Nicht gegen…

Ich bin nicht gegen Muslime – warum sollte ich, sie sind Menschen wie du und ich – sondern ich bin gegen Extremisten, die anderen keinen Raum lassen und die Gesellschaft zerstören wollen, und das eben nicht allein bei Islamisten, sondern auch bei Rechtsextremen und Linksextremen. Ich meine, dass diese drei genannten untereinander Brüder im Geiste sind. Ihr Maßstab: Zertrümmert den, der uns nicht folgt. Ich wende mich dann gegen muslimische Verbände, wenn ich meine, dass sie sich nur halbherzig für das Grundgesetz entscheiden oder sich nur halbherzig von ihren extremistischen Brüdern und Schwestern distanzieren und die Schuld bei anderen suchen.

Ich bin nicht gegen Atheisten – warum sollte ich, sie sind menschen wie du und ich und Menschen können nicht von sich aus zum Glauben kommen – sondern ich argumentiere gegen solche, die aus ideologischen Gründen meinen, alles Unheil komme von den Religionen und extremistisch gegen Religionen kämpfen, Geschichte fälschen und mit falschen Behauptungen um sich werfen.

Ich bin nicht gegen Hindus – warum sollte ich, sie sind Menschen wie du und ich – sondern ich bin gegen Extremisten, die den Christen in Indien das Leben zur Hölle machen.

Ich bin auch nicht gegen China, nicht gegen die Türkei, nicht gegen Chinesen und Türken – sie sind alle nur Menschen wie du und ich – ich bin nur gegen Regierungen und deren Organisationen, die Menschenrechte mit Füßen treten.

Ich bin auch nicht gegen die EU – warum sollte ich, die Kommissare sind nur Mneschen wie du und ich – ich bin nur gegen Gesetze usw. die ich für abstrus ansehe. Entsprechend sage ich auch, welche Stellungnahmen unserer Regierung und Opposition und anderer Parteien ich für unangemessen halte. Ich kann natürlich falsch liegen – klar, wer tut das nicht – aber ich nehme meine Aufgabe in einem demokratischen Land wahr, meine Meinung zu äußern.

Und dann: Warum sage ich so wenig gegen Christen? Da gibt es doch eine Menge zu sagen. Gewiss. Aber durch meine Glaubens-Position, die ich vertrete, sind ja schon andere abgeschreckt. Ich muss gar nicht gegen christliche Gruppen argumentieren, weil mein Standpunkt andere ärgert.

Was könnte man mir noch zum Vorwurf machen, gegen wen ich sein könnte? Wenn ich gegen irgend etwas bin, dann gegen Gedankenlosigkeit, unbegründete Behauptungen,  Menschen, die verhindern wollen, dass andere ihre Meinung sagen, Leute, die einen gesellschaftspolitischen Einheitsbrei anstreben: Nur das und so darf man heute denken… Klaro, das sieht nicht jeder gern, weil er sich so sehr mit seiner Sichtweise und Weltanschauung identifiziert, dass er gleich Angriffe auf seine Persönlichkeit vorliegen sieht, wenn einer anderes sagt als er, das Zentrum der Welt, selber denkt. Ich gehe davon aus, dass sich Menschen ein gewisses Maß an Flexibilität aneignen sollten – alles andere ist Fundamentalismus im negativen Sinn.

Und wenn man mit diesem Hintergrund seine Gesellschaft anschaut, dann entdeckt man auf einmal, dass manche verlangen, dass vor dem Gesetz nicht alle gleich sein sollen, man entdeckt, dass man nicht alles sagen darf, man entdeckt, dass bestimmte Gruppen sich das Recht herausnehmen, andere in die Schranken zu weisen, sich selbst aber wie Mimöschen verhalten, wenn jemand etwas gegen sie spricht, man entdeckt, dass manche es nicht wagen, das zu sagen, was sie beobachten, weil sie eingeschüchtert sind, man entdeckt Züge in unserer freien Gesellschaft, die, wenn sie sich verstärken sollten, diktatorischen Regimen und ihren autoritären Gesellschaftssystemen in nichts nachstehen würden. Und da bin ich dann doch zu sehr ein solcher Mensch, der wider diese Stachel löckt.

Ich mochte seit meiner Jugend: die alttestamentlichen Propheten, habe mich intensiv mit Martin Luther King und Gandhi beschäftigt, habe mich für – damals hieß das noch „Dritte Welt Handel“ engagiert und auch in bescheidenem Maße angepackt, später habe ich mich mit der Theologie der Befreiung beschäftigt und mit Biographien einzelner Heiliger. Außerdem steht – wie Ihr wisst – Jesus von Nazareth mir stets vor Augen. Er hat sich auch nicht gescheut, das anzukreiden, was ihn gestört hat. Ich möchte mich mit all diesen nicht vergleichen – nur: Diese Menschen haben mich nicht wenig beeinflusst. Und wenn ich denke, dass bestimmte Sachverhalte unserer freien Gesellschaft zum Schaden gereichen – sage ich das. Mehr nicht.

Manchmal, wenn ich innerlich koche, weil wieder einmal Unrecht geschieht und ich nichts anderes kann als mit dürren Worten darauf zu reagieren – dann kann ich schon sarkastisch werden. Ich versuche mich jedoch immer stärker zu zügeln, weil ich merke, dass manche das nicht verstehen. Denn der eine oder andere meiner Blogleserinnen und -leser kennen sich nicht aus, wissen nicht das, was ich weiß, und sehen dann nur mein sarkastisches Wort und teilen mir mit, dass sie das nicht richtig finden, dass ich diese Menschen oder Gruppe so runterputze. Selbst wenn ich Mörder „Kerle“ nenne, erfahre ich Widerspruch. Und das Mitleid mit Mördern wächst bei den einzelnen Leserinnen und Lesern und sie sehen nur, dass das Wort „Kerl“ abschätzig gemeint sein könnte – und sie sehen nicht mehr das Opfer oder die Opfer. Oder wenn ich das Wort Mob verwende – hui, dann sind einige besonders unangenehm berührt. Sie sehen gar nicht mehr, dass diese Menge Lynchjustiz übt, oder einfach nur so Häuser verbrennt und Menschen ermordet, sie empfinden das Wort „Mob“ als respektlos gegen andere Menschen. Wenn ich schreibe, argumentativ begründet, dass es Gruppen gibt, die Spaß haben am Morden – das kapieren andere nicht – weil sei eben den Menschen nicht kennen und ihr süßes Menschenbild nicht zerstören lassen wollen. Selbst dann, wenn ich Argumente bringe, erfahre ich als Reaktion, dass diese aber nun doch zu einseitig seien – weil so mancher sich in seinem Weltbild nicht gestört wissen will durch Argumente. Von daher können harte, argumentative und sarkastische Worte das Gegenteil von dem bewirken, was ich will. Sie können Menschen die Augen verschließen vor dem Übel, und gerade dem Übel in die Arme werfen. Von daher ist meine Mühe um angemessene Ausdrucksweise kein Zurückweichen.

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