Kirchenvater 4: Tertullian

Tertullian wurde um 150 geboren, wurde Rechtsanwalt und trat mit ca. 30 Jahren zum Christentum über. Er stand einer ethisch strengen Strömung, dem Montanismus, nahe. In seinen Schriften wendet er sich gegen viele Gruppen, so gegen gnostische Strömungen wie gegen Angriffe der Heiden, entsprechend verfasste auch er eine Verteidigung des Christentums – und all das auf lateinisch. Das bedeutet, dass in der Kirche nicht mehr nur die Gebildeten im Fokus standen, sondern auch der normal lesende Mensch. Und weil Tertullian einer der ersten war, der den christlichen Glauben auf lateinisch in seinen Schriften durchdrang, hat er viele Worte und Formeln geprägt, die dann in der weiteren Kirchengeschichte ihre Wirkung entfalten konnten.

Tertullian hat ein Wort des Paulus noch einmal auf den Punkt gebracht. Paulus sagte, dass der Glaube an den hingerichteten und auferstandenen Jesus Christus für Nichtglaubende eine Dummheit ist (1. Korintherbrief 1-3). Tertullian sagt: Das Handeln Gottes in Jesus in Tod und Auferstehung sei glaubhaft, weil es absurd ist („credo, quia absurdum“ (Ich glaube, weil es absurd ist). Tertullian war als Anwalt rhetorisch geschult – und das erkennt man an seinem präzisen Stil, der zum Teil auch rhetorisch emotional und polemisch sein kann. Er, wie andere vor und nach ihm, haben viel dazu beigetragen, den christlichen Glauben, der in der ganz normalen Alltagssprache verbreitet worden ist, gedanklich zu präzisieren, sprachlich philosophisch genauer auszusprechen. Damit konnte dann auch immer stärker die gebildete Schicht angesprochen werden.

Den Grund für seine Schriften nennt er zum Beispiel mit Blick auf die Christenverfolgungen: „Die Wahrheit sucht nicht, ihre Lage durch Bitten zu ändern. Sie wundert sich auch gar nicht über ihr Schicksal. Sie weiß, dass sie auf Erden nicht zu Hause ist und unter einem Volk, das ihr fremd ist, bald genug auf Feinde stoßen muss… Vorläufig verlangt sie nur eins: man soll sie kennenlernen, ehe man sie verurteilt.“ Und eben, dass die Heiden sie kennenlernen, das war ein Ziel seiner Schriften. Er konnte auch sehr polemisch sein: „Aber nur zu, ihr prächtigen Männer der Regierung, macht euch nur beim Volk beliebt, indem ihr ihm Christen schlachtet! Quält, foltert, verurteilt, vertilgt uns – euer Unrecht ist der beste Beweis unserer Unschuld… Und doch: die ausgeklügelste Grausamkeit nützt euch gar nichts. Ihr macht nur Reklame für unsere Vereinigung.“ Und dann fällt der berühmte Satz: „Ein Same ist das Blut der Christen“. In Tertullian wird auch das Selbstbewusstsein der verfolgten Christen deutlich. Ihr verurteilt uns? Gott spricht uns frei. Damit greift er das noch einmal auf, was auch in neutestamentlichen Schriften vorhanden ist – aber eben sprachlich präziser neu formuliert. Nicht nur das: Deutlich wird: Der Staat hat nur Autorität, wenn er im Sinne des christlichen Glaubens handelt. Man muss Gott mehr gehorchen als dem Staat – und damit ist der Beginn auch der massiven Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche gekennzeichnet, der sich durchs Mittelalter bis in die Gegenwart durchzieht. Und von diesen Erfahrungen der Verfolgungen her gesehen, ist auch sein Rigorismus zu verstehen, seine Abgrenzung des christlichen Glaubens von allem, was die Welt ausmacht, auch von der Philosophie. Und die Gnosis, die er bekämpft, ist eben nichts anderes als die Aufweichung der christlichen Lehre mit Zeitgeistphilosophien.

Auch wenn Tertullian so eine große Wirkung erzielte, so wird er in der Kirche doch immer skeptisch betrachtet, eben weil er dem Montanismus nahe stand, weil er extreme rigorose Vorstellungen vertrat und auch Höllenvorstellungen hatte, die im Mittelalter ihre Wirkungen entfalten konnten, aber doch mit dem christlichen Glauben nicht kompatibel sind, weil er möglicherweise eine eigene rigorose Gruppe (Kirche) gründete.

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