Nicht beten können

Ich selbst bin kein großer Bitt-Beter. Manche haben die Gabe – ich nicht. Ich bin eher einer, der lobt und dankt. Zweimal, zumindest kann ich mich noch daran erinnern, bin ich Gott gegenüber ausgerastet und habe Zorngebete gesprochen – just danach hat mein Leben vollkommen neue Perspektiven bekommen. Warum, das weiß ich nicht. Ich vermute, dass das damit zusammenhängt, dass ich mit diesem Zornesausbruch Gottes Willen formulieren konnte. Was ich damit meine, das wird vielleicht gleich deutlicher.

Sicher fordert Jesus laut dem Lukasevangelium dazu auf, Gott auf den Ohren zu liegen (Gleichnisse von der bittenden Frau, vom nächtlichen Besuch), wenn es um existentielle Nöte geht. Gleichzeitig weiß ich, dass das Plappern abgelehnt wird, das mit dem Gebet der Heiden verbunden wird. Dennoch sind mir solche Gebete eher fremd, wie auch Massengebete, die Gott erweichen sollen. Diese Gebete stimmen nicht mit dem überein, was ich von Gott denke. Ich habe ja sehr viel über Gebete gearbeitet (Dissertation) und erkenne auch in bestimmten Formen christlichen Betens die Versuche, zwischenmenschliche Kommunikation zu ermöglichen, erkenne die Versuche, sich oder/und andere mit Gebeten psychisch zu stärken. In manchen erkenne ich magische Traditionen wieder: Menschen versuchen ihr Schicksal tatkräftig in die Hand zu nehmen, indem sie Götter zu zwingen suchen. Und ich lehne solche Gebete auch nicht ab, sondern freue mich, dass Gott uns Menschen diese Form des sozialen Miteinanders gegeben hat, diese Form der Kommunikation, der psychischen Stärkung. Wir umhüllen einander sozusagen mit diesem Schutz, sind einander in Liebe zugetan, wohlgesonnen. Wir können einander tragen mit der Zusage: Ich bete für Dich, ich denke vor Gott an Dich.

Meine persönlichen Gebete sind Versuche, in den Willen Gottes einzustimmen. Ich versuche sozusagen, mit meinen Gebeten ein Echo auf den Willen Gottes zu sein. Wenn ich mich recht erinnere gibt es die Geschichte eines Rabbis, der in einer Situation sehr intensiv gebetet hat und in einer entsprechenden Situation gar nicht. Dann wurde er gefragt, warum er das tue. Dann sagte er, dass er bei seinem ersten Gebet wusste, dass es dem Willen Gottes entspricht. Bei dem zweiten wusste er, dass ein Gebet dem Willen Gottes widersprochen hätte. Und dieses Einstimmen in Gottes Willen mit dem Gebet, lässt uns oft verstummen, weil wir eben Gottes Willen nicht kennen.

Vermutlich ist auch das der Grund, dass wir in bestimmten Situationen einfach nicht beten können, dass wir nicht wissen, was wir beten sollen, weil wir ahnen, dass hier mein Wille mit dem Willen Gottes nicht übereinstimmt. Vielfach sind das eben Extremsituationen, in denen wir Gottes Handeln oder das Handeln um uns herum nicht verstehen. Die “Warum?-Situation”. In diesen Situationen dürfen wir uns von den Gebeten anderer getragen wissen, von den guten Gedanken, den Wünschen. Gleichzeitig lernen wir mehr oder weniger schmerzhaft, auch in Zornesausbrüchen, dass es gut ist, sich ganz in Gottes Willen – den wir nicht kennen – fallen zu lassen. Wir spüren, dass wir uns in ihm bergen können, auch wenn wir nichts verstehen. Es ist die Zeit, in der der Geist Gottes selbst in uns seufzt, wie Paulus sagt, weil wir nicht zu beten wissen. Irgendwann können wir dann wieder das Seufzen des Geistes Gottes in Worte fassen, können wieder betend mit Gott sprechen, weil wir in seinen Willen einstimmen.

Wie auch immer wir als Christen beten: Es ist nicht das Gebet, es ist nicht mein Gebet, es ist nicht die eingehaltene Formel oder es sind nicht mein gutes Verhalten, meine richtige Gesinnung usw. die eine Veränderung der Situation bewirken. Wir Christen glauben an den handelnden Gott – er ist der liebende Souverän, der aktiv wird, der Gebete erhört oder eben nicht erhört. Und wer Gott, gesagt hat: Ich gehöre Dir, der versucht mit Gottes Hilfe mit Erhörung und Nichterhörung umzugehen.

“Betend mit Gott sprechen” – mit Gott kann man auf unterschiedlichste Weise kommunizieren. Einmal eben betend, man nimmt sich Zeit für Gott, formuliert seine Worte wohl gesetzt… – aber es gibt auch das alltägliche Sprechen mit Gott, das so nebenbei einfließt. Ich denke, dass dieses Beten uns leichter von den Lippen kommt, weil es stärker aus dem Herzen fließt und nicht das regulierende Hirn eingeschaltet ist.

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