die Heiligen drei Könige“) werden besungen, mit dem gegenwärtigen Menschen verknüpft – und das mit mystischen Bezügen: „Laß uns liegen, laß uns schweigen, / liebend in dir untergehen, / Himmelsglanz, dem wir uns neigen, / selig, unsern Herrn zu sehen!“.

In diesem Band geht er von Weihnachten aus durch das Jahr – und kommt am Ende des Bändchens wieder über Weihnachten zum neuen Jahr. In der Darstellung eines Kirchenjahres darf auch Pfingsten nicht fehlen. In diesem Kontext finden wir ein kleines Gedicht, das auch ein Liebesgedicht sein kann:
Pfingstwunder /
ALLE Rosen meines Herzens standen dir offen, /
Und da kamst du in Flammen /
statt mit kühlendem Nachttau. /
Aber ich loderte auf und erlebte das Wunder der Liebe.
Wie im Kontext des Themas Liebes-Glaubens-Lieder bei Ricarda Huch deutlich wurde, ist auch hier nicht ganz deutlich: Handelt es sich um ein Liebeslied, das einen Menschen anspricht oder um ein Liebeslied, das Gott anspricht, also ein Gebet ist. Für die letztgenannte Interpretation spricht der intensive Bezug auf die Pfingstgeschichte, die wir in der Apostelgeschichte lesen.

Diese zweifache Interpretation trifft auch auf das folgende außerordentliche Gedicht zu: „Hinten im Garten / Hinten im Garten am Zaun, / wo der Marillenbaum / bienenumsummt in der Sonne steht, / endet die Welt. / Es führt ein Weg ins Feld, / den niemand geht.“ Das Gedicht kann ein ganz normales Naturgedicht im Rahmen von Kindheitserinnerungen sein, die umgebenden Gedichte enthalten Kindheitserinnerungen. Es kann sich also um die Erinnerung an einen Kindheitsgarten handeln. Das Kind lebt im Garten. Der Garten hat eine Grenze – nicht nur der Garten: die Welt findet ihre Grenze – am wunderschön blühenden Marillenbaum. Aber das Kind sieht auch, dass es hinter der Welt irgendwie  weiter geht, sie hört an der ihm gesetzten Grenze nicht auf. Aber niemand geht diesen Weg hinter der wunderschönen irdischen Welt, aber der Weg ist da. Diese weiter gehende religiöse Interpretation wird durch das diesem Gedicht folgende Gedicht „Lauschend am Eingang“ angeregt: „meine verbannte Seele / lauschend am Eingang“ zur vergangenen Wunder-Welt. Kindheit – schöne Erinnerungen –  Grenzen an die die Seele stößt. Nicht selten verschwimmen Naturbeobachtungen und Glauben ineinander, so zum Beispiel auch im Gedicht „Grauer Himmel“.

In dem Teil des Bandes „Zu Gott“ werden auch einige kurze Gedichte zu dem Thema genannt, die recht einprägsam sind. In diesen formuliert er seine Schuld, die Abwendung von Gott, dann die Hinwendung, Auseinandersetzungen mit manchen Themen (Vergebung und Gericht), Gedichte mit Blick auf den Heiligen Geist, Engel, Sünde, sein eigenes Unvermögen, im Glauben so zu leben, wie andere es tun („Gebet des von fern Folgenden“).

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Gott in Gedichten (19): Christian Morgenstern

Darlegung vorangegangener Jahrhunderte: http://gedichte.wolfgangfenske.de/

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Christian Morgenstern (1871-1914)

Er erkrankte früh an Tuberkulose und war häufig krank. Er war Schriftsteller, bekannt im Wesentlichen wegen seiner Texte, in denen er mit Sprache spielt. Er beschäftigte sich mit vielen Schriftstellern und reiste auch darum viel herum. Er war beeinflusst von Nietzsche, dann ab 1909 von der Anthroposophie Steiners.

Das Gedicht „Vice versa“ zeigt die Ferne Gottes an, der den Menschen aus der Ferne beobachtet wie der Mensch einen Hasen. „Die Zirbelkiefer“ hat gelesen, sie habe eine Seele, „von Gottes Allmacht ausgeheckt“ – und „ihr wird ganz fromm zu Sinn.“ Der mit Blick auf Gott spöttische Ton dominiert. Der dramatische Ton dominiert „In Phantas Schloß. Dem Geiste Friedrich Nietzsches“ (1895). Im „Homo Imperator“ schwingt Kritik am Menschen mit, der sich überhöht? „Denn ich, der Mensch, bin deine Seele, / bin dein Herr und Gott, / wie Ich des ganzen Alls / Seele und Gottheit bin“. Warum? Ohne Mensch wird Welt nicht wahrgenommen und verändert. Spannend ist zu sehen, wie sich der Mensch in diesem Gedicht Nietzsche-haft überhöht, weil er sich selbst nur aus seiner eigenen Perspektive sieht. „Zertrümmere Mich: / Das Lied ist aus.“ So endet das Gedicht „Homo Imperator“. Wenn der Mensch nicht mehr ist, ist im Grunde nichts. (Bekanntlich: Gott, wie ihn Juden und Christen bekennen, ist, auch wenn der Mensch nicht mehr ist, denn er war, als es den Menschen noch gar nicht gab. Gott gibt der Schöpfung Sinn – nicht der sie wahrnehmende Mensch.) Die „Kosmologie“ stellt das finstere Licht des Wirkens des Teufels (Lucifer) dar. Gepriesen wird im Hohelied die Macht der Liebe – sie ist im Grunde Gott, die dem Menschen ins schimmernde Auge die Gottheit senkt. Gott selbst wird weggeschickt, er ist der Versucher, so in „Die Versuchung“ – „Ich aber stieg, / ein freier, glückseliger Mensch, / singend wieder empor / auf meine herrlichen, / klaren, einsamen Höhen.“ Nietzsche ist also heftig im Blick.

In dem Gedicht „Der einsame Christus“ greift er Jesu Worte an die Jünger auf, die immer wieder im Garten Gethsemane einschlafen. Hier haben wir einen neuen Ton! „Was wißt ihr  / von meiner Liebe / was wißt ihr / vom Schmerz meiner Seele! / O einsam! / einsam! Ich sterbe für euch – / und ihr schlaft! / Ihr schlaft!“ – der Mensch kann Christus nicht wahrnehmen – er ist unfähig, überwunden vom Schlaf, nichts ist mehr sichtbar von dem sich überhöhenden Menschen. Er kritisiert die Glaubenden („Messias-Süchtigen“), weil sie Jesus, „den ersten großen Mann“ nicht verstanden haben. Wie Jesus Christus möchte in der „Ersehnte(n) Verwandlung“ jeder „Große“ Brot und Wein werden – wieder ein Seitenblick zu Nietzsche. Ihm träumte, „Das Auge Gottes“ – und alles Treiben des Menschen war ihm offenbar. Da wünschte er sich vor Grausen den Tod. Wieder wird der sich selbst überhöhende Mensch abgelehnt. In der „Botschaft des Kaisers Julian an sein Volk“ geht es darum, die Christen zu stören und zerstören: „Denn die Zeit ist um, / da das Kreuz geragt, / der neue Mensch reckt seine Hand.“ Womit er Bestrebungen des 19. Jahrhunderts aufgreift – und vielleicht auch seine eigene Intention von 1895. In „Alles gut, weil alles Gott“ meint, er, Gott sei das Schauerlichste und Heiligste. „Gott ist nichts Vollendetes, Gott ringt / unaufhörlich um sich selbst als Ziel.“ (Zitiert nach Morgenstern, Zeit und Ewigkeit, Insel 1942) Damit ist auch der Autor im Blick: Er ringt selbst um Gott – er ist noch nicht am Ziel.

In der Gedichtsammlung, an der Morgenstern noch kurz vor seinem Tod arbeitete: „Wir fanden einen Pfad“ (1914) ändert sich der Klang. Der Autor hebt in einem Gebet sein blutloses Herz zum Abendmahl Christi, damit er es wieder fülle: „O füll es neu bis an den Rand / mit Deines Blutes Rosenbrand“ – das Gedicht schließt als Anrede an Christus: „DU bist!“ In dem darauf folgenden Hymnus schildert er, wie Menschen das „Himmels-Licht“ verlassen, es in Wirklichkeit aber nicht können, weil es sie – ob sie es wollen oder nicht – bestimmt.

Sieh nicht, was andre tun, /
der andern sind so viel, /
du kommst nur in ein Spiel, /
das nimmermehr wird ruhn. /
Geh einfach Gottes Pfad, /
laß nichts sonst Führer sein, /
so gehst du recht und grad, /
und gingst du ganz allein.

Wenn der Mensch „in Eitelkeit / er nicht ganz versunken / und vom Wein der Zeit / nicht bis oben trunken“ kann er das Göttlich-Wahre erfahren. Wir sehen eine Wandlung in der Frömmigkeit von Morgenstern. Der sich überhöhende Mensch, der Mensch, der die Grenzen sprengen möchte, sprengt sie letztlich nicht aus sich selbst heraus. Er bleibt innerweltlich. Er sprengt die Grenzen erst dann, wenn er sich an Gott bindet.

Gott in Gedichten (18): Karl Wolfskehl

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Karl Wolfskehl (1869-1948)

Er war Schriftsteller und Übersetzer und gehörte dem Stefan George-Kreis an und war ein enger Anhänger des „Meisters“. Ab den 30er Jahren beschäftigte er sich als Jude intensiver mit seinem jüdischen Glauben, er suchte Rückhalt in dem Beständigen, im Glauben, wie „Die Stimme spricht“ deutlich werden lässt. Das heißt aber nicht, dass er nicht schon früher seine jüdische Tradition in Gedichten verarbeitet hat, so in „An den alten Wassern„. Zudem war er im Zionismus engagiert. Aber in den späteren Gedichten versuchte er, den jüdischen Glauben stärker als eine eigene bedeutsame Größe hervorzuheben. Was ihm dann auch Kritik von assimilierten Juden einbrachte. Aber in „An den alten Wassern“ klingt schon „Die Stimme spricht“ an. 1933 floh er, nachdem er überall abgewiesen worden war und auch kaum Rückhalt bei Freunden gefunden hatte, in die Schweiz, 1934 nach Italien, 1938 nach Neuseeland.

Leider war mir „INRI oder Die vier Tafeln“ nicht zugänglich. In diesen Texten soll er sein Verhältnis zu dem Juden Jesus von Nazareth dargelegt haben. Diese Texte sind auch erst nach seinem Tod, 1960, erschienen. Ebenso wurde „Hiob oder die vier Spiegel“ nach seinem Tod, 1950, veröffentlicht. Weil er bis in die Nachkriegszeit hinein kaum rezipiert wurde, soll er an dieser Stelle stärker im Fokus stehen. Zitiert werden die Gedichte nach: Friedrich Voit (Hg): Karl Wolfskehl. Späte Dichtungen, Wallstein 2009) Das Nachwort sei sehr empfohlen.

Viele seiner späten Gedichte in „Die Stimme spricht“ (1934) sind eine Art Dialoggedichte. Das heißt, der Mensch – der Autor als Prophet – spricht und Gott reagiert – wobei nicht immer deutlich wird, wie Wolfskehl in „Deinem Herzen warm und traut“ als Stimme Gottes verdeutlicht: „Hab ich heimlich eingetaut / Dein Mein neu Gedicht.“ Es geht um Gotteswort im Menschen – wie die Propheten sagten: So spricht Gott – damit sprachen nicht sie, sondern Gott durch sie mit den Worten des jeweiligen prophezeienden Individuums. Aber damit der Mensch Prophet werden kann, damit das Volk wieder Gottes Volk werden kann, muss Gott den Menschen und das Volk erst bereiten. Bereiten bedeutet, durch Leiden und Schmerzen läutern: „Aus deiner Seele schäl Ich dich, / Aus taubem Geröll und Moder. / Wider sich selber wähl Ich dich, / Läutre dich im Geloder.“ Gott macht das jedoch erst, nachdem der Beter gebetet hat: „Herr! Ich will zurück zu Deinem Wort.“ Der Autor greift mit seinem eigenen Leiden das Leiden seines Volkes auf und „Die Stimme“ tröstet in: „Herr, lasse mich nicht fallen“: „In Meinem Angesicht. / Du bist, ja, denn Ich Bin! / Du zogst ins Land, / Ich zog dich hin, / Ich liess dich nimmer fallen.“ Er ist sich aber unsicher, ob es wirklich Gott ist, der durch ihn spricht und er fragt in „Er wartet“: „Bist du der letzte Ferge, bist / Weltwürger du´s, der arger List / Liegt grinsend im Verstecke?“ Die Antwort der Stimme ist spannend: „Ich bin der Tod drin Leben kreisst, / Der Endiger, der Sich verheisst, / Der Tagstrahl der dich wecke / Und wartet.

Wunderschön wird dann in „Schechina“ die Anwesenheit Gottes in der Welt besungen; aufgegriffen in „Am Seder zu sagen“ wird die Geschichte des Volkes als Lösung von Gott dargelegt und die Antwort Gottes: „Immer wieder doch, immer wieder / Steigen auf zum Himmel eure Lieder, / Immer wieder such Ich das zerstreute / Israel, nie wird’s der Andern Beute!

Das Gedicht „Die Wand“ aus der Perspektive nach der Schoah / dem Holocaust zu lesen ist schwer: „Wo ihr nur hindrängt, steht als schwarze Wand / Der Erde Stahlgeweid getürmt zum Himmel, / Blind macht sie jeden Blick, würgt allen Hauch, … Jeder Schritt gebiert dich, jedem Schrei entsteigst du / Kälter immer in Flammen unsres Wehs.“ Früher war alles gut. „… dann brach die Zeit / Auseinander…“ In den folgenden Gedichten – alles schon vor der Schoah geschrieben – begründet die Stimme, warum das Leiden notwendig ist. Wie die alttestamentlichen Propheten warnten erklingt es neu im 20. Jahrhundert. Das Volk soll ganz allein Gott gehören, sich Gott allein zuwenden: „Drum reiss Ich dich von allem los. / Heut stehst du vor Mir öd und bloss. / Heut hab Ich dich allein!“ Es wird die Heilung folgen, die Erneuerung. Aber – und das ist heftiger: „Euch muss Leid sein, eh´r dürft ihr nicht glauben“ („Die Stimme zum Boten“). Gott ist der, der alles in der Hand hat: „Die Rede ist wahr. Denn ICH BIN DER ICH BIN. / Bald verstatt Ich, gewähr Ich Glauben.“ Man muss bereit sein, sich durch Gott von allem lösen zu lassen („Kann ich überwinden?“). Auf diesem schweren Weg heim – auf diesem Auszug, nicht aus Ägypten, sondern allen Zeiten der Verfolgung, denen das jüdische Volk ausgeliefert ist („Ewiger Auszug“)  – ist Gott anwesend – und das beschreibt Wolfskehl in vielen weiteren Gedichten (z.B.: „Ich trags mit euch“) – und sie tragen es selbst („Kalon bekawod namir“), sie gehen unter dem Segen der Alten („Vor Ausfahrt / Die Alten“). Das Gedicht „Traure nicht!“ schließt: „Er hält dich in den Flammenhänden: / Wies dich entzündet, dich durchbraust! / Leuchtend entsteigst du seinen Bränden, / Schwebst heiligen Sangs ob den Geländen: / Frei bist du Seele, gottbehaust.

Gottes Wort muss man stehen lassen, auch wenn es einem nicht gefällt („Gottes Wort über alle Ewigkeit“). Das Gedicht „ER ER ER“ hat zwei Einleitungssätze: „ER ist nicht alles, sondern: alles ist nicht ER. Das Absolute ist die vollkommene Exemption.“ Damit kann das Gedicht „Schechina“ nicht mehr im pantheistischen Sinn missverstanden werden.

Laut Michael Landmann (Figuren um Stefan George, Bd. 2, 1988) gehörte „Die Stimme spricht“ zum Reisegepäck der fliehenden Juden. Ob die „Theologie nach Auschwitz“ auch Wolfskehl berücksichtigt hat? Das zu untersuchen wäre spannend. Ich vermute eher nicht, weil man dann doch zu sehr in dem eigenen leichthinnig eingeschränkten Denken kreiste: Einen solchen Gott will ich nicht. Wolfskehl hat versucht, dem Gott, den wir Menschen nicht wollen, eine Stimme zu geben.

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Gott in Gedichten (17): Else Lasker-Schüler

Eine Gesamtdarstellung finden Sie hier: http://gedichte.wolfgangfenske.de/

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Else Lasker-Schüler (1869-1945) sehe ich als eine der ganz großen Wortkünstlerinnen an. Sie konnte auch malen und hat Worte mit Bildern zusammengeführt – aber auch mit Worten fein gemalt. Sie stand mit manchen Größen der damaligen Zeit in Kontakt, besonders auch mit dem Maler Franz Marc. Als Jüdin floh sie nach Angriffen schon 1933 in die Schweiz, wurde jedoch an ihrer Berufsausübung behindert, besuchte hin und wieder Israel und konnte 1939 nicht wieder zurück und blieb dort, fühlte sich allerdings fern von Freunden dort nicht wohl. Zudem beschäftigte sie die schwere Zeit, die Juden sowohl in Deutschland als auch in Palästina unter britischer Hoheit erleben mussten. Sie bekam einmal wegen ihrer Exzentrizität Schwierigkeiten, aber auch, weil sie deutsch sprach. 1944 erkrankte sie, starb 1945. Die Gedichte werden zitiert nach: Sämtliche Gedichte, hg.v. F. Kemp, Kösel Verlag München 3. Auflage 1984.

Hinter dem Link verbirgt sich ein sehr schöner Text von Else Lasker-Schüler zu ihrem Glauben. Das, was sie hier schreibt, wird in den Gedichten freilich so nicht deutlich: http://www.deutsche-liebeslyrik.de/else_lasker_schuler_seite/lasker_schuler_prosa5.htm In den Gedichten spricht sie anders von Gott. In beiden Textgattungen spricht sie persönlich, bekennend. Aber wie unterschiedlich kann ein und derselbe Mensch Gott bekennen. Das Wunder des Wortes. In dem Gedicht über Georg Trakl schrieb sie: „Und bereiteten Gott von Mund zu Mund. / Im Anfang war das Wort.

In ihrem letzten von ihr veröffentlichtem Gedichtband „Mein blaues Klavier“ (1943) finden wir viele Gedichte, die Gott beschreiben: „Gott tröstet mich“ („Die Verscheuchte“), Gott weint, weil die einst türkise Erde grau geworden ist („Ergraut kommt seine kleine Welt zurück“), die heilige Liebe, die Menschen blind zertraten, ist Gottes Ebenbild („Ich liege wo am Wegrand“); sie sagt „Nur in der Offenbarung ist der Weg zu ihm nicht weit“ („Abendzeit“). Sie schwebt die Welten all hinan – in dem Gedicht „Hingabe“ – doch was macht in diesem Gedicht der Mann? Ist es ein Liebeslied – während der Mann auf ihr liegt, gehen ihre Gedanken Welten hinan, sie denkt an Grundsätzliches, über Leben und Sterben – und dass sie alle Bilder, die sie sich von irgendwas gemacht hat, verloren hat? Ein Liebeslied? Hingabe an den Mann? Kaum anzunehmen. Und so geht es mit vielen Gedichten. Gott wird erwähnt, aber es ist sehr schwer, genau zu sagen, was sie meint. Er ist Teil des Lebens  wie er ein Teil nur des Gedichtes ist (vgl. zu Ricarda Huch, Theodor Storm). Es wird deutlich: Man muss diese Gedichte ganz lesen. Zitate geben im Grunde kaum Relevantes wieder.

Das Liebesgedicht „Ich weiß“ ist da schon eindeutiger: „Mein Odem schwebt über Gottes Fluß – / ich setze leise meinen Fuß / Auf den Pfad zum ewigen Heime.“ Auch „Mein Herz ruht müde“. In diesem heißt es wunderschön: „Ich habe meines Lebens Schlußakkord vollbracht – / Bin still verschieden – wie es Gott in mir erdacht: / Ein Psalm erlösender – damit die Welt ihn übe.“ >Ich habe<!?

In anderen Gedichten hören wir sie anders Gott wahrnehmen: In „Verstreute Gedichte“ sucht sie Gott – und zerschellt an ihm, wandte sich von ihm ab, denn Gott hat sie versucht. Oder in „O Gott“  ruft sie aus: „Könnte ich einmal Gottes Hand fassen“ … „O Gott, o Gott, wie weit bin ich von dir!

Auch im Nachlass gibt es kleine Kostbarkeiten: „Gott übersieht die kleinste Kerze nicht“ darüber sinnt sie am Sabbatabend nach. Oder sie fragt sich: Wie kann ihre Klage Gott berühren? Die Menschen leiden so viel – darum schweigt sie mit ihrer Klage zu Gott – denn, so kann man ergänzen: Wenn er diesen Menschen nicht hilft, dann mich auch nicht, Klagen nützen nichts.  In „Gott hör…“ findet ihre Klage jedoch Worte und sie legt ihre Seele in Gottes Hände: „Nimm sie still in deine Hände….. / Damit sie leuchtend in dir ende.“ (Gebet)

In diesen Gedichten begegnet uns Licht und leuchten, Klang und Lied, Odem und schweben… – es sind viele zarte Gedichte, die wir in den Sammlungen finden – auch im Zusammenhang mit Gott. In den „Hebräischen Balladen“ heißt es:

Meine erste Blüte Blut sehnte sich nach dir, /
So komme doch, /
Du süßer Gott, /
Du Gespiele Gott, /
deines Tores Gold schmilzt an meiner Sehnsucht
.“ („Zebaoth“)

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