Von Religion zur Glaubenslosigkeit

Auch Atheisten können einer Illusion erliegen. Religionslosigkeit löst – so liest man vermehrt – den Glauben ab. Es gab immer Zeiten, in denen es Menschen gab, die ihren jeweiligen Glauben nicht ernst nahmen oder nur oberflächlich praktizierten. Man glaube ja nicht, dass alle alten Römer und Griechen ernsthaft fromme Leute waren. Da kichern Tibull, Juvenal und andere. Religionslosigkeit ist eine Option, die Religion ist eine Option. Und beide werden nebeneinanderher laufen, solange es Menschen gibt. Der christliche Glaube hat noch einmal eine Besonderheit: Zum Glauben kann keiner gezwungen werden, weil sich Gott selbst dem Glaubenden und der Glaubenden zeigen muss – man nennt das Offenbarung. Von daher muss die Abwendung von der institutionalisierten Religion – auch der christlichen – nichts weiter bedeuten als: Der offenbarende Gott hält sich noch verborgen.

Es ist jedoch spannend zu sehen: 200 Jahre lang versuchten bestimmte Gruppen die Religion zu bekämpfen. In letzter Zeit versucht man ihr wissenschaftlich auf die Spur zu kommen und sieht ihre evolutionären Vorteile für das Individuum und für die Gesellschaft. Nun hat man keine Lust mehr zu kämpfen, wahrscheinlich, weil man die Sinnlosigkeit einsieht, und hofft, dass sie sich in Luft auflöst – wobei manche Anti-Religiösen in Gefahr geraten, eine eigene Nichtreligiöse Religion zu errichten. Darüber hinaus kann mir keiner weismachen, dass nicht irgendwelche religiöse Formen auch von Nichtreligiösen praktiziert werden – und sei es der Kult der Vernunft, Zukunftsrituale, Selbstanbetung… 😉 . Warum diese Aversionen? Religion ist doch ein Teil großartiger menschlicher Vielfalt. Wer den Menschen mag – und nicht nur seine eigene Ideologie pampert – der liebt auch die religiösen und nichtreligiösen Ausdrucksformen.

Ein faszinierendes Bild aus dem 12/13. Jahrhundert. Es ist nicht immer der Schmerzensmann, der am Kreuz dargestellt wird, sondern der Gekreuzigte als Herrscher:

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