Blog

Wenn es so Richtung Jahreswechsel geht, dann mache ich mir immer wieder über dies und jenes rückblickend Gedanken. So auch über meinen Blog. Vom 4.12. bis zum 31.12. hatte ich durchschnittlich über 1900 Besucherinnen und Besucher täglich (Ende Oktober Höchstzahl 2889. Am Heiligen Abend gab es übrigens 20488 Seitenaufrufe – das war große Ausnahme – Euch war es wohl langweilig? Und am 26.12. waren wohl viele von Euch Spazierengehen oder bei Verwandten 😉 ).

dez11

Seit seines Bestehens Juli 2008 kamen Reaktionen von Uni-Kollegen, dass der Blog viel beachtet werde, es kam von einem Institut die drohende Reaktion, dass er sehr genau beobachtet und aufgezeichnet werde, es kamen per Mail giftige und freundliche Reaktionen. Es kamen Hilferufe und Verständnislosigkeit. Es gab sachliche Kritik und unsachliche. Man begegnet so manchem (christlich) religiösen, sexuellen, politisch-ideologischen, aggressiven Abgrund in unserer Gesellschaft. Mir wurde aber auch wiederholt geschrieben, dass Texte ausgedruckt und z.B. an die Wand über den Schreibtisch gehängt worden sind, weil sie als ermutigend erfahren wurden. Durch diesen Blog habe ich interessante – auch muslimische – Gesprächspartner gefunden, denen ich hiermit danken möchte. Mancher wird auch durch den Blog im Leben gestärkt und zum Leben ermutigt. Eine Italienerin aus Italien fand es – wenn ich mich recht an das Wort erinnere – süß, dass ich so etwas wie Segensworte in einem modernen Blog bringe. So einen Blog zu gestalten ist faszinierend (und anstrengend).

Welches Ziel ich mit dem Blog verfolge? Andere Menschen an dem teilhaben zu lassen, was mich selbst interessiert: politische und religiöse Entwicklungen in unserem Land und weltweit; manchmal mag ich es, Neues und Altes aus Kultur, Kunst und Musik zu erfahren; die wissenschaftlichen Errungenschaften und Auseinandersetzungen sind spannend; auch möchte ich christliche Schätze aus aller Welt entdecken und sie an andere weitergeben, weil sie sonst irgendwo in der Versenkung in youtube usw. verschwinden – ich sehe mich also als Multiplikator weltweiter christlicher Ausdrucksformen. Als Christen Europas können wir dankbar sehen, dass das Schwergewicht des Christentums sich von Europa weg verlagert. Diesen Welt-Blick haben wir noch nicht verinnerlicht. Zurück zum Blog: Ich mag in ihm auf geschichtliche Diskussionen hinweisen, die in Vergessenheit geraten sind oder durch ideologische Geschichtsklitterung verballhornt wurden. Kunst und Musik sind Schätze, die die Zeiten überleben und angesichts all dieses alltäglichen Durcheinanders und der politischen Eintagsfliegen eigentlich wichtiger sind, aber dennoch immer wieder unterzugehen drohen. Menschen, die aus meiner Sicht Großartiges leisten und geleistet haben, kommen – wenn ich sie entdecke – vor. Und was vor allem am Herzen liegt: Die Situation der Menschenrechte in aller Welt. Manche übersehen das, dass es in meinem Blog um die Situation in aller Welt geht. Manche Staaten kommen gehäuft vor – aber das bedeutet nicht, dass ich etwas gegen diese Staaten und deren Menschen habe – im Gegenteil: da sind die Menschenrechte besonders unter Druck.

Ich habe übrigens nie anonym geschrieben, immer unter meinem Namen – auch schon in Zeiten, in denen man im Internet noch Furcht hatte, unter Klarnamen zu bestimmten Themen seine kritische Meinung zu sagen. Heute ist das schon besser geworden. Das gehört für mich zur Grundlage einer Demokratie: Verstecke dich nicht. Leider gibt es aber Gruppen, die immer noch etwas gegen freie Meinungsäußerung haben und andere unter Druck setzen. Manche Leidtragende können darüber ihr Klagelied singen. Von daher: Wenn sich jemand von meinen Lesern de-anonymisieren möchte: auf eigene Gefahr! Manchmal verwende ich, angesichts der Brutalitäten, die ich durch meine Internet-Ausflüge wahrnehmen muss, zynische, sarkastische, heftige Worte. Irgendwie muss man emotional verbal adäquat auf solche Grausamkeiten reagieren. Das kommt nicht immer gut bei einigen von Euch an. Für den Fall, dass ich wieder “ausfallend” geworden bin, bitte ich um eine kurze sachliche Rückmeldung, damit ich es ändern kann. Dann werde ich wieder sachlicher über die Schändung, die Entwürdigung von Menschen berichten, ohne allzu despektierlich und vollkommen neutral über die Täter zu schreiben. Manche finden meinen Blog naiv – ich freue ich mich dann, endlich einmal schlaue Menschen kennen zu lernen. Im Ernst: So mancher hat mir auch Details zu Aussagen von mir gemailt, die ich nicht kannte. Und ich lerne wirklich gerne dazu. Manche meinen auch, dass die Auswahl zu einseitig sei. Nun: Über manche Themen kennt man sich halt besser aus als über andere. Religion ist mein Fachgebiet – Wirtschaft, Medizin, Kochen usw. leider nicht. Von daher liegt es nahe, dass eine Fokussierung stattfindet. Und dass ich zu wenig Positives über den Islam und Hinduismus bringe, liegt nicht unbedingt an mir. Sobald ich etwas Positives finde, sage ich das auch. Aber hier stellt sich die Frage: Was ist positiv? Was in unserem Kulturkreis als positiv/negativ angesehen wird, muss in einem anderen noch lange nicht entsprechend beurteilt werden. Wenn ich schreibe: Immer mehr muslimische Mädchen und Frauen tragen Kopftuch. Ist das positiv oder negativ? Aus wessen Perspektive?

Kurz: Mein Blog besteht aus einem Sammelsurium – er ist wie eine Blumenwiese, gefüllt mit unterschiedlichsten Pflanzen: schönen, fragwürdigen, unscheinbaren, unterirdischen, bunten, fruchtbaren, heilenden (nur in einer bestimmten Dosis eingenommen hilfreich – sonst giftig), zähen, zerbrechlichen…

Und was mich betrifft: Seit diesen viereinhalb Jahren habe ich eine Menge gelernt. Was vor allem schwer war: Ich habe mit dem Blog begonnen, weil ich dachte, den lesen nur Menschen, die mich kennen, die ich kenne. Inzwischen weiß ich: Es lesen überwiegend Menschen, die ich nicht kenne. Und die lesen meine Beiträge freilich ganz anders als diejenigen, die mich kennen. 

Zu welchen Menschen Ihr auch immer gehört: Ich wünsche Euch ein gesegnetes neues Jahr.

Wolfgang Fenske

Eine Antwort auf „Blog“

  1. Dieser Rückblick auf den Blog, seine Anfänge und sein Wachsen, ist genau so spannend zu lesen wie die Beiträge selbst: Bewundernswert die selbstauferlegte Disziplinierung des Blogers, dem jede Verletzung Andersdenkender zuwider ist
    und somit beispielhaft für viele im gleichen Metier. Bleibt dem Leser und (Nach)Denker Respekt und Anerkennung – verbunden mit dem Wünschen, dass sich in Zukunft dem Leser des WF Blogs noch viele bunte Wiesen auftun mit der Einladung, altbekannten Blumen und Gewächsen zu begegnen und vielleicht diese neu sehen zu lernen und noch viel mehr Neues und bis dato Unbekanntes zu entdecken.
    WF, herzliche Segenswünsche begleiten Dich hinein in das neue Jahr! Für sicher noch andere lesende und lernende Freunde und Freundinnen Deiner hilfreichen Informationsarbeit sagt herzlichen Dank das
    Echolot

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