Feuerbach+Marx+Freud

1. Feuerbach: Der Mensch sieht sich selbst als negativ an – seine guten Seiten projiziert er auf einen imaginären Gott. Folge für die Ethik: Der Mensch soll seine guten Seiten anerkennen und dadurch zum Aufbau der Gesellschaft beitragen – Humanismus. Heute wird inzwischen sichtbar, dass die Sichtweise Feuerbachs selbst eine Illusion ist, man muss nur ein wenig in die Nichtreligiöse Weltgeschichte herumschauen – und selbst manchen Nichtchristen dämmert es, dass Religion für die Ethik grundlegend ist (Letztbegründung auch der Verantwortungsethik).

2. Marx: Religion ist Opium des Volkes – Menschen in schweren kapitalistischen Situationen erträumen sich religiösen Trost. Dieser wird hinfällig, sobald der Mensch sich eine bessere Welt erkämpft hat. Religion ist zu bekämpfen, wenn sie den Kampf gegen den Kapitalismus hindert, aber sonst wird sie sich angesichts der eingetretenen kommunistischen Gesellschaft selbst auflösen. Selbst Linke gehen heute (nach dem Zusammenbruch der marxistischen Systeme) manchmal auch davon aus, dass ohne Religion eine gute Gesellschaft nicht erreichbar sei. [Einige argumentieren, dass Marx Recht habe, weil Menschen in schlimmen Situationen weniger glauben als wenn es ihnen gut geht. Gesellschaftspolitisch ist jedoch spannend zu sehen: Im Osten (also der ehemaligen DDR) glaubten zurzeit des Kommunismus weniger (Ende des DDR-Staates 40% Kirchenmitglieder) als im Westen (1987: 84%). Das hieße, dass es den Menschen im Osten besser gegangen wäre als im Westen. Das wird sicher kaum einer behaupten.

3. Freud: Religion als Vaterersatz. Auch erwachsene Menschen benötigen einen Vater – Gott. Das Über-Ich, das die Gesellschaft gegen das mächtige ES der Triebe ausgebildet hat, bekommt ein Gottesgesicht: Es straft und mahnt und vergibt… Das Über-Ich muss entgöttlicht werden und der Verstand selbst muss zwischen den Forderungen des ÜBER-ICH und des ES entscheiden. Verhaltensweisen sind also abhängig vom Verstand – nicht von der Religion. Inzwischen erkennt freilich der Verstand anhand der sozialen Lage, dass er keineswegs allein die Macht hat, die Gesellschaft adäquat ethisch zu regulieren, sondern er erkennt, dass Religion notwendig ist.

Wie dem auch sei: Ich finde, diese drei und weitere haben Großartiges geleistet. Sie haben ein Körnchen Recht. Religion kann Illusion sein, Religion kann Vertröstung sein, Religion kann eine Art Autoritätsersatz sein. Eben: Kann. Muss nicht. Und wenn man die Vielfalt der christlichen Religion anschaut, dann scheut man sich, einfache Herleitungen nachzuplappern. Und wenn christliche Religion eine zum Positiven hin weltverändernde Illusion ist – dann kann man sogar das mit der Evolution begründen: der Mensch benötigt diesen Antrieb, denn sonst gäbe es die Religion nicht. Dass es auch üble, destruktive Religionen und religiöse Strömungen gibt, muss ich sicher nicht noch erwähnen. Das wissen selbst diejenigen, die den Ethos der Weltreligionen beschwören. Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Hans Küng, nachträglich (19.3.1928)!  

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Wolke, Himmel, Zweige spiegeln sich im Brunnen

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