Verharmloser

Natürlich geht der Riss nicht zwischen Islamisten und Christen. Der Riss geht zwischen Islamisten und Ungläubige – und dazu gehören auch die Christen. Und da sie in manchen islamischen Ländern vorhanden sind, sind sie die Blitzableiter. http://www.welt.de/politik/ausland/article109405712/Die-islamische-Welt-im-Kampf-mit-sich-selbst.html Und es kollidieren „kulturelle Normen… mit den Realitäten und Werten der Moderne“ – das ist dann wieder richtig.

Aber zu sagen, dass die Extremisten meistens die Ungebildeten sind bzw. sich die Ungebildeten von den Extremisten verführen lassen, geht mal wieder verharmlosend an dem eigentlichen vorbei. Warum müssen eigentlich immer die Ungebildeten herhalten? Soll das Muslimen bei uns zeigen: „Wenn Du Islamist werden möchtest, zeigst du der ganzen Welt, du bist ungebildet!“? Soll es unseren Leuten zeigen: „Wenn du extrem denkst, bist du ungebildet!“? Allein schon der nächste Artikel auf welt-online widerspricht der Theorie der mangelnden Bildung: „Pakistanischer Minister will Kopf des Filmemachers“ http://www.welt.de/politik/ausland/article109407627/Pakistanischer-Minister-will-Kopf-des-Filmemachers.html Es geht also um Werte, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind. Es geht nicht um Bildung und Nichtbildung.

Der Artikel benennt viele Punkte: Verfolgung der Christen, bricht eine Lanze für die Historisch-kritische-Exegese des Koran… Vieles ist richtig – vieles ist falsch. So ist die Aussage kurios: „Auch die Feldzüge Mohammeds nehmen sich im Vergleich zu den Eroberungskriegen des Alten Testaments geradezu bescheiden aus, das Hauptaugenmerk liegt oft unübersehbar auf der Notwendigkeit, eine in ihrer Existenz bedrohte religiöse Splittergruppe zu schützen.“ Zwischen alttestamentlichen Kriegen und Mohammed liegen ca. 1000 Jahre – es hat sich doch einiges getan. Natürlich kriegerisch nicht: Mohammeds Kriege waren genauso grausam wie alle Kriege zuvor und auch danach. Da muss man nichts verteidigen. Mohammed war Feldherr, seine Nachfolger waren Krieger. Da muss man nicht einmal – wie häufig – die Grausamkeit der Kreuzzügler als Relativierung heranziehen – in dem Sinn: Nicht nur die Muslime, sondern die Christen waren aber auch übel und noch viel übler (was der Artikel nicht macht): So war das damals eben – und ist es heute immer noch, wie uns Syrien zurzeit erschreckend vor Augen führt. Es dauerte im Westen so seine Zeit, bis die Realpolitik der christlichen Theologie eingeordnet worden ist (man denke da an die Vorarbeit der vielen kleinen gewaltlosen und verfolgten Bergpredigt-Gruppen). Und in manchen Bereichen ist es immer noch nicht geschehen. Die spannende Frage ist: Kann das in der islamischen Theologie mit den Vorgaben von Koran und Hadith im westlich-christlichen Sinn überhaupt geschehen?

Libyen als Beispiel heranzuziehen dafür, dass Muslime beginnen, sich gegen Islamisten zu wehren, muss man im Augenblick wohl sehr vorsichtig interpretieren: Vielleicht handelt es sich nur um eine konkurrierende Miliz? Waren es Stammes- oder Clankämpfe? Es wird sich wohl erst noch zeigen. Und da wird gesagt, dass die Milizen, die nicht dem Staat unterstehen, aufgelöst werden sollen: a) Wer soll sie auflösen? b) War die angegriffene Miliz doch nicht dem Innenminister unterstellt?

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