Sklaverei 3 : Weiterführung

Die Frage stellt sich nun mit Blick auf die Bibel. Sie ist Gottes Wort – und kämpft nicht gegen die äußere Sklaverei? Die Bibel hat wichtige Impulse durch innere Befreiung gegeben. Der Mensch ist nicht nur Sklave durch andere Menschen, sondern wird auch durch vieles andere abhängig: Krankheiten, Behinderungen, Ängste, soziale Verhältnisse…. Wie können abhängige Menschen – welcher Art auch immer – wirklich frei werden? Durch den Glauben an Jesus Christus, dadurch, dass man sich in den widrigsten Lebensumständen von Gott geliebt und frei wissen darf.

Aber hätten die Christen nicht intensiver auf die äußere Freiheit hinwirken können? Diese Frage ist schwer zu beantworten, weil die Menschen in all ihren Zeiten Teil der Zeiten sind. Es sind Barrieren in den Köpfen abzubauen, es ist erst einmal deutlich zu werden, dass ein Problem besteht. So denken wir zum Beispiel an uns heute: Warum gibt es noch immer Sklaverei? Warum schaffen wir sie nicht ab? Vor diesem Problem stand auch die kleine christliche Gemeinde, die ihrerseits ja kein Ansehen hatte, weil sie vielfach aus verachteten Sklaven bestanden hat. Wir können einfach nur erschüttert sehen, wie schwer es ist, menschliche/humane Verhältnisse durchzusetzen – bis heute. Vielleicht ein Verstehensversuch: Schaffen wir einmal alle hilfreichen Geräte ab – wie würden wir klar kommen?

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Die Rechts-Ordnung gibt vor, dass es Sklaven gibt. Die Natur gibt vor, dass es Sklaven gibt. Jeder denkende Mensch sieht also ein: Es muss Sklaven geben. Alle Völker, Stämme, die etwas auf sich halten, haben Sklaven. Ohne Sklaven gibt es nur Schwäche und Niedergang.  Sklavenbefreiung bringt Unordnung, Unfrieden, Krieg. (Pax = Vertrag/Ordnung.) Ziel ist Ordnung, also Frieden, das heißt: Es muss Sklaven geben. Jeder, der für die Sklavenbefreiung eintritt, ist gegen Frieden.

So dachte man in der Antike. Dieses Denken muss langsam aber sicher verändert werden. Das geschah durch die christliche Botschaft. Aus heutiger Perspektive zu langsam. Aber… – siehe unten.

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Ich denke, man sollte etwas anderes auch beachten: Vielleicht ist uns heute die körperliche Freiheit wichtiger als sie den Menschen damals war. Sie haben erkannt, dass die äußere Freiheit nicht gegen die Ordnung (von Natur aus…), gegen das Recht erreichbar war – aber die innere Freiheit. Und diese innere Freiheit zu der der christliche Glaube verhalf, vereinte eben Herren und Sklaven und führte dazu, dass wenn man wirklich Jesus Christus gehörte, ein humaner Umgang herrschte. Freiheit von Sünde, von Tod, sich in Widrigkeiten frei zu fühlen ist wichtiger als die äußere Freiheit. Ich weiß nicht, aber vielleicht sollten wir auch das berücksichtigen in der Diskussion – auch wenn es aus unserem Weltbild heraus nicht akzeptabel ist.

Und so dauerte es lange, bis Menschen die innere Freiheit und die äußere Freiheit gleichermaßen wichtig nahmen und durchzusetzen versuchen. Die äußere Freiheit – die war Jesus nicht unwichtig. Er hatte eine ganzheitliche Sicht im Blick.

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Interessant ist nun, dass die Gemeinde so eine Art Parallelwelt aufbauen wollte: In der Gemeinde zählt allein Gottes Wille, seine Vorstellung von einem guten Zusammenleben – außerhalb ist die Welt des Sündenfalls. Aber die Welt der Gemeinde kann in die Welt des Sündenfalls durch die Menschen, die zur Gemeinde gehören, hineinwirken und sie verändern.

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Friede: (a) Innerer Friede – (b) Friede mit Gott – (c) sozialer Friede – (d) Institutioneller Friede. Die Gemeinde bot den Sklaven (a) und (b) an, darüber hinaus (c) aber nur, soweit es das Leben in der Gemeinde betrifft. Außerhalb der Gemeinde gibt es Kampf und schweres Leben. Aber das betraf nicht nur die Sklaven, das betraf alle, die zur Gemeinde gehörten. Ausgrenzung, Verfolgung, körperliche Angriffe, Auseinandersetzungen, Überlebenskämpfe… (d) war niemandem im Blick, da der normale Mensch nichts zum Zusammenleben der Staaten tun konnte und kurzfristig wirklich Einfluss auf die Institutionen hatte.

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Mit Blick auf die Bibel als Gottes Wort im vielfach beschriebenen Sinn und mit Blick auf das Wirken des Heiligen Geistes: Glaube ist Prozess. In der Heiligen Schrift gibt es innovative Ansätze, die sich langsam aber sicher mit den Menschen, die diese erkennen, durchsetzen. Es gibt in ihr auch zeitbegrenzte Verdunkelungen (AT: Sklaven dürfen nur Menschen aus den Völkern sein) – aber gleichzeitig Fortschritte: humane Behandlung von Menschen. Es gibt zeitbegrenzte Einschränkungen, die sich aber über einen langen Zeitraum hinweg als wichtig erwiesen haben (Parallelwelt durchdringt die negative Welt). Heute setzen sich Gruppen für die Sklavenbefreiung ein. Das ist heute auch wichtig, weil in der Nachfolge Jesu (das, was man sich für das Reich Gottes erhofft, jetzt schon durchsetzen) diese Vorgehensweise möglich ist. Allerdings auch nur sehr beschränkt. Denn die Probleme: Wenn man Sklaven freikauft, werden neue gefangen genommen, wenn man sie befreit, muss man sie ernähren, medizinisch betreuen, beschulen, ausbilden – was aber vielfach kaum mehr möglich ist. Die Organisationen benötigen viel Geld, um ihrer wichtigen Arbeit nachzukommen. Und das heute in unserer reichen Zeit. Wie hätte das alles damals gehen sollen?

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Das ist keine Apologie. Das ist eine Aufforderung, sich mehr um diese Arbeit der Organisationen, die sich für die Befreiung von Sklaven einsetzen, zu kümmern.

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Jesaja 7 – Jesus Christus im Alten Testament

In Jesaja 7 steht nichts über Jesus von Nazareth, dem Christus. Im gesamten Alten Testament steht nichts über Jesus von Nazareth.

Jesus ist ein Mensch, der in den Jahren 7.-4. vor Christus geboren wurde und ca. im Jahr 27 zu wirken begann. Seine Wirksamkeit machte auf manche Menschen großen Eindruck.

In der Begegnung mit der Lehre und dem Wirken Jesu haben seine Nachfolgerinnen und Nachfolger während des Lesens alttestamentlicher Texte bzw. in der (Auslegungs)Tradition alttestamentlicher Texte in ihm den erkannt, der im Alten Testament angekündigt worden war.

In der Re-Lektüre – also in einer Zeit, in der sie Jesus kennen lernten, haben sie ihn im Alten Testament wieder erkannt. Nicht im gesamten Alten Testament – sondern nur in den Teilen, die sie mit Jesus Christus verbinden konnten.

Die Voraussetzung dieses Wiedererkennens: Gott, der in Jesus Christus handelte, der handelte auch in der gesamten Geschichte Israels wie auch der Geschichte davor. Und weil es der eine Gott ist, der in Jesus gehandelt hat und handelt, hat Gott auch den Propheten den Blick in die Zeit Jesu ermöglicht. Sie wussten es wohl nicht – aber eben aus der Perspektive der Nachfolger haben sie die einzelnen Hinweise im Alten Testament wiedererkannt und dann wie ein Puzzle zusammengefügt. Es ergab sich ein Gesamtbild: Leben und Lehre Jesu wurden von Gott im AT verheißen, angekündigt.

Die Frage ist: Hat sich Jesus selbst schon im Licht des Alten Testaments erkannt? Ich vermute schon. Er hat damit seinen Nachfolgern vermutlich schon ein Deutungsmuster für sein kurzes Wirken mitgegeben. Letztlich war aber die Erfahrung des vom Tode auferstandenen Jesus Christus für diese Re-Lektüre ausschlaggebend.

Die Frage ist: Haben die Christen sich das alles so ausgedacht? Jüdische Strömungen haben auch schon alttestamentliche Texte messianisch gelesen. Diese wurden dann von Christen aufgenommen und mit dem, was sie von und mit Jesus Christus erfahren hatten, verbunden und als Erfüllung dieser Verheißung erfahren. Das heißt: Ihre Textinterpretation entsprach der Gepflogenheit der Zeit. Von daher war sie für so manchen einleuchtend. Und Textinterpretationen sind vielfach von der jeweiligen Zeit abhängig.

Die weitere Frage ist: Was ist wirkliches Ereignis im Leben Jesu gewesen, das man in alttestamentlichen Texten wiedergefunden hat – oder was hat man aus alttestamentlichen Texten genommen, um das Leben Jesu nachträglich aus dem Licht des Alten Testaments zu interpretieren?

Was wir erkennen: Jesus hat eine sehr große Innovationskraft besessen, er hat neue Perspektiven eröffnet, sein Leben bzw. Texte des Alten Testaments zu verstehen. Gleichzeitig hat man durch das Leben und die Lehre Jesu manche messianisch gedeuteten Texte nicht mehr übernehmen können. Das ist sehr schön an der Kindheitsgeschichte des Lukas erkennbar: Jesus wird als der politische Retter erwartet – doch dann kam Jesus, der Retter, der auf einer anderen Ebene rettete (vgl. die Erwartung der Emmausjünger – und die Korrektur durch den auferstandenen Jesus). Jesus hat aus der Sicht seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger manche messianischen Texte und manche Erwartungen erfüllt – manche nicht. Jesus, der als Gottes Sohn geglaubt wurde, hat als diese Autorität auch dazu geführt, selektiv zu lesen, aber auch manche Texte neu zu verstehen. Die, die nicht erfüllt wurden, wurden von Christen aufgrund ihrer Gotteserfahrung – argumentativ – beiseite gedrängt. Jesus Christus ließ das AT im Licht Jesu lesen – das AT ließ Jesus im Licht des AT lesen.

Bei all dem darf man nicht vergessen: Gott als Schöpfer und Erhalter der Welt, als der, der Israel erwählt und begleitet hat – er war im Glauben (nicht nur) der frühen Gemeinde der, der auch in Jesus wirkte und durch seinen Geist in ihnen wirkte.

Umgang mit alten Texten bedeutet auch, eine Art Dialog zu führen. Man versucht sie zu verstehen, zu verstehen, was sie sagen wollten, versucht den Blickwinkel derer einzunehmen, die ihn aussprachen, die ihn verfassten. Man kann das natürlich aus der gegenwärtigen Zeit heraus rationalisieren und sagen: Alles falsch. Und es muss ja auch alles falsch sein, wenn man Gott nicht anerkennt, damit auch nicht anerkennt, dass er durch seinen Geist in Texten und Menschen wirksam ist. Aber damit hat man nicht die Perspektive der Menschen eingenommen, nimmt ihre Erfahrungen und Weltdeutungen nicht ernst, sondern hat seine eigene Meinung – die auch nur eine EintagsfliegenMeinung ist – dominant über sie gelegt, sieht die eigene allein als die wahre Weltdeutung an – würde sie also überschreien. Je nachdem wie man es macht – kommt es dann zur Diskussion zwischen den Weltdeutungen – und die eine oder andere setzt sich mehr oder weniger durch, auch modifiziert durch – oder es kommt zur unversöhnlichen Abgrenzung von den Meinungen anderer.

Ich denke, es ist ein Zeichen der Gelassenheit, die Weltdeutungen anderer einfach stehen lassen zu können – auch wenn ich sie nicht verstehe.

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Bibel 2: Mythos, Bilder der Bibel, Bibel als Wort Gottes, Anwesenheit Gottes in gottloser Welt

Biblische Texte sind – z.B. von Matthäus – für die jeweiligen Adressaten ihrer Zeit geschrieben worden. Sie greifen ihre Fragen auf, sind an die konkreten Adressaten gerichtet.

Diese Texte wurden dann von der Gemeinde verbreitet und schließlich kanonisiert, das heißt: Menschen, die an Gott in Jesus Christus glauben, haben ihren Glauben in diesen Texten wiedergefunden – und das geschah in Glaubenden zu allen Zeiten – und die Texte haben Glauben geweckt.

Glaubende  kontextualisieren die Texte bzw. ergründen deren Relevanz für das eigene Leben. Zwangsläufig kommt es dabei zu unterschiedlichen Interpretationen. Das ist nicht schlecht, sondern fordert zum Dialog auf, ebenso ist das nicht schlecht, weil die Texte eben jeden Menschen in seiner jeweiligen Situation ansprechen. Wir Menschen sind verschieden – und so sprechen die Texte uns auch unterschiedlich an, auch abhängig davon, in welcher Situation wir leben. Sie bestehen nicht einfach aus kalten, rationalistischen Wörter-Geweben oder mathematischen Formeln. Darum sind Gebet, Meditation usw. eine Möglichkeit, sich ihnen anzunähern und sich ihnen zu öffnen. Mit Empathie für den Text / Autor / Leser versteht man mehr, weil man dann in einen Dialog eintreten kann – und sich nicht dominant über den Text erhebt.

An dieser Stelle noch ein Hinweis zu Mythos. Der Mythos ist Welt-Erklärung aber er ist in einer Zeit, die den Mythos als Mythos erkennt, nicht passé. Nehmen wir die Schöpfungsgeschichte: Es geht in dem Schöpfungslied Genesis 1 nicht nur um die sieben Tage der Schöpfung, die den siebten Tag – den Sabbat – begründen sollen, sondern in einer Zeit des Chaos (Babylonische Gefangenschaft?) sagt der Text: Schöpfung ist in seiner Grundlage gut. In einer Zeit der Entwürdigung wird gesagt: Der Mensch ist Ebenbild Gottes – jeder Mensch hat gleiche Würde. In einer Zeit des Zweifels an Menschen wird gesagt: Die Welt ist kein Zufall, sie ist von Gott gewollt. Und das bleibt, auch wenn ich aus der jeweils neuen Perspektive den Mythos anders verstehe. Texte sprechen mich in meiner Tiefe an, wenn ich mich darauf einlasse, auf sie höre, sie ernst nehme. (Damit gehe ich auf die psychologisch orientierte Exegese ein.) Darin unterscheiden sie sich von möglichst einfachen Alltags-Texten. Man muss sich ja auch in Gedichte einlesen, in philosophische oder wissenschaftliche Texte – aber anders als die letztgenannten Texte erreichen sie meine Psyche auf einer anderen Ebene. (Wobei die alten philosophischen Texte sehr viele Bilder einweben. Einprägsam sind Bilder auch in zeitgenössischen Philosophien. Sie bleiben hängen – mehr als das ganze philosophische Gebäude drumherum.) Sie sind nicht nur rational zu erfassen. Die Bilder biblischer Texte wirken. Gott spricht durch Träume, Gottes Mächte sind als Boten anwesend, Bilder der Angst werden aufgegriffen und aufgelöst – sie wirken auf tieferer Ebene als die Ratio. (Allerdings können sich auch Bilder der Angst festsetzen – wenn man sie aus dem Kontext isoliert.) Und so sind für die Psyche der Menschen gerade die Texte wichtig, die Wunder, Träume… ansprechen, also Texte, die dem Historiker nur historisch wichtig erscheinen aber aus der gegenwärtigen rationalen Perspektive als unrealistisch beiseite geschoben werden. Das Unbewusste, das angesprochen wird, ist vielfach relevanter als das, was durch das Bewusstsein gefiltert wird. Wenn man das erkannt hat, dann erkennt man auch, an welchen Stellen Texte gefährlich werden können. Das muss man erkennen und auf die Ebene des Bewusstseins heben. Aber nicht alles, was den Menschen auf der unbewussten Ebene anspricht, ist gefährlich. Im Gegenteil: Gerade das, was wir im NT lesen – was wir unter diesem Vorzeichen im AT lesen, kann äußerst wichtig sein für die Lebensbewältigung: Geborgenheit, Freiheit, Kraft zu widerstehen…

Und so sind die biblischen Texte vielfältig: Man nimmt auch als Leser Rollen ein: Gleichnisse, Wunder fordern dazu auf, Stellung zu nehmen. Alles auf der Ebene des Unbewussten. Diese Texte kann man auf die rationale Ebene heben, kann sie reflektieren, um dann bewusst Antwort zu geben. Aber all das ersetzt nicht ihre Tiefenwirkung.

Als menschliches Wesen verdanke ich nicht mich selbst. Ich verdanke mich biologisch den Eltern. Aber ich verdanke mich auch – ausgehend von der engeren Familie – psychisch den Menschen um mich herum, ich nehme ihre Aussprache, ihre Verhaltensweisen auf, sie prägen mich auch unbewusst… Ich bin Empfangender und so erfahre ich mich auch als Bibelleser: als Empfangenden der Liebe Gottes. Des Gottes, der befreit, der Wegweisung gibt, der mich zurechtweist… – der mich mich selbst schenkt. Ich erfahre ihn aber auch als einen, der sich mir in seiner Freiheit entziehen kann und dem ich mich in meiner Freiheit entziehen kann. Beides sind schmerzhafte Lebensvorgänge. So sind die Jesus-Texte mehr als nur Texte: Sie sagen, dass Gott anwesend ist. Durch sie bricht Gott in meine Welt ein, in der Gott abwesend ist. Nicht jeder Text muss sich mir als Wort Gottes erweisen, outen, sondern in dem Einbruch Gottes in meine Welt durch die Texte kann mir ein bestimmter Text zu Gottes Wort werden. Bibel allgemein als Gottes Wort zu bezeichnen, ist abstrakt, losgelöst von meinem Leben. Aber die Texte können Gott mit meinem Alltag verweben. (Von der Bibel pauschal als Wort Gottes zu sprechen ist insofern berechtigt, als die Kirche – also die Menge von glaubenden Individuen jeweils unterschiedliche Texte bzw. in unterschiedlichen Lebensabschnitten Texte als ein solches erfahren.) So werden die Texte zu Texten die nicht mehr in sich verwoben sind sondern Gott einweben und auch mich einweben. Wenn ich es denn zulasse.

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Anmerkung zum Bibel-Lesen

Texte – Texte bestehen aus zusammengefügten Wörtern. Worte – zusammen gefügte Wörter, Gedanken – müssen verstanden werden. Der Sinn eines Textes wird unter anderem durch Rezipienten erhoben. Wir sind in dieser Frage bei der Argumentationswissenschaft, der Rhetorik, der kognitiven Linguistik… Man muss sich einlesen in Texte. Man muss lesen üben. Nicht jeder versteht philosophische, juristische, medizinische… Texte. Manchmal ist Verstehen einfacher – wenn es den Alltag betrifft, um das bekannte Beispiel zu nennen: Der Kellner ruft einem anderen Kellner zu: Das Schnitzel da hinten in der Ecke will bezahlen! Größeren Blödsinn kann ein Mensch kaum sagen. Aber, das Hirn versucht sich den Sinn dieses vollkommen unlogischen Satzes zu erarbeiten. Mit Hilfe dieser Worte und aus dem Kontext heraus weiß also der Kellner, dass der Gast, der ein Schnitzel verzehrt hat und in einer Ecke auf einem Stuhl am Tisch sitzt, fertig gespeist hat und nun bezahlen will. Sprechen wie verstehen ist immer ein kreativer Prozess. Die Wörter: Er trank ein Gläschen zuviel – sind sinnlos. Nun arbeitet das Hirn, was das Zeug hält und ist in der Lage, diese sonderbare Wortzusammenstellung zu interpretieren. Es ist hier nicht der Ort, das alles darzulegen – ein Thema, das ich in meiner Habilitationsarbeit vertieft hatte. Kurz gesagt: Interpretation ist nicht nur von rational-logischen Faktoren bestimmt. „Wahrheit“ auf das zu reduzieren, was man naturwissenschaftlich nachvollziehen kann, reduziert die Komplexität in einem extremen Maß, so dass wirkliches Verstehen unmöglich wird. Wir sind abhängig von Sprache, lebendiger, flexibler Sprache. Der Mensch mit seinen Traditionen, seiner Erziehung, seinem Charakter, seinen augenblicklichen Emotionen, seinen Interessen, seinem ästhetischen Gefühl, seiner Moral, seine Weltvorstellungen insgesamt prägen die Interpretation. Es gibt Argumentationskulturen, wissenschaftliche, künstlerische, juristische, religiöse, Argumentationskulturen, es gibt Hochsprache, Sprache der Straße… (ich habe sie schon einmal unter „Sprachspiele“ erwähnt). Man muss die Wörter verstehen, aber auch den Inhalt, die Worte, den „Geist“ des Textes. Diese sind nur unter Verzicht von Lebendigkeit rein logisch zu erheben. Man versucht Sprache mathematisch logisch darzustellen (Logik-Linguistik), aber eine solche Sprache hat für die alltägliche Verständigung keine Relevanz.

Damit sind wir bei der Interpretation, die auch für die Interpretation der Bibel gilt. Die Bibel besteht aus Texten. Das, was die Texte sagen, muss erkannt werden. Um das, was die Texte sagen bzw. Autoren sagen wollten, bedarf es der Regeln der Textauslegung. Da es sich um alte Texte handelt, müssen wir auch zum Verstehen der Texte historische Forschung betreiben.

Weitergehend: Interpretationen sind nicht willkürlich, denn wie Texte interpretiert werden, wird auch durch die Tradition, die Kultur, durch das jeweilige Individuum bestimmt. Von daher fällt es uns aus der westlichen Kultur so schwer, buddhistische Texte zu verstehen oder Texte des Koran bzw. Menschen der Moderne, denen die Sprache des Glaubens fremd geworden ist, verstehen die biblischen Texte nicht mehr.

Neben dieser Interpretation mit Hilfe von Regeln wird seit vielen Jahrhunderten versucht, die Bibel mit Hilfe des Geistes Gottes auszulegen, dem man sich öffnet (innere Klarheit), mit Hilfe des Gebetes, der Meditation. So erschließt sich Gott dem Leser – es findet eine Verbindung zwischen Gott und Leser statt. Diese beiden Aspekte werden schon von Augustinus bedacht: Regeln + Verstehen mit Hilfe des Geistes Gottes gehören zusammen. Das ist die spezifische christliche Erfahrung.

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Nun entdecken nicht erst schlaue Menschen der Gegenwart, dass die Bibel unterschiedlich ausgelegt wird, dass Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt werden, dass überhaupt die Texte der Bibel vielfältig sind. Menschen können sich täuschen, lesen nur das in die Bibel hinein, was sie herauslesen wollen usw. Das gibt es bei jeder Textinterpretation – aber im christlichen Glauben nennt man das seit alters: Es geht um die Unterscheidung der Geister – also wer liest richtig, wer liest falsch? Und das ist eine ständige Auseinandersetzung innerhalb der Kirche. Als Glaubende geht man davon aus, dass sich Gottes Geist trotz aller „Irrungen und Wirrungen“ immer stärker durchsetzen wird. Das, obwohl in manchen Zeiten unter menschlicher Arroganz und Machtgelüste… er ganz zum Verstummen bzw. „Verstimmen“ gebracht wird – bis er sich wieder aus den Trümmern erhebt.

Damit ein falsches Lesen möglichst verhindert wird, benötigen diejenigen, die die Bibel lesen, der Kommunikation mit der Gemeinde, das in einem umfassenden Sinn. Einmal mit der Gemeinde der Gegenwart vor Ort – „reading with“ – eine Formulierung, die mit der Theologie der Befreiung ausgesprochen wurde: Man liest gemeinsam mit anderen die Bibel, um gemeinsam den richtigen Sinn zu erschließen. Man liest sie unter Berücksichtigung anderer Christen außerhalb des jeweiligen Ortes, zum Beispiel mit Hilfe von (wissenschaftlichen) Kommentaren, Biographien,… Das geht soweit, dass auch Kunst und Musik Bibelinterpretationen sind, die man berücksichtigen sollte. Entsprechend gestalte ich meinen Blog: Kunst, Literatur, unterschiedliche christliche Positionen… Wichtig ist also, dass die unterschiedlichen Gruppen miteinander kommunizieren, dass man auch die Traditionen nicht vor lauter Hochmut der Nachgeborenen übergeht. Dort, wo Christen das Gespräch mit anderen Christen verweigern, haben wir Fundamentalismus bzw. Ideologie vorliegen. Und es gibt nicht nur frommen Fundamentalismus und fromme Ideologie, sondern auch solche der Menschen der jeweiligen Moderne, die meinen, sie hätten den Durchblick und alle anderen müssten sich ihnen anschließen – ohne Bibel zu lesen. Moderner Fundamentalismus ist genauso gefährlich wie alter Fundamentalismus, weil er Gespräch verweigert und ideologische Züge trägt.

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Zurück zum Bibel lesen: Wozu kommt man dann, wenn man das alles berücksichtigt? Wie bei der Theodizee nicht zu abstrakten und für alle allen Zeiten gültigen Ergebnissen, sondern verbunden mit den persönlichen Erfahrungen, den Erfahrungen der Kirche in der Zeit kommt man zu Schlussfolgerungen, die für die jeweilige Zeit relevant sind. Denn man liest als Mensch seiner Zeit, seines Ortes, seiner Mitmenschen. Diese Exegese ist eine, die nicht nur durch den Verstand stattfindet, sondern der ganze Mensch, bzw. die Gruppe im gesamten Lebensvollzug, ist daran beteiligt. Nicht nur das rational reduzierte Hirn. Unabhängig von unserem Leben gibt es in diesem Zusammenhang für uns keine allgemeingültigen Antworten. Antworten auf diese Fragen haben mit unserem Leben zu tun.

Das ist eben auch das, was die Berücksichtigung des Geistes Gottes ausmacht: Es geht um Lebendigkeit, nicht um Stagnation. Wahrheit ist Wahrheit, die jeweils im Lebensvollzug als eine solche wahrgenommen wird. Das heißt aber eben auch: Nicht von allen gleichermaßen wahrgenommen werden muss. Darum wird diskutiert.

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Haben Christen ewige Wahrheiten? Ja. Die Bibel ist das Wort Gottes – das ist eine dieser Wahrheiten. Doch was bedeutet das? Wie sprechen wir das aus, dass der gesamte Mensch davon erfasst wird, dass das nicht nur eine leere Formel bleibt? Eine, die vielleicht das logische Hirn befriedigt, aber im Grunde für den ganzen Menschen nichtssagend sind? Bzw. umgekehrt: die Emotion befriedigen, aber das Hirn nicht. Sich darum zu bemühen, das ist Auftrag an jede Generation. Sie muss herausfinden, wie sie mit der Bibel umgeht – und mit der Bibel muss sie umgehen. Das Gespräch mit der Bibel ist Voraussetzung vor allem auch protestantischer Identität. Wer nicht das intensive Gespräch mit der Bibel sucht, muss sich fragen, auf welcher Basis er seinen Glauben stellt. Was ist das nicht aufgebbare Zentrum? Wie ist es möglich, nachvollziehbar die „Geister zu unterscheiden“? Bei diesem Ringen muss es aus meiner Sicht darum gehen: Regeln der Interpretation beachten samt: sich dem Geist Gottes öffnen, Gebet, Meditation, Kommunikation.

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Es gibt keine Gehirnwäsche – auch nicht durch den Heiligen Geist, den Geist Gottes. Er lässt Freiheit. Es gibt Zeiten, in denen die Bibelinterpretation aufgrund der Kultur einheitlicher ist – und es gibt Zeiten, in denen um die richtige Interpretation intensiver gerungen wird. Es gibt Zeiten, in denen Machtgruppen meinen, sie hätten die für alle Menschen und Zeiten maßgebliche Interpretation – und Zeiten, die meinen, man benötige die Bibel nur in Auszügen, oder nur das NT nicht das AT, oder man benötige sie überhaupt nicht. Aber nicht umsonst ringen Christen seit ihren Anfängen darum, den Weg Gottes zu finden. In Zeiten, in denen die Kirche verantwortlich war für die Gesellschaft, für das Zusammenleben, damit es möglichst geordnet war, musste sie die Bibel gesetzlich auslegen, stringent, nach einem bestimmten Muster. Sie war ja Gesetz. Aus der heutigen Sicht ist das enge Zusammengehen von Staat und Kirche bis hin zum Staatskirchentum in manchen ihrer Vollzüge eines der dunklen Kapitel. Die enge Bindung an alttestamentliche Vorstellungen, das Zusammenleben zu regeln, hat auch der Kirche selbst die Freiheit genommen.

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Eine einheitliche Bibelinterpretation muss angestrebt werden – und auch wenn das aus der jeweiligen Perspektive nur annähernd gelingen sollte – sie ist kein Gottesbeweis, auch wenn manche das als ein solches verstehen wollen. Sie hilft vielleicht anderen, sich Gott zu öffnen (vgl. Johannes 17).

Wesentlich ist für mich: Die biblischen Texte sind vielfältig. Sie treffen in ihrer Vielfalt unterschiedliche Menschen. Die von der Bibel ergriffenen vielfältigen Menschensprechen wieder jeweils Menschen an, die entsprechend reagieren. Ich spreche als Ich Menschen an – manche akzeptieren es, manche nicht – dafür sprechen wieder andere Menschen an, die sie jeweils akzeptieren oder nicht. Und das gilt auch für biblische Texte.

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Trotz all dieser Individualisierungen des Lesens biblischer Texte und der individuellen Weitergabe des Glaubens gibt es einen roten Faden. Der rote Faden, der manchmal gar nicht mehr so richtig wahrnehmbar ist, ist der Glaube an Gott, der im Volk Israel und durch Jesus Christus gehandelt hat und durch Gottes Geist am Individuum und an der Gemeinde handelt. Und darum benötigen wir eben die Öffnung (Gebet, Meditation…).

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Bibel als Wohnung

Man besichtigt eine Wohnung. Die Augen sind die eines Fremden. Rasch erfassen sie alles. Gutes, Schlechtes, Interessantes, Allgemeines. Man sieht sie mit den Augen dessen, der mit der Wohnung etwas anfangen will, so damit sie ihm gefällt – oder sie passt nicht, man lässt es.

Wenn man sich für sie entschieden hat – dann in die neue Wohnung zieht, dann entdeckt man alles, was einem an dieser neuen Wohnung nicht gefällt: man streicht, tapeziert, repariert…

Wenn man dann eine Weile in der neuen Wohnung lebt und sie zur alten Wohnung wird, dann nimmt man kleinere Macken gar nicht mehr wahr, sie gehören einfach zu der Wohnung, in der man sich wohlfühlt. Wie ich die Wohnung präge, so prägt sie nun auch mich – eingeschlossen ihr Umfeld.

So ist auch die Bibel eine Wohnung. Wenn man sich denn eingelebt hat, wird sie einem ein Zuhause, Heimat, Rückzugs- und Ermutigungsort.

Wenn dann ein kecker Besucher kommt und sagt: Das gefällt mir nicht, dies gefällt mir nicht und jenes… Dann sagt man ihm: Ich fühle mich hier wohl. Wenn es dir nicht passt, dann geh doch!

Aber Freunde sagen so etwas einem nicht, denn sie lieben die Wohnung wie sie ist, weil eben der Freund in ihr lebt. Manchmal helfen sie einen beim Erneuern von diesem und jenem.

Allerdings sagen gute Freunde auch, wenn die Wohnung verloddert: Mein Lieber, du musst mal wieder was machen!

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Bergpredigt: Schluss – Warnung und Lebensbasis

Schluss der Bergpredigt

Der Schluss der Bergpredigt endet mit einem Text, der auf das hinweist, was wir schon immer beim Lesen der Bergpredigt gedacht haben: Das ist aber schwer zu tun! Nicht zu beschimpfen, Frauen nicht begehrlich anzusehen, sich nicht scheiden zu lassen, wenn einem danach ist, aufrichtig zu reden, seine Wange hinhalten, wenn einer einen schlägt, den Feind zu lieben, nicht zu heucheln – denn man möchte ja immer besser dastehen, damit man soziales Ansehen hat, nicht nach irdischen Schätzen zu trachten… – das ist unmenschlich!

Aber Jesus, so Matthäus traut es uns zu, diesen weg Gottes zu gehen. Er ist schwer, aber er ist zu gehen.  Und weil der Weg so schwer ist, werden viele den leichten, den normalen Weg gehen. Dieses Bild wiederum ist sehr drastisch, er prägte sich ein und war bei unseren Vorfahren ein beliebtes Bild. Nicht nur bei unseren christlichen Vorfahren. Herakles musste sich auch am Scheideweg zwischen dem leichten, genussvollen aber verwerflichen und den beschwerlichen Weg der Tugend entscheiden, denn der leichte Weg der Glückseligkeit ist nur eine Vorgaukelei. Diese Wege waren von Frauen bestimmt: Frau Laster (Glückseligkeit durch Laster, sie ist verstoßen worden von den Göttern und versucht den Menschen, den üblen, leichten Weg zu gehen) und Frau Tugend (Schönes und Gutes geben die Götter nur dem, der sich müht und fleißig ist). Beide reden, miteinander diskutierend, dem Herakles zu – der Held entscheidet sich für den moralischen Weg, den Weg, der zum Ruhm führt.

Auf weitere Parallelen und Unterschiede sei hier nicht eingegangen. Es sei nur angemerkt: beide weisen auf Vergänglichkeit und Ruhm hin. Der eine hat Vergänglichkeit und Ruhm bei Menschen im Blick, der andere bei Gott. Das normale – auch tugendhafte – Menschen nach kurzer Zeit vergessen werden (anders als der Göttersohn Herakles), hat der christliche Glaube gewisse Vorteile: Bei Gott wird er nicht vergessen – und im Zuge der Auferstehung wird er mit anderen – wie auch immer – Gemeinschaft haben. (Nachträglich kann man sagen: Was für ein Glück haben wir, dass wir im Matthäusevangelium keine Frauen als Gegenspielerinnen finden – das hätte heute ziemlich große Aufmerksamkeit auf sich gezogen.)

Nach diesem plastischen Bild geht es zu anderen Bildworten:

Bildwort 1: Falsche Propheten werden kommen, sie sind reißende Wölfe, haben aber Schafskleider angezogen (Wolf im Schafspelz).

Bildwort 2: An den Früchten sind „sie“ zu erkennen. Trauben findet man nicht im Dornstrauch, Feigen findet man nicht bei den Disteln.

Bildwort 3: Es gibt gut gedeihende (gute) Bäume und schlecht gedeihende (faule) Bäume. Der gute Baum bringt gute Früchte hervor, der faule Baum schlechte Früchte. Bäume, die schlecht tragen, die werden zu Brennholz verarbeitet.

Zusammenfassend: Gefährlich sind diejenigen, die als Schafe verkleidet, den Menschen auf den breiten Weg in die Verdammnis führen möchten. Man soll also aufpassen, dass man sich nicht verführen lässt.

Woran erkennt man aber den falschen und den guten Propheten? An ihren Früchten. Bei Menschen, die nicht den Weg Gottes gehen (Antithesen usw.) findet man keine guten Früchte. Dann gibt es aber auch Menschen, die ein und dieselbe Sorte Baum sind – aber die einen tragen gute Früchte, die anderen schlechte Früchte. Interessant ist, dass Matthäus diesen Satz aufgrund seiner ethisch geprägten Bergpredigt ethisch verstärkt, während die Parallele bei Lukas die Lehre im Blick hat: Ein guter Mensch bringt aus dem guten Schatz seines Herzens Gutes hervor; ein böser bringt hervor aus dem Bösen, das Böse. Wovon das Herz voll ist, spricht der Mund. (Lukas 6,43-45)

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Im Lukasevangelium haben wir noch einen Satz angeschlossen: „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“

Dieser Satz wird von Matthäus ausgeführt: Auch wenn die „Herr, Herr“-Sager noch so tolle Sachen gemacht haben (weissagen in Jesu Namen, in Jesu Namen exorzistisch tätig sein, Wunder tun in Jesu Namen) – Jesus wird ihnen keinen Zugang ins Himmelreich gewähren – sie sind Übeltäter und werden von ihm weggeschickt. Wie kommt es? Im Sinne des Matthäus: Man kann wunderbare Wunder tun – und das sogar in Jesu Namen – aber man kann parallel dazu: seinen Bruder beschimpfen, Frauen begehrlich ansehen, die Gewaltspirale erhöhen, heucheln, Gott nicht vertrauen, sondern sich selbst. Matthäus ist also ein massiver Kritiker seiner Gemeinde und möchte mit der Bergpredigt seine Gemeinde ethisch korrigieren. Und ich denke mir, dass er aus diesen Gründen nicht zufällig die Themen zusammengeführt hat, die er in den Antithesen usw. darlegt. Das macht aber insgesamt diesen Text zu einem der heftigsten Texte im Evangelium: Menschen, die im Namen Jesu handeln – sind nicht unbedingt „gute Bäume“, auch wenn sie in den Augen der Menschen noch so Großartiges tun.

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Abgeschlossen wird die Bergpredigt mit einem Text, den wir auch in der lukanischen Feldrede finden. Das heißt, er stammt nicht von Matthäus, er ist älter. Beide unterscheiden sich ein wenig im Wortlaut, was hier nicht vertieft werden soll. Es kommt darauf an zu sagen: Wer die Bergpredigt hört und entsprechend handelt, baut sein Leben auf eine gute Basis. Die Basis ist gut, weil es trotz Lebensstürmen bestehen bleibt. Anders, der diese Basis nicht verwendet – die Lebensstürme zerstören ihn.

Ähnliche Worte gibt es bei den jüdischen Gelehrten, bei Buddha (So wie der Regen in ein schlecht gedecktes Haus eindringt, so dringt Leidenschaft in einen nicht gesammelten Geist. So wie kein Regen in ein gut gedecktes Haus eindringt, so dringt keine Leidenschaft in einen wohl entwickelten Geist.“) Man kann sie alle miteinander vergleichen. Was aber hier deutlich wird: Für Matthäus und Lukas (das heißt somit auch die Logienquelle) ist die Basis des Lebens diese Zusammenstellung der Worte Jesu. Und Jesus – ist nicht einfach nur ein Weisheitslehrer unter Weisheitslehrern, so bekennen die Evangelisten, sondern er steht in einzigartiger Beziehung zu Gott – und die Nachfolger haben seinen Geist. Wenn auch manche dieser Worte so nicht von Jesus gesprochen wurden, nicht in dieser Reihenfolge und Zusammenstellung, so sind sie doch nicht zu übergehen. Was dann auch die Gemeinde – aus demselben Geist Gottes heraus – dadurch bestätigte, dass sie dieses Evangelium in den biblischen Kanon als Maßstab aufgenommen hat. Es geht – auch wenn ich das immer wieder mal betont habe  – nicht nur um die Frage, was hat Jesus wirklich gesagt, es geht auch um die Frage: Was haben diejenigen, die dessen Geist haben, daraus gemacht – und wie haben andere Geistbegabte es aufgegriffen. Jesus ist Ausgangspunkt – aber als der Christus.

Damit habe ich das Thema Bergpredigt beendet. Bücher wurden über sie geschrieben – hätte ich auch schreiben können. Insofern sind es Nachdenkanstöße – weil sie meine Perspektive kurz und knapp wiedergeben.

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Bergpredigt: Drastik der Worte – A.I.D.A.

Bislang hatten wir in der Bergpredigt, dass Jesus Menschen, die erniedrigt wurden, sich nicht klein machen dürfen. Gott erhebt sie. Dann sahen wir, dass Jesus eine neue Verhaltensweise forderte, die die Gemeinschaft stärkt, indem man andere nicht beschimpft, nicht erniedrigt, dass man zuverlässig ist, die Gewaltspirale unterbricht, nicht heuchelt, Gott vertraut in seinem Alltagsleben.

Dann liegt es nahe, wenn man das alles liest, dass man denkt: Oh, XY hält sich nicht daran!

Wohl darum fügt Matthäus diesen Ausführungen folgende Texte an:

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet…

Der Mensch, der den anderen richtet, der wird gerichtet werden – und zwar von Gott. Er spricht sich selbst im Grunde das Urteil. Wenn er freundlich ist, gerecht, dann wird er entsprechend gerichtet werden.

Und der Forderung, die eine Gruppe anspricht, folgt wieder eine massive Übertreibung, die wir bei Jesus schon häufiger beobachtet haben, die ein Individuum anspricht:

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders,
aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?
Wie kannst du zu dem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen –
Und dabei steckt in deinem Auge ein Balken?
Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.

Wir müssen also die Drastik in vielen Worten Jesu beachten, damit man sie nicht wörtlich nimmt. Es sind rhetorisch bedingte Übertreibungen, damit man sich das alles besser merken kann. Und man kann ja mit sich selbst den Versuch machen: Welche Worte Jesu merkt man sich? Beschimpfen -> Hölle, Hand abhacken, Auge rausreißen, Wange zum Schlag hinhalten, Balken im eigenen Auge haben, Kind einen Stein bzw. eine Schlange zur Nahrung geben… – alles ist schmerzhaft, man assoziiert äußerst Negatives – man sieht daran: die „Werbung“ funktioniert. Nach dem Muster geht eben auch die Werbung vor: Der Mensch soll nach dem A.I.D.A.-Prinzip in diesen Texten nicht zum Kaufen angeregt werden, sondern zum sozialen Handeln: Aufmerksamkeit hervorrufen (A), Interesse wecken (I), Wunsch, sich zu ändern (D-Desire), dann Umsetzung (A – Action).

Zum Text: Man soll also nicht sagen, mein Bruder verhält sich nicht, wie er es soll, sondern soll fragen: Verhalte ich mich so? Und bis ich dann den Balken aus meinem Auge gezogen habe – wird es eine ganze Weile dauern.

Den Text 7,6 habe ich schon angesprochen. Es geht um das Heilige, das man nicht den Hunden geben und die Perlen, die man nicht vor die Säue werfen soll, damit sie es nicht zertreten. Wieder AIDA – aber leider wissen wir nicht mehr, in welchem Kontext Jesus das gesprochen hat, was er meinte. Aus matthäischer Sicht könnte gemeint sein, dass man in der Situation der Verfolgung nicht die Botschaft Jesu preisgibt.

Es folgt das Thema Gebet (7,7-11). Es beginnt mit dem Bettlerspruch:

Bittet, so wird euch gegeben,
sucht, so werdet ihr finden,
klopft an, so wird euch geöffnet.

Dem folgt die Zusage.

Dieser Zusage schließt sich ein Bildwort an – das auch wieder drastisch ist: Selbst Menschen, die böse sind, geben ihren Kindern keinen Stein, wenn sie um Brot bitten, oder eine Schlange, wenn sie um Fisch bitten. Entsprechend folgt auch diesem Bildwort eine Zusage: Gott wird Gutes geben, wenn man ihn bittet. Im matthäischen Kontext bedeutet das: Wenn ich Gott bitte, die Verhaltensanweisungen ausführen zu können, nach seinem Willen leben zu können, dann ermöglicht er es mir. Diese Argumentation finden wir auch Lukas 11,1-28: Es werden Texte hintereinander geschaltet, die insgesamt gesehen einen Argumentationszusammenhang bilden. Das ist eben die große Leistung der Evangelisten, das zu bewerkstelligen. Dadurch wird zwar den einzelnen Texten die eigentliche Intention genommen, aber sie dürfte noch darin erkennbar sein: A) an den Worten, die sie verwenden, dann eben auch B) an dem Kontext, in dem sie eingefügt wurden. Was aber jeweils zu untersuchen ist.

Zurück zum Text: Es geht in dem Bettlerspruch um Nahrung. Damit wird auch der Text 6,25ff. aufgegriffen: Man soll sich nicht um diese elementaren Dinge sorgen – auf seinem Weg, die Gottesherrschaft zu verkündigen.

Die Texte sind also multidimensional eingesetzt worden:

  • sie haben Bedeutung in der Gesamtkomposition – hier am Beispiel Bergpredigt
  • sie haben Bedeutung in einem Teil der Komposition – hier am Beispiel der Bergpredigt
  • sie haben in sich Bedeutung durch die Zusammenstellung unterschiedlicher Aussagen
  • sie haben in ihren kleinsten Einheiten Bedeutung – und diese sind dann zum Teil mit Jesus in Verbindung zu bringen.
  • Wenn man dann die kleinste Einheit, wenn sie von Jesus ist, von Jesus her interpretiert hat, dann kann man wieder zurückgehen und jeweils die vorangehenden Dimensionen befragen:
  • Entsprecht Ihr noch der Intention Jesu?

Was Jesus betrifft: Es wird ein großes Vertrauen auf Gott deutlich. Und: Das Vertrauen, dass Gott Gutes gibt. Und an dieser Stelle kann man nun viel nachdenken – weil sich automatisch die Theodizee-Frage einstellt: Gott gibt Gutes? Warum erhört er „meine“ Gebete nicht? Dieses Thema ist aber keines das Matthäus in der Bergpredigt behandeln will. Ihm geht es hier um unsere Verhaltensweisen. Von daher verlassen wir erst einmal diese spannende Frage nach der Gebetserhörung und kehren uns wieder der Bergpredigt zu. (Ich vermute nicht, dass es darum geht, Gott zu finden. Diese Frage war in der Zeit Jesu keine Frage. Gottes Existenz war den Menschen so sicher wie alles, was wir in der Schöpfung wahrnehmen.

Es folgt die Goldene Regel.

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen.
Das ist das Gesetz und die Propheten.

Jesus fasst die alttestamentlichen Weisungen in dieser Goldenen Regel zusammen. Sie ist typisch Jesus: Man soll in Vorleistung gehen. Man soll also den anderen Gutes tun (Masochisten sind hier wahrscheinlich nicht im Blick: Anderen Schlechtes tun, damit sie mir Schlechtes tun, weil ich gerne leiden will) – aber man ist sich nicht sicher, dass sie einem auch etwas Gutes tun.

Wir kennen die negative Form der Goldenen Regel:

Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Diese negative Form hat einen ganz anderen Duktus: Man unterlässt etwas, man unterlässt es, anderen zu schaden.

Die positive Form der Goldenen Regel wird von manchen als eine Form des Egoismus interpretiert: Ich will was Gutes – darum tue ich dem anderen etwas Gutes: Ich gebe dem Nachbarn ein Stück Kuchen, damit er mir von seinem Kuchen abgibt. Diese egoistische Interpretation ist zumindest für Jesus nicht zu belegen (oder übersehe ich etwas?).

Es wurde im Kontext des VaterUnsers gesagt, dass die jeweiligen Bitten in der Bergpredigt durch Matthäus ausgelegt werden. Hier ist es so, dass der Text auf die Vergebung in 7,14-15 eingeht. Das hieße: ich soll vergeben – also in Vorleistung gehen, damit mir der Mitmensch auch vergibt.

Heutzutage wird die positive Form der Goldenen Regel von Jesus abgekoppelt und wird als eine allgemein menschliche Erkenntnis dargestellt. Schön. Aber können wir sie ohne den Urheber überhaupt richtig verstehen? Warum ist es Menschen möglich, in Vorleistung zu gehen? Weil sie so toll sind? Im Hintergrund steht auch das Ertragen von Leiden. Nachfolgerinnen und Nachfolger müssen leiden ertragen können – und dazu gehören auch Enttäuschungen. Aber das wurde im Kontext der 5. und 6. Antithese vertieft.

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Bergpredigt: Reichtum und Armut

Matthäus 6,19-24

In diesem folgenden Abschnitt haben wir unterschiedliche Entweder-Oder-Bildworte aneinandergereiht:

Bildwort 1 kann man so zusammenfassen: Man soll keine Schätze auf Erden sammeln. Warum nicht? Begründung (a):  Schätze auf Erden vergehen – Schätze im Himmel bleiben bestehen. Dieses Bildwort finden wir auch Lukas 12,33 – verbunden mit dem Auftrag, alles zu verkaufen – und das Geld zu spenden. Beide Evangelisten schließen diese Forderung mit einer weiteren Begründung (b) ab: Wo dein Schatz ist, ist dein Herz. Und wo soll das Herz sein? Das wird hier nicht gesagt – ist aber allen Jesaus-Nachfolgern klar: Bei Gott, dem wahren Schatz.

Jesus ist sehr Geld kritisch eingestellt. Von daher passt dieses Entweder-Oder zu ihm.

Bildwort 2: Dieses ist schwer zu verstehen:

Das Auge ist das Licht des Menschen d.h.:

(a) es lässt das Licht in den Menschen bzw.
(b) kann auch mit alter Tradition bedeuten: das Licht geht vom Auge aus – und ermöglicht dem Menschen das Sehen.

Wenn das Auge aufrichtig ist – wird der ganze Mensch hell, wenn das Auge unaufrichtig ist, wird der ganze Mensch finster.

Mit Blick auf (a) Wenn also das Auge ein gutes Auge ist und auf das Gute ausgerichtet ist, wird der Mensch hell – wenn das Auge allerdings davon bestimmt wird, Übles zu sehen… – wird der Mensch übel. Oder,
Mit Blick auf (b) –  also das Licht vom Auge ausgeht – dann signalisiert das Auge Licht – und die Umwelt und der Mensch selbst werden licht. Oder das Auge signalisiert Finsternis, Abgeschlossenheit… – dann werden Umwelt und Mensch finster.

Dann folgt noch ein sehr sonderbarer Satz: Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist – wie groß wird dann die Finsternis sein?

Kann Licht Finsternis sein?

Wenn man das auf den Aspekt (b) bezieht, dass das Licht des Auges vom Menschen ausgeht, dann aber im Menschen kein Licht ist, da wo es sein sollte, also Finsternis ist, so geht von dem Auge und damit vom Menschen nur Finsternis aus.

Konkret gesagt: Wenn ich eine finstere Person bin, dann halte ich Ausschau nach Finsterem, Bösem, Üblem – und während ich danach Ausschau halte, wird das Licht, das in mir ist, immer finsterer. Wenn ich also mich an Gewalttaten (PC, real…) erfreue – so werde ich immer gewalttätiger.

Das ist eine mögliche Interpretation. Vielleicht haben wir es aber auch damit zu tun, dass es ein Rätselwort ist, das jeder bedenkt, wie wir schon häufiger entsprechende Worte hatten. Durch das Bedenken kommen die Worte einem näher – und ich komme für mein ganz persönliches Leben zu Erkenntnissen, die ein anderer so nicht übernehmen kann, es dafür aber mit seinem eigenen Leben verweben wird.

Was Jesus damit meinte, ist also nicht mehr ersichtlich, weil der Kontext fehlt. Matthäus verbindet es mit dem Schatz. Um beide Interpretationen salopp zu verbinden: Wer auf den irdischen Schatz schaut – verfinstert, wer das göttliche Licht in sich hat, schaut auf den wahren Schatz.

Bildwort 3 passt in dem Rahmen zu Bildwort 1: Man kann nicht Gott und gleichzeitig dem Geld dienen. Wenn man Gott dient, hasst man das Geld. Wenn man dem Geld dient, hasst man Gott.

Fazit:

Im Kontext des Vater-Unsers habe ich zur Brotbitte geschrieben: Wer diese Bitte ausspricht (Unser tägliches Brot gib uns heute) – der teilt. Das ist Jesu Sicht. Dass sich die Kirchen im Laufe der Kirchengeschichte wie auch einzelne Christen nicht daran gehalten haben, das ist keine Frage, die Jesus anzulasten ist, das ist etwas, für das sich die jeweiligen Menschen verantworten müssen. Aber: Jesus ist kein Gesetzgeber. Er überträgt die Verantwortung dem jeweiligen Menschen, der ihm nachfolgt. Diese Bildworte lassen nur wenig Raum. Geld muss verantwortlich eingesetzt werden. Daran kommt kein Christ vorbei (siehe unten).

*

Zu dieser Fragestellung passt auch der nächste Text, der in seiner Radikalität wie die oben genannten Entweder-Oder-Bildworte eine Provokation für die moderne bürgerliche Welt ist.

Er zeigt einen Jesus, der die Schönheit der Natur wahrnimmt: die Spatzen und die Mohnblumen. Sie dienen als Gleichnis für Gottes Handeln: Gott ernährt Spatzen und „kleidet“ die schnell vergänglichen Mohnblumen wunderschön. Zudem: Durch Sorge kann man sein Leben nicht verlängern. Darum soll sich auch der Mensch nicht sorgen. Gott sorgt für ihn.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen:

  • Was werden wir essen?
  • Was werden wir trinken?
  • Womit sollen wir uns kleiden?
  • Darum sorgen sich diejenigen, die Gott nicht kennen.
  • Gott weiß, was ihr benötigt.

Der folgende Satz darf zum Verstehen nicht übergangen werden!:

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

Wen spricht Jesus an? Jesus spricht die an, die ihm nachfolgen. Und das werden im Wesentlichen Menschen gewesen sein, die er losgeschickt hat: Nehmt euch nichts mit auf dem Weg – es gibt Menschen, die für euch sorgen, die euch aufnehmen. Die Jünger sollen sich also um die Verbreitung der Botschaft kümmern – und es gibt immer Menschen in der Gemeinde, die sie aufnehmen werden, Menschen, die sie versorgen werden. Warum? Gott wird ihnen die Herzen öffnen und die Hand und die Tür. Es geht also um eine ganz bestimmte Zielgruppe. Eine Gruppe, die mit Jesus umherzieht und sich um die Verkündigung der Reich-Gottes-Botschaft kümmert. Es geht um das Verhalten auf dem Weg der Evangeliums-Verkündigung.

Er kann von einem reichen jungen Mann verlangen, dass er alles aufgibt. Er heilt ihn damit von einer falschen Jesus-Schwärmerei: Jesus, ich will dir folgen… – Jesus sagt: Verkauf alles und gib das Geld den Armen. Und der Reiche geht davon. Es geht um Prioritäten. Jesus ist komplizierter, nicht plakativ, oberflächlich. Jesus geht es nicht um Enteignung der Kapitalisten. Es geht ihm darum, dass der Mensch, der Geld hat, verantwortlich damit umgeht – und zwar Gemeinschaft fördernd. Wenn ein Reicher meint, dass Jesus Christus von ihm verlangt, alles aufzugeben – dann ist das auch richtig, weil Jesus das für dieses Leben eben vorgesehen hat. Dass Jesus aber nicht plakativ einzuordnen ist, zeigen zahlreiche Texte: Die Frau, die ihn mit kostbarem Öl salbt, und die Jünger sagen, als gute Schüler Jesu: Sie hätte das Geld lieber den Armen geben sollen – doch Jesus verteidigt sie. Der Reiche Mann in der Lazarus-Geschichte wird nicht verurteil, weil er reich ist, sondern weil er den Armen nicht beachtet hat, auch der reiche Kornbauer ist stolz wegen seines Reichtums – aber er ist eben geizig, denkt nicht ans Geben. Ich denke nicht, dass diese meine Deutung eine Verharmlosung Jesu ist. Das würde auch gar nicht zu Jesus passen, denn er steckt den Rahmen ab, den jeder verantwortlich – aus der Beziehung zu ihm – füllen muss.

Das bedeutet zudem nicht, dass Jesus rät, planlos durch das Leben zu gehen. Der Plan ist: Verbreitung des Gottesreiches durch ein entsprechendes Leben, das auch in den vorangegangenen Antithesen und den Kulttexten Ausdruck gefunden hat: nicht beschimpfen, nicht erniedrigen, vertrauenswürdig sein, Gewaltspirale durchbrechen, nicht heucheln – also insgesamt ein Gemeinschaft förderndes Leben leben und mit diesem Leben das Evangelium zu verkündigen.

Nun stellt sich die Frage: Sagt Jesus das allen Armen? Romantisiert Jesus die Armut in dem Sinne: Klasse, dass du arm bist, freu dich daran! Arm sein ist wertvoller als reich sein! Werde arm, dann bist du ein besserer Mensch! Wenn Jesus Arme insgesamt meinen sollte, dann aber auch unter dem Aspekt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles zufallen – das hieße wie oben: Kinder Gottes teilen, nicht beschimpfen, nicht erniedrigen… Es kann aber nicht als Gesellschaftsmodell missbraucht werden.

Der Vers 34 wurde an den Text angehängt, er soll noch eine einsichtige Begründung geben, kommt wohl aus dem Bereich der Weisheit, nach dem Motto: Heute ist heute, morgen ist morgen. Schaffe erst mal den heutigen Tag, der morgige Tag sorgt für sich. Die Intention aufgreifend: Auch Spatzen und Mohnblumen sorgen nur für das Jetzt. Das kann natürlich hilfreich sein, wenn man sich hektisch verzettelt – aber das menschliche Leben ist normalerweise anders gestrickt und man plant. Was an diesem weisheitlichen Satz auffällt: Er blendet Gott aus. Darin unterscheidet er sich massiv von den vorangegangenen Texten. Aber der Leser kann mit dem vorangegangenen Text auch diesen beleuchten – das hieße dann: Gottvertrauen soll im Zentrum stehen. Und wer die Priorität darauf legt, sich um die Durchsetzung des Reiches Gottes zu kümmern (des Schalom: Wohlergehen, frieden, Gesundheit, Gemeinschaft, Glück, Liebe, Freiheit…), der wird versorgt werden. Nicht mit Reichtümern. Mit dem Notwendigsten, das er für den jeweiligen Tag benötigt.

*

Damit haben wir die Hauptabschnitte der Bergpredigt angedacht. Sie endet mit Texten, die in den nächsten Tagen auch noch dargelegt werden sollen.

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Bergpredigt: Spenden – Beten – Fasten

Bergpredigt Matthäus 6

1 Regel: Nicht heucheln beim Spenden

Es geht in den folgenden Texten erst einmal um Fragen des religiösen Handelns – um die Spende – um das beten – um das Fasten. Man soll aufpassen, dass man sein frommes Handeln nicht zur Schau stellt. Da mag man nun Mt 5,13ff. im Blick haben und fragen: Wurde dort nicht das Gegenteil gesagt? Nein: Denn hier geht es darum, dass man sich und seine Frömmigkeit zur Schau stellt, das heißt, damit man selbst Ruhm und Ansehen erwirbt. Aber den Menschen, die Jesus nachfolgen, soll es nicht darum gehen selbst Ansehen zu bekommen, sondern so zu handeln, dass Gott gelobt wird. Diese Differenz muss man auch im Tun Jesu beachten. Es kann hier nicht vertieft werden, aber Jesus versucht nicht aufgrund seiner Wunder die Menschen zu „überzeugen“, sondern aufgrund seiner Worte. Das so genannte Schweigegebot, das Messias-Geheimnis – das wird in der Forschung intensiv diskutiert – aber ich möchte zur Bergpredigt zurückkehren.

Der erste Abschnitt handelt davon, dass man nicht spendet, damit alle Leute es sehen und man darum geehrt wird. Er wendet sich also gegen das, was wir auch heute vielfach finden: Wer spendet posaunt es in die Welt hinaus, damit man sieht: Wow, so sozial engagiert – und vielleicht gibt es dann auch neue Kunden. Wir hören hier, dass man das nicht tun solle. Im Gegenteil: Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tut.

Wir hatten schon häufiger das Thema „Übertreibung“. Auch hier übertreibt Jesus. Man mag ihm zurufen: Ei, Jesus, was soll das denn? Hast du denn keine Ahnung vom Menschen? Nun denn, dass kann man Jesus sicher kaum vorwerfen, dass er nicht wüsste, dass die linke nicht immer weiß, was die rechte tut. Aber warum sagt er das? Vermutlich auch hier aus rhetorischen Gründen: Das bleibt durch den Widerspruch, den man empfindet, im Kopf hängen! Alles andere geht ins eine Ohr rein und durchs andere wieder raus, wie man sagt – was ja biologisch auch nicht geht. Aber so etwas bleibt hängen.

Jesus bezeichnet die Menschen, die ihre Spenden hinausposaunen als Heuchler. Warum als Heuchler? Weil sie nicht geben aus reiner Gesinnung, sondern darum, weil sie damit Ansehen verbinden. Aber dann folgt eine Aussage, die auch Heuchelei sein kann: Man soll nicht geben, damit die Menschen einen sehen – sondern damit Gott einen sieht und ihm dann auch Gutes tut? Ist das reine Gesinnung? Vermutlich will Jesus damit nicht sagen, dass man gibt, damit Gott einem Gutes gibt, sondern dass man gibt, weil man sowieso Gutes geben möchte – und Gott sieht es. Aber wie dem auch sei: Deutlich wird wieder etwas: Jesus will Ehrlichkeit und nicht Heuchelei unter den Menschen. Wie das Verhältnis zu Gott aussieht, bleibt sowieso Geheimsache – aber unter Menschen soll es ungeheuchelt zugehen. Wenn einer vor Gott heuchelt, dann hat das sowieso keine Chancen, weil Gott ja das Herz sieht. Aber Menschen können nicht unterscheiden zwischen Heuchelei und reiner Gesinnung.

Eine Frage bleibt noch: Sollen Menschen nicht heucheln – sie tun doch damit etwas Gutes! Einer würde nichts geben, wenn er davon keinen Nutzen hat – gibt aber, damit er selbst und andere Nutzen hat. Ist das so schlecht? Diese Antwort sollte sich jeder und jede selbst geben.

2. Nicht heucheln beim Beten

Nach dem Almosengeben folgt das Thema Gebet in drei Abschnitten.

(a) Man solle nicht beten wie die Heuchler, um als besonders fromm zu erscheinen in der Öffentlichkeit – also das zuvor angesprochene Thema wird weitergeführt. Und auch hier: Soll man nicht öffentlich beten, um Menschen dazu zu animieren, auch öffentlich zu beten, damit dann das Gebet eine allgemeinere Akzeptanz bekommt, ein natürlicher Ausdruck einer Gesellschaft? Auch das möge jede und jeder für sich beantworten.

Deutlich wird aber noch etwas: Man betete in der Antike überwiegend laut, denn die Götter haben Ohren und können nicht ins Herz sehen. Aber Jesus sagt, dass Gott hört – und zwar auch im Häuschen, das man bewohnt. Nicht nur am Tempel, nicht nur, wenn man laut spricht usw. Gebet ist etwas zwischen mir und Gott – an jedem Ort – ein Herzensgebet. Also das leise Gebet – nicht für menschliche Ohren bestimmt, sondern nur für Gott.

Man solle aber nicht nur nicht öffentlich beten, sondern auch nicht viel herumreden. Gott weiß ja, was man benötigt. Also nicht versuchen, Gott durch Geplapper rumzukriegen usw. Aber warum dann überhaupt beten? Gott möchte, dass man mit ihm spricht, sich ihm auch verbal zuwendet. Das Gebet ist für Jesus wichtig. Aber eben: Richtig beten, aus einer guten Beziehung zu Gott. Was hier freilich auch nicht vertieft dargelegt werden kann. Als Beispiel für ein kurzes Gebet wird von Matthäus das Vaterunser angefügt:

(b) Es folgt das Vaterunser. Über dieses Gebet gibt es Bände – und man selbst könnte Bände schreiben. Ich beherrsche mich.

Matthäus hat das Vaterunser ins Zentrum seiner Bergpredigt gestellt. Es stammt von Jesus – aber zu beachten ist, dass wir im Lukasevangelium eine etwas andere Form haben. In der Version des Lukas fehlt unter anderem: Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden und erlöse uns von dem Bösen (Lukas 11,2-4). Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Jesus es häufiger auch in Variationen gesprochen hat. Aber diese Diskussion soll jetzt nicht geführt werden. Das Gebet als solches ist schon spannend genug. Ich lege es mit Blick auf die Bergpredigt aus – nicht isoliert von ihr.

Vater = Abba = Väterchen. Auch wenn Gott als „Väterchen“ angeredet wird, so bedeutet das nicht, dass er in der Hand des Menschen ist, sondern er ist und bleibt dem Menschen entzogen (im Himmel) und der Mensch ordnet sich ihm in Demut unter, indem er Gott heiligt, das heißt: ihn nicht profanisiert, missbraucht. Gott möge seine Herrschaft aufrichten – eine zentrale Botschaft Jesu – aber bis Gott das vollbringt, soll der Mensch entsprechend handeln – also Gottes Willen tun und die Bitte spricht aus, dass Gott seinen Willen auf der Erde durchsetzen möge. Damit verbunden ist: Gott setzt seinen Willen noch nicht durch. Menschen wüten, leiden, zerstören. Wenn Gott seinen Willen durchsetzen würde, würde es nicht nötig sein, die leidenden Menschen selig zu preisen, die Erniedrigten in den Fokus zu rücken. Mit dieser dringend Bitte, sein reich aufzurichten und seinen Willen durchzusetzen ist noch etwas verbunden: Menschen, die Gott ehrlich darum bitten, werden alles dazu tun, den Willen Gottes schon umzusetzen. Dazu gehört eben auch das zu tun, was in den Antithesen formuliert wurde und nicht zu heucheln. In der nächsten bitte geht es um körperliche Belange: darum, dass Gott einen nicht hungern lassen möge (ich fasse die Bitte eher eng). Wenn ich in der Gemeinde das Gebet spreche, dann weiß ich: Wenn ich Brot habe, teile ich es mit dem, der kein Brot hat. Die daran anschließende Bitte geht es um seelische Belange: Gott möge mir die Schuld vergeben – denn Schuld, die einem bewusst wird, fesselt, hindert freies Wirken. Und wer wird sich angesichts der Antithesen nicht großer Schuld bewusst (Beschimpfung, Erniedrigung…) – bzw. um soziale Belange: Wir vergeben allen, die an uns schuldig wurden. Das heißt: ich fessele auch andere nicht an ihrer Schuld und sage: Du hast mich aber beschimpft! (siehe zur ersten Antithese.) Indem ich in der Gemeinde mit anderen das Gebet spreche, weiß ich, dass mir auch von den anderen vergeben wurde. Wir neu anfangen können. Das Thema „Vergebung“ ist für Jesus sehr wichtig – und es begegnet gleich noch einmal. Dieser Bitte folgt die sehr schwer zu verstehende. Und führe uns nicht in Versuchung – sondern erlöse uns von dem Bösen. Wie versteht Matthäus evtl. die Bitte? Ich sagte, dass das Vaterunser die Mitte der Bergpredigt darstellt. Die Bitte: dein Wille geschehe usw. korrespondiert mit den Antithesen, die Bitte um das Brot wird von Matthäus mit dem noch zu besprechenden Abschnitt 6,19-34 erläutert, vergib uns unsere Schuld… korrespondiert mit 7,1-5 und führe uns nicht in Versuchung korrespondiert mit: dem Text, der von der Entweihung des Heiligen spricht, 7,6: man solle das Heilige nicht den Säuen vorwerfen – was so verstanden werden kann: Verrate die gute Botschaft Jesu nicht in der Verfolgung (vgl. Mt 5,12-14) – Gott bewahrt mich vor der Versuchung; vor allem aber, es ist ja ein Gemeindegebet: Ich verrate die Gemeinde nicht in der Verfolgung – eben: Gott bewahrt mich vor der Versuchung. Sondern rette uns vor dem Bösen – korrespondiert mit: 7,7-11, das heißt: Erlösung vom Bösen dadurch, dass man Gott sucht – Gott sich finden lässt, die Tür zu sich öffnet. Suchen bedeutet: Hinwendung zu Gott, Abwendung vom Bösen. Vielleicht hat Matthäus das alles so verstanden. Aber wie hat es Jesus verstanden? Das bleibt offen. Ich denke an das Buch Hiob, das Jesus auch bekannt war: Der Satan bittet Gott, Hiob versuchen zu dürfen, zu schauen, ob Hiob Gott auch treu bleibt, wenn es ihm schlecht geht. Gott ermöglicht es dem Satan – und der zieht alle Register. Gott möge uns Menschen das ersparen. Hiob hat durchgehalten, klagend und in einer äußerst heftigen Form Gott – nicht den Satan – anklagend. Gott gibt Hiob Recht. Aber als Mensch möchte man doch von solchen Erfahrungen verschont bleiben.

Wir stoßen hier aber wieder auf ein Problem, das wir schon einmal hatten: Jesus übertreibt, er sagt etwas, das man nicht versteht, über das man nachdenken muss. Und durch das Nachdenken erarbeitet man sich eine Lösung (vgl. Gleichnis vom verlorenen Sohn).

Das Vaterunser zusammengefasst: Es zeigt uns einen Jesus, der in einer außerordentlichen Beziehung zu Gott steht (Väterchen), der den Nachfolgern ein Gebet lehrt, das sie in diese außerordentliche Beziehung hinein nimmt. Es entspricht seiner Reich Gottes Botschaft: Gott möge seine gute Herrschaft herbeiführen – aber ich als Beter werde schon jetzt entsprechend wirken, Gott möge den Menschen, die das tun, mit Brot versorgen – weil sie teilen (Körper), möge durch Schuldvergebung befreien (Seele) – ich weiß: er befreit mich und kitte im Sprechen das soziale Verhältnis (wie auch wir vergeben). Zudem möge er den Beter nicht in eine so schwere Zeit hineinführen, in der die Gefahr besteht, Gott / die Botschaft Jesu bzw. der Gemeinde untreu zu werden. Und ich weiß, er führt mich nicht in Versuchung, er stärkt mich. (Vielleicht ist das so zu verstehen, wie eben gesagt.) Gott erlöst mich von dem Bösen – was auch immer das für mich heißt.

Spannend ist: Dieser kurze zusammenfassende Absatz zum Vaterunser ist länger als das Vaterunser selbst. Wer es betet – ernsthaft betet – benötigt solche Erklärungen nicht. Es ist aus der Beziehung zu Gott selbstredend.

Übrigens: Wenn alle das gleiche Gebet sprechen, kann man sich damit nicht in der Öffentlichkeit beweisen – es sei denn, man spricht es prahlerisch laut.

Das Gebet schließt sehr abrupt. Mit der Bitte um Erlösung vor dem Bösen. Wie kommt es, dass es so abrupt endet? Wir wissen es nicht mehr. Ist etwas weggefallen? Hat Jesus eine Lehre angeschlossen? Das bleibt im Dunkeln. Dass sie sehr abrupt endet, hat man dann später so empfunden und dem noch die traditionell klingende Bitte angefügt: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

(c) Matthäus fügt dem Gebet noch eine harte Lehre zum Thema Vergebung an, die er aus dem Markusevangelium (11,25f.) entnommen hat. Matthäus 18,21ff. betont noch einmal das Thema.

3 Nicht heucheln beim Fasten

Als dritter Text folgt dann die Ermahnung, dass man beim Fasten nicht heucheln solle – also auch hier: Man solle sich der Öffentlichkeit nicht als besonders fromm präsentieren, indem man sich zum Fasten herausputzt. Man solle Selbsterniedrigungsriten nicht durchführen, um sie allen zu zeigen. Im Gegenteil: Man soll frei und offen den Menschen begegnen. Auch eine Zumutung, die uns heute kaum mehr so bewusst ist, weil wir diese alten wichtigen Fastenregeln nicht mehr ausüben. Die Zumutung besteht darin, dass man sich, statt durch Fastenriten, in denen man sich zerlumpt und verdreckt, erniedrigt – wäscht und sauber strahlt. Vielleicht vergleichbar: Statt schwarze Trauerkleidung anzuziehen, wenn ein nahe stehender Mensch gestorben ist, sich weiß kleiden und feiern.

Aber auch hier die Frage: Aber was ist, wenn dem Fastenden wirklich sehr traurig zumute ist? Wenn er wirklich zeigen möchte: Meine Schuld, meine große, große Schuld… Auch das möge jede und jeder für sich selbst beantworten.

*

Ich verweigere keine Antwort, wenn ich das drei Mal formuliert habe: Das möge jede und jeder für sich selbst beantworten. Es soll zeigen: Jesus meint, wir sind für unseren Glauben selbst verantwortlich – darum die Umkehr, die kann man nur als Individuum vollziehen – Heuchelei hat darin keinen Platz. Was letztlich dann wirklich Heuchelei ist, das wird jeder selbst erkennen. Man kann ja auch vor Stolz platzen, wenn man gespendet hat – weil man eben nichts sagt, wenn man leise gebetet hat – aber stolz darauf ist, es anderen verheimlicht zu haben, wenn man fastet – aber seine Traurigkeit verstellt und stattdessen eben stolz lacht.

Jesu Worte sind eine herausfordendernde Zumutung. Und damit stehen die Texte der Bergpredigt nicht allein – das ist also auf Jesus zurückzuführen, ob nun jedes einzelne Wort von ihm gesprochen wurde oder nicht, ist wissenschaftlich relevant, aber die Antwort ist nicht so dringend. Dringend ist eher: Wie begegne ich den Herausforderungen? Spenden – beten – fasten – grundsätzlicher: Heuchelei? Wer bin ich? Als wer zeige ich mich?

Die Herausforderungen werden heftig weitergehen. Wann ich zu weiteren Darlegungen der Bergpredigt komme, weiß ich noch nicht.

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Bergpredigt: Antithesen – Zusammenfassung

Mit diesen bisherigen Teil der Bergpredigt (Matthäusevangelium Kapitel 5) haben wir gesehen:

Ebene 1: es geht einmal um die groben Züge: Jesus, wie Matthäus ihn schildert, richtet den Fokus auf erniedrigte Menschen. Er versucht die Aufmerksamkeit auf sie zu richten – die Erniedrigten sollen selbst Aufmerksamkeit auf sich richten. Sie sind groß. Licht der Welt. Diese Größe zeigt sich auch in einem Gemeinschaft-bildenden Verhalten. Einem Verhalten, das ganz anders sein soll, als man es üblicherweise kennt.

Ebene 2: Dann kann man schon Details erkennen: Man soll sich selbst beherrschen, den Mitmenschen nicht erniedrigen, man ist zuverlässig, schlägt überraschende Wege ein in Auseinandersetzungen.

Ebene 3: Wenn man das noch konkreter fassen möchte: Nicht Mitmenschen durch Beschimpfen erniedrigen, nicht Frauen erniedrigen durch begehrlichen Blick, nicht ehebrechen und scheidenlassen, nicht schwören, sich nicht rächen…

Und an diesen drei Ebenen können wir unser Verhalten ausrichten, können wir unser Menschenbild messen.

Die Frage ist nun: Ist jedes dieser Worte jesuanisch, ist es genauso jesuanisch, wie es gesprochen wurde? Wie sind Widersprüche zu klären? (Liegt das zum Beispiel daran, dass die Kontexte, in denen die Worte gesprochen wurden, fehlen?) Das sind die Fragen der historisch-kritischen Exegese. Sie werden diskutiert, es wird heftig argumentiert. Auch wenn nicht jedes Wort von Jesus gesprochen wurde, oder nicht ganz so von ihm gesprochen wurde, gibt es dann doch seine Intention wieder?

Diese Frage kann hier nicht detailliert dargelegt werden. Dazu müssten nämlich sämtliche Worte, die Jesus zugeschrieben werden, diskutiert und dann beleuchtet werden. Das wird in der Wissenschaft geleistet. Deutlich wird: Es wird ein besonderer Mensch in den Evangelien erkennbar. War Jesus so ein Mensch? Ist dieses Bild nur eine Erfindung der Logienquelle? Ist es eine des Markus? Eine des Lukas, Matthäus, Johannes, Paulus? Diese Frage zeigt schon, dass es nicht das Werk eines Menschen sein kann. Es kann auch nicht das Bild vieler sein. Die Grundkonstante ist in jedem Evangelium gleich – und auf einer anderen Ebene auch in den Paulusbriefen. Das heißt: Es hat einen Mann namens Jesus von Nazareth gegeben, der sich in besonderer Weise geäußert hat – so geäußert hat, dass seine Worte und Taten übereinstimmten, den Menschen bewundert haben. Dann hat sich manches an ihm angelegt, manches herumgerankt.

Das zu untersuchen ist eine Aufgabe historischer Wissenschaften. Die Konsequenzen, die man daraus für das eigene Leben zieht – zum Beispiel: Hat das weitere Konsequenzen als die Beschäftigung mit Caesar oder auf einer anderen Ebene die Beschäftigung mit Sokrates – das ist dann nicht nur eine des Glaubens. Denn dass man Jesus als großen Menschen, als Vorbild ansehen mag, wie Sokrates, das ist ja noch kein Glaube. Das kann aber eine Frage des Glaubens werden – und zwar dann, wenn man sagt: Der Mensch Jesus ist Gottes Ebenbild, mit ihm greift Gott in einem ganz besonderen Maße in die Welt ein, um Korrekturen anzubringen. Das wäre eine Glaubenssicht. Auch Glaube ist nicht statisch, sondern es gibt unterschiedliche Glaubenstiefen. Eine Weiterführung würde zum Beispiel bedeuten: In Jesus von Nazareth, dem Christus, ist Gott selbst unter den Menschen aktiv geworden.

Die Frage ist übrigens: Ist das, was sich an Jesus angerankt hat – zu vergessen, abzulehnen, zu übergehen? Manches empfinden wir als sehr wertvoll, als Ausdruck tiefer Menschlichkeit und tiefen Glaubens. Manches ordnen wir eher als oberflächlich, missglückt ein. Aber auch hier gibt es die Ebenen des Glaubens: Wie sind sie aus der Perspektive des Geistes Gottes zu deuten?

Aber damit ist die Bergpredigt ja noch nicht abgeschlossen. Es folgen weitere Texte.

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