Atheisten + Christen

Martin Walser legt in seinem Buch (Über Rechtfertigung, eine Versuchung) dar, wie eng der große Atheist Nietzsche und der große Theologe Karl Barth einander stehen. Nur: Es gibt einen kleinen Unterschied: Jesus Christus.

Wir Christen haben mit den Atheisten größere Gemeinsamkeiten als Atheisten es vielleicht wahrnehmen: Auch Christen können Gott nicht mit Händen greifen, sie können ihn nicht beweisen.

Atheisten haben mit Christen größere Gemeinsamkeiten als Christen es vielleicht wahrnehmen: Die Sehnsucht nach Gott.

Der einzige Unterschied ist: Jesus – nicht der Mensch, sondern der – Christus. Vielleicht. Wenn die Sehnsucht nur groß genug ist, schmeckt sie nach Erfüllung, so Walser mit Blick auf Luther (31).

Ich habe bei einem sehr gut besuchten Altjahresabendgottesdienst (31.12.) am Abendmahl teilgenommen. Christen haben nicht nur einen Vorgeschmack – sondern haben schon Teil an der Mahlzeit. Im Glauben.

Christen und Atheisten haben vieles gemeinsam. Und meine Polemik gegen Atheismus speist sich nicht aus Gegnerschaft, sondern daraus, dass Menschen durch einige Aktivisten für dumm verkauft werden (durch falsche Behauptungen – Geschichtsfälschungen), dass sie durch eigenes Unwissen glänzen wollen. Viele Atheisten scheinen vielfach die durch Jahrtausende hindurch geschulte Klugheit der Theologen (auch durch eigenen atheistische Lebenserfahrungen) zu leichtfertig zu nehmen, von daher ist das, was Dawkins in seiner atheistischen Bibel sagt, einfach zu oberflächlich. Meine Gegnerschaft gegen Aktivisten erwächst dann, wenn sie durch Arroganz und Militanz gegen Religionen an die Öffentlichkeit treten. Natürlich weiß ich, dass Menschen, die arrogant und militant sind, eigene Schwächen kaschieren wollen. Aber das rechtfertigt nicht alles.

Darüber hinaus sehe ich Atheisten auch als Handlanger Gottes an. Warum? Sie können ein Korrektiv für das sein, was in der Kirche falsch läuft. Eine selbstgefällige Kirche, Kirche, die Macht ausnutzt, die um sich selbst kreist, kann nicht Gottes Wille sein – und so weisen uns Atheisten immer auf diese gottlosen Schwächen und Versagen hin. Schöner wäre es, wenn innerkirchliche Kritiker stärker Raum bekämen. Aber wie das so ist mit der Gruppendynamik: Eine Gruppe kann Kritik von innen leicht zum Schweigen bringen. Kommt sie von außen, muss sie sich damit auseinandersetzen. Also von daher bin ich ernsthaften Atheisten dankbar. Schwer tue ich mich mit den Atheisten, die das Lachen über Religion als einzige Waffe gegen die Religion ansehen. Lachen mag für diese Gruppe gesund sein, aber das hilft uns als Menschen nicht weiter. Traurig finde ich es, wenn Atheisten meinen, man solle sie nicht mehr ernst nehmen, wenn sie doch zu glauben anfangen. Atheismus als solcher kann nur in den Menschen Erfolg haben, die den Glauben schon längst verlassen haben. Ein Leerraum wird empfunden – und den will man mit atheistischem Gedankengut bestätigen. Aber womit füllen? Und das ist das Problem der Atheisten: Sie können den Leerraum nicht füllen, sie versuchen, ihn weg zu interpretieren. Das kann jedoch nur bei den wenigen gelingen, die den Atheismus selbst als Ideologie zur Bekämpfung der Kirche übernehmen.

Ich bin auch kein Mensch, der sich über kluge Säkularisierung ärgert. Es kann nur gut sein, wenn Menschen nicht mehr alles mitmachen, was ihnen die Religion so aufgedrängt hat. Ich denke, Jesus Christus wollte eine selbstverantwortete Zuwendung zu Gott, nicht das Verharren in vorgegebenen religiösen Strukturen. Und so ist es gut, wenn Menschen beginnen nachzudenken. Der Fehler besteht darin, dass Kirchen nicht adäquat reagieren. Entweder machen sie alles mit, was die jeweilige Zeit an Welterklärungsmustern bietet oder sie beharren auf irgendwelche Randtraditionen. (Sicher: Jeder Christ ist Kirche, von daher verantwortlich dafür, wie der Glaube in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Aber Kirchen haben in Form der Kirchenleitung einen ziemlichen Anspruch und stehen im Fokus der Öffentlichkeit.  Sie haben ganz andere Mittel, die Ausbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer zu begleiten, die Öffentlichkeit in einem breiteren Rahmen zu informieren… – aber keiner kann über seinen Schatten springen) Und weil Kirchen oft falsch oder gar nicht reagieren, bieten sie vielen Menschen wenig Chancen, ihr Denken mit dem Glauben in Beziehung zu setzen. Und so meinen diese Menschen, man könne auch ohne Glauben leben. Sicher, man kann auch ohne Kleidung leben. Aber irgendwie würde einem da etwas fehlen, an Schutz, an Schönheit… Was ist, wenn man kein Glaubenskleid hat und eines gerne haben würde? Sich “Kleider” ansehen, sich “Vorlagen” und “Bilder” ansehen – Gott wird zu seiner Zeit kommen und einen jeden und eine jede mit Glauben bekleiden, der bzw. die es möchte. Vertrauen wir Gott, dass er es tut. Damit haben wir schon ein Glaubenskleid angezogen bekommen. 

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